Donnerstag, 11. März 2021
Yamato Nadeshiko -39-
"Tut mir leid, wenn ich vielleicht etwas gesagt oder getan habe, das dich beunruhigt!" sage ich mit Falten auf der Stirn.

"Das ist es nicht. Es geht eher um etwas, das nur fühlbar ist. Dass du nämlich anders bist. Anders als die anderen."

"Inwiefern?" frage ich, seltsam berührt.

"Na, eben ein Mann."

"Das ist doch blanker Unsinn!" platzt es aus mir heraus. "Du musst doch Duzende von Männern kennen. Ich seh' dich doch immer wieder mal mit einem."

"Keiner ist wie du!" stellt sie fest.

"Wovor hast du Angst?" will ich wissen. "Dass ich dir die Anweisung geben würde, in die Küche zu gehen und zu kochen?"

"Nein," antwortet sie lächelnd.

"Oder dass ich dich ins Schlafzimmer schicken würde, dich auszuziehen?"

"Bitte, Andi," sagt sie und senkt errötend den Blick.

"Entschuldige," antworte ich.

Innerlich muss ich allerdings bei dem Gedanken lächeln. Das Bild, dass sich in meinen Gedanken formt, der niedlichen Yvonne zu befehlen, das Schlafzimmer meiner kleinen Wohnung zu betreten und sich dort auszuziehen, empfinde ich erregend.

"Es gibt verschiedene Gründe, warum ich mit dir sprechen wollte," beginnt sie nach einer kurzen Pause wieder.

"Ich höre..." dehne ich.

"Du musst erstmal wissen, ich mag dich wegen deiner Ausstrahlung nicht."

"Na schön."

"Und wir Frauen haben vor Männern mit dieser Ausstrahlung keine Angst mehr."

"Gut."

Aber sie spricht nicht weiter, sondern senkt den Kopf.

Heute Abend trägt sie Kleidung, die ich an ihr noch nie gesehen habe. Normalerweise hält sie sich an die "Uniform" der Büromenschen, Hosen verschiedener Art, Blusen und Jacken. Solche Imitation männlicher Kleidung wird interessanterweise oft gerade von solchen Individuen getragen, die am lautesten darauf bestehen, dass sie Frauen sind. Dabei scheinen gerade diese Personen am allerwenigsten feminin zu sein. Aber solche Erörterungen überlässt man am besten den Psychologen.

"Du siehst heute Abend sehr hübsch aus," bemerke ich, um das Gespräch in Gang zu halten.

Yvonne trägt ein schulterfreies weißes Satinkleid und dazu eine kleine silberfarben paspelierte Handtasche. Handgelenke und Hals liegen frei. Sie hat hübsch geformte Arme und zarte, schmale Hände. An den Füßen trägt sie goldfarbene Pumps mit schmalen goldenen Riemchen.

"Vielen Dank," flüstert sie.

Ich mustere sie. Sie hat aufregende Schultern.

"Das ist aber bestimmt nicht das übliche Ausgeh-Outfit," fahre ich fort.

"Ich weiß nicht, was mit mir los ist," erwidert sie niedergeschlagen und schüttelt den Kopf. "Ich musste mit jemandem sprechen."

"Warum aber gerade mit mir? Da du mich doch anscheinend abstoßend findest?"

"Dafür gibt es Gründe. Zum Beispiel bist du anders als die anderen. Was die anderen sagen und denken, weiß ich. Ich brauche aber jemanden, der in seinem Denken auf eigenen Beinen steht, der objektiv sein kann. In unserem kurzen Gespräch ist mir bereits klar geworden, dass du nicht in Worten denkst, sondern in greifbaren, realitätsbezogenen Begriffen."

"Es gibt viele tausend Menschen, die in realistischen Kategorien denken - fest verwurzelt mit der Welt, ihrer Natur und ihren Versprechungen," sage ich. "Diese Menschen verabscheuen Schlagworte und Sprüche jeder Art. Und wer die Welt beherrscht, kann gar nicht anders denken. Er mag zwar leere Worte verwenden, um die Massen zu lenken, doch innerlich kann er sich nicht dermaßen einengen lassen, sonst wäre er gar nicht erst in seine Machtposition aufgestiegen."

"Ich bin den Umgang mit Menschen gewöhnt, die nur in Schlagworten denken," sagt sie und senkt den Blick.
Sie bleibt wieder eine ganze Weile stumm. Es hat den Anschein, als hielte sich an ihrem Glas fest.

"Andi," bricht es schließlich aus ihr heraus. "Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht weiß, was mit mir los ist. Und das stimmt wirklich. Und ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll."

Ich hebe mein Glas und schaue sie über den Rand an. Es hat sicher keinen Sinn, sie zur Eile anzutreiben. Ich bin neugierig.

"Vor einigen Monaten fing es an," sagt sie und wirft mit einer schnellen Kopfbewegung ihr Haar zurück. "Mich überkamen ungewöhnliche Gefühle und Sehnsüchte."

"Welcher Art?"

"Na, es sind Gefühle, die vor Jahrzehnten als feminin galten, als die Menschen noch an das Weibliche glaubten."

"Ich an deiner Stelle würde mir keine großen Sorgen machen über Dinge, die die Leute für wahr halten, sondern mehr über das, was wirklich die Wahrheit darstellt!" erwidere ich. "Wenn du tief verwurzelte weibliche Begierden hast, dann hast du sie eben. So einfach ist das. Sollen sich doch die, die so etwas nie selbst erfahren haben, darüber streiten, ob es so etwas wie eine Weiblichkeit überhaupt gibt. Und diejenigen, die die Frage eindeutig beantworten können, weil sie sie nämlich an sich selbst erfahren haben, sollten sich lieber anderen Problemen zuwenden."

"Aber ich habe Angst vor meiner Weiblichkeit," wendet sie ein. "Ich erlebe schlimme Träume."

"Was für Träume?"

"Ich traue mich kaum, sie jemandem zu erzählen. Schon gar nicht einem Mann, so schrecklich sind sie."

Ich warte schweigend ab.

"Ich habe oft geträumt, ich müsste einem Mann dienen."

"Ich verstehe?" dehne ich.

Meine Hände umklammern die Tischkante. Einen winzigen Augenblick lang sehe ich alles nur verschwommen. Ich habe nie geahnt, dass man eine so plötzliche Lust empfinden kann, eine solch erstaunliche, verrückt machende Begierde nach einer Frau. Ich wage nicht mich zu bewegen.

"Ich habe schon einen Psychologen besucht," fährt sie fort, "aber der reagierte als Mann. Er sagte mir, solche Gedanken wären ganz normal und natürlich."

"Aha."

"Danach ging ich zu der Praxis einer Psychologin - und die reagierte sogar zornig. Sie nannte mich eine lüsterne Hexe."

"Das war ja psychologisch nun wirklich nicht klug," sage ich lächelnd. "Aber anscheinend berührte deine Geschichte eine empfindliche Stelle in ihr. Oder sie fühlte sich irgendwie bedroht - von etwas, das mit gewissen theoretischen Standpunkten wohl nicht vereinbar ist."

Ich mustere mein Gegenüber.

"Es gibt auf diesem Gebiet eine große Bandbreite von Auffassungen, besonders in der Psychologie. Wenn man sich gründlich umsieht, findet man bestimmt jemanden, der einem genau das sagt, was man hören will."

"Aber ich möchte die Wahrheit wissen," sagt sie heftig. "Egal wie sie aussieht."

"Vielleicht ist die Wahrheit aber gerade das letzte, was du hören willst."

"Wie das?"

"Nun ja, nehmen wir einmal an, die Wahrheit liefe darauf hinaus, dass du tief im Innern deiner Seele tatsächlich devot bist."

"Nein!" ruft sie und senkt verlegen die Stimme als andere Gäste zu uns herüberschauen. "Du bist abscheulich!"

"Dass du tief im Innern devote Sehnsüchte hegst, käme also gar nicht in Frage?"

"Natürlich nicht."

"Es passt politisch nicht ins Bild," helfe ich ihr.

"Ja!" sagt sie. "Aber abgesehen davon kann es nicht stimmen. Es darf nicht stimmen! Ich darf nicht einmal an die Möglichkeit denken!"

"Aber du bist sehr schön und sehr weiblich!" stelle ich fest.

"Ich will nicht an die Weiblichkeit glauben. Ich bin mindestens genauso gut, wie die Männer," sagt sie.

"Das bestreitet aber doch keiner! Weiblichkeit hat nichts mit Wertlos sein zu tun! Hast du das schon deinen Hormonen gesagt - die in deinem wunderhübschen kleinen Körper so überreichlich vorhanden sind -, dass du dich dafür entschlossen hast deine Weiblichkeit zu verdrängen?"

"Ich weiß, dass ich feminin wirke," sagt sie abrupt. "Ich nutze das, um Männer um den Finger zu wickeln. Damit sie tun, was ich möchte. Ich weiß, das ist falsch und abscheulich, aber ich kann nicht anders. Ich schäme mich ja so. Ich möchte eine richtige Frau sein, aber ich bin zu schwach, zu feminin."

"Weiblich sein hat nichts mit Schwäche zu tun und Maskulin sein für sich genommen nichts mit Stärke. Es ist nicht falsch, man selbst zu sein."

"Außerdem habe ich Angst," fährt sie fort. "Kann ich dir erzählen, was ich geträumt habe, Andi?"

"Aber ja."

"Ich habe wiederholt geträumt, dass ich eine Sklavin wäre, dass mein einziges Kleidungsstück ein Halsreifen wäre und dass ich einem Mann dienen müsste."

"Ich weiß, das hast du eben gesagt."

"Alle Träume hatten etwas Gemeinsames," fährt sie fort, "das ich dir eigentlich nicht zu sagen wage."

"Und das ist?"

Sie hebt den Blick. "Der Mann, dem ich im Traum dienen muss, ist immer derselbe."

"Ach?"

"Ich mag im Augenblick nicht näher darauf eingehen," sagt sie und senkt den Blick wieder.

Es vergehen einige Sekunden, dann schaut sie mich wieder an.

"Wir wollen zahlen. Bringst du mich nach Hause, Andi?"

"In Ordnung, Yvonne."

Dann hebe ich die Hand, um den Wirt herbeizurufen.

"Ich übernehme die Hälfte," sagt sie.

"Ich erledige das schon," widerspreche ich.

"Nein!" braust sie auf. "Ich will nicht von einem Mann abhängig sein!"

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