Sonntag, 21. März 2021
Yamato Nadeshiko -44-
Wir lassen die Frau allein und ich folge Tanaka-San durch die Gänge und Aufzüge in einen höherliegenden Bereich. Er drückt eine Türklingel und verbeugt sich leicht vor der älteren Meido -Magd-, die uns öffnet und sich dann tief verbeugt. Wir treten ein und setzen uns an einen Tisch, wie der von dem wir eben aufgestanden sind.

"Hiko-chan, lasse dich bei uns nieder."

Zu mir gewandt, ergänzt er:
"Hiko-chan ist die Meido meines ehrenwerten Otou-San -Vaters-."

Sie kniet sich ebenfalls an den Tisch und setzt sich auf ihre Fersen.

"Dies hier ist Becker-San," stellt er mich vor. "Er ist erst ganz kurz bei uns. Erzähle ihm bitte, was du bei deiner Reise nach Europa mit Männern erlebt hast."

Sie nickt, wendet sich mir zu und verbeugt sich noch einmal kurz.

"Aisatsu, Becker-San -Ich grüße Sie, Herr Becker-. Ich soll Ihnen also von meiner Reise nach Europa berichten. Ich war bis vor etwa zehn Jahren dort für ein mehrjähriges Studium auf einer renommierten Universität. Ich musste dort Hosen tragen und andere Kleidung, die mich kaum von den Männern auf der Straße unterschied. Aber das ist nicht das Entscheidende. Die Männer, denen ich dort begegnet bin, benahmen sich so merkwürdig. So asexuell, als wäre ich keine Frau und sie keine Männer ? ich kann sie nur verachten! Bitte, entschuldigen Sie meine direkten Worte!"

Ich blicke sie bedrückt an.

"Es gibt unter ihnen so wenige richtige Männer," sagt sie mit enttäuschter Miene. "Ich kann das nicht verstehen. Ist das denn so schwer? Warum haben so viele männliche Europäer ihre Männlichkeit aufgegeben und genießen ihre Verstümmelung auch noch? Ganz sicher gibt es dafür komplexe historische Gründe. Es ist jedoch interessant, in welch groteske Form sich die Biologie durch die dortige Kultur zwängen lässt!"

"Nicht alle Männer sind so!" gebe ich zu bedenken.

"Das stimmt natürlich! Aber der Großteil, denen ich dort begegnet bin, sind geknechtet von Weltanschauungen, Propaganda und den Frauen. Ihre Ketten sind unsichtbar und so tun sie, als gäbe es sie nicht. Aber sie müssen trotzdem ihr Gewicht spüren. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Ihre Ketten dort sind ihre Abhängigkeit von der Gunst der Frauen, die sie ihnen gewähren oder auch nicht."

Ich höre Hiko-chan mit unangenehmem Druck in der Magengegend zu.

"Statt dass die Frauen um den Schutz durch die Männer buhlen, dürfen die Männer dort sich glücklich schätzen, wenn eine Frau ihnen die Gunst erweist, sie schützen zu dürfen. Oder es kommt sogar zu einer Umkehrung: Die Frau nimmt sich einen Mann, der ihr dann dient. Der europäische Mann hat die Bezeichnung ?Mann?, die er im Munde führt, längst nicht mehr verdient! Ich verachte sie!"

"Das sind harte Worte, Hiko-chan," spreche ich in die sich ausbreitende Stille hinein.

"Aber sie entsprechen meinem Eindruck und den sollte ich Ihnen schildern, ehrenwerter Becker-San. An Ihrer Reaktion entnehme ich, dass Sie aus Europa stammen. Ich sagte ja schon, nicht alle Männer sind so. Es gibt Ausnahmen. Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist in Europa?"

"Es kam vor etwa fünfzig Jahren zu einem friedlichen Aufstand. Feministinnen propagierten Frauenrechte mit dem Ziel der Gleichberechtigung..."

"Mit dem vorgetäuschten Ziel der Gleichberechtigung, sage ich Ihnen, ehrenwerter Becker-San! Über die Erziehung wurden aus Jungen, die Männer werden sollten, Männlein. Bald besetzen die Frauen in Europa alle Schaltstellen der wirtschaftlichen und politischen Macht. Ist das erstrebenswert? Die Menschen werden zu Räderwerken in einer großen Maschinerie, die sich nivellierte Gesellschaft nennt. Diese Maschinerie ist zu ihrem Selbstzweck programmiert, nicht mit der Absicht, dass sie ihren menschlichen ?Bestandteilen? dient. Die Menschen werden gegen ihre Instinkte erzogen, damit sie der Maschinerie dienen..."

"Was kann ein einzelner Mensch, wie ich, dagegen tun?"

"Sie können nicht die fehlgeleitete Gesellschaft umkrempeln, aber sie können dort eine Keimzelle gründen, die sich dagegenstemmt! Oder einer vorhandenen Keimzelle anschließen und mitarbeiten zum Wohle aller!"

Ich nicke.

"Das werde ich, Hiko-chan!" sage ich mit bestimmendem Ton.

*

Zwei Männer führen mich, Yvonne Müller, aus dem Raum weg, in dem das Fluggerät geparkt worden ist. Mit einem schnellen Seitenblick kann ich sehen, dass Helmut auf dem Boden fixiert wird. Einer der Männer kniet auf seiner Brust und hält ihn so in der Position.

Man hat mir einen Arm auf den Rücken gedreht und wenn ich mich sträube, dreht man ihn so, dass es schmerzt. Beide Männer führen mich durch leere Gänge und über Aufzüge in eine andere Ebene. Irgendwann öffnet Suzuki-San eine Tür und stößt mich in den Raum. Sein Begleiter verabschiedet sich von ihm.

"Auf die Knie!" höre ich, während er die Tür hinter sich schließt.

Ich gehe auf die Knie.

"Setz dich auf deine Fersen!"

Ich lasse mich auf meine Fersen nieder.

"Die Beine nicht zusammenpressen!"

Ich komme auch diesem Befehl nach. Er mustert mich ungeniert, so dass ich verlegen den Blick senke.

"Du bist bloß ein Weibchen der gleichen Art wie ich, mehr nicht, kleine Magd! Denke immer daran!"

"Ja, Herr," flüstere ich.

"Oh?" macht er und lächelt. "Ich habe nichts gehört! Lauter!"

"Ja, Herr," antworte ich laut.

"Ich will dir etwas erklären, kleine Magd: In der Natur besetzen die männlichen Vertreter vieler Spezies ein Gebiet und erheben Anspruch auf alle weiblichen Vertreter ihrer Art in diesem Revier. Andere männliche Wesen müssen den Revierchef besiegen, wollen sie die Frauen haben oder sich ein eigenes Revier suchen. Bei den Menschen war das über Jahrmillionen nicht viel anders. Das wirkte nach bis in die vorindustrielle Zeit!"

Ich senke meinen Kopf. Er redet weiter:

"Schau hier auf den Tisch! Was siehst du dort?"

"Einen Stein, Herr."

"Das ist mein Bunrei. Er ist unsere Verbindung zu der uns umgebenden Natur. Jeder Mann, dem ein Haus gehört, besitzt solch einen Stein. Es heißt, dass der Stein den Mann findet. Wir wissen, dass wir Teil der uns umgebenden Natur sind und da wir gleichzeitig die dominante Spezies auf diesem Planeten sind, haben wir die Verpflichtung, die Natur und damit den ganzen Planeten zu erhalten und zu schützen. Wir dürfen die Natur verantwortungsvoll nachhaltig nutzen, aber niemals ausbeuten.
Dies steht im Gegensatz zum Brauch in der westlichen Kultur, ich weiß. In der westlichen Kultur besteht die Überzeugung, dass der Mensch über der Natur steht und sie zu seinem Nutzen ausbeuten darf. Dass man die Natur und den Planeten damit vergiftet und letztlich zerstört ? ja, sich selbst damit die Lebensgrundlage nimmt, wird für kurzfristigen wirtschaftlichen Gewinn in Kauf genommen..."

Er macht eine Gedankenpause und erklärt weiter:

"Wir Japaner glauben, dass in jedem Lebewesen, jeder Pflanze, jedem Stein, ja, in jedem Naturereignis ein Kami steckt, ein göttliches Wesen. Ihr Westler würdet dazu sagen 'Alles ist beseelt'. Entsprechend respektvoll gehen wir auch mit diesem Stein um. Er ist uns ein Bunrei, die Heimstatt eines Kami."

Wieder macht er eine Pause. Dann fragt er mich plötzlich:

"Wie heißt du?"

"Yvonne Müller," antworte ich.

"Das ist nicht richtig," sagt er da.

Ich schaue ihn bestürzt an.

"Eine Magd besitzt nichts! Noch nicht einmal einen Namen, eine Identität. Wenn es dem Herrn gefällt, schenkt er seiner Magd einen Namen, den sie solange trägt, wie es ihm gefällt."

"Ja, Herr," sage ich. "Darf ich etwas fragen?"

"Nur zu, kleine Magd."

"Du sagst, der Mann übernimmt die Verpflichtung, für das Wohl der Frau zu sorgen. Er entscheidet verantwortungsbewusst und schützt die Frau, die sich ihm unterwirft und ihm dient..."

"Das habe ich zwar nicht direkt so gesagt. Ich sprach eben globaler von der uns umgebenden Natur und dass wir Teil der Natur sind. Du hast diese Information auf das Paarverhältnis heruntergebrochen, und ? du hast Recht damit!"

"Dann möchte ich in dieser Kultur hier leben, nicht mehr in der modernen westlichen..."

"Dein Koffer wurde direkt hierhergebracht. Deine europäische Kleidung ist hier unnötig, kleine Magd! Den Kleidersack bringe ich später in die Reinigung. Danach kannst du sie zu den anderen Sachen in den Koffer tun. Den Inhalt deiner Kulturtasche findest du im Bad im Schminktisch. Im Kleiderschrank findest du Mägdekleidung für dich!"

Suzuki-San zieht die Schiebetür eines Wandschrankes auf Seite und zeigt mir meine neue Kleidung in den Regalen.

"Darf ich, Herr?" frage ich.

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