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Montag, 15. März 2021
Yamato Nadeshiko -41-
hermann-jpmt, 11:30h
Ich betrete also das Haus und die Japanerin schließt die Haustür hinter mir. Nun sagt sie:
"Sie dürfen ihre Straßenschuhe gerne gegen die Hausschuhe tauschen!"
Neben dem Eingang, eben noch hinter dem Türblatt verborgen, erblicke ich ein Regal mit Pantoffeln und zwei Paar Straßenschuhen in einer Wanne auf der untersten Ebene. Ich nicke und schaue mir die Pantoffeln an. Ein Paar in meiner Schuhgröße nehme ich nun aus dem Regal, schlüpfe aus meinen Schuhen und ziehe die Pantoffeln an.
Jetzt meint die Japanerin lächelnd und mit einem Knicks, während sie ihr Kleid ein wenig rafft:
"Kommen Sie bitte mit."
Ich folge ihr erwartungsvoll. Sie führt mich an einen Tisch, stellt einen Hocker ein paar Zentimeter weiter vom Tisch weg und bietet mir an, mich dort hinzusetzen. In die Runde schauend, sehe ich hier mehrere Hocker um den Tisch stehen und einen Armlehnstuhl, der seinen Platz übereck an der Schmalseite des Tisches hat. An der Wand stehen hier ein rustikales Sideboard und eine Truhe.
Die Japanerin ist derweil zu einer Zimmertür gegangen, öffnet sie und vollführt einen Hofknicks. Sie sagt:
"Besuch für den Herrn."
Danach erhebt sie sich wieder, lässt die Tür offenstehen und verschwindet in einen Raum daneben. Drinnen höre ich einen Stuhl über den Dielenboden kratzen. Kurz darauf steht ein Mann in der Tür, der ebenfalls mittelalterlich gekleidet ist.
Er lächelt mich freundlich an, kommt auf mich zu und fragt:
"Hallo, was kann ich für Sie tun?"
"Hallo," antworte ich. "Mein Name ist Andreas Franck. Ich bin Schreiner und interessiere mich für Hagenholt. Ich denke, ich kenne Sie von der WhatsApp-Gruppe. Herr Schmidt, nicht wahr?"
"Richtig," bestätigt der Mann.
Er ist inzwischen herangekommen. Ich bin aufgestanden und wir begrüßen uns mit Handschlag. Herr Schmidt sagt nun:
"Setzen Sie sich doch!"
Er setzt sich auf den Armlehnstuhl und wendet sich mir zu.
"Sie möchten also, Gefallen vorausgesetzt, zu uns ziehen und uns ihr Fachwissen zur Verfügung stellen?"
"Ja," bestätige ich. "In Fachwerkhäusern dürfte es für Schreiner viel Arbeit geben. Wenn ich mir ihr rustikales Sideboard anschaue, könnte ich mir auch die Herstellung von Möbeln vorstellen. Mein Hobby ist das Schnitzen. Dafür dürfte es hier auch Abnehmer geben. Entweder Möbeltüren mit Schnitzereien, oder Balken am Haus mit Schnitzereien an deren Enden, damit das Ganze mehr nach Handwerkskunst aussieht. Oder natürlich Deko-Figuren."
Herr Schmidt nickt bei meinen Ausführungen.
"Das ist tatsächlich ein Gewerk, das gut nach Hagenholt passt," meint er.
Wir werden nun von der Japanerin gestört, die Tee auf den Tisch bringt. Sie kniet sich auf ein Kissen, dass Herr Schmidt aus der Truhe genommen hat, bevor er sich eben auf dem Armlehnstuhl niedergelassen hat.
Die Japanerin füllt eine Tasse und reicht sie an Herrn Schmidt weiter. Dieser gibt die Teetasse an mich weiter. Nun füllt sie eine zweite Tasse mit Tee, die sie ebenfalls ihm überreicht. Diese Tasse stellt er vor sie hin. Erst die dritte Tasse, die sie aus der Kanne füllt, stellt er an seinen Platz.
Nun tunkt er zwei Finger seiner rechten Hand in die Tasse und beträufelt damit einen kleinen Stein in der Tischplatte, den ich erst jetzt entdecke. Dabei spricht er:
"Unsterbliche Natur, schenke unserem Vorhaben viel Glück!"
Anschließend reden wir über dies und das, dann sagt Herr Schmidt:
"Kommen Sie mit, Herr Franck. Ich führe Sie ein wenig im Ort herum. Schauen Sie sich ruhig genau um! Vielleicht finden Sie unter den leerstehenden Häusern eins, dass Ihnen von der Lage her zusagt."
Herrn Schmidt zur Haustür folgend, sehe ich, dass er seine Pantoffel gegen ein Paar Lederschuhe mit ellenlangen Schuhriemen tauscht. Er zieht die Riemen fest an und führt sie danach überkreuz den Unterschenkel hoch, um sie über den Hosenbeinen in Höhe der Waden zu binden. In der Zwischenzeit habe auch ich meine Schuhe angezogen und wir treten vor das Haus.
Nun wendet sich Herr Schmidt nach rechts und geht von Haus zu Haus. Sie gleichen sich tatsächlich wie ein Ei dem anderen. Innen sind die Häuser teilmöbliert. So kann jeder neue Besitzer sein Haus auf seine Bedürfnisse anpassen.
Nach der Runde denke ich, mein Haus gefunden zu haben. Herr Schmidt zieht eine Uhr an einer Kette aus einer Tasche und klappt den Deckel auf.
"Oh," meint er. "Ich denke, wir sollten zum Abendessen in die Taverne gehen."
Er geht zuerst schnellen Schrittes zu seinem Haus zurück, um Ruri-chan, seine Magd, aufzufordern mitzukommen. Danach gehen wir zu dritt zur Taverne. Er drückt die Eingangstür auf und hält sie in der Position, damit wir hindurchschlüpfen können. Danach führt er uns zu einer großen Tafel.
"Hallo, guten Appetit," wünscht er den inzwischen versammelten Leuten und stellt mich vor: "Dies hier ist Herr Franck. Er arbeitet in einem mittelständischen Betrieb als Schreiner. Er hat vor, sich bei uns selbständig zu machen. Übrigens ist er auch Holzbildhauer."
"Ah, seien Sie gegrüßt, Herr Franck," spricht mich einer der anwesenden Herren an. "Setzen Sie sich ruhig zu uns. Gabi wird Ihnen ein zusätzliches Gedeck reichen!"
Eine der Mägde erhebt sich aus dem Kniesitz, der in Japan Seiza genannt wird, wie mir Herr Schmidt im Verlauf des Smalltalks erklärt hat. Sie nimmt Teller und Besteck aus dem Sideboard und reicht es mir mit einer Verbeugung. Ich bedanke mich lächelnd.
In der Runde sehe ich abwechselnd ein Herr und eine Magd sitzen. Diese Gabi hat ihren Platz rechts neben dem Mann, der mich gegrüßt hat. Dieser Mann wird hier wohl der Hausherr sein, also der Tavernenwirt.
Zu seiner linken Hand sitzt eine rothaarige Magd mit vielen Sommersprossen. Mehrmals kreuzen sich unsere Blicke während des Essens. Ich lächele ihr dann jedesmal zu. Sie schaut nicht weg, sondern hält meinem Blick lächelnd stand. Ich muss gestehen, dass sie mir sympathisch ist. Ob sie frei ist für einen Herrn?
Nach dem Essen bleibe ich noch eine Weile für Smalltalk bei Tee und Gebäck sitzen. Einer nach dem Anderen verabschiedet sich alsbald aus der Runde. Ich bleibe, bis nur noch Herr Loose und seine Mägde Gabi und Mary mit mir am Tisch sitzen.
Er bietet mir an, in den nächsten Tagen gerne einmal in der Taverne zu speisen und den Vorführungen zuzuschauen. Darauf antworte ich nickend:
"Das interessiert mich sehr! Ich werde also auf ihren Vorschlag gerne zurückkommen, denn ich muss in meinem Haus eine Werkstatt einrichten und noch einige Möbel bauen. Leider kann ich das im Augenblick nur an den Wochenenden. Da wäre eine solche Zerstreuung zwischendurch nicht schlecht."
*
Als nächstes setze ich ein Kündigungsschreiben auf und gebe es in die Poststelle des Büros zum Weiterleiten. Nun habe ich, Andreas Franck, noch fast zwei Monate bis zum letzten Tag der Kündigungsfrist. In dieser Zeit fahre ich an den Wochenenden nach Hagenholt, um meine Werkstatt aufzubauen und einzurichten. Zur Mittagessenszeit gehe ich in die Taverne und setze mich auf die Ränge zwischen die Mittelalter-Fans, um den Darbietungen der Mägde beim Essen zuzuschauen.
Ich beobachte Feli, die Magd unseres Elektromeisters, bei ihrem Bauchtanz. Ein andermal tanzt Ruri-chan einen ethnischen Tanz aus Ostasien, während sie von Mary auf einer Art Laute begleitet wird. Beide wechseln auch schon einmal ihre Positionen und Ruri-chan begleitet Marys Tanz auf der Laute.
Etwas Besonderes sind immer ihre Auftritte im Kimono mit hochgesteckten Haaren, wenn sie auf der Bühne sitzen und mythische Geschichten vortragen. Sie begleiten sich dabei selbst mit diesem Saiteninstrument und die andere Meido zeigt dabei Zeichnungen, die zum Kontext passen.
Währenddessen bedient Gabi die Gäste. In Stoßzeiten kommt auch, Enie, die Magd des Dachdeckers hinzu.
Mary, die herrenlose Magd, gefällt mir und dieses Gefühl scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Nachdem am Abend keine Besucher im Freilichtmuseum mehr sind, sitzen wir alle gemeinsam unter dem treppenartig aufsteigenden Zuschauerraum am großen Tisch beim Abendessen. Nach solch einen Essen nehme ich allen Mut zusammen und frage Herrn Loose, ihren aktuellen Arbeitgeber, ob ich mit Mary einen Spaziergang machen dürfte. Er erlaubt es lächelnd.
Ich führe sie in den Wald und erkläre ihr hier und da unterwegs die Baumarten. Dazwischen erzähle ich ihr ein wenig von meinem bisherigen Werdegang. Sie erzählt, dass sie ursprünglich aus Kanada stammt mit irischen Wurzeln.
"Sie sind mir sympathisch," gibt Mary nach dem Spaziergang zu. "Um eine Frau dazu zu bewegen, die Magd eines Mannes zu werden, braucht es viel Vertrauen. Vertrauen ist eine empfindliche Pflanze, die gehegt und gepflegt werden will, um zu wachsen! Das funktioniert am besten, wenn man sich zu gemeinsamen Unternehmungen trifft und sich darüber mit der Zeit näher kennenlernt. Dabei darf man niemals drängen. Wenn Sie sich für mich interessieren, sollten sie Herrn Loose fragen, ob Sie mich zu gemeinsamen Unternehmungen abholen dürfen. Denn dann muss das Programm der Taverne entsprechend umgestellt werden.
Dann verbringen wir unsere Freizeit gemeinsam und Sie dürfen im Kleinen über mich bestimmen. Erkenne ich mit der Zeit, dass Sie ein fürsorglicher und verantwortungsbewusster Herr sind, gehe ich vor Ihnen auf die Knie und erbitte Ihren Halsreifen. Allerdings: Ich möchte gerne auch weiterhin in der Taverne auf der Bühne arbeiten dürfen. Hier müssen Sie mit Herrn Loose eine Regelung treffen!"
"Das lässt sich einrichten, Mary! Auch ich sehe dich gerne auf der Bühne!" antworte ich und schaue sie offen an.
Kurz darauf bringe ich sie zu Herrn Loose zurück.
Am nächsten Wochenende nutze ich meine freie Zeit, um eine Wanderung durch die Umgebung von Hagenholt zu machen. Als ich ein Stück Schiefer aus dem Boden ragen sehe, denke ich mir, wie der Schiefer wohl hierhergekommen sein mag. Ich bücke mich danach und grabe ihn ganz aus der Erde. Zuhause säubere ich die kleine Platte und beginne danach, mit einem Fräser die Vertiefung in der Tischplatte auf die Größe des Schiefers anzupassen.
In der Folgezeit gehe ich mit Mary ein paarmal auswärts Essen und frage sie nach ihren Interessen. Danach führe ich sie in verschiedene Museen und Ausstellungen. Nach einem halben Jahr fragt sie mich, ob ich mich in der Zwischenzeit schon um einen Halsreifen gekümmert habe.
Ich zeige ihr nun ein Kästchen aus Schnitzereien auf dem Sideboard, und erlaube ihr, es zu öffnen. Darin findet sie einen metallenen Halsreifen auf einer samtenen Unterlage. In der Mitte liegt ein Tütchen mit einer kleinen Schraube und einem dünnen Inbus-Schlüssel.
Beinahe andächtig hebt sie den Halsreifen heraus und sinkt langsam vor mir auf die Knie. Ich fühle große Freude in mir aufsteigen.
"Sie dürfen ihre Straßenschuhe gerne gegen die Hausschuhe tauschen!"
Neben dem Eingang, eben noch hinter dem Türblatt verborgen, erblicke ich ein Regal mit Pantoffeln und zwei Paar Straßenschuhen in einer Wanne auf der untersten Ebene. Ich nicke und schaue mir die Pantoffeln an. Ein Paar in meiner Schuhgröße nehme ich nun aus dem Regal, schlüpfe aus meinen Schuhen und ziehe die Pantoffeln an.
Jetzt meint die Japanerin lächelnd und mit einem Knicks, während sie ihr Kleid ein wenig rafft:
"Kommen Sie bitte mit."
Ich folge ihr erwartungsvoll. Sie führt mich an einen Tisch, stellt einen Hocker ein paar Zentimeter weiter vom Tisch weg und bietet mir an, mich dort hinzusetzen. In die Runde schauend, sehe ich hier mehrere Hocker um den Tisch stehen und einen Armlehnstuhl, der seinen Platz übereck an der Schmalseite des Tisches hat. An der Wand stehen hier ein rustikales Sideboard und eine Truhe.
Die Japanerin ist derweil zu einer Zimmertür gegangen, öffnet sie und vollführt einen Hofknicks. Sie sagt:
"Besuch für den Herrn."
Danach erhebt sie sich wieder, lässt die Tür offenstehen und verschwindet in einen Raum daneben. Drinnen höre ich einen Stuhl über den Dielenboden kratzen. Kurz darauf steht ein Mann in der Tür, der ebenfalls mittelalterlich gekleidet ist.
Er lächelt mich freundlich an, kommt auf mich zu und fragt:
"Hallo, was kann ich für Sie tun?"
"Hallo," antworte ich. "Mein Name ist Andreas Franck. Ich bin Schreiner und interessiere mich für Hagenholt. Ich denke, ich kenne Sie von der WhatsApp-Gruppe. Herr Schmidt, nicht wahr?"
"Richtig," bestätigt der Mann.
Er ist inzwischen herangekommen. Ich bin aufgestanden und wir begrüßen uns mit Handschlag. Herr Schmidt sagt nun:
"Setzen Sie sich doch!"
Er setzt sich auf den Armlehnstuhl und wendet sich mir zu.
"Sie möchten also, Gefallen vorausgesetzt, zu uns ziehen und uns ihr Fachwissen zur Verfügung stellen?"
"Ja," bestätige ich. "In Fachwerkhäusern dürfte es für Schreiner viel Arbeit geben. Wenn ich mir ihr rustikales Sideboard anschaue, könnte ich mir auch die Herstellung von Möbeln vorstellen. Mein Hobby ist das Schnitzen. Dafür dürfte es hier auch Abnehmer geben. Entweder Möbeltüren mit Schnitzereien, oder Balken am Haus mit Schnitzereien an deren Enden, damit das Ganze mehr nach Handwerkskunst aussieht. Oder natürlich Deko-Figuren."
Herr Schmidt nickt bei meinen Ausführungen.
"Das ist tatsächlich ein Gewerk, das gut nach Hagenholt passt," meint er.
Wir werden nun von der Japanerin gestört, die Tee auf den Tisch bringt. Sie kniet sich auf ein Kissen, dass Herr Schmidt aus der Truhe genommen hat, bevor er sich eben auf dem Armlehnstuhl niedergelassen hat.
Die Japanerin füllt eine Tasse und reicht sie an Herrn Schmidt weiter. Dieser gibt die Teetasse an mich weiter. Nun füllt sie eine zweite Tasse mit Tee, die sie ebenfalls ihm überreicht. Diese Tasse stellt er vor sie hin. Erst die dritte Tasse, die sie aus der Kanne füllt, stellt er an seinen Platz.
Nun tunkt er zwei Finger seiner rechten Hand in die Tasse und beträufelt damit einen kleinen Stein in der Tischplatte, den ich erst jetzt entdecke. Dabei spricht er:
"Unsterbliche Natur, schenke unserem Vorhaben viel Glück!"
Anschließend reden wir über dies und das, dann sagt Herr Schmidt:
"Kommen Sie mit, Herr Franck. Ich führe Sie ein wenig im Ort herum. Schauen Sie sich ruhig genau um! Vielleicht finden Sie unter den leerstehenden Häusern eins, dass Ihnen von der Lage her zusagt."
Herrn Schmidt zur Haustür folgend, sehe ich, dass er seine Pantoffel gegen ein Paar Lederschuhe mit ellenlangen Schuhriemen tauscht. Er zieht die Riemen fest an und führt sie danach überkreuz den Unterschenkel hoch, um sie über den Hosenbeinen in Höhe der Waden zu binden. In der Zwischenzeit habe auch ich meine Schuhe angezogen und wir treten vor das Haus.
Nun wendet sich Herr Schmidt nach rechts und geht von Haus zu Haus. Sie gleichen sich tatsächlich wie ein Ei dem anderen. Innen sind die Häuser teilmöbliert. So kann jeder neue Besitzer sein Haus auf seine Bedürfnisse anpassen.
Nach der Runde denke ich, mein Haus gefunden zu haben. Herr Schmidt zieht eine Uhr an einer Kette aus einer Tasche und klappt den Deckel auf.
"Oh," meint er. "Ich denke, wir sollten zum Abendessen in die Taverne gehen."
Er geht zuerst schnellen Schrittes zu seinem Haus zurück, um Ruri-chan, seine Magd, aufzufordern mitzukommen. Danach gehen wir zu dritt zur Taverne. Er drückt die Eingangstür auf und hält sie in der Position, damit wir hindurchschlüpfen können. Danach führt er uns zu einer großen Tafel.
"Hallo, guten Appetit," wünscht er den inzwischen versammelten Leuten und stellt mich vor: "Dies hier ist Herr Franck. Er arbeitet in einem mittelständischen Betrieb als Schreiner. Er hat vor, sich bei uns selbständig zu machen. Übrigens ist er auch Holzbildhauer."
"Ah, seien Sie gegrüßt, Herr Franck," spricht mich einer der anwesenden Herren an. "Setzen Sie sich ruhig zu uns. Gabi wird Ihnen ein zusätzliches Gedeck reichen!"
Eine der Mägde erhebt sich aus dem Kniesitz, der in Japan Seiza genannt wird, wie mir Herr Schmidt im Verlauf des Smalltalks erklärt hat. Sie nimmt Teller und Besteck aus dem Sideboard und reicht es mir mit einer Verbeugung. Ich bedanke mich lächelnd.
In der Runde sehe ich abwechselnd ein Herr und eine Magd sitzen. Diese Gabi hat ihren Platz rechts neben dem Mann, der mich gegrüßt hat. Dieser Mann wird hier wohl der Hausherr sein, also der Tavernenwirt.
Zu seiner linken Hand sitzt eine rothaarige Magd mit vielen Sommersprossen. Mehrmals kreuzen sich unsere Blicke während des Essens. Ich lächele ihr dann jedesmal zu. Sie schaut nicht weg, sondern hält meinem Blick lächelnd stand. Ich muss gestehen, dass sie mir sympathisch ist. Ob sie frei ist für einen Herrn?
Nach dem Essen bleibe ich noch eine Weile für Smalltalk bei Tee und Gebäck sitzen. Einer nach dem Anderen verabschiedet sich alsbald aus der Runde. Ich bleibe, bis nur noch Herr Loose und seine Mägde Gabi und Mary mit mir am Tisch sitzen.
Er bietet mir an, in den nächsten Tagen gerne einmal in der Taverne zu speisen und den Vorführungen zuzuschauen. Darauf antworte ich nickend:
"Das interessiert mich sehr! Ich werde also auf ihren Vorschlag gerne zurückkommen, denn ich muss in meinem Haus eine Werkstatt einrichten und noch einige Möbel bauen. Leider kann ich das im Augenblick nur an den Wochenenden. Da wäre eine solche Zerstreuung zwischendurch nicht schlecht."
*
Als nächstes setze ich ein Kündigungsschreiben auf und gebe es in die Poststelle des Büros zum Weiterleiten. Nun habe ich, Andreas Franck, noch fast zwei Monate bis zum letzten Tag der Kündigungsfrist. In dieser Zeit fahre ich an den Wochenenden nach Hagenholt, um meine Werkstatt aufzubauen und einzurichten. Zur Mittagessenszeit gehe ich in die Taverne und setze mich auf die Ränge zwischen die Mittelalter-Fans, um den Darbietungen der Mägde beim Essen zuzuschauen.
Ich beobachte Feli, die Magd unseres Elektromeisters, bei ihrem Bauchtanz. Ein andermal tanzt Ruri-chan einen ethnischen Tanz aus Ostasien, während sie von Mary auf einer Art Laute begleitet wird. Beide wechseln auch schon einmal ihre Positionen und Ruri-chan begleitet Marys Tanz auf der Laute.
Etwas Besonderes sind immer ihre Auftritte im Kimono mit hochgesteckten Haaren, wenn sie auf der Bühne sitzen und mythische Geschichten vortragen. Sie begleiten sich dabei selbst mit diesem Saiteninstrument und die andere Meido zeigt dabei Zeichnungen, die zum Kontext passen.
Währenddessen bedient Gabi die Gäste. In Stoßzeiten kommt auch, Enie, die Magd des Dachdeckers hinzu.
Mary, die herrenlose Magd, gefällt mir und dieses Gefühl scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Nachdem am Abend keine Besucher im Freilichtmuseum mehr sind, sitzen wir alle gemeinsam unter dem treppenartig aufsteigenden Zuschauerraum am großen Tisch beim Abendessen. Nach solch einen Essen nehme ich allen Mut zusammen und frage Herrn Loose, ihren aktuellen Arbeitgeber, ob ich mit Mary einen Spaziergang machen dürfte. Er erlaubt es lächelnd.
Ich führe sie in den Wald und erkläre ihr hier und da unterwegs die Baumarten. Dazwischen erzähle ich ihr ein wenig von meinem bisherigen Werdegang. Sie erzählt, dass sie ursprünglich aus Kanada stammt mit irischen Wurzeln.
"Sie sind mir sympathisch," gibt Mary nach dem Spaziergang zu. "Um eine Frau dazu zu bewegen, die Magd eines Mannes zu werden, braucht es viel Vertrauen. Vertrauen ist eine empfindliche Pflanze, die gehegt und gepflegt werden will, um zu wachsen! Das funktioniert am besten, wenn man sich zu gemeinsamen Unternehmungen trifft und sich darüber mit der Zeit näher kennenlernt. Dabei darf man niemals drängen. Wenn Sie sich für mich interessieren, sollten sie Herrn Loose fragen, ob Sie mich zu gemeinsamen Unternehmungen abholen dürfen. Denn dann muss das Programm der Taverne entsprechend umgestellt werden.
Dann verbringen wir unsere Freizeit gemeinsam und Sie dürfen im Kleinen über mich bestimmen. Erkenne ich mit der Zeit, dass Sie ein fürsorglicher und verantwortungsbewusster Herr sind, gehe ich vor Ihnen auf die Knie und erbitte Ihren Halsreifen. Allerdings: Ich möchte gerne auch weiterhin in der Taverne auf der Bühne arbeiten dürfen. Hier müssen Sie mit Herrn Loose eine Regelung treffen!"
"Das lässt sich einrichten, Mary! Auch ich sehe dich gerne auf der Bühne!" antworte ich und schaue sie offen an.
Kurz darauf bringe ich sie zu Herrn Loose zurück.
Am nächsten Wochenende nutze ich meine freie Zeit, um eine Wanderung durch die Umgebung von Hagenholt zu machen. Als ich ein Stück Schiefer aus dem Boden ragen sehe, denke ich mir, wie der Schiefer wohl hierhergekommen sein mag. Ich bücke mich danach und grabe ihn ganz aus der Erde. Zuhause säubere ich die kleine Platte und beginne danach, mit einem Fräser die Vertiefung in der Tischplatte auf die Größe des Schiefers anzupassen.
In der Folgezeit gehe ich mit Mary ein paarmal auswärts Essen und frage sie nach ihren Interessen. Danach führe ich sie in verschiedene Museen und Ausstellungen. Nach einem halben Jahr fragt sie mich, ob ich mich in der Zwischenzeit schon um einen Halsreifen gekümmert habe.
Ich zeige ihr nun ein Kästchen aus Schnitzereien auf dem Sideboard, und erlaube ihr, es zu öffnen. Darin findet sie einen metallenen Halsreifen auf einer samtenen Unterlage. In der Mitte liegt ein Tütchen mit einer kleinen Schraube und einem dünnen Inbus-Schlüssel.
Beinahe andächtig hebt sie den Halsreifen heraus und sinkt langsam vor mir auf die Knie. Ich fühle große Freude in mir aufsteigen.
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