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Samstag, 13. März 2021
Yamato Nadeshiko -40-
hermann-jpmt, 10:57h
"Na schön," sage ich. "Um eins kommt man bei allem Diskutieren nicht herum: Du bist eine sehr reizvolle, aufregende junge Frau."
"Du bist schrecklich!" erwidert sie und senkt lächelnd den Blick.
"Und dein Outfit heute Abend," fahre ich fort, "ist wie du selbst: entzückend weiblich, ob es dir gefällt oder nicht."
Sie blickt an sich herunter und streift unbewusst das Kleid glatt. Es ist eine sehr natürliche Geste. Ich finde mein Gegenüber sehr aufregend. Unwillkürlich frage ich mich, ob es so etwas wie natürliche Devotion gibt.
"Bisher habe ich dich nie in wirklich weiblicher Kleidung gesehen," fahre ich fort. "Wie kommt es zu diesem plötzlichen Sinneswandel?"
"Die Träume?"
"?haben dich sexuell erregt," ergänze ich im Hinausgehen.
"Woher willst du das wissen?" gibt sie sich empört. "Ich habe nichts davon gesagt."
"Das brauchst du auch nicht. Dein Gesicht, deine Stimmlage, die Art und Weise also, wie du den Traum erzähltest, haben es mir verraten."
"Ich hasse dich!" ruft sie aus. Passanten grinsen.
Wir gehen nebeneinander über den Marktplatz. Sie ist jetzt schweigsam. Yvonne spürt meinen Blick, sieht mich aber nicht offen an. Stattdessen wirft sie den Kopf in den Nacken. Es ist eine hübsche Geste, die Bewegung einer jungen Frau, die sich dem Blick eines Mannes ausgesetzt weiß.
"Woran denkst du?" fragt sie schließlich, als wir ihr Appartementhaus erreichen.
"Ich habe mir eben vorgestellt, wie du dich auf einer Versteigerung machen würdest."
Sie hat gerade die Haustür aufgeschlossen. Nun fährt sie zu mir herum.
"Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen!" ruft sie.
"Wäre dir eine unehrliche Antwort lieber gewesen?"
"War ich denn hübsch?" fragt sie.
"Sensationell!"
Sie errötet und wirft ungewollt heftig die Haustür ins Schloss, nachdem sie hindurch geschlüpft ist. Ich gehe zu meinem Auto.
Auf der Heimfahrt fühle mich irgendwie elend. Der Abend ist so gar nicht in meinem Sinne verlaufen. Es hat keine Vereinbarung auf einen weiteren gemeinsamen Abend gegeben. Yvonne ist eine intelligente Frau. Wie sehr muss mein törichter Vorstoß sie beleidigt haben! Wie schockiert muss sie sein. Warum habe ich keine Rücksicht auf ihre Gefühle genommen? Liegt mir denn nichts an ihrem Verstand? Stattdessen habe ich das Gespräch auf das Körperliche gelenkt!
Hoffentlich habe ich nicht alles zunichte gemacht, das sich zwischen uns entwickeln mag. Ich kann nur hoffen, dass sie mich noch mag, dass sie mir eine weitere Gelegenheit gibt, ihr zu gefallen. Plötzlich geht mir mit ungeahnter Heftigkeit auf - vermutlich weil ich bisher noch keine so aufregende Frau gefunden habe -, dass in unserer westlichen Gesellschaft der Mann einer Frau zu Gefallen sein muss, dass er - um in Kontakt mit ihr zu treten - zu sein und zu tun hat, was die Frau sich wünscht, weil sie sonst unnahbar bleibt.
Wenn die Frauen sich aus irgendeinem Grund wünschen, dass wir wie Freunde sind, dann müssen wir uns eben große Mühe geben, so aufzutreten. Die Entscheidung fällt durch sie, indem sie ihre Gunst gewähren - oder eben nicht.
Was hat Yvonne veranlasst, sich mit mir zu treffen? Sie plagen Träume. Darin muss sie sich einem Mann hingeben und sie hat im Traum Gefallen daran. Ganz gegen die political correctness der modernen westlichen Gesellschaft hat sie Gefallen daran und es macht ihr Angst. So sehr, dass sie Psychotherapeuten aufgesucht hat. Es sei in allen Träumen immer der gleiche Mann, der ihr ihre Weiblichkeit spüren lässt. Um mir das zu sagen, wollte sie sich mit mir treffen. Nur weil ich eine besondere Aura ausstrahle, wie sie meint? Oder weil ich dieser Mann bin, den sie in den Träumen sieht?
*
In der darauffolgenden Nacht kann ich nicht gut schlafen. Ich wache gerädert auf. Zum Glück ist heute Sonntag, sonst wäre ich bestimmt zu spät zur Arbeit gekommen.
Da ich nichts Besonderes vorhabe, durchforste ich das Internet nach dem Begriff ?Machtgefälle?. Ich finde neben Lexika-Einträgen auch zwei Foren. Eins ist ein BDSM-Forum. Das andere ist ein Sprachrohr für Gothic- und Mittelalterfans. Dort lese ich, soweit ich Beiträge lesen kann, ohne angemeldet zu sein. Ich stelle fest, dass sich die beiden Foren unterscheiden. Die Beiträge in dem ersten Forum sind SM-lastig. Dort wird neben dem Machtgefälle auch die Züchtigung als Strafe thematisiert. Ich nehme mir also das andere Forum vor.
Es ist kleiner und hat nur wenige Mitglieder. Dafür liegen die Beiträge mehr auf meiner Linie. Ich melde mich kurzerhand dort an, fülle mein Profil aus und schaue mich weiter um. Ein Mitglied des Forums bietet den Chat über eine WhatsApp-Gruppe an. Ich frage, ob ich in die Gruppe aufgenommen werde. Danach lese ich erst einmal mit, über welche Themen dort gesprochen wird.
Ich lese viel vom Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Mich interessiert, warum die Frauen sich den Männern unterordnen. Man schreibt, dass die Frauen mitnichten auf die Knie gezwungen werden und darin eine sexuelle Erregung empfinden. Die Frauen unterwerfen sich aus freien Stücken. Sie möchten vom Mann geführt werden.
Es ist der komplette Gegenentwurf zur modernen emanzipierten Frau. Ich erinnere mich: Dies ist der Konflikt, in dem Yvonne steckt. Die Frauen in dem Forum haben den Konflikt für sich gelöst.
Als ich tiefer in die Materie einsteige, erfahre ich etwas über das japanische Frauenideal -Yamato Nadeshiko-. Nun interessiert mich aber auch die Gegenseite. Wie verhält sich ein Mann gegenüber einer solchen Frau? Auch hierfür hat die Gruppe eine Antwort. Sie legt den Männern nahe, ihre Frauen respekt- und ehrenvoll zu behandeln.
Die Frauen dürfen keinesfalls objektifiziert werden! Sie dürfen nicht zu Gegenständen der Lusterfüllung herabgewürdigt werden, die man nach Belieben benutzt und dann abserviert. Das macht mir die Leute sehr sympathisch. Die Gruppenmitglieder wollen mich bald näher kennenlernen. Als ich erzähle, dass ich von Beruf Schreiner bin und in meiner Freizeit gerne Figuren schnitze, schreibt einer:
"Wir haben nicht nur diese Chatgruppe. Wir leben nicht nur im Internet und lassen unser Kopfkino laufen! Wir haben einen kleinen Ort, in dem wir unseren Lebensstil leben, gehen dort unserer Arbeit nach und feiern Feste."
"Wirklich?" frage ich interessiert.
"Aber ja, wenn du dich in Hagenholt einmal umschauen möchtest, komm vorbei! Zu uns kommen auch viele vanilla Mittelalterfans, die denken, der Ort sei ein lebendes Freilichtmuseum. Dafür bezahlen sie Eintritt und kaufen im Ort Dinge, die ihnen gefallen. Wir könnten einen Schreiner und Holzbildhauer gut gebrauchen!"
Der Mann hat mich mit seinem Angebot gefesselt. Es reizt mich total, das alles einmal live zu erleben.
Im Laufe der kommenden Arbeitswoche habe ich keine Chance, mich mit Yvonne auszusprechen und sie vielleicht zum Besuch des Freilichtmuseums Hagenholt einzuladen. Sie hält sich von mir fern.
Am folgenden Samstag setze ich mich also allein in mein Auto und fahre zu der Adresse, die mir der Admin der Chatgruppe gegeben hat.
Dort angekommen, parke ich abseits der Bundesstraße auf einem großen Parkplatz an einem kleinen Wald. Ich bin nicht der Einzige. Außer mir parken noch einige andere Fahrzeuge hier.
Ich schaue mich um und gehe dann den Schotterweg am Waldrand entlang auf eine Windmühle und Fachwerkhäuser zu. Als ich näherkomme, weicht der Wald zurück und macht einer Siedlung Platz. Sofort regt sich der Schreiner in mir und ich betrachte das Holzfachwerk der Häuser fachmännisch. Es scheint aus einer Fabrik zu kommen und hier an Ort und Stelle zusammengesetzt worden sein.
Eine Menge Leute in farbenfroher Kleidung und Umhängen gehen zwischen den Häusern und über den freien Platz in der Mitte. Das sind wohl die angesprochenen Mittelalterfans. Ich schaue an mir herab. Hätte ich zumindest meine Zimmermannskluft anziehen sollen? Ich habe 'Räuberzivil' an, Jeans, Tshirt und eine leichte Jacke.
Das höchste Gebäude soll die Taverne sein, ein Varieté-Theater mit Beköstigung, hat man mir gesagt. Das kommt daher, dass man die Bühne nicht in einen Keller verlegt hat. Stattdessen hat man die Ränge von denen man auf die Bühne schauen kann, treppenartig nach oben gebaut.
Soll ich mich sofort dorthin wenden? Ich entschließe mich, den freien Platz in der Mitte der Fachwerkbauten zu überqueren. Dort steht ein einzelner Baum und darunter lädt eine Bank zum Verweilen ein. Ein Paar in bunter Kleidung sitzt dort händchenhaltend. Sie haben die Umwelt um sich herum ausgeblendet.
Ich möchte nicht stören, aber neben der Bank steht eine hölzerne Tafel mit dem Lageplan von Hagenholt. Dort sind die Häuser der Einwohner des Ortes bezeichnet. Anhand der Lage der Windmühlen setze ich den Lageplan um und kann nun erkennen, wer wo wohnt.
Kurz überlege ich was ich mache, um mich dann für den Ortsvorsteher zu entscheiden. Der Mann ist gleichzeitig der Admin der WhatsApp-Gruppe.
Wieder gehe ich quer über den Platz. Das Haus des Ortsvorstehers ist äußerlich nicht von den umliegenden Häusern zu unterscheiden. Also ziehe ich auf gut Glück an der filigranen Kette, die von einem kleinen Waagbalken herunterhängt, an deren anderen Ende eine kleine Glocke hängt. Sie ertönt und kurze Zeit darauf wird die Tür geöffnet.
Eine Japanerin in einem roten Kleid mit weißer Schürze und Haube steht in der Tür. Sie lächelt mich an und verbeugt sich leicht.
"Guten Tag," grüßt sie. "Darf ich nach ihrem Begehr fragen?"
Ich muss über die Wortwahl lächeln, sage mir aber angesichts der Mittelalter-Fans in meinem Rücken, dass sie sich dafür genau richtig ausgedrückt hat. Ich selbst muss das aber nicht mitmachen.
"Guten Tag," gebe ich also den Gruß zurück und lächele sie freundlich an. "Der Ortsvorsteher hatte mir geraten, mich einmal in Hagenholt umzuschauen. Ohne Führung ist das aber etwas schwierig?"
"Okay," meint sie nun. "Kommen Sie erst einmal herein. Ich sage Herrn Schmidt sofort Bescheid."
"Du bist schrecklich!" erwidert sie und senkt lächelnd den Blick.
"Und dein Outfit heute Abend," fahre ich fort, "ist wie du selbst: entzückend weiblich, ob es dir gefällt oder nicht."
Sie blickt an sich herunter und streift unbewusst das Kleid glatt. Es ist eine sehr natürliche Geste. Ich finde mein Gegenüber sehr aufregend. Unwillkürlich frage ich mich, ob es so etwas wie natürliche Devotion gibt.
"Bisher habe ich dich nie in wirklich weiblicher Kleidung gesehen," fahre ich fort. "Wie kommt es zu diesem plötzlichen Sinneswandel?"
"Die Träume?"
"?haben dich sexuell erregt," ergänze ich im Hinausgehen.
"Woher willst du das wissen?" gibt sie sich empört. "Ich habe nichts davon gesagt."
"Das brauchst du auch nicht. Dein Gesicht, deine Stimmlage, die Art und Weise also, wie du den Traum erzähltest, haben es mir verraten."
"Ich hasse dich!" ruft sie aus. Passanten grinsen.
Wir gehen nebeneinander über den Marktplatz. Sie ist jetzt schweigsam. Yvonne spürt meinen Blick, sieht mich aber nicht offen an. Stattdessen wirft sie den Kopf in den Nacken. Es ist eine hübsche Geste, die Bewegung einer jungen Frau, die sich dem Blick eines Mannes ausgesetzt weiß.
"Woran denkst du?" fragt sie schließlich, als wir ihr Appartementhaus erreichen.
"Ich habe mir eben vorgestellt, wie du dich auf einer Versteigerung machen würdest."
Sie hat gerade die Haustür aufgeschlossen. Nun fährt sie zu mir herum.
"Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen!" ruft sie.
"Wäre dir eine unehrliche Antwort lieber gewesen?"
"War ich denn hübsch?" fragt sie.
"Sensationell!"
Sie errötet und wirft ungewollt heftig die Haustür ins Schloss, nachdem sie hindurch geschlüpft ist. Ich gehe zu meinem Auto.
Auf der Heimfahrt fühle mich irgendwie elend. Der Abend ist so gar nicht in meinem Sinne verlaufen. Es hat keine Vereinbarung auf einen weiteren gemeinsamen Abend gegeben. Yvonne ist eine intelligente Frau. Wie sehr muss mein törichter Vorstoß sie beleidigt haben! Wie schockiert muss sie sein. Warum habe ich keine Rücksicht auf ihre Gefühle genommen? Liegt mir denn nichts an ihrem Verstand? Stattdessen habe ich das Gespräch auf das Körperliche gelenkt!
Hoffentlich habe ich nicht alles zunichte gemacht, das sich zwischen uns entwickeln mag. Ich kann nur hoffen, dass sie mich noch mag, dass sie mir eine weitere Gelegenheit gibt, ihr zu gefallen. Plötzlich geht mir mit ungeahnter Heftigkeit auf - vermutlich weil ich bisher noch keine so aufregende Frau gefunden habe -, dass in unserer westlichen Gesellschaft der Mann einer Frau zu Gefallen sein muss, dass er - um in Kontakt mit ihr zu treten - zu sein und zu tun hat, was die Frau sich wünscht, weil sie sonst unnahbar bleibt.
Wenn die Frauen sich aus irgendeinem Grund wünschen, dass wir wie Freunde sind, dann müssen wir uns eben große Mühe geben, so aufzutreten. Die Entscheidung fällt durch sie, indem sie ihre Gunst gewähren - oder eben nicht.
Was hat Yvonne veranlasst, sich mit mir zu treffen? Sie plagen Träume. Darin muss sie sich einem Mann hingeben und sie hat im Traum Gefallen daran. Ganz gegen die political correctness der modernen westlichen Gesellschaft hat sie Gefallen daran und es macht ihr Angst. So sehr, dass sie Psychotherapeuten aufgesucht hat. Es sei in allen Träumen immer der gleiche Mann, der ihr ihre Weiblichkeit spüren lässt. Um mir das zu sagen, wollte sie sich mit mir treffen. Nur weil ich eine besondere Aura ausstrahle, wie sie meint? Oder weil ich dieser Mann bin, den sie in den Träumen sieht?
*
In der darauffolgenden Nacht kann ich nicht gut schlafen. Ich wache gerädert auf. Zum Glück ist heute Sonntag, sonst wäre ich bestimmt zu spät zur Arbeit gekommen.
Da ich nichts Besonderes vorhabe, durchforste ich das Internet nach dem Begriff ?Machtgefälle?. Ich finde neben Lexika-Einträgen auch zwei Foren. Eins ist ein BDSM-Forum. Das andere ist ein Sprachrohr für Gothic- und Mittelalterfans. Dort lese ich, soweit ich Beiträge lesen kann, ohne angemeldet zu sein. Ich stelle fest, dass sich die beiden Foren unterscheiden. Die Beiträge in dem ersten Forum sind SM-lastig. Dort wird neben dem Machtgefälle auch die Züchtigung als Strafe thematisiert. Ich nehme mir also das andere Forum vor.
Es ist kleiner und hat nur wenige Mitglieder. Dafür liegen die Beiträge mehr auf meiner Linie. Ich melde mich kurzerhand dort an, fülle mein Profil aus und schaue mich weiter um. Ein Mitglied des Forums bietet den Chat über eine WhatsApp-Gruppe an. Ich frage, ob ich in die Gruppe aufgenommen werde. Danach lese ich erst einmal mit, über welche Themen dort gesprochen wird.
Ich lese viel vom Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Mich interessiert, warum die Frauen sich den Männern unterordnen. Man schreibt, dass die Frauen mitnichten auf die Knie gezwungen werden und darin eine sexuelle Erregung empfinden. Die Frauen unterwerfen sich aus freien Stücken. Sie möchten vom Mann geführt werden.
Es ist der komplette Gegenentwurf zur modernen emanzipierten Frau. Ich erinnere mich: Dies ist der Konflikt, in dem Yvonne steckt. Die Frauen in dem Forum haben den Konflikt für sich gelöst.
Als ich tiefer in die Materie einsteige, erfahre ich etwas über das japanische Frauenideal -Yamato Nadeshiko-. Nun interessiert mich aber auch die Gegenseite. Wie verhält sich ein Mann gegenüber einer solchen Frau? Auch hierfür hat die Gruppe eine Antwort. Sie legt den Männern nahe, ihre Frauen respekt- und ehrenvoll zu behandeln.
Die Frauen dürfen keinesfalls objektifiziert werden! Sie dürfen nicht zu Gegenständen der Lusterfüllung herabgewürdigt werden, die man nach Belieben benutzt und dann abserviert. Das macht mir die Leute sehr sympathisch. Die Gruppenmitglieder wollen mich bald näher kennenlernen. Als ich erzähle, dass ich von Beruf Schreiner bin und in meiner Freizeit gerne Figuren schnitze, schreibt einer:
"Wir haben nicht nur diese Chatgruppe. Wir leben nicht nur im Internet und lassen unser Kopfkino laufen! Wir haben einen kleinen Ort, in dem wir unseren Lebensstil leben, gehen dort unserer Arbeit nach und feiern Feste."
"Wirklich?" frage ich interessiert.
"Aber ja, wenn du dich in Hagenholt einmal umschauen möchtest, komm vorbei! Zu uns kommen auch viele vanilla Mittelalterfans, die denken, der Ort sei ein lebendes Freilichtmuseum. Dafür bezahlen sie Eintritt und kaufen im Ort Dinge, die ihnen gefallen. Wir könnten einen Schreiner und Holzbildhauer gut gebrauchen!"
Der Mann hat mich mit seinem Angebot gefesselt. Es reizt mich total, das alles einmal live zu erleben.
Im Laufe der kommenden Arbeitswoche habe ich keine Chance, mich mit Yvonne auszusprechen und sie vielleicht zum Besuch des Freilichtmuseums Hagenholt einzuladen. Sie hält sich von mir fern.
Am folgenden Samstag setze ich mich also allein in mein Auto und fahre zu der Adresse, die mir der Admin der Chatgruppe gegeben hat.
Dort angekommen, parke ich abseits der Bundesstraße auf einem großen Parkplatz an einem kleinen Wald. Ich bin nicht der Einzige. Außer mir parken noch einige andere Fahrzeuge hier.
Ich schaue mich um und gehe dann den Schotterweg am Waldrand entlang auf eine Windmühle und Fachwerkhäuser zu. Als ich näherkomme, weicht der Wald zurück und macht einer Siedlung Platz. Sofort regt sich der Schreiner in mir und ich betrachte das Holzfachwerk der Häuser fachmännisch. Es scheint aus einer Fabrik zu kommen und hier an Ort und Stelle zusammengesetzt worden sein.
Eine Menge Leute in farbenfroher Kleidung und Umhängen gehen zwischen den Häusern und über den freien Platz in der Mitte. Das sind wohl die angesprochenen Mittelalterfans. Ich schaue an mir herab. Hätte ich zumindest meine Zimmermannskluft anziehen sollen? Ich habe 'Räuberzivil' an, Jeans, Tshirt und eine leichte Jacke.
Das höchste Gebäude soll die Taverne sein, ein Varieté-Theater mit Beköstigung, hat man mir gesagt. Das kommt daher, dass man die Bühne nicht in einen Keller verlegt hat. Stattdessen hat man die Ränge von denen man auf die Bühne schauen kann, treppenartig nach oben gebaut.
Soll ich mich sofort dorthin wenden? Ich entschließe mich, den freien Platz in der Mitte der Fachwerkbauten zu überqueren. Dort steht ein einzelner Baum und darunter lädt eine Bank zum Verweilen ein. Ein Paar in bunter Kleidung sitzt dort händchenhaltend. Sie haben die Umwelt um sich herum ausgeblendet.
Ich möchte nicht stören, aber neben der Bank steht eine hölzerne Tafel mit dem Lageplan von Hagenholt. Dort sind die Häuser der Einwohner des Ortes bezeichnet. Anhand der Lage der Windmühlen setze ich den Lageplan um und kann nun erkennen, wer wo wohnt.
Kurz überlege ich was ich mache, um mich dann für den Ortsvorsteher zu entscheiden. Der Mann ist gleichzeitig der Admin der WhatsApp-Gruppe.
Wieder gehe ich quer über den Platz. Das Haus des Ortsvorstehers ist äußerlich nicht von den umliegenden Häusern zu unterscheiden. Also ziehe ich auf gut Glück an der filigranen Kette, die von einem kleinen Waagbalken herunterhängt, an deren anderen Ende eine kleine Glocke hängt. Sie ertönt und kurze Zeit darauf wird die Tür geöffnet.
Eine Japanerin in einem roten Kleid mit weißer Schürze und Haube steht in der Tür. Sie lächelt mich an und verbeugt sich leicht.
"Guten Tag," grüßt sie. "Darf ich nach ihrem Begehr fragen?"
Ich muss über die Wortwahl lächeln, sage mir aber angesichts der Mittelalter-Fans in meinem Rücken, dass sie sich dafür genau richtig ausgedrückt hat. Ich selbst muss das aber nicht mitmachen.
"Guten Tag," gebe ich also den Gruß zurück und lächele sie freundlich an. "Der Ortsvorsteher hatte mir geraten, mich einmal in Hagenholt umzuschauen. Ohne Führung ist das aber etwas schwierig?"
"Okay," meint sie nun. "Kommen Sie erst einmal herein. Ich sage Herrn Schmidt sofort Bescheid."
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