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Dienstag, 9. März 2021
Yamato Nadeshiko -38-
hermann-jpmt, 11:46h
Tage später bringt mich ein Schüler des Buchou no Baraetishiata zu dem Shi -Herrn-.
"Aisatsu -Hallo-, Mary-chan-," begrüßt der Buchou mich lächelnd. "Heute wirst du die Insel verlassen und dann in der Ferne leben. Ich möchte mich bedanken. Deine Auftritte haben die Gäste für die Zeit ihres Hierseins ihren Alltag vergessen lassen! Ich wünsche dir viel Glück in deiner neuen Heimat!"
Er verbeugt sich eine Spur tiefer, als gegenüber einer Meido üblich. Das freut mich sehr. Strahlend lächelnd verbeuge ich mich besonders tief und bedanke mich respektvoll für das Lob und die guten Wünsche.
Anschließend gehe ich zurück in meine Unterkunft und packe meine wenigen Sachen zusammen. Danach werde ich zur Unterkunft von Master Schmidt gebracht. Auch Ruri-chan hat schon gepackt. Schnell soll ich zivile Kleidung anziehen. Wir warten auf Tanaka-San, der uns zur Hafenstadt der Präfektur Kyoto bringen wird.
Danach fahren wir mit dem Aufzug hinunter zur Ebene Null und steigen in das Flugboot ein, mit dem ich auf die Insel gekommen bin. Inzwischen weiß ich, dass die Leute hier das Gerät einen Meisai -Tarn- nennen. In beinahe einer halben Stunde sind wir im Hafen von Maizuru angekommen und stehen wenige Minuten später auf dem Gelände einer Werft. An der Pforte bestellt man uns ein Taxi, mit dem wir zum Bahnhof der Stadt gebracht werden.
Von dort fahren wir mit dem Zug zum Flughafen nach Kyoto und checken in ein Flugzeug nach Frankfurt ein. Diese Destination liegt in Germany, erklärt Master Schmidt, obwohl ich von einer Stadt dieses Namens auch in Nordamerika gehört habe. Ich bin gespannt.
Drei Stunden später sitzen wir im Flugzeug. Es startet genauso steil vom Ende der Startbahn, wie ich es vom Meisai gewohnt bin. Danach sind wir beinahe einen ganzen Tag in der Luft. Nach der Landung geht es wieder mit dem Zug weiter und schließlich mit einem Bus.
Wir steigen in einem kleinen Ort mit alten Häusern aus. So habe ich mir in meiner Fantasie immer Europa vorgestellt, woher meine Vorfahren stammen. Master Schmidt telefoniert in einer fremden Sprache und wenig später hält ein Cab an der Bushaltestelle. Während Master Schmidt auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, verstaut der Fahrer den Koffer und meine Reisetasche im Gepäckraum. Danach machen Ruri-chan und ich es uns auf der Rückbank bequem.
Der Wagen fährt aus dem Ort heraus. Wir kommen an Feldern und Weiden vorbei. Dann hält das Cab auf einem großen Parkplatz an einem Waldrand. Wir steigen aus und der Fahrer reicht uns unser Gepäck an. Master Schmidt bezahlt den Mann und er fährt wieder zurück.
"Na, dann wollen wir mal!" meint Master Schmidt nun und entfernt sich über den Weg, der am Waldrand vorbeiführt, vom Parkplatz. Wir folgen ihm. Weiter vorne kann ich einen gemauerten Turm erkennen, an dessen Spitze sich Flügel im Wind drehen. Bald kommen auch strohgedeckte Hütten in Sicht.
Master Schmidt betritt eine der Hütten und stellt den Koffer ab. Während Ruri-chan sich nun um den Kofferinhalt kümmert, wendet sich der Herr an mich:
"Komm mit, Mary. Ich bringe dich zur Taverne, deiner neuen Wirkungsstätte."
Er verlässt die Hütte wieder und geht auf eine Höhere in der Nähe zu. Neugierig folge ich ihm. Dort angekommen, läutet er an der Tür und wenige Augenblicke danach öffnet eine Frau in einem knöchellangen roten Kleid mit Raffungen und einer weißen Schürze darüber. Gegürtet ist sie mit einem Ledergürtel, an dem eine lederne Tasche hängt. Auf dem Kopf trägt sie eine weiße Haube.
Als sie uns sieht, macht sie einen Knicks und beugt den Kopf leicht vor.
"Guten Tag, die edlen Herrschaften," begrüßt sie uns. "Treten Sie bitte ein. Hatten Sie eine gute Reise? Sie müssen sicher hungrig sein?"
Sie führt uns an einen niedrigen Tisch, an dessen einer Schmalseite ein Armlehnstuhl mit vielen Schnitzereien steht, sowie abwechselnd je ein Bodenkissen und ein Hocker.
"Bitte, setzen Sie sich," sagt sie. "Ich sage eben dem Hausherrn Bescheid und hole etwas von der Kochstelle."
Master Schmidt antwortet ihr lächelnd:
"Vielen Dank, Gabi. Ich möchte erst einmal einen Tee. Wir warten mit dem Essen am besten noch bis Ruri-chan hinzugekommen ist. Die Reise war interessant. Wenn Herr Loose Zeit hat, würde ich gerne beim Essen darüber berichten."
Die Frau rafft ihr Kleid mit beiden Händen und macht noch einen Knicks bevor sie eine seitliche Tür öffnet und etwas sagt. Danach geht sie weiter und betritt einen anderen Raum.
Aus dem Raum, dessen Tür die Frau offengelassen hat, tritt nun ein Mann und kommt lächelnd auf uns zu. Er trägt lederne Schuhe und darüber eine braune Hose. Die Schnürung der Schuhe geht bis zu den Waden. Darüber trägt er ein weißes Hemd mit bauschigen Ärmeln, das über die Hose fällt. Über dem Hemd trägt er eine braune Weste ohne Ärmel, die vor der Brust weit geschnürt ist.
Er schiebt den Armlehnstuhl an die Wand und setzt sich uns gegenüber auf den Hocker. Dann sagt er:
"Hallo Herr Schmidt, Sie sind zurück und haben eine interessante Person mitgebracht, wie ich sehe!"
"Ja," antwortet Herr Schmidt. "Die Magd heißt Mary O'Brien, kommt ursprünglich aus Edmonton, Kanada, und wurde in einer Schule für Meidos in einer der nördlichen Präfekturen in Japan ausgebildet."
In diesem Moment kommt Gabi hinzu und stellt eine Kanne mit dampfendem Tee auf den Tisch. Nun dreht sie sich zu einem Sideboard, neben dem jetzt der Armlehnstuhl steht. Von dort nimmt sie Geschirr und verteilt Tassen und Untertassen auf dem Tisch.
Herr Schmidt wendet sich an sie und sagt:
"Gabi, würdest du bitte nach Ruri-chan schauen? Bitte sie auch an den Tisch und bereite dann ein ortstypisches Essen für fünf Personen."
Gabi schaut ihren Herrn an. Nachdem dieser wohlwollend nickt, verlässt sie das Haus und ist wenige Minuten später in Begleitung Ruri-chans zurück. Master Schmidts Meido lässt sich nun am Kopfende des Tisches im Kniesitz nieder. Der Hausherr hebt nun seine Tasse etwas an und tunkt zwei Finger hinein. Damit benetzt er einen Stein in der Tischplatte und sagt dazu:
"Unsterbliche Natur, lasse unsere neue Mitbürgerin eine neue Heimat in Hagenholt finden."
Herr Schmidt macht es ihm gleich und wir trinken alle einen ersten Schluck.
"Mary muss noch Deutsch lernen," erklärt Herr Schmidt, "dennoch kann sie neben dem Sprachkurs, mal alleine mal gemeinsam mit Ruri-chan, auf deiner Bühne als Geisha auftreten. Du hast ja auch noch die Bauchtänzerin! Damit lässt sich ein zeitfüllendes Programm aufbauen. Natürlich wären ortübliche alte Tänze besser für deine Taverne! Ich denke, das kommt noch. Wenn Mary in Deutsch dann besser ist, sollte sie vielleicht altirische Tänze einstudieren. Diese Rhythmen bringen ganz sicher Stimmung in die Taverne! Aber bis dahin vergeht noch etwas Zeit."
Herr Schmidt hat jetzt mehrfach meinen Namen angesprochen. Der Besitzer der Taverne hat mich dann jeweils angesehen und wohlwollend genickt. Obwohl ich der Sprache noch nicht mächtig bin, fühle ich mich hier schon ein wenig heimisch. Das Ritual um den Bunrei oder wie der Stein in der Tischplatte hier genannt wird, ist dasselbe wie in Japan. So denke ich, dass der Umgang miteinander hier ebenso respekt- und ehrenvoll ist, wie in Japan.
*
Yvonne Müller und ich arbeiten in einer mittelständigen Schreinerei. Sie sitzt im Büro und ich arbeite an den Maschinen. Wir haben bei Betriebsfeiern schon öfter Worte miteinander gewechselt, aber aus irgendeinem Grund gibt sie sich unnahbar. Weiß der Himmel, warum?
Sie ist eigentlich genau die Frau, die ich mir erträume - nicht zu groß, mit hübschem kleinem Busen, schmalen Fußgelenken und einem zurückhaltenden Wesen. Zu meinem Leidwesen blockt sie alle meine Annäherungsversuche ab.
Yvonne hat sehr helles, weißblondes Haar, das ihr auf die Schultern fällt. Ihre Haut ist gebräunt, ihre Augen dunkelbraun. Für mich ist sie aufregend schön. Oft habe ich davon geträumt, ihren nackten Körper in den Armen zu halten.
Ich habe ihr hin und wieder vorgeschlagen, mich ins Kino oder in ein Restaurant zu begleiten, aber sie hat bisher immer abgelehnt. Ein- oder zweimal habe ich sie während der vergangenen Monate in wechselnder männlicher Begleitung gesehen. Heute Abend nun hat sie mich überraschend angerufen und vorgeschlagen, gemeinsam auszugehen.
Sie wolle mit mir reden, hat sie am Telefon gesagt. Gespannt fahre ich zum vorgeschlagenen Treffpunkt. Wir schauen uns zuerst einen Kinofilm an, den sie ausgewählt hat. Sie sitzt schweigsam und seltsam verkrampft neben mir. Danach gehen wir, immer noch schweigsam, nebeneinander in die Altstadt.
"Magst du in die kleine Kneipe, da vorne?" frage ich sie.
Sie nickt. Nun sitzen wir uns an einem kleinen Tisch gegenüber. Sie hat mich allein sprechen wollen. Auf mich wirkt sie ziemlich zerstreut.
Bisher habe ich sie noch nie so erlebt. Normalerweise gibt sie sich intellektuell, zurückhaltend, gefasst, abweisend.
Sie nippt an ihrem Bierglas, wischt sich den Schaum von der Oberlippe und schaut mich an. Noch weiß ich nicht, warum sie um das Treffen gebeten hat.
Spontan lege ich meine Hand auf ihre. Daraufhin zieht sie ihre Hand impulsiv zurück.
"Nicht!" kommentiert sie meine Geste. "Ich mag das nicht. Versuche nicht mir männlich zu kommen. Ich mag die Männer nicht. Und ich gefalle mir nicht einmal selbst."
"Dann verstehe ich nicht, was dieses Gespräch bringen soll."
Ich schiebe meinen Stuhl vom Tisch ab, um aufzustehen zu können.
"Nein," sagt sie schnell. "Bitte geh? nicht. Ich muss dringend mit dir sprechen, Andi."
Ich schaue ihr in die Augen, die mich anflehen. Ich bin neugierig und sie ist hübsch.
"Warum willst du mich sprechen?" frage ich. "Bisher hast du mich doch kaum beachtet."
"Es gibt Gründe. Ich hatte so eine unterschwellige, unerklärliche Furcht vor dir, Andi."
Ich lache leise und frage sie:
"Wieso denn das?"
"Du hast so etwas an dir," sagt sie leise mit gesenktem Blick. "Ich weiß eigentlich nicht, was es ist. Eine Art Ausstrahlung, eine Männlichkeit."
Sie hebt schnell den Blick.
"Versteh' das richtig. Ich finde so etwas abstoßend!" ergänzt sie.
"Schon gut, Yvonne," beschwichtige ich.
"Aber ich fühle mich irgendwie weiblich dabei, irgendwie schwach. Ich möchte aber nicht weiblich sein, nicht schwach. Ich möchte stark sein, selbstbewusst mein Leben in der Hand haben."
"Aisatsu -Hallo-, Mary-chan-," begrüßt der Buchou mich lächelnd. "Heute wirst du die Insel verlassen und dann in der Ferne leben. Ich möchte mich bedanken. Deine Auftritte haben die Gäste für die Zeit ihres Hierseins ihren Alltag vergessen lassen! Ich wünsche dir viel Glück in deiner neuen Heimat!"
Er verbeugt sich eine Spur tiefer, als gegenüber einer Meido üblich. Das freut mich sehr. Strahlend lächelnd verbeuge ich mich besonders tief und bedanke mich respektvoll für das Lob und die guten Wünsche.
Anschließend gehe ich zurück in meine Unterkunft und packe meine wenigen Sachen zusammen. Danach werde ich zur Unterkunft von Master Schmidt gebracht. Auch Ruri-chan hat schon gepackt. Schnell soll ich zivile Kleidung anziehen. Wir warten auf Tanaka-San, der uns zur Hafenstadt der Präfektur Kyoto bringen wird.
Danach fahren wir mit dem Aufzug hinunter zur Ebene Null und steigen in das Flugboot ein, mit dem ich auf die Insel gekommen bin. Inzwischen weiß ich, dass die Leute hier das Gerät einen Meisai -Tarn- nennen. In beinahe einer halben Stunde sind wir im Hafen von Maizuru angekommen und stehen wenige Minuten später auf dem Gelände einer Werft. An der Pforte bestellt man uns ein Taxi, mit dem wir zum Bahnhof der Stadt gebracht werden.
Von dort fahren wir mit dem Zug zum Flughafen nach Kyoto und checken in ein Flugzeug nach Frankfurt ein. Diese Destination liegt in Germany, erklärt Master Schmidt, obwohl ich von einer Stadt dieses Namens auch in Nordamerika gehört habe. Ich bin gespannt.
Drei Stunden später sitzen wir im Flugzeug. Es startet genauso steil vom Ende der Startbahn, wie ich es vom Meisai gewohnt bin. Danach sind wir beinahe einen ganzen Tag in der Luft. Nach der Landung geht es wieder mit dem Zug weiter und schließlich mit einem Bus.
Wir steigen in einem kleinen Ort mit alten Häusern aus. So habe ich mir in meiner Fantasie immer Europa vorgestellt, woher meine Vorfahren stammen. Master Schmidt telefoniert in einer fremden Sprache und wenig später hält ein Cab an der Bushaltestelle. Während Master Schmidt auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, verstaut der Fahrer den Koffer und meine Reisetasche im Gepäckraum. Danach machen Ruri-chan und ich es uns auf der Rückbank bequem.
Der Wagen fährt aus dem Ort heraus. Wir kommen an Feldern und Weiden vorbei. Dann hält das Cab auf einem großen Parkplatz an einem Waldrand. Wir steigen aus und der Fahrer reicht uns unser Gepäck an. Master Schmidt bezahlt den Mann und er fährt wieder zurück.
"Na, dann wollen wir mal!" meint Master Schmidt nun und entfernt sich über den Weg, der am Waldrand vorbeiführt, vom Parkplatz. Wir folgen ihm. Weiter vorne kann ich einen gemauerten Turm erkennen, an dessen Spitze sich Flügel im Wind drehen. Bald kommen auch strohgedeckte Hütten in Sicht.
Master Schmidt betritt eine der Hütten und stellt den Koffer ab. Während Ruri-chan sich nun um den Kofferinhalt kümmert, wendet sich der Herr an mich:
"Komm mit, Mary. Ich bringe dich zur Taverne, deiner neuen Wirkungsstätte."
Er verlässt die Hütte wieder und geht auf eine Höhere in der Nähe zu. Neugierig folge ich ihm. Dort angekommen, läutet er an der Tür und wenige Augenblicke danach öffnet eine Frau in einem knöchellangen roten Kleid mit Raffungen und einer weißen Schürze darüber. Gegürtet ist sie mit einem Ledergürtel, an dem eine lederne Tasche hängt. Auf dem Kopf trägt sie eine weiße Haube.
Als sie uns sieht, macht sie einen Knicks und beugt den Kopf leicht vor.
"Guten Tag, die edlen Herrschaften," begrüßt sie uns. "Treten Sie bitte ein. Hatten Sie eine gute Reise? Sie müssen sicher hungrig sein?"
Sie führt uns an einen niedrigen Tisch, an dessen einer Schmalseite ein Armlehnstuhl mit vielen Schnitzereien steht, sowie abwechselnd je ein Bodenkissen und ein Hocker.
"Bitte, setzen Sie sich," sagt sie. "Ich sage eben dem Hausherrn Bescheid und hole etwas von der Kochstelle."
Master Schmidt antwortet ihr lächelnd:
"Vielen Dank, Gabi. Ich möchte erst einmal einen Tee. Wir warten mit dem Essen am besten noch bis Ruri-chan hinzugekommen ist. Die Reise war interessant. Wenn Herr Loose Zeit hat, würde ich gerne beim Essen darüber berichten."
Die Frau rafft ihr Kleid mit beiden Händen und macht noch einen Knicks bevor sie eine seitliche Tür öffnet und etwas sagt. Danach geht sie weiter und betritt einen anderen Raum.
Aus dem Raum, dessen Tür die Frau offengelassen hat, tritt nun ein Mann und kommt lächelnd auf uns zu. Er trägt lederne Schuhe und darüber eine braune Hose. Die Schnürung der Schuhe geht bis zu den Waden. Darüber trägt er ein weißes Hemd mit bauschigen Ärmeln, das über die Hose fällt. Über dem Hemd trägt er eine braune Weste ohne Ärmel, die vor der Brust weit geschnürt ist.
Er schiebt den Armlehnstuhl an die Wand und setzt sich uns gegenüber auf den Hocker. Dann sagt er:
"Hallo Herr Schmidt, Sie sind zurück und haben eine interessante Person mitgebracht, wie ich sehe!"
"Ja," antwortet Herr Schmidt. "Die Magd heißt Mary O'Brien, kommt ursprünglich aus Edmonton, Kanada, und wurde in einer Schule für Meidos in einer der nördlichen Präfekturen in Japan ausgebildet."
In diesem Moment kommt Gabi hinzu und stellt eine Kanne mit dampfendem Tee auf den Tisch. Nun dreht sie sich zu einem Sideboard, neben dem jetzt der Armlehnstuhl steht. Von dort nimmt sie Geschirr und verteilt Tassen und Untertassen auf dem Tisch.
Herr Schmidt wendet sich an sie und sagt:
"Gabi, würdest du bitte nach Ruri-chan schauen? Bitte sie auch an den Tisch und bereite dann ein ortstypisches Essen für fünf Personen."
Gabi schaut ihren Herrn an. Nachdem dieser wohlwollend nickt, verlässt sie das Haus und ist wenige Minuten später in Begleitung Ruri-chans zurück. Master Schmidts Meido lässt sich nun am Kopfende des Tisches im Kniesitz nieder. Der Hausherr hebt nun seine Tasse etwas an und tunkt zwei Finger hinein. Damit benetzt er einen Stein in der Tischplatte und sagt dazu:
"Unsterbliche Natur, lasse unsere neue Mitbürgerin eine neue Heimat in Hagenholt finden."
Herr Schmidt macht es ihm gleich und wir trinken alle einen ersten Schluck.
"Mary muss noch Deutsch lernen," erklärt Herr Schmidt, "dennoch kann sie neben dem Sprachkurs, mal alleine mal gemeinsam mit Ruri-chan, auf deiner Bühne als Geisha auftreten. Du hast ja auch noch die Bauchtänzerin! Damit lässt sich ein zeitfüllendes Programm aufbauen. Natürlich wären ortübliche alte Tänze besser für deine Taverne! Ich denke, das kommt noch. Wenn Mary in Deutsch dann besser ist, sollte sie vielleicht altirische Tänze einstudieren. Diese Rhythmen bringen ganz sicher Stimmung in die Taverne! Aber bis dahin vergeht noch etwas Zeit."
Herr Schmidt hat jetzt mehrfach meinen Namen angesprochen. Der Besitzer der Taverne hat mich dann jeweils angesehen und wohlwollend genickt. Obwohl ich der Sprache noch nicht mächtig bin, fühle ich mich hier schon ein wenig heimisch. Das Ritual um den Bunrei oder wie der Stein in der Tischplatte hier genannt wird, ist dasselbe wie in Japan. So denke ich, dass der Umgang miteinander hier ebenso respekt- und ehrenvoll ist, wie in Japan.
*
Yvonne Müller und ich arbeiten in einer mittelständigen Schreinerei. Sie sitzt im Büro und ich arbeite an den Maschinen. Wir haben bei Betriebsfeiern schon öfter Worte miteinander gewechselt, aber aus irgendeinem Grund gibt sie sich unnahbar. Weiß der Himmel, warum?
Sie ist eigentlich genau die Frau, die ich mir erträume - nicht zu groß, mit hübschem kleinem Busen, schmalen Fußgelenken und einem zurückhaltenden Wesen. Zu meinem Leidwesen blockt sie alle meine Annäherungsversuche ab.
Yvonne hat sehr helles, weißblondes Haar, das ihr auf die Schultern fällt. Ihre Haut ist gebräunt, ihre Augen dunkelbraun. Für mich ist sie aufregend schön. Oft habe ich davon geträumt, ihren nackten Körper in den Armen zu halten.
Ich habe ihr hin und wieder vorgeschlagen, mich ins Kino oder in ein Restaurant zu begleiten, aber sie hat bisher immer abgelehnt. Ein- oder zweimal habe ich sie während der vergangenen Monate in wechselnder männlicher Begleitung gesehen. Heute Abend nun hat sie mich überraschend angerufen und vorgeschlagen, gemeinsam auszugehen.
Sie wolle mit mir reden, hat sie am Telefon gesagt. Gespannt fahre ich zum vorgeschlagenen Treffpunkt. Wir schauen uns zuerst einen Kinofilm an, den sie ausgewählt hat. Sie sitzt schweigsam und seltsam verkrampft neben mir. Danach gehen wir, immer noch schweigsam, nebeneinander in die Altstadt.
"Magst du in die kleine Kneipe, da vorne?" frage ich sie.
Sie nickt. Nun sitzen wir uns an einem kleinen Tisch gegenüber. Sie hat mich allein sprechen wollen. Auf mich wirkt sie ziemlich zerstreut.
Bisher habe ich sie noch nie so erlebt. Normalerweise gibt sie sich intellektuell, zurückhaltend, gefasst, abweisend.
Sie nippt an ihrem Bierglas, wischt sich den Schaum von der Oberlippe und schaut mich an. Noch weiß ich nicht, warum sie um das Treffen gebeten hat.
Spontan lege ich meine Hand auf ihre. Daraufhin zieht sie ihre Hand impulsiv zurück.
"Nicht!" kommentiert sie meine Geste. "Ich mag das nicht. Versuche nicht mir männlich zu kommen. Ich mag die Männer nicht. Und ich gefalle mir nicht einmal selbst."
"Dann verstehe ich nicht, was dieses Gespräch bringen soll."
Ich schiebe meinen Stuhl vom Tisch ab, um aufzustehen zu können.
"Nein," sagt sie schnell. "Bitte geh? nicht. Ich muss dringend mit dir sprechen, Andi."
Ich schaue ihr in die Augen, die mich anflehen. Ich bin neugierig und sie ist hübsch.
"Warum willst du mich sprechen?" frage ich. "Bisher hast du mich doch kaum beachtet."
"Es gibt Gründe. Ich hatte so eine unterschwellige, unerklärliche Furcht vor dir, Andi."
Ich lache leise und frage sie:
"Wieso denn das?"
"Du hast so etwas an dir," sagt sie leise mit gesenktem Blick. "Ich weiß eigentlich nicht, was es ist. Eine Art Ausstrahlung, eine Männlichkeit."
Sie hebt schnell den Blick.
"Versteh' das richtig. Ich finde so etwas abstoßend!" ergänzt sie.
"Schon gut, Yvonne," beschwichtige ich.
"Aber ich fühle mich irgendwie weiblich dabei, irgendwie schwach. Ich möchte aber nicht weiblich sein, nicht schwach. Ich möchte stark sein, selbstbewusst mein Leben in der Hand haben."
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