Dienstag, 15. Februar 2022
Cuiraraill -50-
Ich stehe auf und nicke. Mehr ist nicht drin. Auf der Toilette stehe ich lange vor dem Spiegel und betrachte mich. Gefühle höchsten Glücks und tiefer Panik gleichzeitig lassen mich erzittern. Wie wird das wohl mit mir weitergehen? Was wird er noch von mir verlangen? Was wird aus mir werden? Auf Beinen aus Gummi gehe ich schließlich zurück an unseren Tisch. Mein Zustand entgeht ihm nicht.

"Ich verstehe, wie Du Dich fühlen musst," sagt er mit einer Stimme, in der so viel Zuneigung liegt, dass jetzt meine Augen feucht werden. "Auch für mich ist das der wichtigste Moment meines Lebens!"

Wir heben die Teeschalen, meine Hand zittert. Schnell verlangt er die Rechnung. Er zahlt und verlässt die Herberge. Die Mittagspause ist beendet und mein Unterricht beginnt wieder. Bevor er, glücklich lächelnd, die Herberge verlassen hat, zieht er schnell noch einen Briefumschlag aus der Innentasche seiner Jacke und sagt, ich solle ihn heute Abend nach der Schulung öffnen.

Ich verfolge die Schulung heute Nachmittag mit mangelnder Konzentration. Endlich ist es Abend und ich gehe mit dem Brief auf die Toilette, um allein zu sein. Ich lese:

"Meine liebste Dekyi, ich hoffe, Du bist ebenso glücklich wie ich. Wir wollen weiter keine Zeit verlieren. Untenstehend findest Du meine ersten Anweisungen. Du hast in den Schulungen gelernt, dass der Mann, den du als deinen Herrn anerkennst strikten Gehorsam erwarten darf.
Dein Curadh -Herr-
-Deine Haare bleiben stets ungefärbt
-Du wirst Dich täglich dezent schminken und anmutig kleiden
-Freizügige Kleidung ist tabu
-Diese Anweisungen gelten von jetzt an für alle Zeit."

Diese Nacht ist die unruhigste meines bisherigen Lebens. Die Regeln sind genau die Tugenden einer Nadeshiko, die uns in der Schulung beigebracht werden. Aber es ist eine Sache, darüber zu hören und eine Andere, sie ausführen zu sollen.

*

Vor etwa zwei Jahren habe ich mich in meinem Medizinstudium nebenbei für die traditionelle irische Naturmedizin interessiert und mein Professor hat mir den Tipp gegeben, mich mit Curadh Murchardh in Cuiraraill in Verbindung zu setzen. Ich habe den Mann verständnislos angesehen, denn einen Ort dieses Namens ist mir bis dahin völlig unbekannt gewesen.
Mein Professor hat mir erklärt, dass ich diesen Ort auf der Dingle Penninsula finde, beim Sybil Head. Neugierig bin ich dorthin gefahren. Ich bin gespannt gewesen, wer dieser Máistir Murchardh ist, der vor einem Dutzend Jahren bei meinem Professor ebenfalls seinen Dochtuir gemacht hat. Warum lässt er sich Curadh nennen?

Im Laufe der Gespräche mit Curadh Murchardh haben wir unsere gegenseitige Sympathie erkannt. Er ist der Meinung, dass ein praxisnahes Studium unserer Naturmedizin wohl ein Leben lang dauert, was mich aber nicht abschrecken darf. Ganz im Gegenteil, ich soll die Naturmedizin quasi als Hobby und Lebensaufgabe betrachten. Also habe ich zuerst Curadh Murchards Angebot angenommen, bei ihm ein Studentenzimmer zu beziehen und mich von seiner Wench -Magd- bekochen zu lassen.

Schnell hat sich herausgestellt, dass der dadurch weitere Anfahrtsweg zur Uni mehr als wettgemacht wird, durch die Einblicke in den Lebensstil der Leute in Cuiraraill. Alle Curadhs in Cuiraraill leben mit Wenches -Mägden- zusammen. Viele davon sind gleichzeitig die Lebensgefährtinnen ihrer Herren. Sie leben also in Beziehungen mit ständigem Machtgefälle.

Curadh Murchardh hat mir angeboten, nach Ende meines Medizinstudiums in Cuiraraill eine eigene Arztpraxis zu eröffnen. Wenn sie auch nicht direkt im Zentralort liegt, sondern außerhalb in einer der Flecken, die aus einer Handvoll Bauernhöfen bestehen, so freue ich, Aidan, mich doch auf meine neue Aufgabe.

Als ich zu Beginn das besondere Verhältnis zwischen Runa und Curadh Murchadh entdeckt habe, was nicht schwer zu erkennen ist, wenn man im gleichen Haushalt wohnt, habe ich mich unter meinen Kommilitoninnen umgesehen. Vielleicht fände ich ja dort auch eine Wench für mich.

Leider habe ich niemand gefunden. Auch spreche ich mit Curadh Murchardh immer wieder einmal darüber. Mein Mentor hat mich dann stets vertröstet auf die Zeit nach meinem Studium. Im Ort haben wir seit kurzem Besuch aus Japan. Die Frau, Asuka-San, macht Lehrgänge mit den Wenches vor Ort. Dazu geht sie mit Mary, der Wench des Holzbildhauers Franck, und Alainn, der Wench des Méara, vormittags von Teach zu Teach. So treffen sich die Frauen im Ort täglich für zwei bis drei Stunden in einem anderen Haus.

Außerdem ist ein Mann mitgekommen, Akiyama-San, der Nachfahre der Samurai sein soll, der japanischen Ritter. Dieser Mann lehrt die Männer im Ort in deren Freizeit das Ju-Jutsu, eine leicht zu erlernende Selbstverteidigungstechnik. Daneben darf sich jeder Mann eine alte Waffe aussuchen. Akiyama-San bringt ihm dann bei, die Waffe durch Meditation virtuos zu benutzen. Er erzählt, dass die Samurai damals nach einer bestimmten Ethik gelebt haben, die sich in einer Liste von Tugenden zusammenfassen lässt.

Bestimmt, um das Training mit Humor aufzulockern, rezitiert er zwischendurch kurze japanische Gedichte. Diese Haikus sollen von den Samurai verfasst worden sein, wie die Minnegesänge der europäischen Ritter. Die Haikus sind gegenüber den Minnegesängen allerdings kurz und prägnant.

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