Mittwoch, 9. Februar 2022
Cuiraraill -47-
Lebe ich einen Traum? Bin ich Teil eines Märchens? Ich weiß nicht recht, wie ich mein Leben in Irland beschreiben soll. Wo fange ich an?

Ich bin in Nord-Indien meinem Herrn entlaufen und durch die Gassen der Stadt gestreunt, einerseits auf der Suche nach meiner Schwester Tashima, andererseits natürlich ständig auf der Suche nach Essbarem. Meine Eltern sind arme Bauern und mussten mich, Dekyi und meine jüngere Schwester Tashima als Hausmädchen in die Stadt verkaufen. Dabei sind wir getrennt worden.

Irgendwann habe ich eine Leidensgenossin getroffen, die mich auf eine Garküche in einem größeren Gebäude aufmerksam gemacht hat, wo man auch in Mehrbettzimmern nächtigen kann, ohne Angst zu haben, von betrunkenen Heimkehrern vergewaltigt zu werden.

In diesem Haus gibt es auch eine Näherei, die gebrauchte Kleidung wieder aufarbeitet. Immer wieder werden Ballen gebrauchter Kleidung dafür angeliefert. Frauen, die keine Nähmaschine bedienen können, sortieren die Kleidungsstücke. Die aufgearbeitete Kleidung wird abgeholt und verkauft. Davon kann unser Haus Nahrungsmittel kaufen.

Die irreparable Kleidung wird in einem Reißwolf zu Stofffetzen verarbeitet und mit angeliefertem Stroh vermischt. Das Gemisch wird von einer anderen Maschine wieder zu Ballen gepresst.

Ist das eine Freude gewesen, als ich Tashima bei einem meiner Rundgänge unter einem Joch ächzend auf der Straße entdeckt habe. Wir machen diese Rundgänge, um weitere entlaufene Kamlahari zu finden und ihnen das Haus als Anlaufstelle zu zeigen, damit sie genug zu essen haben und ordentlich gekleidet sind. Auch, um sie des Nachts von der Straße zu holen und ihnen über Tag eine Beschäftigung zu bieten.

Ich habe Tashima gesagt, sie soll ihre Last an Ort und Stelle zurücklassen und mir folgen. Tage später ist eines dieser Fluggeräte gekommen, im Innenhof gelandet und hat die Ballen mit Abfall mitgenommen.

Immer wenn das Haus zu voll wird, werden auch Kamlahari mitgenommen. Bald sind auch wir beide an der Reihe. Die Piloten fliegen mit uns in den nahen Himalaya. Dort liegt eine Siedlung, die die Leute Lon-Wa-Lha nennen. Deren Häuser sehen aus wie Haufen zusammengetragener Steine, sind aber innen hohl und wohnlich eingerichtet.

In Lon-Wa-Lha -göttliche Rose- gibt es eine Schule, in der wir Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Auch macht man uns mit der Bedienung von Nähmaschinen und anderen haushaltsnahen Tätigkeiten vertraut.

Nach einem Jahr fragt uns der Lopon -Herr-, der die Schule leitet:

"Nun seid ihr in der Lage, selbst für euren Lebensunterhalt zu sorgen! Wer von euch möchte zurück nach Indien, um dort eine Garküche zu betreiben, oder ein Nähstudio, oder eine Schreibstube? Und wer von euch möchte wieder zurück in den Haushalt eines Herrn, dann jedoch eines Lopon hier in Lon-Wa-Lha, von dem ihr Respekt und Verantwortung für euer Wohl erwarten könnt?"

Eine große Zahl der Kamlahari lässt sich mit einer Grundausstattung versehen wieder zurückbringen, um als wohlerzogene Tochter einen Großteil ihres erwirtschafteten Gewinns an ihre armen Familien abzugeben. Ein Teil bleibt aber in Lon-Wa-Lha, weil die Männer hier ganz anders sind als wir sie bisher kennengelernt haben.

Monate später haben wir Besuch von Europäern in der Stadt. Kurze Zeit später sollen wir in der Herberge zusammenkommen. Der Wandii persönlich kommt zu uns und erzählt von der Heimat der Europäer. Er fragt, wer von uns es sich vorstellen könnte, in den Haushalten dort zu arbeiten.

Etwa dreißig Kamlahari melden sich, darunter auch Tashima und ich, neugierig geworden von der Erzählung des Wandii -Herrscher/Bürgermeister-. Tage später reisen wir mit einer Yak-Karawane in eine kleine Ortschaft und von dort geht es auf der Ladefläche eines Lastwagens weiter bis in eine größere Stadt. Der Lopon, der mit uns gereist ist, kauft in einem Flughafengebäude Flugkarten für uns alle. Leider müssen wir fast einen ganzen Tag im Abflugbereich warten. Der Lopon bleibt aber bei uns und versorgt uns mit allem Nötigen. Auch führt er uns bis zum Gate des Flugzeuges, das uns nach Europa fliegen soll.

Von den Hostessen im Flugzeug werden wir alle zuvorkommend wie Damen behandelt. Das löst bei einigen aus unserer Gruppe schüchternes Kichern aus. So etwas sind wir nicht gewohnt! Schließlich landen wir nach langem Flug in Dublin. Wir lassen uns von dem Strom der Passagiere treiben bis wir fast den Ausgang des Flughafens erreichen. Dort werden wir von mehreren jungen Männern in Empfang genommen und zum Bahnhof gebracht. Dann fahren wir bis Kilarney mit einer elektrischen Eisenbahn.

In Kilarney erkennen wir ein Paar. Die Frau hält ein Plakat an einem Stecken hoch, auf dem auf Nepali der Name Lon-Wa-Lha geschrieben steht.

Wir umringen das Paar und der Mann redet uns in einer fremden Sprache an. Er lächelt und macht eine Geste, dass wir ihm folgen sollen. Die Frau lässt das Schild nun in der Hand hängen und zählt uns durch. Sie achtet darauf, dass keine von uns den Anschluss verliert.

Solch einen Luxus, wie in den benutzten Verkehrsmitteln erlebt, habe ich bisher noch nicht gekannt. Entsprechend platze ich vor Neugier, als wir endlich in Cuiraraill eintreffen.

Wie in Lon-Wa-Lha schon auf den Bildern der Leinwand gesehen, die der Wandii mit einem optischen Gerät angestrahlt hat, sehen die Häuser in Cuiraraill ähnlich aus. Sie bestehen halt aus anderen Steinen.

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