Samstag, 5. Februar 2022
Cuiraraill -45-
Die Ostasiatin erklärt uns während des Essens, dass wir in unserer Ausbildung noch lange nicht fertig sind. Wir haben in Lon-Wa-Lha neben Lesen, Schreiben und Rechnen, haushaltsnahe Tätigkeiten erlernt. Diese Kenntnisse seien nur ein Teil dessen, was wir für die Zukunft wissen müssen, sagt sie. Sie benennt als weitere Kenntnisse die Selbstverteidigung und ein kulturelles Programm, bestehend aus dem Erlernen eines Instruments, Singen, Tanzen und dem Vortragen von Märchen und Gedichten. Außerdem sollen wir Kenntnisse als Gesellschafterin erhalten. Dazu gehören Musik, Gesang und Tanz, das wir zuerst neben der Selbstverteidigung lernen. Aber auch Kenntnisse in Handwerk und Kunst, in Ettikette, Konversation und Romantik wird sie an uns weitergeben, sagt sie, und meint:

"Das zu den Eigenschaften auch Verschwiegenheit und Loyalität gehört, versteht sich von selbst."

'Hm,' denke ich mir. 'Das ist ein ganz schön anspruchsvolles Programm!'

Zur Ablenkung lasse ich während des Essens meinen Blick durch den Speiseraum schweifen. Dabei fällt mir ein junger Mann mit hellen Haaren auf. Er dürfte ungefähr im gleichen Alter sein und schaut ebenso neugierig zu uns herüber. Als sich unsere Blicke treffen, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Dabei entwickeln sich so süße Wangengrübchen...

Zurückhaltend senkt er jedesmal seinen Blick. Nachdem sich das Spiel mehrmals wiederholt hat, erhebt er sich und nähert sich dem Tisch unserer Ansprechpartnerinnen und sicher späteren Lehrerinnen. Kurz spricht er mit ihnen, dann kommt er zu dem Tisch, an dem ich mit meiner Schwester Dekyi und anderen Kamlahari sitze.

Er nickt uns zu und stellt sich allgemein vor. Danach sieht er mich direkt an und fragt, ob er mich zu einem Spaziergang durch die Natur außerhalb des Ortes einladen dürfe. Ich bin neugierig und sage zu. Sein zurückhaltendes Gebaren gefällt mir irgendwie, also erhebe ich mich und folge ihm vor die Herberge.

"Ich heiße übrigens Aidan und bin der zweite Arzt im Ort," stellt er sich namentlich vor. "Darf ich ihren Namen erfahren?"

"Ich bin Tashima, Sir!" antworte ich ihm.

"Mögen Sie den Ort erkunden, Tashima? Darf ich Ihnen dazu meine Begleitung anbieten?"

Ich kann nur nicken. Ich bin noch nie gefragt worden, sondern man hat mir bisher immer gesagt, was ich zu tun habe. Wir entfernen uns vom Gebäude und nähern uns einer riesigen Skulptur. Aidan erklärt mir, dass es sich um den Stumpf des keltischen Lebensbaums handelt. Zwischen zwei Gebäuden treten wir aus dem Ort. Vor uns öffnet sich eine weite Graslandschaft, nur hier und da durch Buschwerk und Bauminseln unterbrochen. Wir halten uns auf einem Schotterweg, an dessen Rand Zäune stehen, hinter denen Rinder einer unbekannten Rasse leben.

In einem Anflug von Sentimentalität frage ich: "Sie sind mir irgendwie sympathisch, Aidan, Sir! Können Sie sich vorstellen, dass wir gemeinsam unsere Freizeit verbringen?"

Er nickt und lächelt ein glückliches Lächeln.

"Ich habe mitbekommen, dass Asuka-San noch eine Menge mit Ihnen vorhat. Die Freizeit, die da noch bleibt, können wir gerne gemeinsam verbringen! Fragen Sie mich alles, was Ihnen während ihrer Ausbildung unklar ist, aber nicht direkt mit ihrer Ausbildung zu tun hat, denn dafür sind die Ausbilderinnen zuständig. Aber ich denke, da bleiben noch genug Themen übrig, die wir erörtern können."

Zwei oder drei kleinere Ansammlungen von Häusern unterbrechen die Naturlandschaft. Ich frage Aidan nun:

"Wer wohnt dort draußen?"

Mein Begleiter antwortet mir:
"Es sind sogenannte Bauernschaften. Das sind zwei bis vier Bauernhöfe, die in der Nähe ihrer Felder, Wiesen und Weiden liegen. So sind die Bauern schnell bei ihrer Arbeit. Dort hinten in der Bauernschaft liegt auch meine Arztpraxis!"

Er weist mit der Hand auf eine kleine Ansammlung von Häusern. Ich nicke verstehend und weise auf eine Reihe von Häusern an der Seite. Sie stehen wie an einer Perlenschnur aufgereiht, von Cuiraraill beginnend in die Wiesen hinein.

"Darin leben die Handwerker und Händler des Ortes," erklärt Aidan und führt mich an einer Weggabelung in Richtung dieser Häuser.

Auch Lon-Wa-Lha hat solch eine Eigentümlichkeit. Dort ist es so, weil die Häuser an einem Bachlauf entlang aufgereiht sind. Ihre Maschinen funktionieren über Wasserräder, die der Bach antreibt. Ich frage Aidan, ob hier derselbe Grund zugrunde liegt. Er zeigt auf die Windräder und erklärt:

"Die Energie liefern die Windräder, aber ihren Wasserbedarf entnehmen sie dem Bach. Daher ist das so."

Als wir die Häuser erreicht haben, gehen wir über einen Weg an den Häusern vorbei wieder auf Cuiraraill zu. Aidan erklärt mir dabei, wer dort wohnt und arbeitet, seine Werkstatt und sein Geschäft hat.

In Cuiraraill angekommen, führt er mich an den Rand der Klippen. Dort ist eine Bank, auf die wir uns nun setzen und auf das blaue Meer hinausschauen. Dabei stelle ich ihm die Frage:

"Was ist eigentlich das Besondere an Ihnen?"

"Hm," brummt er und schaut mich unsicher an. "Das Besondere an uns... Die ehrenwerte Asuka-San kann dir das Bild der japanischen Prachtnelke am besten erklären, Tashima. Es ist ein Symbol für das japanische Frauenideal. Man sagt, sie ist unterwürfig und gehorsam gegenüber ihrem Herrn, kann aber gegenüber Fremden durchaus durchsetzungsfähig und willensstark auftreten. Sie bringt alle nötigen Opfer zum Wohlergehen ihres Herrn.
Zu ihr passt dann aber kein gewöhnlicher Mann. Ihr Gegenstück muss durch und durch ein Herr sein! Er sollte die Tugenden der Samurai leben!"

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