Donnerstag, 3. Februar 2022
Cuiraraill -44-
Diese Ballen werden im großen Innenhof unter einem Dach gelagert. Die schweren Arbeiten übernehmen hier Männer, die genauso zu unserem Schutz fungieren. Ich bin nun schon eine Woche in dem Haus. Immer wieder sind entlaufene Kamlahari in dieser Zeit hinzugekommen.

Eines Nachts werde ich von einem lauten Geräusch wach. Es hört sich an wie einer dieser tieffliegenden Militärhubschrauber. Im ersten Reflex drücke ich mich fest an Dekyi, die von dem Geräusch ebenfalls erwacht ist. Sie schüttelt beruhigend den Kopf und meint:

"Das ist ein Fluggerät vom Wandii von Lon-Wa-Lha. Es holt die Ballen ab, die im Innenhof gestapelt sind. Ab und zu bringt es auch eine Gruppe von uns nach Lon-Wa-Lha."

"Was geschieht mit uns dort?" frage ich ängstlich.

"In Lon-Wa-Lha gibt es eine Schule, in der wir Lesen, Schreiben und Rechnen lernen können. Man hat mir hier gesagt, dass wir dort auch Berufe erlernen können, mit denen wir hier ein kleines Geschäft aufmachen und unseren Lebensunterhalt selbst verdienen können."

Ich habe Dekyi mit großen Augen zugehört. Wochen später, oft ist dieses Fluggerät in der Zwischenzeit im Innenhof gelandet, erhalten wir am Abend den Auftrag, uns bereit zu halten. In der Nacht steigen wir in den Tarn, wie die Männer das Fluggerät nennen, ein und sind gegen Morgen in einem weiten Gebirgstal angekommen. Ein Mann mit ebenfalls mongolischen Gesichtszügen und eine Frau mit heller europäischer Haut begrüßen uns.

Sie führen uns auf eine Ansammlung von großen kuppelförmigen Steinhaufen zu. Beim Näherkommen erkenne ich, dass einige dieser Bauten langgezogen sind. Auf ein solches Bauwerk führt uns das Paar zu, dass sich nach dem Aussteigen als Wandii von Lon-Wa-Lha und seine Tsomo -Ehefrau- vorgestellt hat. In dem Bauwerk erhalten wir wieder Gemeinschaftsunterkünfte und werden unseren Lehrern vorgestellt. Alle sind so freundlich zu uns!

*

Jahre später erklärt der Wandii, dass die Schule uns nichts mehr beibringen kann. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen haben wir haushaltsnahe Tätigkeiten wie Kochen, Nähen und Putzen erlernt, aber auch, wie man am Tisch ehrerbietig, geschickt, unaufdringlich und meist auch leise serviert. Ein anderes Beispiel ist wie man sich anmutig bewegt und läuft.

Da wir früher zumeist niedere Tätigkeiten ausführen mussten, einige meiner Mit-Schwestern von Morgendämmerung bis zum Beginn der abendlichen Dunkelheit an mechanischen Nähmaschinen und Webstühlen gesessen haben, ist uns vieles neu gewesen. Entsprechend begierig haben wir den Lehrstoff aufgesogen. Und nun sollen wir uns selbst entscheiden, welchen Weg wir in Zukunft einschlagen wollen.

Einige meiner Mit-Schwestern entscheiden sich dazu, zu ihren Familien in die Dörfer zurückzukehren. Sie wollen kleine Garküchen für die Feldarbeiter eröffnen und ihre Familien damit unterstützen. Der Wandii meint, dass sie in einer Stadt bei den vielen Büroarbeitern mehr Geld erwirtschaften könnten. Er verspricht ihnen, dass sie genug Geld für die Erstausstattung an Gerätschaften erhalten. Dann könnten sie ihre Familien viel besser unterstützen.

Die meisten meiner Mitschwestern, darunter auch Dekyi und ich, entscheiden sich aber, in Lon-Wa-Lha zu bleiben und in den Haushalten der Lopon -Herren- eine Anstellung zu suchen. Schon während unserer Schulzeit haben wir erleben dürfen, dass die Männer hier die Frauen höflich und respektvoll behandeln, auch wenn es sich um Bedienstete handelt.

In diese Zeit fällt auch eine Anfrage des Wandii, wer von uns gerne einmal fremde Länder erleben möchte. Er sagt, dass er eine Anfrage von einer Stadt namens Cuiraraill erhalten hat. Dort sucht man ebenfalls Frauen, die sich mit Haushaltsführung auskennen. Fast dreißig meiner Mitschwestern melden sich neugierig. Ich verständige mich mit Dekyi per Augenkontakt. Sie nickt und auch wir beide melden uns.

Der Wandii gibt uns nach einigen Tagen Flugkarten und dann geht es mit einer Yak-Karawane und auf der Ladefläche eines Lastwagens nach Katmandu und von dort mit einem Flugzeug nach Europa. Unser Ziel heißt Dublin. Dort werden wir von mehreren jungen Männern in Empfang genommen und zum Bahnhof gebracht. Dann fahren wir zu einem Ort namens Killarney, um von dort mit einem Reisebus zu unserem Zielort zu fahren. Solch einen Luxus, wie in den benutzten Verkehrsmitteln erlebt, habe ich bisher noch nicht gekannt. Entsprechend platze ich vor Neugier, als wir endlich in Cuiraraill eintreffen.

Dort werden wir von einer Ostasiatin und zwei Europäerinnen begrüßt und in ein längliches Gebäude geführt. Man erklärt uns, dass dies hier das Inn -Gasthaus mit Fremdenzimmer/Herberge- des Ortes ist, indem man Speisen, Wohnen und Feiern kann. Die Frauen fordern uns auf, uns an die Tische des Gastraumes zu setzen, der im Augenblick spärlich besetzt ist. Wir erhalten ein fremdländisches Essen vorgesetzt. Auf jedem Tisch steht ein Rondell mit verschiedenen Gewürzen, mit denen wir uns das Essen gemäß unserer Gaumen nachwürzen dürfen.

... comment