Donnerstag, 20. Januar 2022
Cuiraraill -37-
"Oh," entfährt es Alainn. Sie macht ein erschrecktes Gesicht. Auch ich bin unangenehm berührt. Die junge Frau berichtet weiter:

"Hier kommt der ehrenwerte Wandii ins Spiel, Lopon -Herr-," sie neigt den Kopf und macht eine kurze Redepause. "Er hat eine Organisation zum Schutz der Kamlahari ins Leben gerufen: Ehemalige Kamlahari bekommen Geld zum Lebensunterhalt. Dafür sollen sie in den Städten umhergehen und Kamlahari, die sie unterwegs treffen, davon überzeugen sich von ihren Herren loszusagen. Den Kamlahari wird versprochen, dass sie dann wählen können, ob sie zu ihren Familien zurückkehren oder eine gründliche Schulausbildung im Kloster nahe Lon-Wa-Lhas erhalten. Nach dieser Ausbildung sind sie in der Lage selbständig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Oder sie gehen nach einigen weiterführenden Semestern in die Haushalte der Tibeter, die in Lon-Wa-Lha im Himalaya siedeln."

"Ah," mache ich und stelle fest: "Du hast also diesen dritten Weg gewählt?"

"Ja, mir erschien Lon-Wa-Lha wie das Paradies auf Erden. Ich habe in den zehn Jahren, die ich nun von meinen Eltern getrennt bin viel Schlimmes erlebt! Hier erhalte ich neben einem Zimmer, angemessene Kleidung und gutem Essen auch regelmäßig monatlich eine kleine Summe, mit der ich als wohlerzogene Tochter meine Eltern und Geschwister unterstützen kann."

"Das geschieht auf Initiative des Wandii hier?" frage ich noch einmal nach.

Sie nickt und meint: "Der Wandii ist sehr freundlich zu uns, Lopon!"

"Okay," meine ich. "Da stimme ich Ihnen vollkommen zu! Aber nun wollen wir uns niederlegen, da wir letzte Nacht auf der Reise nicht schlafen konnten. Darf ich vorher noch ihren Namen erfahren?"

"Pelmo -Ruhmreiche-, mein Lopon -Herr-."

Die Kamlahari zieht sich nach einer Verbeugung diskret zurück.

*

Am Abend sind viele Männer in der großen Halle der Herberge zu Gast. Wir halten uns am Rand und beobachten das folkloristische Treiben, das sich uns heute bietet. Es gibt Fladenbrot mit verschiedenen aromatischen Soßen und Yak-Fleisch. Dazwischen verschiedene Gänge mit Wildbret und Reis. Die Kamlahari schenken vergorene Yak-Milch, vergorenen Beerensaft und Tee aus. Auf einer kleinen Bühne an einer Schmalseite des großen Raumes wird ein traditioneller Maskentanz aufgeführt, der die Naturgötter der Ahnen gütig stimmen soll, wie uns die Kamlahari erklärt, die uns seit heute Morgen nicht von der Seite weicht.

Danach treten drei junge Frauen in einem Hauch von nichts auf. Mit Glöckchen an Hand- und Fußgelenken und rhythmisch stampfenden Bewegungen tanzen sie bei sinnlichen Windungen ihres Rumpfes ihren Liebestanz. Die Männer, inzwischen schon berauscht, klatschen den Takt im Rhythmus mit. Zum Abschluss bieten die Maskentänzer wieder eine mythische Sage tänzerisch dar.

Dann erhebt sich der Wandii Tashi Gonpo, dankt den Göttern für die glückliche Heimkehr seines Sohnes und schüttet ein paar Tropfen seines Getränkes auf den Norbu -Stein- in der Tischplatte vor sich.

"Chime Shita Jin Lobsang Lobsang Gonpo. -Unsterbliche Erdgöttin, schenke Lobsang Gonpo die rechte Einsicht-."

Die Männer in seiner Nähe wiederholen die Zeremonie und alle Gäste skandieren dann dreimal den Namen der Siedlung. Mit Musik, Tanz und Gesängen, zu Speisen und Getränken klingt das Fest etwa um Mitternacht herum aus und wir ziehen uns wieder in unsere Zimmer zurück. Die Zeremonie um den Stein in der Tischplatte ist mir sofort als bekannt aufgefallen.

*

Am Abend nach unserer Heimkehr sind die Wangpoo -Ratsherren- und viele andere Männer aus Lon-Wa-Lha in der Versammlungshalle zu Gast. Wie lange habe ich, Lobsang Gonpo die heimatliche Küche vermisst! Auf einer kleinen Bühne an einer Schmalseite der Halle wird den Herren traditionelle Tänze geboten. Dann erhebt sich mein Vater, dankt den Göttern für meine glückliche Heimkehr und schüttet, wie es bei uns Brauch ist, ein paar Tropfen seines Getränkes auf den Norbu in der Tischplatte.

"Chime Shita Jin Lobsang Lobsang Gonpo -Unsterbliche Erdgöttin, schenke Tashi Gonpo rechte Einsicht-."

Die Gäste wiederholen die Zeremonie und skandieren dann dreimal den Namen unserer Stadt. Unsere Heimatstadt ist uns mehr als eine Ansammlung von Häusern, mehr als Wohnung und Arbeits-, Lebensraum. Unsere Stadt ist wie ein mystisches Gebilde, eine Manifestation der unsterblichen Götter. Sie bedeutet die Summe der Tradition, das Erbe unserer Ahnen. Sie hat einen Charakter, der sich in unseren Sitten und Gebräuchen manifestiert und die Zeiten überdauert. Es ist uns eine Ehre, für ihre Erhaltung zu kämpfen. Sie ist uns nur geborgt, um sorgsam mit ihr umzugehen und sie an die nächste Generation weiter zu geben.

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