Dienstag, 18. Januar 2022
Cuiraraill -36-
Kurz vor dem Start frage ich, ob ich ihn mit einem unserer Duaithníocht -Tarn- begleiten dürfte. So erhalte ich die Möglichkeit, mir im Gegenzug Lon-Wa-Lha anzusehen und welche Produkte von dort in Cuiraraill handelbar sind. Wir fliegen also in Formation nur des Nachts, wobei wir jeweils 1600 Kilometer zurücklegen und für die Strecke etwa eine Woche brauchen.

Tagsüber verstecken wir die beiden Tarn weitab der Zivilisation, mit Buschwerk nach oben getarnt. Auch halten wir dafür einen Abstand von etwa 500 Meter voneinander. Nach fünf Tagen erreichen wir die Ausläufer des Himalaya. Bei Tagesanbruch des sechsten Tages haben wir ein Gebirgstal erreicht, indem sich eine Ansammlung runder Bauten befinden, die den Teach in Cuiraraill bis auf Nuancen zum Verwechseln ähnlich sehen.

Der Tarn der Leute, die hier beheimatet sind, schwebt langsam in eine weite Höhlung in einer Felswand am Rande der Ansiedlung. Ein Mann in Brauntönen gekleidet steht neben einer Frau in vorwiegend roter Kleidung. Zwei Männer in roten Roben stehen abwartend in der Nähe. Wir landen unseren Tarn neben dem Anderen und steigen aus.

Inzwischen sind unsere nepalesischen Freunde auf die Gruppe zugegangen und haben ein paar Worte gewechselt. Das Paar nähert sich nun uns. Master Gonpo begleitet sie und stellt uns einander vor. Wir erfahren, dass das Paar die Eltern von Lobsang Gonpo ist und der Mann, Tashi Gonpo, der Wandii -Herrscher- von Lon-Wa-Lha ist. Die Frau neben ihm wird uns als Leonie Yiga vorgestellt. Das lässt mich stutzen. Der Name hört sich zum Teil europäisch an. Auch die Gesichtszüge sehen eher europäisch aus.

Zur Begrüßung neigt der Mann leicht den Kopf und hebt die rechte Hand nach links vor sein Herz. Er spricht uns auf Englisch an:

"Good Morning, Sir. We are glad to see you. Please, follow us."

Die beiden Männer in roten Roben sind stehen geblieben. Wir gehen nun auf sie zu und sie schließen sich lächelnd unserer, vom Wandii geführten Gruppe an.

Wir betreten eines der Häuser. Eine ebenso bunt gekleidete junge Frau lässt sich blicken und der Wandii spricht sie an. Sie verbeugt sich und ist kurz darauf wieder hinter einer Tür verschwunden. In der Zwischenzeit haben wir unsere Schuhe gegen Hausschuhe gewechselt und der Wandii führt uns an einen Tisch in dem großen Raum. Mir fällt gleich auf, dass auch in diesen Tisch ein Stein eingelassen worden ist.

Kurz darauf kommt die junge Frau wieder hinzu. Diesmal hat sie eine Teekanne und einen Stapel Teeschalen in den Händen. Die Frau des Wandii nimmt ihr die Teeschalen ab und verteilt sie an jeden Anwesenden. Nun füllt die junge Frau jede Teeschale aus der Teekanne. Mit Rücksicht auf uns spricht der Wandii auf Englisch:

"Welcome at home, Lobsang Gonpo! I?m proud at you, my son!"

"Chime Thubten Pelden," lässt sich nun einer der Mönche vernehmen. "-Die unsterbliche Lehre der Mächtigen segnet dich mit Herrlichkeit-."

Wir wiederholen den Trinkspruch und verschütten etwas Tee über den Norbu -Stein-. Dann verabschieden sich die Mönche und der Wandii sagt zu uns:

"Sie müssen müde sein. Nima wird Sie zu unserer Herberge führen. Heute Abend wollen wir die Rückkehr meines Sohnes gebührend feiern. Dazu sind Sie herzlich eingeladen!"

Er klatscht in die Hände und die junge Frau, die uns Tee serviert hat, nähert sich wieder gemessenen Schrittes. Der Wandii redet sie in der Landessprache an und sie verbeugt sich. Danach wendet sie sich uns zu. Sie gibt uns lächelnd mit einer Handbewegung zu verstehen, ihr zu folgen. Wir schlüpfen wieder in unsere Schuhe und verlassen den Bau aus grob behauenen Steinen. Draußen steuert sie zielsicher zwischen den Bauten auf ein längliches Bauwerk zu. Sie schlägt mit einem kleinen Hammer, den sie aus einer Nische neben der Tür zieht, gegen die massive Holztür.

Kurz darauf öffnet eine andere junge Frau die Tür. Wir treten ein und Nima erklärt der anderen jungen Frau den Auftrag des Wandii auf Nepalesisch. Danach verabschiedet sie sich und verlässt die Herberge. Die junge Frau aus der Herberge geht zu einer Zimmertür und klopft. Ein Mann tritt aus dem Nebenzimmer und überblickt die Szene. Nachdem die junge Frau sich verneigt hat, erklärt sie ihm die Situation. Der Mann nickt und fragt auf Englisch:

"Would you like to have breakfast before we show you your rooms?"

"Surely," bestätigt Curadh Eamon lächelnd.

Wir setzen uns an einen der niedrigen Tische und sind neugierig auf das, was die Leute hier zum Frühstück zu sich nehmen. Später führt uns die Wench, die uns bedient, eine Etage höher und öffnet mir mit Alainn und den beiden Piloten unseres Duaithníocht -Tarn- drei Gästezimmer. Ich frage die junge Frau:

"Ich hörte in Bezug auf Sie die Bezeichnung 'Kamlahari'. Was bedeutet das Wort?"

"Wir sind Frauen einer armen Volksgruppe in Nordindien," erklärt sie. "Wenn unsere Eltern die Familie durch ihre Arbeit nicht mehr ernähren können, verkaufen sie ihre Töchter an reiche Städter, in deren Haushalten wir dann arbeiten müssen, gegen Nahrung und eine Schlafstelle. Manchmal kommt es auch vor, dass wir an einfachen Maschinen angelernt werden und dann zu Hunderten in großen Hallen zum Beispiel Nähen oder Knüpfen müssen. Die Hallen sind manchmal baufällig und stürzen ein. Viele Kamlahari sterben dabei, was deren Besitzer nicht weiter berührt. Eine neue Halle ist schnell zurecht gezimmert und neue Kamlahari gekauft..."

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