Samstag, 27. November 2021
Cuiraraill -12-
Ich blättere das Buch durch und finde darin Geschichten über die Khoi Khoi in Südafrika, über die Pemón in Venezuela, die Inuit auf Grönland und die Bangladeshis in den Sundarbans. Das Buch scheint sehr interessant zu sein. Alles wird mit Fotos verdeutlicht. Ich vertiefe mich erst einmal in die Lebensart der Japaner.

*

Endlich habe ich Urlaub und kann nach Irland reisen. Ich fliege vom Flughafen Haan nach Kerry Airport mit Ryanair, wie mir Eamon erklärt hat. Er holt mich am Flughafen mit einem weinroten viertürigen Oldtimer ab. Es soll ein Chervolet Sedan von 1930 sein, erklärt er mir stolz auf meine Nachfrage hin. Ich bin gespannt, wieviele Oldtimer sonst noch in seiner Garage stehen und welches Anwesen mich wohl erwartet.

Nach einer zweistündigen Fahrt durch eine hügelige grasbewachsene, nicht enden wollende Landschaft, fahren wir durch ein offenstehendes schmiedeeisernes Tor auf ein Landhaus zu. Unterwegs habe ich ein Hinweisschild nach Killarney gesehen. Eamon hält an einem Nebengebäude mit großem Tor, durch das sicher früher Kutschen gefahren sein müssen.

Danach trägt er mir den Koffer die Außentreppe zum Eingang des Landhauses, das er seine Lodge nennt, hoch. Nachdem er die Eingangstüre aufgeschlossen und den Flügel knarzend aufgestoßen hat, stehen wir in der Halle des Hauses. Im hinteren Bereich führen zwei halbrunde Treppen rechts und links ins Obergeschoß hoch. Darunter führt eine gläserne Doppeltür in einen Wohnraum, aus dem uns jetzt eine Gestalt in schwarzem Anzug und Glatze mit steifem Schritt entgegenkommt.

"Good afternoon, your highness," begrüßt er den Hausherrn. "Do you have had a good journey?"

"Yes, thank you, James," antwortet Eamon. "We will show this Lady her room."

"Okay," sagt James, der inzwischen herangekommen ist. Er streckt die Hand nach meinem Koffer aus, den ich bereitwillig abgebe und beiden Männern in die obere Etage folge.

An einem langen Gang liegen dort rechts und links die Räume der Herrschaft und der Gäste, wie ich feststelle. Eamon öffnet zuerst das Gästezimmer, in dem ich die Woche verbringen werde. Dann öffnet er eine Tür nach der Anderen und lässt mich einen Blick in die Räume werfen. So weiß ich auch, hinter welcher Tür ich das Bad finde, das alt und doch luxuriös eingerichtet ist.

Schließlich gehen die Männer wieder hinunter. Ich mache mich etwas frisch und begutachte dabei die Einrichtung meines Zimmers und des Bades aus der Nähe. Dann gehe ich ebenfalls nach unten. Ich finde Eamon in einem Ohrensessel versunken und Tee trinkend neben dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brennt. Er weist mir mit einer Handbewegung den Platz in einem weiteren Sessel zu.

"Nun," meint er und blinzelt mir zu. "Wie gefällt das Anwesen dir?"

"Wow," ist das Einzige, was ich herausbringe, nachdem ich Platz genommen habe. Vom Fenster meines Gästezimmers konnte ich einen kleinen Park hinter dem Haus überblicken. Nach kurzer Bedenkzeit ergänze ich: "Um dieses Anwesen herum sollen sich andere Menschen ansiedeln, ähnlich wie in Hagenholt?"

Eamon schüttelt den Kopf.

"Haus mit Park wird sein ein Hotel. Das Nebengebäude wird zum Automuseum. James das Anwesen wird bewirtschaften und mir zahlen eine jährliche Pacht. Wir an die Küste ziehen werden. Diesen Ort ich dir auch noch zeigen werde!"

Wie versprochen, machen wir am nächsten Tag, einem Sonntag, einen Trip an die wilde Küste Irlands. James hat uns nach dem späten und üppigen Frühstück einen großen Picknickkorb mitgegeben. Unterwegs überholen uns ständig Fahrzeuge, die in die heutige Zeit passen. Eamon ist jedoch nicht aus der Ruhe zu bringen. Er zeigt mir den Tacho, auf dem etwas mehr als zwanzig Meilen pro Stunde angezeigt werden.

Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Wir steigen aus. Eamon hält mir die Beifahrertür auf und trägt den Picknickkorb. Ich höre das Meer rauschen, kann es aber nicht sehen. Also müssen wir uns an einer Stelle mit felsiger Steilküste befinden.

Vor uns erkenne ich nur ein paar Steinhaufen in der Form von Bienenkörben. Dazwischen stehen Kräne und anderes Baugerät.

"Dies Cuiraraill wird sein," stellt mir Eamon die Baustelle vor und geht zur 'Hauptstraße', die mit Schieferplatten belegt ist. Sie wird zwischen den Bauwerken breiter. Dort steht mittendrin eine Skulptur, die mich an einen Baumstumpf erinnert.

"Was stellt das dar?" frage ich und zeige auf die Skulptur.

"Jede Kultur auf der Erde etwas hat, woran man erkennt sie," erklärt Earl Chiarraí. "Auf der Osterinsel es die Steinfiguren sind. Hier es der keltische Lebensbaum ist. Allerdings er nur noch als Stumpf existiert nach 1400 Jahren Christentum und Kapitalismus."

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