Donnerstag, 25. November 2021
Cuiraraill -11-
Hilfesuchend schaue ich Eamonn an. Er lächelt und beantwortet meine unausgesprochene Frage:

"Wenn man ist fremd irgendwo, sollte man essen landestypisch. So man lernt Land und Leute besser kennen! Dies hier man nennt 'Grumbeer dorchenanner'. Ein deftiges Gericht aus Kartoffelpürree mit Blutwurst untergemischt es ist, dazu es gibt Erbsen und Schweinebauch."

"Ah," sage ich. "Vielen Dank."

Skeptisch nehme ich mit Hilfe des Messers eine Gabel voll und führe sie zum Mund. Es schmeckt nicht schlecht. Jedoch, den Schweinebauch werde ich auf dem Teller zurücklassen.

Nach dem Essen führt mich Seine Lordschaft durch den Ort. Neben uns wandern noch mehrere andere Paare in den unterschiedlichsten Trachten oder auch in Zivil hier herum. Auf meine Frage, ob das alles Bewohner von Hagenholt sind, erklärt er:

"Hagenholt ein Freilichtmuseum ist. Die meisten Leute daher Besucher sind."

Ich wundere mich über das üppige Grün, Hecken, Bäume, Blumen im Ort. Soviel auf engem Raum, und anscheinend sehr gepflegt, kenne ich sonst nicht. Klar, ich wohne in einer Stadt. Da überwiegt Beton, Glas und Asphalt. Kleine Parks wirken fast wie ein Feigenblatt. Dörfer sehen da schon grüner aus. Aber Hagenholt übertrifft alles.

"Ihre Lordschaft," frage ich etwas verschämt. "Hier ist alles so grün und bunt..."

Eamon schaut mich von der Seite an. Er sagt:

"In der Bibel steht 'Machet euch die Erde untertan'. Heute es aussieht grau in grau aus überall auf der Welt. Ergebnis der Klimawandel ist. In wenigen Jahrtausenden die Menschheit sich damit selber abschafft.
Wir einen anderen Weg gehen: Wir haben übernommen die Philosophie der Naturvölker, nach der wir sind nicht die Herren der Welt, sondern deren Kinder gemeinsam mit Pflanzen und Tieren. Wir die Natur erhalten und sie pflegen, wo können wir."

"Aber hier in Hagenholt haben wir auch eine Kulturlandschaft, keine freie Natur!" versuche ich einen Einwand.

"Es ankommt auf den Gedanken dahinter und auf die Prioritäten, die man setzt," erklärt mir Eamon.

"Aber kostet das nicht eine große Menge Wasser - gerade während der trockenen Jahre heutzutage?"

"Die Einwohner von Hagenholt recyclen Wasser in den Haushalten. Die Mühlen Strom erzeugen. Recyceltes Wasser durch Drainageschläuche fließt unter die Grünflächen, aus denen austritt Wasser tröpfchenweise - oder mehr bei großer Trockenheit. Erst darauf Humus gelegt und bepflanzt wurde."

"Ah, genial!" muss ich unumwunden zugeben.

"Und wie würde es in Irland aussehen?" frage ich Eamon, überwältigt vom Ideenreichtum der Leute.

"In der Nähe der Siedlung dort, ein Bach über die Klippen ins Meer stürzt. Den Wasserfall wir zur Stromerzeugung nutzen ebenfalls. Schmiede und Kornmühle, sowie andere Gewerke, die mit motorbetriebenen Maschinen arbeiten, dort nicht am Bach aufgereiht werden können. Die Fließgeschwindigkeit zu gering ist. Dafür wir nutzen Windmühlen."

"Okay," antworte ich nachdenklich.

Eamon führt mich wieder zum Dorfplatz zurück. In der Taverne, wie er das Fachwerkhaus mit dem schrägen Dach nennt, sitzt ein fremder Mann am Tisch. Mein Führer hat ihn auch bemerkt und steuert auf ihn zu.

"Hallo, Master Schmidt," begrüßt er ihn.

Der Mann am Tisch erhebt sich, begrüßt uns lächelnd und lädt uns zum Sitzen ein. Gabi kommt heran und bringt ein weiteres Kännchen Tee mit zwei Tassen, die sie vor Eamon abstellt. Er hebt eine Tasse hoch und schaut mich an. Ich nicke ihm zu. Daraufhin füllt er beide Tassen und reicht mir eine. Der Mann, uns gegenüber, schaut interessiert mit einem feinen Lächeln um die Mundwinkel.

Die Zeit in Hagenholt vergeht viel zu schnell. Nach dem lehrreichen Wochenende fahre ich wieder mit dem Zug nach Norddeutschland zurück. Earl Eamon Chiarraí hat mich rechtzeitig zum Zug zurückgebracht.

*

Je weiter ich mich von Hagenholt entferne, desto stärker wird eine unerklärliche Sehnsucht in mir. Eamon hat mir Bedenkzeit gegeben, mich für den Domestic Discipline Lifestyle zu entscheiden. Fällt die Entscheidung Pro aus, will ich meine Arbeitsstelle kündigen. Dazu muss ich eine Kündigungsfrist von sechs Wochen einhalten. Auf der Arbeit werde ich dann erzählen, dass ich nach Irland auswandern will. Dies alles geht mir auf der Heimfahrt durch den Kopf. Zuerst will ich aber Urlaub beantragen und für eine Woche nach Irland fliegen, um Earl Eamon Chiarraí in seinem heimatlichen Umfeld kennenzulernen.

Herr Schmidt, der Ortsvorsteher von Hagenholt, hat mir einen Bildband mit Geschichten auf die Heimfahrt mitgegeben. Neugierig schaue ich schon während der Zugfahrt hinein und bin gefesselt. Wie im Flug vergehen die vier Stunden, bis der Zug in den Heimatbahnhof einfährt.

Es wird eine Insel im japanischen Meer vorgestellt, von Ingenieuren erbaut. Die japanische Lebensweise ist mir fremd, aber sehr faszinierend. Alle Menschen begegnen sich höflich und mit Respekt voreinander.
Zwei Schulen gibt es dort, eine für Frauen und Mädchen und eine andere für Jungs und Männer. Neben den üblichen Lehrinhalten werden dort die Tugenden der alten Samurai gelehrt und die der Frauen.

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