Samstag, 13. November 2021
Cuiraraill -07-
Ich habe Glück! Heute ist der Mann online. Es entspannt sich ein angeregtes Gespräch über die Nachrichtenfunktion der Seite. Auch er hat inzwischen mein Profil gelesen und stellt mir Fragen dazu. Ganz langsam kommt er im Verlauf mehrerer Abende auf das Thema der Seite, das mittelalterliche Verhältnis von Adel und Dienstboten zu sprechen.

"Ich sehe mich dort in der Position einer Haushälterin," versuche ich eine Standortbestimmung. "Über mir steht der adelige Hausherr, der einen größeren Haushalt aus Repräsentationsgründen unterhält. Ich teile den Dienstboten dann ihre Arbeit zu, damit der Haushalt funktioniert."

"Wie charakterisierst du deine Position?" fragt er zurück.

"Schwierig, das ad hoc zu sagen!" antworte ich. "Ich habe noch nie echte Dominanz gespürt..."

"Wie äußert sich denn 'echte' Dominanz, deiner Meinung nach?" setzt er nach.

"Hm," schreibe ich zurück. "Anders halt, als ich es auf meiner Arbeitsstelle erlebe. Da ist erstmal der Blick, der beinahe jedes Aufbegehren im Keim erstickt. Im täglichen Miteinander stellt die Dominanz nicht das ICH in den Mittelpunkt, sondern das DU. Sie nimmt also das ihr Anvertraute, um es wachsen zu lassen."

Es dauert etwas, bis der Graf antwortet. Dann lese ich:
"Okay. Also, ich halte mich für dominant. In meiner Position im Alltag muss ich führen können. Meine Dominanz ist dabei nicht Ausdruck vermeintlicher Stärke, sondern von Vertrauenswürdigkeit. Sie ist respektvoll, interessiert, konsequent, fürsorglich und liebevoll."

"Sind dominante Männer nicht meist egoistisch, arrogant und machohaft? Bei uns auf der Arbeit wird stattdessen der kollegiale Führungsstil gepflegt," schreibe ich zurück.

"Ich denke mal, jede Medaille hat zwei Seiten. Solche Puke -Kotzbrocken-, wie du da beschreibst, gibt es natürlich auch. Aber das hat nichts mit echter Dominanz zu tun, sondern mit schlechtem Charakter, Jenla!" erhalte ich zur Antwort.

Er wird mir allmählich sympathisch. Dennoch, das kann man erst im Realkontakt wirklich erkennen.

"Ich würde dich irgendwann gerne kennenlernen wollen," gestehe ich. "Verstehe mich nicht falsch! Erst einmal auf neutralem Boden treffen und Aug in Aug miteinander reden, schauen ob Sympathie überspringt. Mehr nicht!"

"Das würde mich auch interessieren, Jenla!" lese ich seine Antwort. "Aus so einem Treffen können vielleicht mehr werden. Man kann gemeinsam Veranstaltungen besuchen, oder Ausstellungen. Wenn man feststellt, dass man sich mag, begründet das eine wertvolle Freundschaft."

"Hm," schreibe ich zurück. "Du wohnst in Irland, wenn dein Profil nicht lügt. Da kannst du sicher nicht spontan für ein Treffen in einem Pub nach Deutschland kommen. Auch ich kann mich nicht einfach so in ein Flugzeug setzen."

"Im Augenblick bin ich auf Urlaub und zu einem Lehrgang in Deutschland, Jenla," schreibt er nun. "Ein Freilichtmuseum namens Hagenholt, das die Zeit des 13. Jahrhunderts wieder aufleben lässt. Mach dir also keine Sorgen. Nenne mir einfach Zeit und Ort, wann es dir passt. Ich werde es möglich machen, mich mit dir zu treffen!"

Ich bin neugierig und vereinbare mit ihm den nächsten Samstag in einem Pub in der City meiner Heimatstadt.

*

Eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt des Treffens mit meiner Internetbekanntschaft betrete ich, Lara Jensen, den Pub 'Irish Inn' im Zentrum meiner Heimatstadt. Ich bin in den vergangenen Tagen im Kostümverleih gewesen und habe mir dort das Ausgeh-Outfit einer Irin aus der Unterschicht ausgeliehen. Nun bin ich auf Eamons Gesichtsausdruck gespannt.

Ich setze mich auf einen Barhocker an den Tresen und behalte die Tür im Blick. Zu der Bedienung sage ich:

"Hallo, Jeanette, machst du mir bitte einen Cappuccino?"

Sie antwortet dienstbeflissen: "Sofort!"

Während sie sich mit dem Getränk beschäftigt, fragt sie mich lächelnd:

"Haben wir heute einen besonderen Tag? Oder weshalb hast du dich so herausgeputzt, Lara?"

"Ich habe im Internet einen Mann kennengelernt, der von sich behauptet, ein waschechter Graf zu sein. Er ist Ire, sagt er, und nennt sich Earl Eamon Chiarraí," erkläre ich ihr lächelnd.

"Ah," meint sie und serviert mir den Cappuccino. "Und nun willst du ihn live kennenlernen."

Sie begutachtet mich in meinem Outfit von der Frisur bis zur Platte des Tresens und meint dann:

"Wäre es da nicht günstiger, du hättest dir etwas aus dem Biedermeier angezogen, mit vielen Rüschen und Stickereien. Eine Frisur mit Korkenzieherlocken von den Schläfen bis zur Brust und einen Hut mit breiter geschwungener Krempe und Blüten darauf?"

Ich habe ihrer Beschreibung atemlos zugehört und lache nun amüsiert auf.

"So wie die Duchess of Devonshire Georgina Spencer um 1800 in dem Kinofilm letztens? Ich will nicht zu dick auftragen und mich über die neue Bekanntschaft stellen. Lieber erst einmal bescheiden vorgehen, habe ich mir gesagt."

"Okay," antwortet Jeanette.

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