Donnerstag, 11. November 2021
Cuiraraill -06-
"Sie können einen Pfeil auf eine Scheibe abschießen. Sie können ihn aber auch auf ein bewegliches Ziel abschießen, wenn sie auf der Jagd sind. Bei letzterem sollten Sie sich zusätzlich noch mit der Seele des Tieres, die Japaner sagen Kami dazu, in Verbindung setzen.
Beim Fechten haben Sie es mit einem menschlichen Gegner zu tun, der ebenfalls gewinnen will. Sie müssen Finten erlernen, die der Andere vielleicht nicht kennt. Auch hier hilft eine meditative Haltung, Ruhe bewahren, sich nicht zu unüberlegten Handlungen reizen lassen! Aber hier kann Ihnen Master Becker weiterhelfen. Er ist Schwertkämpfer.
Sie sprachen eben von zwei Sachen?"

Ich schmunzele und verweise auf den Druiden aus Holz.

"Ich hätte die Skulptur gerne mit nach Irland genommen und sie meinem Freund, Master Murchadh, geschenkt. Könnten Sie mir einen Freundschaftspreis machen?"

Master Franck zieht eine Augenbraue hoch. Er meint:
"Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Mylord: Wir nehmen die Statue aus dem Verkauf und reden vor Ihrer Abreise nach Irland noch einmal darüber."

Damit erkläre ich mich einverstanden und verabschiede mich nun von den freundlichen Leuten.

*

Mein Name ist Lara Jensen. Ich lebe in einer Stadt an der deutschen Nordseeküste und arbeite im Büro einer kleinen Werft. Unsere Firma repariert und restauriert kleine offene Boote bis hin zu kleinen Yachten. Die Buchhaltung ist mein Aufgabenbereich. Mein Arbeitsalltag bietet kaum Abwechslung. Also gehe ich oft mit Freunden aus. Ich bewohne ein Zimmer in einer Wohnung, mit Küche und Badbenutzung. Der Vermieter ist ein Computerfachmann, der oft unterwegs ist. Er repariert die Computersysteme und -netzwerke großer Firmen im großen Umkreis und ist daher oft tagelang außer Haus.

Dass ich in unserer Clique 'die Hosen anhabe' und die Anderen mir folgen genieße ich regelrecht, da ich in der Firma eher die graue Maus bin. Oft genug bestimme ich die Planung des Abends oder Wochenendes und diejenigen aus der Clique, die Zeit haben, sind mit Begeisterung dabei.

So gehe ich gerne auf Mittelaltermärkte und kleide mich dann auch dementsprechend. Den beiden Jungs, die mit mir den inneren Zirkel unserer Clique bilden, habe ich dazu auch einige Accessoires geschneidert, wie Mützen, und je eins ihrer weißen Hemden mit Rüschen ausgestattet.

Wenn nach Feierabend mal nichts los ist, surfe ich im Internet auf der Suche nach Foren, die sich mit dem Mittelalter beschäftigen. Plötzlich fällt mir der Name einer Seite auf, den ich noch nie gelesen habe: 'Rungholt'. Das ist doch die Stadt, die während der großen Sturmflut, der 'Grote Mandränke', vor Jahrhunderten in Nordfriesland untergegangen ist! Interessiert rufe ich die Seite auf.

Das Design lässt mich neugierig werden. Ich melde mich an, fülle mein Profil aus und lese mich ein. Die Beiträge behandeln ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern, wie es im Mittelalter noch geherrscht haben mag. So wie ich es lese, spielen die Mitglieder dieser Internetseite ihre Rollen auf Zeit und haben Spaß dabei.

Etwas triggert mich allerdings beim Lesen der Beiträge. Ob ich mich mit Teilen meiner Clique zu einer der Veranstaltungen anmelden soll? Ich lese weiter. Sie treffen sich zum Ausleben des Machtgefälles, um danach wieder in ihren normalen Alltag einzutauchen. Über die Kommentarfunktion lasse ich hier und da ein paar Bemerkungen fallen. Dann ist Zeit ins Bett zu gehen, um am nächsten Tag ausgeschlafen an meinem Arbeitsplatz zu sitzen.

Am Abend zurück in meiner Wohnung bereite ich mir als Erstes in der Küche ein warmes Essen. Danach sitze ich am Tisch und genieße meine Eigenkreation. Ich lasse währenddessen den heutigen Tag gedanklich Revue passieren. Anschließend starte ich meinen Laptop und rufe die Seite 'Rungholt' wieder auf. Ob es inzwischen Reaktionen auf meine Kommentare gegeben hat?

So geht das jetzt schon drei Wochen. Bei den Leuten auf dieser Seite fühle ich mich wohl. Eines Tages 'liked' ein Mann eins meiner Kommentare, der sich Graf Edmund nennt.

'Huch,' denke ich. 'Wer ist das denn?'

Der Nickname 'Graf Edmund' lässt mich schmunzeln. Ich rufe sein Profil auf und schaue, ob er auch schon Beiträge oder Kommentare auf der Seite hinterlassen hat, an denen ich erkennen kann, wie der Mann tickt. Aber er scheint bisher nur stiller Mitleser zu sein und hier und da ein 'Like' zu hinterlassen. Laut der Beschreibung in seinem Profil ist er Irländer. Ich mache große Augen. Dies ist ein deutschsprachiges Forum für Gotik- und Mittelalterfans. Wie kommt es, dass sich dieser Mann hierher verirrt?

Also bedanke ich mich über die PN-Funktion (Persönliche Nachricht) artig für sein 'Like':

"Hochverehrter Herr Graf, diese unwürdige Person bedankt sich untertänigst für Ihre werte Aufmerksamkeit für meine bescheidene Meinungsäußerung, die der Herr Graf mit einem großzügigen 'Like' zum Ausdruck gebracht hat. Jenla"

Der Mann ist gerade nicht online, also lese und kommentiere ich wie so oft schon, bis es Zeit ist ins Bett zu gehen.

Dieser Graf Edmund geht mir den ganzen folgenden Tag nicht aus dem Kopf. So gehe ich schon während des Abendessens am Küchentisch auf die Internetseite, begierig zu lesen, ob und was er mir auf meine Nachricht geantwortet hat.

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