Sonntag, 7. November 2021
Cuiraraill -04-
Der Earl geht eine Weile schweigend neben mir her. Wir sind an der Bank unter dem großen Baum angekommen.

"Kommen Sie, setzen wir uns ein Weilchen!" fordere ich den irischen Grafen auf.

Wir schauen im Sitzen dem Treiben auf dem Dorfplatz zu. Es ist April und die Kirschbäume stehen in voller Blüte. Zwischen den Besuchern des Freilichtmuseums in Zivil gehen auch hier und da ein paar Pärchen in mittelalterlicher Kleidung herum. Der Earl meint:

"Das ein Aspekt ist, den ich so noch nicht bedacht habe bisher. Master und Maid bei Ihnen sich also nicht in einem üblichen Dienstverhältnis befinden?"

"Jaein," winde ich mich. "Natürlich besteht ein Dienstverhältnis, aber natürlich - wie Sie gerade richtig sagten - kein übliches Dienstverhältnis, sondern sie sind sich emotional verbunden! Damit das mit Beiden länger hält, im Idealfall ein Leben lang, muss auch der Master etwas beachten:
In Japan gab es früher den Stand der Samurai. Sie mussten sich im Alltag an gewissen Tugenden orientieren, wollten sie gesellschaftlich akzeptiert sein. Die Samurai gibt es heute nicht mehr, aber deren Tugenden haben überlebt, und lebt der Master sie, hat die Maid ihren natürlichen Gegenpart. In der Zeit der Freundschaft kann sie den Master dahingehend prüfen, und das wird auch gemacht!"

"Was soll ich denn unter den Tugenden der Samurai vorstellen mir, Master Schmidt?"

"Sie möchten also gerne, dass ich Ihnen beibringe, wie sich ein Herr hier verhält? Sie möchten dieses Wissen gerne in ihrem späteren Alltag auf der Insel anwenden und vielleicht auch weitergeben?"

"Ja, das wären so meine Gedanken zu dem Komplex."

"Hm, 'Komplex' ist das richtige Wort," antworte ich, dem Earl zuzwinkernd. "Sie sollten sich in waffenloser Selbstverteidigung üben. Eine asiatische Kampftechnik, die schnell erlernt ist, wäre das Ju-Jutsu. Hier in Europa hat die Polizei ja das Gewaltmonopol. Nur die Beamten dürfen Waffen tragen. Dennoch sollten sie den Gebrauch einer alten Waffe erlernen, rein sportmäßig, um darüber ihren Geist zu schulen!
Daneben prägen Sie sich die angesprochenen Tugenden ein. Im Einzelnen wären das die Beständigkeit und ihre Antitugend, die Unbeständigkeit. Dann die Ehre und ihr Gegenstück die Schande. Es folgen das Maßhalten und ihr gegenüber die Maßlosigkeit. Anschließend die Zucht und die Unzucht. Nun folgen die Demut und der Verrat. Danach sehen wir die Höflichkeit und die Rüpelhaftigkeit. Als nächstes haben wir die Milde und der Geiz oder Egoismus. Nun kommt die Treue und ihr Gegenstück die Untreue. Dann haben wir die Arbeitsamkeit und die Trägheit. Jetzt haben wir noch das Selbstbewusstsein und ihm gegenüber das Klagen. Danach sehen wir die Mannhaftigkeit und ihr entgegen die Zaghaftigkeit. Schließlich die Schönheit des Herzens und als Gegenpart die Lasterhaftigkeit. Es folgt der Verstand gegenüber der Torheit. Sie sehen, es werden immer Paare genannt, Tugend und Untugend, um den Männern die Orientierung leichter zu machen."

"Das aber trotzdem eine ganze Menge ist!" gibt der Earl zu. "Sie so mal eben verinnerlicht werden nicht..."

"Das ist richtig," gebe ich zu. "Die Schule ist quasi das Leben, das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Durch die Einhaltung der Tugenden erwirbt man inneren Reichtum. Dieser ist die Grundlage für gesellschaftliches Ansehen."

Anschließend ist der Earl nachdenklich auf sein Zimmer in der Herberge gegangen. Aber zwei Tage später kommt er wieder zu mir und wir erarbeiten gemeinsam einen Plan, damit er all das Besprochene in die Realität umsetzen kann. Danach mache ich halbtags Schulungen mit ihm. Unser Schreiner und Holzbildhauer Herr Franck und seine kanadisch-irische Magd Mary vertiefen das Gelernte an einigen Nachmittagen in der Woche. Nach den Abendessen zieht er sich regelmäßig auf sein Zimmer in der der Herberge zurück.

*

Während mir Master Schmidt die Lebensweise der Herren in Hagenholt näherbringt, habe ich für mich das Varieté-Theater als Ort der Entspannung entdeckt. Vieles von dem, worüber Master Schmidt redet, wird in den Vorführungen lebendig und bringt mir das eine oder andere Aha-Erlebnis. Eine der Darstellerinnen hat einen Akzent, der dem Meinen ähnelt.

Ich frage Master Loose nach ihr und er berichtet mir mit einem feinen Lächeln, dass Mary zu Master Franck gehört.

"Besuchen Sie Herrn Franck doch einmal in seiner Holzbildhauerei," schlägt er vor. "Vielleicht gefällt Ihnen eine seiner Schnitzereien und Sie möchten sie kaufen? Daneben können Sie gerne über ihr Heimatland reden, das gleichzeitig das Land von Marys Vorfahren ist."

Das hat mich neugierig gemacht. Also betrete ich eines Nachmittages, als Mary keinen Auftritt im Varieté-Theater hat, das Haus von Master Franck. Mary steht im Laden und kommt auf mich zu.

"Guten Tag! Herzlich willkommen, Mylord!" sagt sie und vollführt einen perfekten Curtsey -Hofknicks-, den ich lächelnd nickend quittiere.

Danach erhebt sie sich wieder und macht eine umgreifende Geste.

"Schauen Sie sich gerne um, Mylord!" redet sie weiter und macht den Weg frei. "Suchen Sie etwas bestimmtes?"

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