Dienstag, 26. Oktober 2021
Yamato Nadeshiko -141-
hermann-jpmt, 12:21h
Hinter mir höre ich schnelle Schritte und drehe mich langsam um. Mein Kollege, der den Mädchen die Kunst der Selbstverteidigung beibringt, kommt schnell näher und stoppt bei mir.
"Aisatsu, Tsukino-San -Hallo, Herr Tsukino-," sage ich und verbeuge mich leicht.
Auch mein Kollege verbeugt sich kurz und meint:
"Hi wa hana ga tokuni utsukushiku kagayakimasu -die Blüten leuchten dieses Jahr besonders schön-."
Ich lächele ihn an und lasse einen Zweig durch meine Hand streichen. Worauf will Tsukino-San hinaus?
"Ich weiß nicht, ob Sie sich über mich erkundigt haben und wie weit Sie über mein Privatleben informiert sind..." beginnt er.
Ich hebe die rechte Hand, wedele damit in der Luft und sage:
"Wenn ich einen Herrn hätte, der Informationen vor dem Abschluss eines Geschäftes braucht, hätte ich mich sicher diskret informiert. Das gehörte dann zu meinen Aufgaben. Sonst wäre es aber höchst unhöflich, Tsukino-San!"
"Dann darf ich vielleicht in dieser Angelegenheit selbst aktiv werden, verehrte Kollegin Youki-San:
Sie wissen sicher von früher, dass ich verheiraten bin..."
Ich nicke und schaue ihn an. Er präzisiert:
"...oder besser gesagt, ich war mit einer sehr lieben Frau verheiratet. Als Sie uns damals verlassen haben, um zu ihren verehrten Eltern zurückzukehren, wurde Tsukino-San krank. Der Inselarzt ordnete eine Verlegung in das Hospital nach Maizuru an. Tanaka-San war so nett, den Meisai -Tarn- bereitzustellen. Ich bin mitgeflogen, weil ich Tsukino-San nicht alleinlassen konnte.
Sie wissen vielleicht, dass dieses Fluggerät die Entfernung in wenigen Minuten schafft, und das schien hier geboten zu sein. In der Amatsuka Werft Corporation kam bei unserem Eintreffen schon der Krankenwagen an. Tsukino-San wurde im Hospital untersucht und eine Volvulus -Darmverschlingung- diagnostiziert. Eine Notoperation wurde in Windeseile angesetzt. Leider hat mir der Chef des OP-Teams im Verlauf der Operation den Tod meiner lieben Frau mitteilen müssen."
Wir gehen eine Weile stumm nebeneinander her. Er trocknet verstohlen seine feuchten Augen. Schließlich höre ich ihn einen Seufzer ausstoßen.
"Ich war nie besonders romantisch veranlagt, wissen Sie, Youki-San. Darum kämpfe ich gerade mit den richtigen Worten. Ich bin eher ein Mann der Tat. Deshalb lehre ich auch die Selbstverteidigung..."
Mich ihm zuwendend, bleibe ich stehen und zwinge ihn so, sich zu mir umzudrehen. Wieder lasse ich einen Kirschblütenzweig durch meine Hand gleiten.
"Sie sprechen mich an, weil wir beide ohne Partner sind, werter Kollege. Sie haben die Trauer um ihre liebe Frau weitestgehend verarbeitet und fühlen sich nun bereit für eine neue Beziehung?"
"Hai -Ja-, so kann man sagen," antwortet Tsukino-San, erleichtert lächelnd. Man fühlt geradezu, wie ihm ein Stein vom Herzen plumpst.
"Ich schlage vor, dass wir Freunde werden, Tsukino-San. Die Leute dürfen keinen falschen Eindruck gewinnen. Gehen Sie in die Schulbibliothek und leihen Sie sich Bücher zum Thema Kennenlernen und Verlieben. Es dürfen gerne zuerst wissenschaftlich-psychologische Abhandlungen sein. Bald sollten Sie aber zu Romanen umschwenken, in denen Paarbeziehungen beschrieben werden, oder Sie sollten Waka -Gedichte- lesen!
Schlagen Sie mir hin und wieder solche Zeiten unter vier Augen vor, wie diesen Spaziergang jetzt, und stellen Sie mir Fragen zu dem, was Sie dort lesen. Ich werde Sie beraten, als ginge es um die Anbahnung einer Affaire zu einer dritten Person..."
Ich unterbreche mich, als ich seine abwehrende Reaktion bemerke.
"Stören Sie sich nicht an dem Begriff 'Affaire', Tsukino-San! Ich weiß ja, welches ihr eigentliches Ziel ist. Das müssen Sie jedoch selbst anzusteuern wissen. Lassen Sie das alles in jedem Fall langsam angehen und lernen Sie sich romantisch auszudrücken."
Er schließt den Mund, nickt und geht langsam neben mir den Rundkurs, um sich am Schulgelände dankend von mir für heute zu verabschieden.
*
In der Folgezeit schaue ich seinem Training zu, wenn er den Schülerinnen Ju-Jutsu beibringt. Anfangs ist Tsukino-San noch sehr hart mit den Schülerinnen. Ich sehe manch eine Schülerin mit Tränen in den Augen die Halle nach der Sportstunde verlassen.
Meine gelegentliche Anwesenheit und sicherlich auch mein Rat, sich mehr mit Romantik und Emotionen zu befassen, scheint allmählich Wunder zu bewirken. Er nimmt nun alle Schülerinnen im Training mit. Keine bleibt im Unterricht auf der Strecke.
Darüber vergehen einige Monate. Ich helfe Mama gerade beim Putzen der Wohnung vor Neujahr, als ich eine Einladung für ein Essen in einem der Baraetishiata -Varieté-Theater- von ihm erhalte. Hilfesuchend schaue ich Mama an. Sie nickt mir zu und meint:
"Nimm die Einladung gerne an, Airi -Liebes-. Ich schaffe das auch alleine."
Freudig verbeuge ich mich und gehe auf mein Zimmer. Dort kleide ich mich in einen roten Furisode mit bunten Mustern, forme mein Haar zu einem Dutt und schminke mich dezent. Im Schuhregal am Eingang wähle ich die passenden Schuhe und schlendere durch die Gänge des Hochhauses in Richtung des Baraetishiata.
Dort sehe ich Tsukino-San vor dem Eingang warten. Kurz darauf hat er mich entdeckt und ein Lächeln überzieht sein Gesicht und gefriert.
Tsukino-Sans Augen werden größer, je näher ich ihm komme. Sein Mund öffnet sich, als wolle er etwas zu mir sagen, aber er bekommt keinen Ton heraus. Es braucht einen langen Moment, bevor er sich vor mir verbeugt. Ich habe ihn schon erreicht, als er sich endlich gefangen hat.
Am Eingang lese ich den Titel des heutigen Theaterstückes 'Mimiwosumaseba -Wenn du zuhörst-.'
Nun begrüßt er mich zuvorkommend und öffnet die Eingangstür, um sie mir aufzuhalten, damit ich eintreten kann. Sogleich werden wir von einer Kellnerin 'angeflötet':
"Irasshai maaaaase -Willkommeeeeen-!"
Wir verbeugen uns leicht. Da kommt schon ihre nächste Frage:
"Nan mei sama desu ka -Wieviele Personen-?"
"Aisatsu, Tsukino-San -Hallo, Herr Tsukino-," sage ich und verbeuge mich leicht.
Auch mein Kollege verbeugt sich kurz und meint:
"Hi wa hana ga tokuni utsukushiku kagayakimasu -die Blüten leuchten dieses Jahr besonders schön-."
Ich lächele ihn an und lasse einen Zweig durch meine Hand streichen. Worauf will Tsukino-San hinaus?
"Ich weiß nicht, ob Sie sich über mich erkundigt haben und wie weit Sie über mein Privatleben informiert sind..." beginnt er.
Ich hebe die rechte Hand, wedele damit in der Luft und sage:
"Wenn ich einen Herrn hätte, der Informationen vor dem Abschluss eines Geschäftes braucht, hätte ich mich sicher diskret informiert. Das gehörte dann zu meinen Aufgaben. Sonst wäre es aber höchst unhöflich, Tsukino-San!"
"Dann darf ich vielleicht in dieser Angelegenheit selbst aktiv werden, verehrte Kollegin Youki-San:
Sie wissen sicher von früher, dass ich verheiraten bin..."
Ich nicke und schaue ihn an. Er präzisiert:
"...oder besser gesagt, ich war mit einer sehr lieben Frau verheiratet. Als Sie uns damals verlassen haben, um zu ihren verehrten Eltern zurückzukehren, wurde Tsukino-San krank. Der Inselarzt ordnete eine Verlegung in das Hospital nach Maizuru an. Tanaka-San war so nett, den Meisai -Tarn- bereitzustellen. Ich bin mitgeflogen, weil ich Tsukino-San nicht alleinlassen konnte.
Sie wissen vielleicht, dass dieses Fluggerät die Entfernung in wenigen Minuten schafft, und das schien hier geboten zu sein. In der Amatsuka Werft Corporation kam bei unserem Eintreffen schon der Krankenwagen an. Tsukino-San wurde im Hospital untersucht und eine Volvulus -Darmverschlingung- diagnostiziert. Eine Notoperation wurde in Windeseile angesetzt. Leider hat mir der Chef des OP-Teams im Verlauf der Operation den Tod meiner lieben Frau mitteilen müssen."
Wir gehen eine Weile stumm nebeneinander her. Er trocknet verstohlen seine feuchten Augen. Schließlich höre ich ihn einen Seufzer ausstoßen.
"Ich war nie besonders romantisch veranlagt, wissen Sie, Youki-San. Darum kämpfe ich gerade mit den richtigen Worten. Ich bin eher ein Mann der Tat. Deshalb lehre ich auch die Selbstverteidigung..."
Mich ihm zuwendend, bleibe ich stehen und zwinge ihn so, sich zu mir umzudrehen. Wieder lasse ich einen Kirschblütenzweig durch meine Hand gleiten.
"Sie sprechen mich an, weil wir beide ohne Partner sind, werter Kollege. Sie haben die Trauer um ihre liebe Frau weitestgehend verarbeitet und fühlen sich nun bereit für eine neue Beziehung?"
"Hai -Ja-, so kann man sagen," antwortet Tsukino-San, erleichtert lächelnd. Man fühlt geradezu, wie ihm ein Stein vom Herzen plumpst.
"Ich schlage vor, dass wir Freunde werden, Tsukino-San. Die Leute dürfen keinen falschen Eindruck gewinnen. Gehen Sie in die Schulbibliothek und leihen Sie sich Bücher zum Thema Kennenlernen und Verlieben. Es dürfen gerne zuerst wissenschaftlich-psychologische Abhandlungen sein. Bald sollten Sie aber zu Romanen umschwenken, in denen Paarbeziehungen beschrieben werden, oder Sie sollten Waka -Gedichte- lesen!
Schlagen Sie mir hin und wieder solche Zeiten unter vier Augen vor, wie diesen Spaziergang jetzt, und stellen Sie mir Fragen zu dem, was Sie dort lesen. Ich werde Sie beraten, als ginge es um die Anbahnung einer Affaire zu einer dritten Person..."
Ich unterbreche mich, als ich seine abwehrende Reaktion bemerke.
"Stören Sie sich nicht an dem Begriff 'Affaire', Tsukino-San! Ich weiß ja, welches ihr eigentliches Ziel ist. Das müssen Sie jedoch selbst anzusteuern wissen. Lassen Sie das alles in jedem Fall langsam angehen und lernen Sie sich romantisch auszudrücken."
Er schließt den Mund, nickt und geht langsam neben mir den Rundkurs, um sich am Schulgelände dankend von mir für heute zu verabschieden.
*
In der Folgezeit schaue ich seinem Training zu, wenn er den Schülerinnen Ju-Jutsu beibringt. Anfangs ist Tsukino-San noch sehr hart mit den Schülerinnen. Ich sehe manch eine Schülerin mit Tränen in den Augen die Halle nach der Sportstunde verlassen.
Meine gelegentliche Anwesenheit und sicherlich auch mein Rat, sich mehr mit Romantik und Emotionen zu befassen, scheint allmählich Wunder zu bewirken. Er nimmt nun alle Schülerinnen im Training mit. Keine bleibt im Unterricht auf der Strecke.
Darüber vergehen einige Monate. Ich helfe Mama gerade beim Putzen der Wohnung vor Neujahr, als ich eine Einladung für ein Essen in einem der Baraetishiata -Varieté-Theater- von ihm erhalte. Hilfesuchend schaue ich Mama an. Sie nickt mir zu und meint:
"Nimm die Einladung gerne an, Airi -Liebes-. Ich schaffe das auch alleine."
Freudig verbeuge ich mich und gehe auf mein Zimmer. Dort kleide ich mich in einen roten Furisode mit bunten Mustern, forme mein Haar zu einem Dutt und schminke mich dezent. Im Schuhregal am Eingang wähle ich die passenden Schuhe und schlendere durch die Gänge des Hochhauses in Richtung des Baraetishiata.
Dort sehe ich Tsukino-San vor dem Eingang warten. Kurz darauf hat er mich entdeckt und ein Lächeln überzieht sein Gesicht und gefriert.
Tsukino-Sans Augen werden größer, je näher ich ihm komme. Sein Mund öffnet sich, als wolle er etwas zu mir sagen, aber er bekommt keinen Ton heraus. Es braucht einen langen Moment, bevor er sich vor mir verbeugt. Ich habe ihn schon erreicht, als er sich endlich gefangen hat.
Am Eingang lese ich den Titel des heutigen Theaterstückes 'Mimiwosumaseba -Wenn du zuhörst-.'
Nun begrüßt er mich zuvorkommend und öffnet die Eingangstür, um sie mir aufzuhalten, damit ich eintreten kann. Sogleich werden wir von einer Kellnerin 'angeflötet':
"Irasshai maaaaase -Willkommeeeeen-!"
Wir verbeugen uns leicht. Da kommt schon ihre nächste Frage:
"Nan mei sama desu ka -Wieviele Personen-?"
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