Sonntag, 24. Oktober 2021
Yamato Nadeshiko -140-
Während wir durch die Gänge gehen, kommen wir auch an einem Supermarkt vorbei. Mama bleibt stehen und fragt angesichts des Geschäfts:

"So etwas habt ihr hier also auch?"

Ich nicke lächelnd und meine:
"Die Haushalte, die selbst kochen möchten, müssen ja irgendwo ihre Lebensmittel kaufen können. Niemand braucht über die Terrassen zu wandern und selbst ernten, was er braucht. Außerdem gibt es ja nicht alles das ganze Jahr über. Dazu braucht es eine Lagerwirtschaft."

Mama ist während meiner Erklärung näher an den Laden herangetreten. Ihre Hand liegt auf der Eingangstür. Sie öffnet sie und sogleich hört sie von drinnen, ihr ein "Irasshaimaseeeee -Willkommen-!" entgegenschallen.

Lächelnd betritt sie den Laden, so dass Papa und ich ihr folgen müssen. Mama geht interessiert durch die Gänge.

Jedesmal, wenn wir dabei einen Mitarbeiter passieren, der gerade ein Regal einräumt, ruft er oder sie laut "Irasshaimaseeeee!", auch wenn der Mitarbeiter uns während der Arbeit gerade den Rücken zukehrt.

Oder sie bedanken sich, wenn man einen Artikel gewählt hat: "Arigatou gozaimaaaaaaasu!"

Vorsorglich habe ich mich am Eingang mit einem roten Einkaufskorb ausgerüstet, um den Artikel darin zur Kasse zu tragen. Dort angekommen, stelle ich den Korb neben die Kasse.

Der Kassierer nimmt nun im Stehen jeden gewählten Artikel einzeln aus dem Korb, hält das Lesegerät an den Strichcode und platziert ihn in einen grünen Korb an der anderen Seite des Kassenautomaten. Nachdem der rote Korb geleert ist und die Kasse den Betrag anzeigt, legt Mama ihr Geld in ein Schälchen, in das der Kassierer anschließend das Wechselgeld legt.

Ich nehme nun den grünen Korb und gehe damit zum Einpackbereich, gefolgt von Mama und Papa. Dort verstaue ich Mamas Einkauf in eine textilene Einkaufstasche, mit der wir schließlich den Laden verlassen.

Draußen spricht Mama lächelnd Papa an:

"Wie lange haben wir in Düsseldorf gewohnt, Youki-San?"

"Nun, das werden ungefähr zwanzig Jahre gewesen sein," meint er.

"Weißt du, wie sehr ich es vermisst habe, einkaufen zu können wie hier?" resümiert sie auf dem Weg in unsere Wohnung.

*

Am nächsten Morgen mache ich mich nach dem Frühstück auf den Weg zu der Mädchenschule, an der ich bis zu meinem Heimflug gewirkt habe. Tanaka-San ist zu uns gekommen und hat Papa zu einer Besichtigungstour über die Insel abgeholt, bei der es um die Nahrungsmittelproduktion und -lagerung geht. Dabei beginnt er unter der Meeresoberfläche bei der Fischreuse und erklärt das Aussortieren und die Schlachtung.

Anschließend zeigt er Papa die Hühnerzucht und den Schlachtbetrieb. Dabei zeigt er auch die Landwirtschaft und die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte, und kommt auf die Aquakulturen, in denen Meerespflanzen kultiviert werden.

Beiläufig erwähnt Tanaka-San beim Mittagessen in einem Restaurant die Vakas der Polynesier, die ab und zu zum Handeltreiben am Hangar anlegen. Dort erhalten wir viele Südfrüchte und Gewürze her.

Am späten Nachmittag zeigt er Papa sein Büro auf der Insel. Dann ist der Tag vorbei und Papa kommt zum Abendessen zu Mama zurück.

*

Am gleichen Tag habe ich mich zur Mädchenschule aufgemacht und bin dort freudig begrüßt worden. Ich habe jetzt natürlich weder eine feste Klasse noch ein festes Fach. Wir wollen uns im Kollegium in den nächsten Tagen und Wochen etwas überlegen, wie ich wieder eingesetzt werden kann. In der Pause spricht mich ein älterer Kollege an:

"Youki-San, Sie haben jahrelang als Zofe im Haushalt des ehrenwerten Amatsuka-Sama gearbeitet und sich um die Tochter des Hauses gekümmert. Können sie mir aus ihrer Sicht eine Yamato Nadeshiko erklären?"

Ich schaue ihn erstaunt an. Hier auf der Schule wird den Mädchen beigebracht, was das japanische Frauenideal ist. Da müsste er es doch wissen! Will er mich etwa testen?

Höflich gebe ich ihm die gewünschte Auskunft:

"Eine Yamato Nadeshiko ist nicht unabhängig oder selbständig, findet ihre Erfüllung nicht in der Arbeit, sondern an der Seite eines Mannes, der sie zu führen und zu beschützen versteht. Ihm ist sie eine Hausfrau, Geisha und Samurai.
Als Hausfrau sorgt sie für das leibliche Wohl des Herrn und der Gäste des Hauses.
Als Geisha sorgt sie für das seelische Wohl des Herrn und der Gäste.
Als Samurai ist sie nach außen willensstark und kann sich durchsetzen. Sie erträgt Schicksalsschläge unbewegt. Die Yamato Nadeshiko bringt alle nötigen Opfer zum Wohlergehen und Schutz ihrer Familie.
Ihrem Ehemann ordnet sie sich bedingungslos unter, folgt ihm nach und gibt sich ihm hin."

"So kenne ich das auch, verehrte Kollegin. Sie sind nun aber weit in den Dreißigern, haben noch keinen Mann und lehren, wie man den Mann bei gesellschaftlichen Anlässen angemessen begleitet, zum Beispiel."

Ich schaue ihm in die Augen. 'Was will der Mann damit sagen?' frage ich mich in Gedanken, antworte aber höflich:

"Ich war jahrelang die Zofe einer wakai Josei -jungen Lady-. Es ist recht einfach, den Dienst für eine Lady auf den Dienst für einen Herrn zu übertragen, wenn man einige Besonderheiten beachtet und den Fokus auf den Dienst an sich legt, werter Herr!"

Mein Gegenüber nickt und entgegnet:
"Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht, werte Youki-San. Ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn meine Rede so verstanden wurde, als würde ich an Ihrer Kompetenz zweifeln. Mögen Sie mich nach Arbeitsende in den Park begleiten? Ich hätte Sie gerne unter vier Augen gesprochen."

Ihn anlächelnd erkläre ich mich zu dem Spaziergang bereit. Am Nachmittag schlendere ich langsam über den Außenbereich der Mädchenschule, dorthin wo der Park beginnt. Es ist Anfang April und die Blüten der Kirschbäume tauchen den Park in rosa Farben.

... comment