Sonntag, 19. September 2021
Yamato Nadeshiko -130-
Ich bin von der Möglichkeit, die sich mir hier auftut, erst einmal erschlagen. Darum entgegne ich:

"Da gibt es aber einige Hürden zu nehmen, ehrenwerter Tanaka-San. Ich stehe im Dienst der verehrten Takahashi-San. Sie müsste mich freigeben. Außerdem ist da noch die Agentur Aibouejenshi Iwamatsu in Kyoto involviert. Dort müsste ich ebenfalls kündigen."

Tanaka-San nickt.

"Wenn ich Ihnen dabei behilflich bin, wären Sie bereit, die Stelle als Lehrerin anzunehmen?"

Ich verbeuge mich tief und sage, auch weil gerade meine Herrschaft eintrifft:

"Darf ich es mir bis morgen überlegen?"

Der Herr nickt und begrüßt nun die Eheleute Takahashi, um ihnen anschließend ebenfalls einen Platz am Tisch anzubieten. Die Ushiro kara yuga -Hausherrin- kniet sich dazu und beginnt Teeschalen zu füllen und sie an Tanaka-San weiter zu geben. Dieser verteilt sie in der Runde bis alle eine Schale mit grünem Tee vor sich stehen haben. Dann tunkt er zwei Finger in seinen Tee und benetzt damit den Stein im Esstisch. Dabei sagt er:

"Fumetsu no seishitsu, gesuto ni nagai shiawasena jinsei o -Unsterbliche Natur, schenke unseren Gästen ein langes, glückliches Leben-."

Takahashi-San macht es ihm nach. Anschließend wünscht Tanaka-San uns:

"Itadakimasu -Guten Appetit-!"

Ich wünsche gleiches auch meinem Gastgeber, um nach wenigen Bissen ein "Oishii -Lecker-!" hinterher zu schieben.

Tanaka-San wendet sich nun an meine Herrschaft. Er sagt:

"Sie haben im Alltag einen großen Haushalt mit vielen Dienstboten. Ihre ehrenwerte Frau braucht daher nicht zu wissen, wie man kocht, wäscht und reinigt. Sie kann Ihnen in der Freizeit Zerstreuung bieten, als gebildete Begleiterin in Ausstellungen, Kino und Theater. Haben Sie schon einmal von den Tugenden der Samurai gehört?"

Takahashi-San nickt und sagt:
"Mein ehrenwerter Sofu-San -Großvater- hat mir viel davon erzählt. Auch wir entstammen einem alten Samurai-Geschlecht."

"Ah, wunderbar!" antwortet Tanaka-San lächelnd. "Wissen Sie, wir hier auf der Insel sind der Meinung, dass das perfekte Gegenstück zu einer Yamato Nadeshiko ein Herr sein sollte, der nach den Tugenden der Samurai lebt und in der Lage ist, seine Nadeshiko in allen Lebenslagen zu beschützen."

Inzwischen haben wir die Mahlzeit beendet und die Ushiro kara yuga -Hausherrin- serviert noch einmal Tee und stellt eine Schale süßen Gebäckes auf den Tisch.

"Der Ehrenkodex der alten Samurai ist ja sehr komplex," ergänzt Tanaka-San. "Er lässt sich zwar auf eine kleine Menge Merksätze zusammenfassen, diese müssen aber verinnerlicht und die Wechselwirkungen erkannt werden. Dies erreicht man nicht durch auswendig lernen! Man muss sie leben, rund um die Uhr! Ich will sie Ihnen gerne noch einmal aufzählen."

Er macht eine kurze Pause, in die Takahashi-San ein "Hai -Ja-" einfließen lässt.

"Da wäre die Beständigkeit," beginnt Tanaka-San wieder. "Die Beständigkeit beeinflusst alle anderen Tugenden und bedeutet Berechenbarkeit in den Handlungen und das Festhalten am rechten Verhalten, aber auch Vertragstreue. Ein Herr steht zu dem, was er denkt und sagt. Man kann sich immer auf ihn verlassen. In unverschuldeten Fällen sorgt er unverzüglich für die bestmögliche Alternative.
Ihr entgegen steht die Unbeständigkeit! Es ist ein Verhalten, bei dem man 'seinen Wimpel nach dem Wind dreht', mit den Gedanken nur an sich und dem Handeln nur für sich. Zusagen werden nicht eingehalten, Verträge gebrochen und es wird gelogen, um persönliche Bereicherung zu erlangen und das Ego zu befriedigen."

Nach einer kurzen Atempause redet er weiter:

"Der Beständigkeit folgt die Ehre! Ehre gewinnt man stets zuerst durch Ehrlichkeit. Sie bildet den Charakter. Ehrgefühl wird durch immer liebevolle, wenn nötig durch strengere Erziehung vermittelt. Der Herr soll immer bemüht sein, sich für soziale Zwecke einzusetzen, denn nur durch uneigennützigen Dienst in der Gesellschaft wird ihm Ehre und Respekt zuteil - Werte, die man sich immer verdienen muss und sie begründen keinerlei Verpflichtung der Gesellschaft, dem Herrn gegenüber. Der Herr ehrt auch seine Feinde und gibt immer eine zweite, falls nötig eine dritte Chance. Er verzichtet darauf, sich einen in seinen Augen unfairen Vorteil zu verschaffen. Er nutzt eine Notlage nicht aus und vermeidet es, andere zu übervorteilen.
Der Ehre steht die Schande gegenüber! Hier handelt es sich um einen Zustand des gesunkenen Ansehens und des beschädigten Rufes. Schändliches Handeln bedeutet das Verpassen keiner Gelegenheit, unehrenhafte Dinge zu tun, mit unehrenhaften Leuten oder mit Leuten zweifelhaften Rufes zusammen zu kommen, um korrupten Handel zu treiben, um sich alleine zu profilieren und zu bereichern."

Er macht wieder eine Pause zum Luftholen.

"Es folgt das Maßhalten. Es steht über allem. Es bedeutet 'rechtes Maß zu halten' und den Mittelweg zwischen Exzess, Übertreibung und Passivität zu finden. Nur durch Maßhalten wird richtiges, gutes Leben und Handeln erreicht. Dem entgegen steht die Maßlosigkeit, das ist mangelnde Selbstbeherrschung. Die Maßlosen raffen ständig und überall nach Sattheit, Geld und/oder Titeln. Sie sind die Ersten am Buffet und dort, wo es etwas umsonst gibt. Sie sind aber auch immer gerne bereit, jeden Preis zu bezahlen, wenn es der eigenen 'Erhöhung' dient.
Nun folgt die Zucht. Sie bedeutet Selbstbeherrschung und Moderation im eigenen Verhalten und ermöglicht erst das Zusammenleben mit Anderen in der Gesellschaft. Zucht hat in diesem Sinne nichts mit Züchtigen zu tun. Dem Herrn ist es untersagt, ihm Untergebene aus reiner Lust zu züchtigen. Die Unzucht nun, meint ungezogenes Verhalten und ist ein Kennzeichen antisozialer Handlungsweise. Durch ungezogene Gestik, unangemessen lautes Lachen oder unüberlegte Sprache disqualifizieren sich Unzüchtige stets selber. Man erkennt sie am ehesten daran, dass sie 'Wasser predigen und selber Wein saufen'."

Nach einer Gedankenpause redet er weiter:

"Dann komme ich zur Demut, das heißt 'Dienstwilligkeit, Dienstbereitschaft'. Sie ist völlig unabhängig von der eigenen Position. Sie bedeutet Loyalität gegenüber den Vorgesetzten, oder auch 'Mut zum Dienen' zum Schutz der Armen oder Machtlosen. Wir wenden uns immer tätig gegen geoffenbartes Unrecht und sagen offen unsere durchdachte Meinung. Dem gegenüber steht der Verrat, das bedeutet 'Verweigerung des Dienstes'."

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