Mittwoch, 8. September 2021
Yamato Nadeshiko -125-
Als der Vorhang kurz darauf wieder aufgezogen wird, sitzen vier junge Männer vor einem älteren Mann, der ihnen die Tugenden der Samurai erklärt. Außerdem sollen sie mit Pfeil und Bogen auf geflochtene Zielscheiben im Hintergrund der Bühne zielen. Er erklärt ihnen, dass sie mittels Meditation zum Pfeil werden sollen, um auf diese Weise ihre Treffsicherheit zu vergrößern. Auch bringt er ihnen Ju-Jutsu bei und macht mit ihnen Fechtübungen mit dem Shinai, einem hölzernen Übungsschwert. Immer wieder müssen die jungen Männer zwischendurch die Tugenden der Samurai wiederholen.

Wieder platzen die Schüler angetrunken auf die Bühne. Von der anderen Bühnenseite kommt die Schülerin hinzu, die erschrickt und in Abwehrhaltung geht. Die Schüler lassen von der Schülerin in ihrer Begleitung ab und wollen sich über die am Boden kauernde junge Frau hermachen, angestachelt von dem jungen Mann, mit dem sie vorhin diesen Disput gehabt hat.

Der ältere Mann schaut einen seiner Schüler an und fragt laut:

"Darf ein Shinshi -Gentleman- dem zuschauen und ruhig seiner Wege gehen?"

Der angesprochene Schüler läuft zwei Schritte auf die jungen Männer zu und überwältigt sie mittels einer kurzen Vorführung von Ju-Jutsu. Sie schleichen geschlagen von der Bühne. Wieder geht der Vorhang für einen Moment zu.

Als der Vorhang wieder zur Seite fährt, kann man die junge Frau sehen, wie sie von einer älteren Frau im Kimono in haushaltsnahen Tätigkeiten unterwiesen wird. Dann bringt die ältere Frau ein Instrument und lehrt sie darauf zu spielen. Anschließend lehrt sie ihr das Tanzen, um ihren späteren Mann zu erfreuen, wie sie sagt. Sie soll auch in einem Gedichtband lesen. Schließlich erhält auch sie Unterweisung in Ju-Jutsu. Die ältere Frau erklärt das so, dass die Yamato Nadeshiko ihrem späteren Mann Hausfrau, Geisha und Samurai in einer Person sein soll. Bald darauf wird der Vorhang noch einmal zugezogen.

Nach dem nächsten Aufzug sieht man den jungen Mann, der die junge Frau vorhin verteidigt hat, und die junge Frau gemeinsam an einem Fluss sitzen (jedenfalls hört man Wasser als Hintergrundgeräusch und das Bühnenbild zeigt einen Fluss mit einer Brücke). Sie spielen gedankenverloren mit Steinen, als er zu ihr sagt:

"Dakishimetai -Ich möchte dich halten-."

Worauf sie antwortet:
"Ga inai to samishi -Ich fühle mich so einsam ohne dich-!"

Infolge wird gezeigt, wie er zu ihren Eltern geht. Was dort besprochen wird, geht aber in der aufbrandenden Musik unter. Zum Schluss wird sie in Mägdekleidung gezeigt, wie sie ihn bedient. Er trägt jetzt traditionelle Kleidung. Beide sind in ihrem Outfit nun nicht von den Bewohnern dieser Insel zu unterscheiden.

Das Essen hat aus vielen kleinen Gängen bestanden, die über die Dauer der Vorstellung verteilt wurden. Nun klatschen die Zuschauer und anschließend verlassen immer mehr Leute die Zuschauerränge. Auch Tanaka-San erhebt sich. Er wartet, bis auch wir aufgestanden sind. Auf meiner Armbanduhr sind drei Stunden vergangen.

Wir verlassen das Baraetishiata -Varieté-Theater- und schlendern langsam durch die Gänge. Man kann sehen, wie es hinter der Stirn der jungen Herrin arbeitet. Niemand von uns unterbricht die Stille.

An der Wegscheide fragt Tanaka-San nur:
"Sollen wir gemeinsam zu unserer Wohnung gehen und bis zum Abendessen ein Gesellschaftsspiel machen? Oder brauchen Sie nach der Vorstellung etwas Ruhe, Amatsuka-San? In dem Fall wollen wir Sie und ihre Zofe zu ihrem Appartement bringen!"

"Hai, sumimasen -Ja, bitte-! Ich möchte mich etwas ausruhen. Zum Abendessen können Sie ja nach uns schicken lassen," antwortet sie leise und nachdenklich.

Infolge bringen uns Tanaka-San und seine Frau zu unserem Appartement zurück. Dort verabschieden sie sich von uns und wir betreten unseren Raum. Die junge Herrin steuert sofort die Wohnlandschaft an und legt sich auf die Couch. Ihr Blick, an die Decke gerichtet, geht in weite Ferne. Ich gehe am Couchtisch in den Seiza und warte ab.

Nach einer ganzen Weile wendet sie den Kopf und schaut mich an.

"Was sagst du zu dem Theaterstück?" fragt sie.

"Aus Frauensicht ist es ein Appell an die Männer, weniger dumme Machos zu sein, sondern ihre angestammte Rolle wahrzunehmen, vor allem aber, sie ernst zu nehmen!" meine ich.

"Aber wo findet man solch eine seltene Spezies Männer, Momoi-chan?"

"Überall im Alltag, Herrin!" bin ich überzeugt. "Nehmen Sie ihr Studium des Unternehmens-Managements in Angriff! Nehmen Sie die männlichen Mitstudenten nicht zu ernst. Prüfen Sie sie! Lassen Sie Kandidaten, die durchfallen, wie eine überreife Frucht fallen und warten Sie auf den nächsten Kandidaten zum Prüfen."

"Wie soll ich den Prinzen aus all den Machos herausfiltern?" fragt sie nun.

Sie hat sich zu mir gedreht und stützt sich auf einen Ellbogen auf.

"Es sollte jemand sein, der Sie respekt- und ehrenvoll behandelt. Er darf Sie nicht, wie in dem Theaterstück gut herausgestellt wurde, objektifizieren! Sie dürfen sich nicht zum Gegenstand der Lusterfüllung herabgewürdigt fühlen, den man nach Belieben benutzt und dann abserviert."

"Aber mein Mitschüler ist damals ja gar nicht so weit gegangen..."

"Der hatte dann Angst vor der Verantwortung, die in Zukunft auf ihn zukäme, wenn er sich mit Ihnen anfreundet. Das ist eine der Untugenden aus dem alten Kodex der Samurai. Solche Leute disqualifizieren sich selbst, Herrin!"

"Männer können sich aber auch einschmeicheln und wenn ich mich verliebt habe, mich fallen lassen..."

"Wenn Sie 'verliebt sein' nicht mit 'Sex haben' gleichsetzen, sondern den Mann darin vertrösten, bis Sie in die entsprechende Position im Unternehmen ihres ehrenwerten Otou-San -Vaters- gelangt sind und heiraten werden, teilt sich alsbald der Spreu vom Weizen.
Wer behauptet, Frauen hätten sich allein aufgrund ihres Geschlechts den Männern unterzuordnen, ist nichts weiter als ein dummer Macho. Würde man eine beliebige Gruppe von Männern unter Wahrheitsdrogen setzen und sie fragen, ob es ihnen gefallen würde, eine gehorsame, dienende Frau zu haben, dann wären die Antworten weitaus überwiegend wohl sehr ähnlich. Wenn Sie sich diese Männer dann näher betrachten, gibt es nur eine Konsequenz:
Ganz schnell, ganz weit weglaufen! Warum? Weil die Verantwortung, die einem Mann bei einer Yamato Nadeshiko zuwächst, etwas ist, was nur eine winzige Minderheit von Männern bewältigen kann.
Diese winzige Minderheit müssen Sie gezielt suchen! Dabei hilft Ihnen die Kenntnis der Tugenden der Samurai, verehrte Herrin. Sie können die Richtschnur sein, nach der sich ein Mann beweisen muss, der Ihrer würdig ist."

"Du meinst...?" fragt sie nachdenklich.

"Demo hai -Aber ja-!" bin ich überzeugt. "Entweder trifft die Frau auf einen ganz und gar verhaltensgestörten, total unsicheren, ungewaschenen und stinkenden Widerling - dann heißt es, schnell weglaufen - oder sie trifft irgendwann auf den Märchenprinzen mit angenehmen Manieren. Davon bin ich überzeugt!"

"Also lag das damals nicht an mir?"

Ich wedele mit der erhobenen Hand.
"Zettai ni arimasen -ganz sicher nicht-, Herrin!"

"Weißt du, es ist wunderbar, mit dir solch tiefgreifende Gespräche zu führen, Momoi-chan. Versprichst du mir, dass du mich niemals betrügst?"

"Yakusoku shimasu -Ich verspreche es-!"

*

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