Sonntag, 29. August 2021
Yamato Nadeshiko -120-
Am nächsten Morgen löse ich mich vorsichtig von ihr, um mich in aller Frühe bei der Haushälterin zu melden. Vier weitere Dienstmädchen kommen hinzu. Wir hören uns an, was sie zu sagen hat und beginnen mit der zugewiesenen Arbeit. Nach etwa zwei Stunden werden wir zum Frühstück in die Küche gerufen. Anschließend soll ich dem Fräulein das Frühstück servieren. Die Köchin schickt mich mit einem vollen Tablett zu ihr.

Ich klopfe vom Gang aus an die Tür zu ihrem Zimmer und sage:

"Ohayo gozaimasu, Aijin, -Guten Morgen, Herrin-, ich bringe Ihnen das Frühstück!"

Die Tür öffnet sich. Ich sehe, dass die Haushälterin mit im Raum ist und mir gerade die Tür geöffnet hat. Beim Hindurchgehen verbeuge ich mich respektvoll und trippele an den Tisch im Raum, um das Frühstück vom Tablett herunter auf dem Tisch zu platzieren. Die Herrin ist angekleidet und steht zwischen den Polstermöbeln im Raum. Die Haushälterin stellt mich nun der Herrin vor.

Mit kleinen schnellen Schritten laufe ich auf sie zu und ziehe dabei das Empfehlungsschreiben der Agentur aus meiner Schürze, um es ihr beidhändig mit einer tiefen Verbeugung entgegenzustrecken.

"Ein Empfehlungsschreiben der Agentur..." sage ich dabei.

Sie öffnet den Brief und überfliegt ihn kurz. Dann schaut sie mich offen an.

"Nun, gefällt es dir denn hier? Leider scheint die Sonne kaum hier herein. Wie soll man so einen trostlosen Ort mögen können? Du musst dich in meiner Gegenwart nicht verstellen!"

In diesem Moment verbeugt sich die Haushälterin mit nichtsagender Miene und meint:

"Ich ziehe mich besser zurück."

Ich verbeuge mich respektvoll bis sie die Tür des Zimmers der Herrin hinter sich verschlossen hat.
Die Herrin hat den Brief immer noch in der Hand. Sie schaut auf das Papier und verzieht das Gesicht zu einer schmerzvollen Miene. Danach setzt sie sich in einen Sessel der Wohnlandschaft, stöhnt auf und schließt kurz ihre Augen.

"Oh... Mein Kopf schmerzt jedesmal, wenn ich lesen möchte," sagt sie mit gequälter Stimme. "Kannst du es mir vorlesen, bitte?"

"Ich?" rufe ich überrascht aus.

"Ja. Liest du es mir bitte vor?"

Sie hat eine Frage gestellt, keine Aufforderung! Noch dazu bittend vorgetragen. Ich bin etwas verunsichert. Den Brief halte ich aufgefaltet in Augenhöhe vor mich und beginne zu lesen.

"Shin?ainaru Amatsuka-San -Verehrte Frau Amatsuka-, wie wir erfahren haben, benötigen Sie dringend eine neue Zofe..."

"Momoi-chan, du kannst dir bei mir viel erlauben. Eines mag ich jedoch gar nicht! Ich will nicht, dass du mich jemals belügst! Klar?" sagt sie, als ich den Brief ihr zusammengefaltet zurückgeben will.

"Hai, watashi no aijin. Hare! -Ja, meine Herrin. Klar!" antworte ich ihr und verbeuge mich tief.

Die Herrin erhebt sich und geht zum Tisch, auf dem ich das Frühstück angerichtet habe. Sie setzt sich in den Seiza -Kniesitz- und beginnt zu frühstücken, während ich abwartend danebenstehe.

*

"Bald feiert mein Otou-San -Vater- einen runden Geburtstag. Ich denke, wir sollten auch unser Kommen ankündigen, Tanaka-San?" frage ich, Tanaka Moe, beim Essen meinen Ehemann und Herrn, Tanaka Masao. "Ich habe meine liebe Schwester Kameko-chan schon lange nicht mehr gesehen."

"Sie wird inzwischen bestimmt verlobt sein. Vielleicht arbeitet sie in der Verwaltung der Werft deines Vaters?"

"Ich bin sehr gespannt auf ihre Geschichte, Okyaku-Sama -mein Herr-!"

"Ich werde also unser Kommen ankündigen."

*

Der sechzigste Geburtstag meines ehrenwerten Vaters ist wunderschön gewesen. Leider hat alles im Leben zwei Seiten: Meine liebe Schwester hat die Schule beendet und sollte eine Ausbildung beginnen, natürlich im Unternehmen meines Otou-San. Sie hat sich in einen jungen Mann verliebt, einen ehemaligen Mitschüler, der zu der Zeit ein Studium begonnen hat und ist von ihm zurückgewiesen worden. Dabei ist Kameko-chan doch wirklich eine gute Partie für jeden jungen Mann!

Kameko-chan hat sich nun zurückgezogen und eine Depression entwickelt. Dabei hat sie nun schon die dritte Zofe, die ihr Gesellschaft leisten und sie aufmuntern soll. Sie vergräbt sich in ihrem Zimmer, auf der Nordseite der Villa und geht nur bei Regen im Park spazieren; einem Wetter, das zu ihrer Stimmung passt.

Auf der Rückreise zur Bunrei no Shima -Insel der Bunrei (beseelte Steine)- frage ich darum meinen Herrn:

"Mir macht das Schicksal meiner lieben Schwester das Herz schwer, Okyaku-Sama -mein Herr-. Hast du eine Idee, wie man ihr helfen könnte?"

"Hm, wir könnten deinem ehrenwerten Otou-San -Vater- eine Ortsveränderung vorschlagen. Sie soll einmal aus ihrem Schneckenhaus herausgelockt werden. Ein paar Wochen bei uns auf der Insel würden ihr guttun - und sie wäre in deiner Nähe! Ihr könntet gemeinsam ihr Problem aufarbeiten und sie könnte seelisch gestärkt nach Maizuru zurückkehren. Natürlich mit der Maßgabe, jederzeit zu uns für eine Auszeit zurückkehren zu können.
Kameko-chan muss nicht als Nokorimono no Kurisumasukeki* -liegengebliebener Weihnachtskuchen- enden!"

*für Japaner gilt eine junge Frau ab 25 als 'liegengebliebener Weihnachtskuchen'.
Wie dieser bis zum 24. Dezember gegessen sein soll, sollte eine junge Frau bis dahin einen Mann fürs Leben gefunden haben...

"Das ist eine wunderbare Idee, Okyaku-Sama -mein Herr-. Darf ich gegenüber meiner ehrenwerten Mutter -rippana Hahaoya- das Angebot aussprechen?"

"Aber ja, meine liebste Nadeshiko -Prachtnelke-!"

Als ich Zeit zum Telefonieren habe, setze ich mich bequem hin und rede mit meiner lieben Mira -Mama- über das Angebot von Tanaka-San für Kameko-chan. Auch sie unterbreitet zuerst beim abendlichen Essen meinem Chichi -Papa- das Angebot. Er ist der Meinung, dass Kameko-chan das Angebot rundweg ablehnen wird, wenn sie ihr die Entscheidung überlassen.

Mein verehrter Otou-San -Vater- schlägt eine gemeinsame Reise mit der eigenen Yacht vor. Da kann sie schlecht ablehnen. Sie würden mit der Yacht zu unserer Insel reisen und hier übernachten.

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