Sonntag, 15. August 2021
Yamato Nadeshiko -115-
hermann-jpmt, 12:02h
Nach einigen Wochen scheint seine Ausbildung beendet zu sein. Tanaka-Sama nimmt mich mit in den Ratssaal, wo ich der nun folgenden Zeremonie, aus dem Hintergrund heraus, zuschauen darf. Der Shujin setzt sich in den Sessel des Kanrisha -Ortsvorsteher-. Der Ratssaal bevölkert sich in den folgenden Minuten mit den früheren Abteilungsleitern der Tanaka Automotive Group, den jetzigen Hyogi-in -Ratsherren- der Bunrei no Shima. Zwei Hocker bleiben noch leer.
Schließlich öffnet sich die Tür zum Ratssaal ein letztes Mal und Tanaka-San betritt den Raum in Begleitung unseres Waffenmeisters Osawa-San. Sie stellen sich gegenüber Tanaka-Sama auf, den Block mit dem Bunrei der Insel zwischen sich und dem Kanrisha.
Der Shujin erhebt als Erster das Wort. Er sagt:
"Tritt vor, Tanaka Masao!"
Tanaka-San macht ein paar Schritte auf ihn zu und Osawa-San tritt hinter ihn.
Dieser sagt nun:
"Ich, Osawa Isamu, gebe mein Wort, dass dieser Mann geeignet ist, Mitglied im Rat der Bunrei no Shima zu werden."
Der Shujin antwortet ihm wie nach einem festgelegten Ritual:
"Ich, Tanaka Daisuke, akzeptiere dein Wort!"
Reihum steht nun jedes Ratsmitglied auf, nennt seinen Namen und erklärt, dass er ebenfalls das Wort des Waffenmeisters anerkennt. Danach überreicht Tanaka-Sama seinem Sohn feierlich die Samurai-Schwerter in ihren Scheiden.
"Wirst du immer zum Wohle der Gemeinschaft handeln, dich respektvoll und ehrenhaft, sowie verantwortungsbewusst verhalten?" fragt der Shujin seinen Sohn bei der Übergabe.
"Ja, das werde ich!" antwortet Tanaka-San mit fester Stimme.
"Welcher ist dein Bunrei?" fragt der Shujin weiter und Tanaka-San antwortet:
"Mein Bunrei ist der unserer Insel, unserer Gemeinschaft."
"Dann," fährt der Shujin fort, "erkläre ich dich hiermit in meiner Eigenschaft als Kanrisha -Ortsvorsteher- dieser Insel in Gegenwart der versammelten Ratsherren zu meinem Stellvertreter."
Tanaka-Sama lächelt stolz und der Rat zeigt seine Zustimmung in Form des aufbrandenden Beifalls.
Anschließend soll sich Tanaka-San auf den leeren Hocker neben dem Sessel des Shujin niederlassen. Osawa-San setzt sich auf den übrigbleibenden Hocker.
Danach beginnt der Shujin eine kurze Ansprache in gedämpften Ton:
"Wie ihr wisst, wurde die Tochter unseres ehrenwerten Geschäftsfreundes von der Gokudo -extremer Weg (Yakuza)- entführt, um einer hohen Geldforderung Nachdruck zu verleihen. Die erste größere Aufgabe für den ehrenwerten Tanaka Masao wird es sein, die junge Frau aufzuspüren und -wenn möglich- zu befreien."
Tanaka-San schaut erstaunt zu seinem Vater auf, während alle anderen Anwesenden nicken. Der Shujin wendet sich seinem Sohn zu und fragt:
"Oder möchte der ehrenwerte Hyogi-in -Ratsherr- Tanaka-San die Aufgabe an jemand anders weitergeben?"
Der junge Mann schüttelt den Kopf und antwortet:
"Sumimasen -Entschuldigung-, ich fühle mich geehrt, aber mir fehlen dazu noch sämtliche Informationen..."
Tanaka-Sama nickt lächelnd und sagt:
"Du sollst alles erhalten, was du brauchst. Zusätzlich wird ein Quadrokopter in der Nähe über dich wachen!"
Man sieht Tanaka-San nun die Erleichterung an. Danach löst sich die Versammlung auf. In den nächsten Wochen sehe ich den jungen Herrn nicht mehr. Er ist zu seinem Auftrag aufgebrochen, erklärt mir mein Herr, und wir müssen uns nun in Geduld üben.
Währenddessen gehe ich oft als Lehrerin in unsere Meido-Do und nebenbei auch als Darstellerin in das Baraetishiata -Varieté-Theater- in dem Hochhaus, in dem die Wohnung meines Shujin liegt. Dort stehe ich weiß geschminkt im Kimono, das lange Haar zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, auf der Bühne und mache verschiedene Performances zwischen den Theaterstücken. Die Vorführung nimmt meist zehn Minuten in Anspruch, während denen hinter der Bühne immer große Betriebsamkeit herrscht.
Dabei lasse ich oft auch ein Shamisen ertönen, das Musikinstrument der Geishas. Es ist eine dreisaitige Laute, die man mit einem Plektrum zupft, das wie ein Ginkoblatt aussieht. Da ich mich nicht traue zu singen, nutze ich das Instrument zumeist als Musikuntermalung für Gedichte und Fabeln, die ich vortrage.
Den Frauen und Mädchen in der Meido-Do sage ich in den Unterweisungen, dass eine Geisha ein lebendes Kunstwerk ist. Rollen und Masken ersetzen das wahre Ich. Sie überlagern wie die Häute einer Zwiebel das, was man im tiefsten Inneren seiner Seele ist. Ihre Augen sind so tief wie der Ozean. Eine Geisha will nichts, fühlt nichts. Sie ist eine Künstlerin der dahinströmenden Welt. Sie tanzt und singt, sie unterhält die Männer, wie sie es mögen. Der Rest ist Schatten, ist Geheimnis.
Die Gesellschaft redet uns natürlich ein, wir seien real, doch was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, ist nur ein Bild. Das Bild, das die Umwelt von uns hat, oder das Bild, das wir der Umwelt von uns vermitteln wollen!
Nicht jede will immer hinter Masken verschwinden oder sich verstecken. Dennoch scheinen wir alle ein Leben lang auf etwas zu warten, scheinen uns beständig auf einem Weg zu einem imaginären Ziel zu befinden. Die Realität scheint uns gleich hinter der nächsten Biegung unseres Lebensweges zu begegnen. Unsere Eltern und Lehrer haben uns in jungen Jahren beständig auf 'morgen' vertröstet, was das Dasein und die Wahrheit hinter den Dingen betrifft.
So haben wir die endlose Spirale unseres Lebensweges betreten. Wann aber ist das Ende der Fahnenstange erreicht? Kann es sein, dass selbst die Älteren darauf keine Antwort wissen, selbst endlos auf dem Weg sind? Haben sie sich geschämt, es zuzugeben? Der schöne Schein kann Menschen verschlingen. Wie viele merken überhaupt nicht, dass sie so in ihrer Rolle aufgegangen sind, dass nichts mehr von ihrem echten Selbst übrig ist.
Seit ich Tanaka Hiko bin, bin ich endlich etwas, etwas Echtes, etwas hoch Emotionales. Endlich spüre ich, dass ich lebe, mit jeder Faser meines Körpers, mit jeder gefühlten Emotion. Ich bin frei, das zu sein, was ich fühle, das ich bin. Es gibt eine Wirklichkeit zum Anfassen wie Gras oder Baumrinde. Ich bin nicht mehr losgelöst von meinem Selbst!
*
Schließlich öffnet sich die Tür zum Ratssaal ein letztes Mal und Tanaka-San betritt den Raum in Begleitung unseres Waffenmeisters Osawa-San. Sie stellen sich gegenüber Tanaka-Sama auf, den Block mit dem Bunrei der Insel zwischen sich und dem Kanrisha.
Der Shujin erhebt als Erster das Wort. Er sagt:
"Tritt vor, Tanaka Masao!"
Tanaka-San macht ein paar Schritte auf ihn zu und Osawa-San tritt hinter ihn.
Dieser sagt nun:
"Ich, Osawa Isamu, gebe mein Wort, dass dieser Mann geeignet ist, Mitglied im Rat der Bunrei no Shima zu werden."
Der Shujin antwortet ihm wie nach einem festgelegten Ritual:
"Ich, Tanaka Daisuke, akzeptiere dein Wort!"
Reihum steht nun jedes Ratsmitglied auf, nennt seinen Namen und erklärt, dass er ebenfalls das Wort des Waffenmeisters anerkennt. Danach überreicht Tanaka-Sama seinem Sohn feierlich die Samurai-Schwerter in ihren Scheiden.
"Wirst du immer zum Wohle der Gemeinschaft handeln, dich respektvoll und ehrenhaft, sowie verantwortungsbewusst verhalten?" fragt der Shujin seinen Sohn bei der Übergabe.
"Ja, das werde ich!" antwortet Tanaka-San mit fester Stimme.
"Welcher ist dein Bunrei?" fragt der Shujin weiter und Tanaka-San antwortet:
"Mein Bunrei ist der unserer Insel, unserer Gemeinschaft."
"Dann," fährt der Shujin fort, "erkläre ich dich hiermit in meiner Eigenschaft als Kanrisha -Ortsvorsteher- dieser Insel in Gegenwart der versammelten Ratsherren zu meinem Stellvertreter."
Tanaka-Sama lächelt stolz und der Rat zeigt seine Zustimmung in Form des aufbrandenden Beifalls.
Anschließend soll sich Tanaka-San auf den leeren Hocker neben dem Sessel des Shujin niederlassen. Osawa-San setzt sich auf den übrigbleibenden Hocker.
Danach beginnt der Shujin eine kurze Ansprache in gedämpften Ton:
"Wie ihr wisst, wurde die Tochter unseres ehrenwerten Geschäftsfreundes von der Gokudo -extremer Weg (Yakuza)- entführt, um einer hohen Geldforderung Nachdruck zu verleihen. Die erste größere Aufgabe für den ehrenwerten Tanaka Masao wird es sein, die junge Frau aufzuspüren und -wenn möglich- zu befreien."
Tanaka-San schaut erstaunt zu seinem Vater auf, während alle anderen Anwesenden nicken. Der Shujin wendet sich seinem Sohn zu und fragt:
"Oder möchte der ehrenwerte Hyogi-in -Ratsherr- Tanaka-San die Aufgabe an jemand anders weitergeben?"
Der junge Mann schüttelt den Kopf und antwortet:
"Sumimasen -Entschuldigung-, ich fühle mich geehrt, aber mir fehlen dazu noch sämtliche Informationen..."
Tanaka-Sama nickt lächelnd und sagt:
"Du sollst alles erhalten, was du brauchst. Zusätzlich wird ein Quadrokopter in der Nähe über dich wachen!"
Man sieht Tanaka-San nun die Erleichterung an. Danach löst sich die Versammlung auf. In den nächsten Wochen sehe ich den jungen Herrn nicht mehr. Er ist zu seinem Auftrag aufgebrochen, erklärt mir mein Herr, und wir müssen uns nun in Geduld üben.
Währenddessen gehe ich oft als Lehrerin in unsere Meido-Do und nebenbei auch als Darstellerin in das Baraetishiata -Varieté-Theater- in dem Hochhaus, in dem die Wohnung meines Shujin liegt. Dort stehe ich weiß geschminkt im Kimono, das lange Haar zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, auf der Bühne und mache verschiedene Performances zwischen den Theaterstücken. Die Vorführung nimmt meist zehn Minuten in Anspruch, während denen hinter der Bühne immer große Betriebsamkeit herrscht.
Dabei lasse ich oft auch ein Shamisen ertönen, das Musikinstrument der Geishas. Es ist eine dreisaitige Laute, die man mit einem Plektrum zupft, das wie ein Ginkoblatt aussieht. Da ich mich nicht traue zu singen, nutze ich das Instrument zumeist als Musikuntermalung für Gedichte und Fabeln, die ich vortrage.
Den Frauen und Mädchen in der Meido-Do sage ich in den Unterweisungen, dass eine Geisha ein lebendes Kunstwerk ist. Rollen und Masken ersetzen das wahre Ich. Sie überlagern wie die Häute einer Zwiebel das, was man im tiefsten Inneren seiner Seele ist. Ihre Augen sind so tief wie der Ozean. Eine Geisha will nichts, fühlt nichts. Sie ist eine Künstlerin der dahinströmenden Welt. Sie tanzt und singt, sie unterhält die Männer, wie sie es mögen. Der Rest ist Schatten, ist Geheimnis.
Die Gesellschaft redet uns natürlich ein, wir seien real, doch was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, ist nur ein Bild. Das Bild, das die Umwelt von uns hat, oder das Bild, das wir der Umwelt von uns vermitteln wollen!
Nicht jede will immer hinter Masken verschwinden oder sich verstecken. Dennoch scheinen wir alle ein Leben lang auf etwas zu warten, scheinen uns beständig auf einem Weg zu einem imaginären Ziel zu befinden. Die Realität scheint uns gleich hinter der nächsten Biegung unseres Lebensweges zu begegnen. Unsere Eltern und Lehrer haben uns in jungen Jahren beständig auf 'morgen' vertröstet, was das Dasein und die Wahrheit hinter den Dingen betrifft.
So haben wir die endlose Spirale unseres Lebensweges betreten. Wann aber ist das Ende der Fahnenstange erreicht? Kann es sein, dass selbst die Älteren darauf keine Antwort wissen, selbst endlos auf dem Weg sind? Haben sie sich geschämt, es zuzugeben? Der schöne Schein kann Menschen verschlingen. Wie viele merken überhaupt nicht, dass sie so in ihrer Rolle aufgegangen sind, dass nichts mehr von ihrem echten Selbst übrig ist.
Seit ich Tanaka Hiko bin, bin ich endlich etwas, etwas Echtes, etwas hoch Emotionales. Endlich spüre ich, dass ich lebe, mit jeder Faser meines Körpers, mit jeder gefühlten Emotion. Ich bin frei, das zu sein, was ich fühle, das ich bin. Es gibt eine Wirklichkeit zum Anfassen wie Gras oder Baumrinde. Ich bin nicht mehr losgelöst von meinem Selbst!
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