Freitag, 13. August 2021
Yamato Nadeshiko -114-
Als Tanaka-San seinen Abschluss im Internat gemacht hat und nach den Ferien ein Studium beginnen könnte, überlegt Tanaka-Sama ihn auf die Bunrei no Shima zu holen und ihn zu seinem Stellvertreter aufzubauen. Ich, Tanaka Hiko, seine ergebene Meido, bestärke ihn darin, denn dann hat er eine Person an seiner Seite, der er bei heiklen Aufträgen unbedingt vertrauen kann.

Nachdem die Schule ihm ein hervorragendes Abschlusszeugnis seines Sohnes übermittelt hat, ruft er dort an und erfährt vom Vertrauenslehrer, dass Tanaka-San zu einer Fahrradtour in die Rockies aufgebrochen ist. Am Trail liegen im Abstand von etwa zwanzig Meilen Motels, bei denen er sich mit allem versorgen kann, was ein Biker braucht.

Tanaka-Sama, mein Shujin -Herr-, lässt die erfahrensten Piloten des Meisai -Tarn- zu sich kommen. Während ich die Herren bewirte, sagt er:

"Meine Herren, ich habe einen heiklen Auftrag für Sie. Sie müssen den Pazifik überqueren und sich an der kanadischen Küste eine Felsenhöhle suchen. Von dort starten sie mit dem Quadrokopter einen Erkundungsflug in Richtung Edmonton. Es geht darum, meinen lieben Sohn wohlbehalten auf die Bunrei no Shima zu bringen! Unterwegs informiere ich Sie, welche Motels er besucht hat. Picken Sie ihn dort irgendwo auf und verschleiern Sie sein Verschwinden, so dass die Ranger vor ein unlösbares Rätsel gestellt werden.
Was sagen Sie dazu?"

"Ehrenwerter Kanrisha-Sama -Herr Ortsvorsteher-, das sind mehrere tausend Seemeilen dorthin. Es wäre gut, wenn wir unterwegs auftanken könnten."

"Daran habe ich auch schon gedacht," antwortet Tanaka-Sama und nickt beruhigend. "Zu zwei Koordinaten auf der Strecke sind Schiffe unterwegs. Darüber erhalten Sie noch genauere Informationen."

Die Herren brechen bald nach der Besprechung auf. Etwa sechzehn Stunden später erhält der Shujin die Nachricht, dass die Piloten den Meisai -Tarn- in einer Höhle an der kanadischen Küste verstecken konnten. Sie werden erst einmal schlafen und in sechs oder sieben Stunden ihren Erkundungsflug mit dem Quadrokopter starten.

Der Herr vereinbart mit ihnen ein kurzes Funksignal, das wie unsere Gespräche per Satellit zur Bunrei no Shima übertragen wird, wenn sie Tanaka-San aufgenommen haben und den Rückflug antreten. Zwölf Stunden nach dem Kontakt erreicht uns das automatische Signal, eine abgesprochene Buchstaben- und Zahlenkombination. Nun heißt es, in froher Erwartung ausharren.

Gegen Morgen erhalten wir über den Kommunikator von der Hangaraufsicht die Meldung, dass der Meisai wohlbehalten zurück ist und einen Passagier an Bord mitgebracht hat. Die Männer werden Tanaka-San sein Appartement zeigen.

Am Abend verlässt mich mein Herr, um seinen Sohn auf der Insel zu begrüßen. Die Beiden werden viel zu besprechen haben. Da dieser sich noch im Zeitrhythmus Kanadas befindet, hat Tanaka-Sama ihn über Tag in Ruhe schlafen gelassen. Zwei Stunden später ist mein Herr wieder zurück. Tanaka-San wird nun das Gehörte verarbeiten müssen und hier ist inzwischen die Nacht angebrochen.

Morgen früh wird für Tanaka-San der Unterricht beginnen.

*

In den folgenden Wochen erhält Tanaka-San Unterricht von unterschiedlichen Lehrern.

Mein Shujin stellt Tanaka-San unseren Waffenmeister Osawa-San vor. Dort wird der Sohn des Herrn im Fechten ausgebildet. Wie Tanaka-Sama mir erzählt, lernt er das Führen des Katana -Langschwerts- und des Wakizashi -Kurzschwerts-. Im Unterricht werden die Waffen durch Bambusstäbe ersetzt.

Außerdem erhält er Unterricht in der waffenlosen Selbstverteidigung Ju-Jutsu, weil dieser Kampfstil zum Einen Techniken aus verschiedenen Kampfsportarten kombiniert. Zum Anderen verspricht dieser Kampfstil schnelle Erfolge beim Erlernen, weil weniger die Ästhetik, als vielmehr die Effektivität im Vordergrund steht. Aus diesem Grund wird Ju-Jutsu auch in der Meido-Do -Mägdeschule- gelehrt.

Tanaka-Sama lässt es sich nicht nehmen, seinen Sohn selbst im Kodex der Samurai zu unterrichten. Der Kodex wird von Respekt und Ritterlichkeit bestimmt und unterstreicht die Loyalität gegenüber den Führenden und dem Bunrei. Es sind harte Regeln, aber sie kennen Rücksichtnahme, Verantwortung und Ehrenhaftigkeit. Auch die Meido lernen diese Regeln in der Meido-Do kennen, um Männer anhand derer unterscheiden zu können.

Während ich die beiden Herren bewirte, bekomme ich mit, was der Shujin seinem Sohn beibringt. Da in Kanada über den Shinto -Weg der Götter- in der schulischen Ausbildung nichts erwähnt wird, nimmt sich Tanaka-Sama auch die Zeit, seinem Sohn die uralte ethnische Religion der Japaner nahezubringen.

Zwischendurch übt ein anderer Lehrer mit Tanaka-San das Kanji, die japanische Schrift. Nach einiger Zeit, während der sich Tanaka-Sama über die Fortschritte seines Sohnes erfreut zeigt, kommt dieser mit einer Frage auf ihn zu.

"Yoo -Hi-, Otou-San -Vater-," fragt er, "in einem romantischen Gedicht habe ich etwas über die japanische Prachtnelke -Yamato Nadeshiko- gelesen. Um welche Blume handelt es sich dabei eigentlich?"

Der Shujin lacht fröhlich auf und erklärt ihm, dass es sich dabei um das Symbol des japanischen Frauenideals handelt. Tanaka-San schaut seinen Vater daraufhin verständnislos an. Deshalb beginnt dieser nun wieder eine kleine Unterweisung:

"Ich beginne am besten ganz vorne," meint er. "Unsere höchste Gottheit im Shinto ist Amatherasu, die Sonne. Das weißt du inzwischen, Masao-kun. Sie ist weiblich, obwohl die Gesellschaft wie du sie heute erlebst eher patriarchalisch aufgebaut ist. Manche Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass die Gesellschaft in ferner Vergangenheit einmal matriarchalisch organisiert war.
Irgendwann hat sich das Machtgefälle in der Gesellschaft wohl gedreht. Ob es da einmal einen 'Kampf' zwischen den Geschlechtern gegeben hat, den die Frauen verloren haben, ist Spekulation. Das lässt sich nach Jahrtausenden nicht mehr feststellen. Beschreiben wir also die heutige japanische Frau: Ihr vorherrschender Wesenszug ist es willensstark zu sein. Sie kann sich durchsetzen, wenn sie es muss. Ihr Schicksal erträgt sie unbewegt, auch wenn es mit psychischen oder physischen Schmerzen verbunden sein sollte.
Dabei ist sie nicht selbständig oder unabhängig wie die westliche Frau, die du zum Beispiel aus Kanada kennst. Die Yamato Nadeshiko tut alles für ihren Vater, später für ihren Chef oder ihren Mann. Sie ordnet sich gerne unter und bringt alle nötigen Opfer zum Wohlergehen und Schutz ihrer Familie oder Firma, bzw. Organisation. Familie, Firma oder Organisation ist ihr also wichtiger als ihre persönliche Entfaltung - im Gegensatz zur westlichen Frau.
Im Außenverhältnis kann eine Japanerin sich für ihren Herrn durchsetzen, während sie im Innenverhältnis seine Führung akzeptiert. Andere Männer respektieren das Symbol, das der Halsreifen darstellt, denn sonst würden sie in ein Innenverhältnis eingreifen, das ihnen nicht zusteht. Ihr Herr würde sich in seiner Ehre verletzt sehen und den Anderen zum Duell herausfordern."

Der junge Mann nickt nachdenklich.

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