Freitag, 23. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -105-
hermann-jpmt, 12:21h
Chandan Naresh überlegt kurz, dann unterbreitet er meinen Vorschlag den anwesenden Familienoberhäuptern. Sie stellen je einen aus jeder Familie ab, der sich mit seiner Frau in den nächsten Monaten von uns in Selbstverteidigung unterweisen lässt.
Bei einem Besuch in seinem Haus in den nächsten Tagen, kommt die Sprache auf mein Handeln nach jener verhängnisvollen Nacht. Ich will nicht den ganzen Dank des neuen Ortsvorstehers auf meine Schultern laden und sage:
"Ohne Bani hätte ich nicht so viel Verwirrung bei den Aggressoren stiften können, dass sie Ihresgleichen im Dunkeln für Angreifer halten und gegenseitig übereinander herfallen konnten."
"Sie hat mir die Geschichte minutiös berichtet," lächelt Chandan Naresh. "Du hast ihr Selbstvertrauen gegeben!"
Die Schultern zuckend, gebe ich lächelnd zurück:
"Eine vor Angst schlotternde Person, die in Depression versinkt, konnte ich dabei nicht gebrauchen. Ich brauchte aber dringend jemand, der sich im Schilf traumwandlerisch auskennt. Ich freue mich, dass es mir gelungen ist, sie seelisch wiederaufzurichten!"
*
Das Neujahrsfest fällt regelmäßig in die trockene Zeit des Wintermonsuns in Bangla Desh, bei dem trockene kontinentale Winde wehen, im Gegensatz zum feuchten Sommermonsun, bei dem der Wind vom Indischen Ozean herein weht.
Dieses Jahr wollen wir die Pepa-bauern kurze Zeit alleine lassen und nach Japan fliegen. Ruri-Chans Familie wird sich freuen, uns zum Toshikoshi -Jahreswechsel- bei sich zu haben.
Wieder nehmen wir das Flussschiff, das uns in mehreren Tagen von Khulna über Barisal nach Dhaka bringt. Dort buchen wir einen Flug nach Kyoto und übernachten bis zum Abflug in einem Backpacker-Motel.
Am Morgen des 30.Dezember landen wir auf dem International Airport Kansai. Von hier fahren wir mit dem Flughafen-Expresszug zum Bahnhof Kyoto, um dort in den Überlandbus zu der Familie Sato aufs Land zu kommen.
Dort angekommen lasse ich mich von Ruri-Chan zu der örtlichen Fleischerei ihrer ehrenwerten Oya-San -Eltern- führen. Wir betreten das Geschäft, über dem sich die Privatwohnung der Eltern befindet.
Kaum haben wir die Tür geöffnet und die Klingel unser Eintreten angezeigt, begrüßt uns die ältere Frau in der unnachahmlichen Art japanischer Verkäuferinnen von hinter der Fleischtheke:
?Irasshaimaseeeeee -Willkommen-!?
Wir machen lächelnd einen Schritt in den Laden und lassen die Tür hinter uns ins Schloss zurückfallen, was sie mit einem erneuten Klingelton beantwortet.
Inzwischen hat Sato-San, Ruri-chans Hahaoya -Mutter- uns erkannt, kommt hinter der Theke hervor und bedenkt uns unter Verbeugungen mit einem freudigen Wortschwall. Dadurch wird Ruri-chans Vater Chichi -Vater- aufmerksam, der aus dem Verarbeitungsraum hinter dem Verkaufsraum neugierig nach vorne kommt. Auch er strahlt übers ganze Gesicht, als er uns erkennt und begrüßt uns.
Anschließend geht er wieder nach hinten, während meine Schwiegermutter uns nach oben geleitet. An der Tür entschuldige ich mich höflich:
"O-jama shimasu -Ich störe jetzt-."
Danach entledige ich mich meiner Jacke und meiner Straßenschuhe, die ich an der Garderobe gegen Hausschuhe tausche.
Unter Verbeugungen entschuldigt sich die Ushiro madama -Gnädige von hinten (Hausherrin)- und lässt uns allein, um wieder nach unten ins Geschäft zu gehen. Ruri-chan führt mich in einen kleinen Raum, der früher einmal ihr Kinderzimmer gewesen ist und bietet mir an, mich auf dem Boden niederzulassen.
Ich gehe in den Schneidersitz. Ruri-chan bringt einen kleinen Tisch, gerade einen halben Meter im Quadrat heran und verschwindet mit schnellen Trippelschritten in der Küche. Nachdem sie Tee gekocht und mir serviert hat, höre ich Treppenstufen knarzen. Kurz darauf kommt Ruri-chan wieder von unten hoch und bringt zwei Schalen mit Fisch und Gemüse auf Reis herein, die sie im Laden in der Mikrowelle erwärmt hat.
Wir essen nun, nachdem wir während der stundenlangen Fahrt noch nichts gegessen haben. Ein paar Stunden später schließen meine Schwiegereltern das Geschäft und kommen in die Wohnung hoch. Sie sind neugierig über unsere Erlebnisse. Wir übergeben unsere mitgebrachten Geschenke und müssen danach viel über unser Leben in Deutschland berichten. Dann berichte ich auch von unserem Auslandseinsatz in Bangladesh, dem ich den Titel 'Entwicklungshilfe' verpasse.
Darüber wird es Abend und die Frauen gehen in die Küche, um ein Essen vorzubereiten und untereinander weiter zu reden. Mein Schwiegervater, der Gifu-San, fragt mich nun, wie man in Deutschland den Jahreswechsel begeht und ob mir Ruri-chan schon etwas über die japanischen Sylvesterbräuche erzählt hat. So haben wir wieder ein Thema, bis das Abendessen auf dem Tisch im Wohnzimmer steht.
Anschließend wechseln wir den Raum. Während des Essens im Wohnraum läuft eine Musikshow im Fernsehen. Ruri-chan erkundigt sich, wer alles daran teilnimmt und welche Songs vorgetragen werden.
Ich kann sehen, dass die Interpreten in zwei Gruppen nach Geschlechtern getrennt auftreten. Die männlichen Interpreten gehören zu der weißen Gruppe und die die weiblichen Interpreten sind in der roten Gruppe zusammengefasst.
Ruri-chan erklärt mir, dass die Songs von der Musikbranche vorher ausgewählt wurden. Song und Performance werden von einer Jury und dem Publikum im Saal bewertet. Mit einem feinen Lächeln sagt sie, dass das Fernsehpublikum vor den Bildschirmen mitfiebert und Wetten abschließt, welche Gruppe am Ende der Show gewonnen hat.
Mir fällt da eine Parallele aus der japanischen Mythologie ein: Da die höchste Gottheit im Shinto Amatherasu ist, die Sonne, glauben manche Wissenschaftler, dass die archaische Gesellschaft vor Urzeiten einmal matriarchalisch organisiert gewesen ist. Da die heutige Gesellschaft dagegen patriarchalisch aufgebaut ist, müsste es einmal einen 'Kampf zwischen den Geschlechtern' gegeben haben, postulieren sie.
In diesem Kontext ist das Sendeformat aufgebaut, stelle ich fest. Das muss wohl die Beliebtheit der Musikshow ausmachen, die nun schon seit 1951 zu Sylvester gehört wie in Deutschland das 'Dinner for One'. Aktuell rechnen alle mit dem Sieg der roten Gruppe, also den Frauen, weil die bekannte Jazzsängerin Juju und die Girlsgroup ?Sakura Zaka 46? zu den Interpreten zählen.
Am Neujahrsmorgen, nachdem ich mit Ruri-chan in ihrem alten Zimmer übernachtet habe, wird gut gefrühstückt. Dabei wünschen wir meinen Schwiegereltern:
"Akemashite omedeto gozaimasu -Alles Gute zum neuen Jahr!"
Anschließend machen sie sich mit uns zu Fuß auf den Weg zu einem nahen Shinto-Schrein.
Nach einem längeren Fußweg sehe ich schon von weitem das rote Tori in der tiefstehenden Sonne leuchten. Wir durchschreiten es und betreten das Gebäude des Schreins. Am Behälter der Shintai -Reliquie- gibt jeder eine kleine Menge Münzen in einen dafür vorgesehenen Kasten, um anschließend an einem dünnen Seil zu ziehen.
Eine Glocke ertönt. Unter Händeklatschen und Verbeugen tragen die Gläubigen nun dem Kami ihren Neujahrswunsch vor. Ich sage:
"Lass mich immer genug auf Ruri-chan achten und gib mir Kraft sie zu beschützen!"
Ruri-chan lächelt glücklich, als sie mich sprechen hört, und gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Auf dem Rückweg essen wir an einer Garküche in der Nähe des Schreins und sind am Nachmittag wieder zurück. Nun haben wir noch einen Abend im Schoß meiner Schwiegerfamilie und am nächsten Tag besteigen wir den Überlandbus, der uns nach Kyoto zurückbringt. Von dort geht es zurück zum Flughafen und anschließend mit dem Flugzeug nach Bangladesh.
Drei Monate wollen wir noch bleiben bis wir denken, dass Prabal Jagan auf eigenen Füßen stehen kann. Wir tauschen uns mit Herrn Loose in Hagenholt und Tanaka-Sama auf Bunrei no Shima aus, um in Erfahrung zu bringen, welche Güter jeweils zwischen den drei Standorten gehandelt werden können. Danach verabschieden wir uns herzlich von den freundlichen Leuten und fliegen nach einem Jahr nach Deutschland zurück.
Bei einem Besuch in seinem Haus in den nächsten Tagen, kommt die Sprache auf mein Handeln nach jener verhängnisvollen Nacht. Ich will nicht den ganzen Dank des neuen Ortsvorstehers auf meine Schultern laden und sage:
"Ohne Bani hätte ich nicht so viel Verwirrung bei den Aggressoren stiften können, dass sie Ihresgleichen im Dunkeln für Angreifer halten und gegenseitig übereinander herfallen konnten."
"Sie hat mir die Geschichte minutiös berichtet," lächelt Chandan Naresh. "Du hast ihr Selbstvertrauen gegeben!"
Die Schultern zuckend, gebe ich lächelnd zurück:
"Eine vor Angst schlotternde Person, die in Depression versinkt, konnte ich dabei nicht gebrauchen. Ich brauchte aber dringend jemand, der sich im Schilf traumwandlerisch auskennt. Ich freue mich, dass es mir gelungen ist, sie seelisch wiederaufzurichten!"
*
Das Neujahrsfest fällt regelmäßig in die trockene Zeit des Wintermonsuns in Bangla Desh, bei dem trockene kontinentale Winde wehen, im Gegensatz zum feuchten Sommermonsun, bei dem der Wind vom Indischen Ozean herein weht.
Dieses Jahr wollen wir die Pepa-bauern kurze Zeit alleine lassen und nach Japan fliegen. Ruri-Chans Familie wird sich freuen, uns zum Toshikoshi -Jahreswechsel- bei sich zu haben.
Wieder nehmen wir das Flussschiff, das uns in mehreren Tagen von Khulna über Barisal nach Dhaka bringt. Dort buchen wir einen Flug nach Kyoto und übernachten bis zum Abflug in einem Backpacker-Motel.
Am Morgen des 30.Dezember landen wir auf dem International Airport Kansai. Von hier fahren wir mit dem Flughafen-Expresszug zum Bahnhof Kyoto, um dort in den Überlandbus zu der Familie Sato aufs Land zu kommen.
Dort angekommen lasse ich mich von Ruri-Chan zu der örtlichen Fleischerei ihrer ehrenwerten Oya-San -Eltern- führen. Wir betreten das Geschäft, über dem sich die Privatwohnung der Eltern befindet.
Kaum haben wir die Tür geöffnet und die Klingel unser Eintreten angezeigt, begrüßt uns die ältere Frau in der unnachahmlichen Art japanischer Verkäuferinnen von hinter der Fleischtheke:
?Irasshaimaseeeeee -Willkommen-!?
Wir machen lächelnd einen Schritt in den Laden und lassen die Tür hinter uns ins Schloss zurückfallen, was sie mit einem erneuten Klingelton beantwortet.
Inzwischen hat Sato-San, Ruri-chans Hahaoya -Mutter- uns erkannt, kommt hinter der Theke hervor und bedenkt uns unter Verbeugungen mit einem freudigen Wortschwall. Dadurch wird Ruri-chans Vater Chichi -Vater- aufmerksam, der aus dem Verarbeitungsraum hinter dem Verkaufsraum neugierig nach vorne kommt. Auch er strahlt übers ganze Gesicht, als er uns erkennt und begrüßt uns.
Anschließend geht er wieder nach hinten, während meine Schwiegermutter uns nach oben geleitet. An der Tür entschuldige ich mich höflich:
"O-jama shimasu -Ich störe jetzt-."
Danach entledige ich mich meiner Jacke und meiner Straßenschuhe, die ich an der Garderobe gegen Hausschuhe tausche.
Unter Verbeugungen entschuldigt sich die Ushiro madama -Gnädige von hinten (Hausherrin)- und lässt uns allein, um wieder nach unten ins Geschäft zu gehen. Ruri-chan führt mich in einen kleinen Raum, der früher einmal ihr Kinderzimmer gewesen ist und bietet mir an, mich auf dem Boden niederzulassen.
Ich gehe in den Schneidersitz. Ruri-chan bringt einen kleinen Tisch, gerade einen halben Meter im Quadrat heran und verschwindet mit schnellen Trippelschritten in der Küche. Nachdem sie Tee gekocht und mir serviert hat, höre ich Treppenstufen knarzen. Kurz darauf kommt Ruri-chan wieder von unten hoch und bringt zwei Schalen mit Fisch und Gemüse auf Reis herein, die sie im Laden in der Mikrowelle erwärmt hat.
Wir essen nun, nachdem wir während der stundenlangen Fahrt noch nichts gegessen haben. Ein paar Stunden später schließen meine Schwiegereltern das Geschäft und kommen in die Wohnung hoch. Sie sind neugierig über unsere Erlebnisse. Wir übergeben unsere mitgebrachten Geschenke und müssen danach viel über unser Leben in Deutschland berichten. Dann berichte ich auch von unserem Auslandseinsatz in Bangladesh, dem ich den Titel 'Entwicklungshilfe' verpasse.
Darüber wird es Abend und die Frauen gehen in die Küche, um ein Essen vorzubereiten und untereinander weiter zu reden. Mein Schwiegervater, der Gifu-San, fragt mich nun, wie man in Deutschland den Jahreswechsel begeht und ob mir Ruri-chan schon etwas über die japanischen Sylvesterbräuche erzählt hat. So haben wir wieder ein Thema, bis das Abendessen auf dem Tisch im Wohnzimmer steht.
Anschließend wechseln wir den Raum. Während des Essens im Wohnraum läuft eine Musikshow im Fernsehen. Ruri-chan erkundigt sich, wer alles daran teilnimmt und welche Songs vorgetragen werden.
Ich kann sehen, dass die Interpreten in zwei Gruppen nach Geschlechtern getrennt auftreten. Die männlichen Interpreten gehören zu der weißen Gruppe und die die weiblichen Interpreten sind in der roten Gruppe zusammengefasst.
Ruri-chan erklärt mir, dass die Songs von der Musikbranche vorher ausgewählt wurden. Song und Performance werden von einer Jury und dem Publikum im Saal bewertet. Mit einem feinen Lächeln sagt sie, dass das Fernsehpublikum vor den Bildschirmen mitfiebert und Wetten abschließt, welche Gruppe am Ende der Show gewonnen hat.
Mir fällt da eine Parallele aus der japanischen Mythologie ein: Da die höchste Gottheit im Shinto Amatherasu ist, die Sonne, glauben manche Wissenschaftler, dass die archaische Gesellschaft vor Urzeiten einmal matriarchalisch organisiert gewesen ist. Da die heutige Gesellschaft dagegen patriarchalisch aufgebaut ist, müsste es einmal einen 'Kampf zwischen den Geschlechtern' gegeben haben, postulieren sie.
In diesem Kontext ist das Sendeformat aufgebaut, stelle ich fest. Das muss wohl die Beliebtheit der Musikshow ausmachen, die nun schon seit 1951 zu Sylvester gehört wie in Deutschland das 'Dinner for One'. Aktuell rechnen alle mit dem Sieg der roten Gruppe, also den Frauen, weil die bekannte Jazzsängerin Juju und die Girlsgroup ?Sakura Zaka 46? zu den Interpreten zählen.
Am Neujahrsmorgen, nachdem ich mit Ruri-chan in ihrem alten Zimmer übernachtet habe, wird gut gefrühstückt. Dabei wünschen wir meinen Schwiegereltern:
"Akemashite omedeto gozaimasu -Alles Gute zum neuen Jahr!"
Anschließend machen sie sich mit uns zu Fuß auf den Weg zu einem nahen Shinto-Schrein.
Nach einem längeren Fußweg sehe ich schon von weitem das rote Tori in der tiefstehenden Sonne leuchten. Wir durchschreiten es und betreten das Gebäude des Schreins. Am Behälter der Shintai -Reliquie- gibt jeder eine kleine Menge Münzen in einen dafür vorgesehenen Kasten, um anschließend an einem dünnen Seil zu ziehen.
Eine Glocke ertönt. Unter Händeklatschen und Verbeugen tragen die Gläubigen nun dem Kami ihren Neujahrswunsch vor. Ich sage:
"Lass mich immer genug auf Ruri-chan achten und gib mir Kraft sie zu beschützen!"
Ruri-chan lächelt glücklich, als sie mich sprechen hört, und gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Auf dem Rückweg essen wir an einer Garküche in der Nähe des Schreins und sind am Nachmittag wieder zurück. Nun haben wir noch einen Abend im Schoß meiner Schwiegerfamilie und am nächsten Tag besteigen wir den Überlandbus, der uns nach Kyoto zurückbringt. Von dort geht es zurück zum Flughafen und anschließend mit dem Flugzeug nach Bangladesh.
Drei Monate wollen wir noch bleiben bis wir denken, dass Prabal Jagan auf eigenen Füßen stehen kann. Wir tauschen uns mit Herrn Loose in Hagenholt und Tanaka-Sama auf Bunrei no Shima aus, um in Erfahrung zu bringen, welche Güter jeweils zwischen den drei Standorten gehandelt werden können. Danach verabschieden wir uns herzlich von den freundlichen Leuten und fliegen nach einem Jahr nach Deutschland zurück.
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