Sonntag, 11. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -99-
Zu seiner Frau gewandt, sagt er:
"Kawazu-San, rufe die Frauen des Dorfes zusammen! Wir wollen ein Fest feiern."

Ich mache ihn auf einen Umstand aufmerksam:
"Es wäre schön, wenn das Fest warten könnte, bis die anderen Beteiligten anwesend sind, Kamaya-San, Igarashi-San und natürlich Akio-kun."

"Ja, natürlich," lenkt der Bauernführer ein. "Kann man ihnen eine Nachricht zukommen lassen?"

Ich nicke lächelnd und hole mein Handy hervor. Der Händler Kamaya-San verspricht, morgen in Shikafodo zu sein und den Magier zu informieren, dass auch dieser seine Werbetour unterbricht.


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--In den Sundarbans--

Ich betrete mit einigen anderen Männern, die ich draußen im Gang getroffen habe, unseren Ratssaal. Es sind schon einige Hyogi-in -Ratsherren- und Tanaka-Sama, mein ehrenwerter Otou-San -Vater-, anwesend. Nach mir treffen noch weitere Männer ein. Wir setzen uns im Bogen um einen niedrigen Block. Auf ihm ruht in einer Schale ein dunkler Stein, durchzogen von weißen Adern. Er liegt in einem Moosbett, das regelmäßig gewässert wird.

Nachdem alle Hocker besetzt sind, erhebt sich mein Vater aus seinem Sessel und begrüßt die Versammlung. Anschließend füllt er eine Schale mit Tee, tunkt zwei Finger hinein und benetzt damit den Bunrei unserer Insel. Er spricht dabei:

"Fumetsu no seishitsu, watashitachi no purojekuto ni shiawase o ataeru - Unsterbliche Natur, schenke unserem Vorhaben Glück-."

Danach gibt er die Schale an den ihm am nächsten sitzenden Hyogi-in -Ratsherrn- weiter. Dieser schlürft einen Schluck vom Tee in der Schale ab, dreht sie ein wenig und gibt sie seinem Nebenmann, der die Aktion wiederholt. Mein Vater wartet, bis die Schale wieder bei ihm angelangt ist, um sie beiseite zu stellen.

Nun nickt er einem der Herren zu und sagt:
"Verehrter Ito-San, berichte kurz von deiner Forschung."

Ito-San ist unser Gartenbau-Ingenieur. Er kümmert sich mit seiner Abteilung um Pflanzenwuchs zur Zierde und zur Nahrungsmittelerzeugung auf Bunrei no Shima, unserer Heimat.

Einer der Hyogi-in -Ratsherren- erhebt sich und verbeugt sich vor meinem Vater. Danach nickt er den anderen Männern im Raum zu. Er sagt:

"Vor einigen Jahren haben wir Versuchsreihen mit dem Tortora-Schilf vom 3810m hohen Titicaca-See in den Anden gestartet, um es auf Meereshöhe und im Brackwasser von Flussmündungen zu kultivieren. Über Selektion ist es uns nun gelungen die Pflanze, die bisher nur im Süßwasser in sauerstoffarmer Luft gewachsen ist, an ihren neuen Lebensraum zu gewöhnen.
Schließlich haben wir größere Mengen des Schilfes im Delta der Flüsse Brahmaputra, Ganges und Meghna in Bangla Desh anpflanzen gelassen. Ein paar Familien der Quetchua-Indios haben die Einheimischen unter unserer Führung angeleitet. Sie sind dann wieder nach Peru zurückgekehrt. Nun müssen wir überlegen, wie wir die Bewohner der Sundarbans weiter begleiten. Jemand sollte also für längere Zeit dort seinen Wohnsitz nehmen und die Menschen beraten."

"Das Delta hat ausgedehnte Mangrovenwälder mit einer Fauna über und unter Wasser. War es klug, dort kultivierend einzugreifen?" fragt ein anderer Herr, nachdem sich Ito-San wieder gesetzt hat. Er erhebt sich noch einmal und erklärt:

"Das Delta ist nicht menschenleer! Die Bewohner der Sundarbans haben gelernt mit den Gefahren, der sie umgebenden Natur zu leben. Neben den Mangrovenwäldern gibt es auch ausgedehnten Schilfbewuchs. Die Menschen dort ernten das Schilf und fertigen daraus Matten und Dachbelag für den Hausbau. Sie wohnen in Hütten auf Stelzen, um Ebbe und Flut auszugleichen. Diese Hütten stehen auf den Inseln des Deltas, die bei Flut regelmäßig mehr oder weniger überschwemmt werden. Trotzdem findet man dort auch Landwirtschaft, auch wenn hier und da der Bengaltiger heimisch ist.
Wir alle wissen, dass der Meeresspiegel stetig steigt. Sie wissen sicher, dass die Quetchua-Idios im Titicaca-See auf dem Wasser leben. Diese Lebensweise würde die Bewohner der Sundarbans unabhängig vom Wasserstand machen. Nebenbei hat unsere Züchtung, die ich Pepa-Schilf nennen möchte, den Vorteil, universell einsetzbar zu sein ? und das Mark in den Stengeln ist essbar! Pepa ist eine Verniedlichung des bengalischen Begriffs Pepa?irasa. Dieser Name steht für 'Papyrus', das wir als Papirusu kennen."

"Die Leute sollen also ihre Stelzenhütten verlassen und auf schwimmende Schilfinseln umziehen?"

"... was einige Familien schon praktizieren!" erklärt Ito-San, lächelnd nickend.

"Okay, nun sind die Familien aber auf sich gestellt - und sie stellen sich vor, dass wir jemand dorthin senden, der sie weiterhin begleitet?"

"Hai -Ja-, genau das ist mein Gedanke."

"Wäre da nicht jemand aus Ihrer Abteilung am besten geeignet?"

"Schon... Aber es versteht sich niemand von uns auf deren Mentalität, was sicher die Voraussetzung für ein langfristiges Gelingen wäre."

In die entstehende Gedankenpause werfe ich das Argument, das mir gerade in den Sinn gekommen ist:

"Sie erinnern sich sicher an die Dokumentationen aus Hagenholt? Dort hat man keine Berührungsängste mit fremden Kulturen, ob es nun Indios oder Inuit sind. Sollten wir nicht eine Anfrage nach Doitsu -Deutschland- senden?"

Mein Vorschlag wird nach kurzer Diskussion angenommen und ich setze mich nach der Sitzung des Rates über Satellit mit Hagenholt in Verbindung. Dort ist acht Stunden vor unserer Zeit, also früher Morgen. Schmidt-San, der Ortsvorsteher von Hagenholt und mein Freund, zeigt sich aufgeschlossen. Er will in zehn Stunden bei der täglichen Zusammenkunft das Thema besprechen. Am nächsten Morgen habe ich dann seine Email im Postfach.

*

Wir haben gerade gefrühstückt und ich, Harold Schmidt, habe mich in mein Büro zurückgezogen, als der Signalton von Skype ertönt. Es ist schon so lange her, dass ich über Skype kontaktiert wurde, dass ich leicht zusammenzucke. Ich rufe Skype auf und sehe, dass mich Tanaka-San, der Sohn des Ortsvorstehers der Insel der Bunrei in Japan zu sprechen wünscht. Ich nehme das Gespräch an.

"Ohayo gazaimasu -Guten Morgen-, Schmidt-San," werde ich höflich distanziert begrüßt.

Der junge Tanaka-San verbeugt sich dabei höflich vor der Kamera seines Geräts. Ich lächele freundlich und gebe den Gruß zurück:

"Ohayo, Tanaka-San. Wie geht es deinem ehrenwerten Vater?"

"Oh, danke. Mein ehrenwerter Otou-San erfreut sich bester Gesundheit."

Es folgt nun ein höfliches Geplänkel, das nicht der Zweck des Anrufes sein kann. Erst nach einigen Minuten kommt mein Gesprächspartner auf den Kern der Sache zu sprechen. Er erzählt von einem kleinen Dorf im Mündungsdelta der Flüsse Brahmaputra und Ganges. Dort wird ein besonderes Schilf kultiviert, eine Neuzüchtung aus dem peruanischen Totora-Schilf.

Tanaka-San fragt, ob jemand aus Hagenholt dort für einige Wochen oder Monate Mentor für die Leute sein könnte. Ich verspreche ihm, das Thema heute Abend beim gemeinsamen Abendessen anzusprechen und ihm anschließend eine Email zu senden, die er wegen der Zeitverschiebung am frühen Morgen im Postfach haben wird. Nach einigen Höflichkeitsformeln beenden wir das Gespräch.

Drei Stunden später bringt mir Ruri-chan, meine japanische Magd, ein Imbiss ins Büro. Dabei frage ich sie:

"Vielen Dank, Ruri-chan. Was würdest du sagen, wenn du bald den Auftrag bekämst die Koffer zu packen? Tanaka-San hat angerufen und gefragt, ob wir den Bewohnern eines kleinen Dorfes in Bangla Desh eine Zeitlang als Mentoren zu Verfügung stehen könnten."

"Ich gehe dahin, wohin Okyaku-Sama -mein Herr- geht, wenn er mich bei sich haben will!" antwortet sie. Ihre Augen leuchten.

"Gut," sage ich. "Dann muss ich das heute Abend beim Abendessen den Anderen irgendwie beibringen."

Am Abend informiere ich die Leute, dass Tanaka-San mich am Morgen angerufen und um Hilfe gebeten hat. Wenn ich der Bitte nachkomme, würde das eine wochen- oder gar monatelange Abwesenheit aus Hagenholt bedeuten. Da Herr Loose, unser Tavernenwirt, mein Stellvertreter ist, wird er für die Zeit meiner Abwesenheit ? genau wie während meiner Flitterwochen in Venezuela mit Ruri-chan ? der Ortsvorsteher sein. Sollte er meinen Rat brauchen, bin ich über Satellit auf meinem Tablet zu erreichen.

Es kommt wohl zu leisem Murren, aber die Leute akzeptieren meinen Entschluss.

"Ein anderer Punkt, den ich heute gerne ansprechen möchte, wäre: Wie weit sind wir mit dem Anwerben von Leuten für den ökologischen Landbau, die gleichzeitig Interesse an unserem Lebensstil haben?" frage ich.

"Unter den meisten Deutschen findet sich leider bisher niemand für eine neue Existenz in alten Berufen. Man sitzt lieber vor dem Monitor und bewegt seinen Avatar durch das Second Life, und geht in Clubs," bemerkt Herr Loose, unser Wirt und mein Stellvertreter.

"Ich habe ein paar Interessenten jenseits der Grenze in Flandern und den Niederlanden gefunden," wirft Herr Schuhmacher, unser Sattler, dazwischen.

"Das ist wunderbar," sage ich. "Wir vermitteln die Kontakte zwischen diesen Interessenten und den umliegenden Landbesitzern! Dann werden die Weiden aufgeforstet, so dass ein lichter Wald entsteht. Wenn die Bäume in ein paar Jahren groß genug sind, dass sie nicht mehr von Schweinen und Rindern abgefressen werden, holen wir uns alte Rassen und lassen sie dort halbwild im eingezäunten Wald grasen. Damit hätten wir den Namen unseres Ortes verwirklicht und die Besucher des Freilichtmuseums haben eine Attraktion mehr."

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