Montag, 5. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -96-
"Hier ist deiner," gesteht Igarashi-San verschmitzt lächelnd und gibt meinem älteren Begleiter seinen zurück.

"Eine saubere Leistung!" sagt der Händler beeindruckt. "Ist noch etwas drin?"

"Fast alles," antwortet Igarashi-San lächelnd.

Ich trete einen Schritt zurück und verbeuge mich.

"Bewirkst du deine Wunder mit Taschenspielertricks, oder ist es Magie?" will ich wissen.

"Meistens bediene ich mich bewährter Tricks," antwortet Igarashi-San, "aber ich muss zugeben, dass ich manchmal, wenn ich müde bin oder keine Lust oder Zeit habe, mir die Mühe zu machen, die die Tricks erfordern, auf Magie zurückgreife."

"Siehst du!" sage ich triumphierend zu meinem Begleiter, dem Händler.

Wir haben auf der Fahrt in die Stadt eine Diskussion über Magie oder Zaubertricks gehabt.

"Möchtest du eine Demonstration sehen?" fragt Igarashi-San eifrig bemüht. "Ich könnte dich in einen Zugochsen verwandeln."

Ich mache noch einen Schritt rückwärts.

"Nicht mal für eine Zeitlang?" fragt er lauernd.

"Iie, watashi wa sore o nozonde imasen -Nein, ich möchte das nicht!"

"Keine Angst," beschwichtigt Igarashi-San. "Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht."

"Aber du hast gesagt..." beginne ich.

"Ich sagte, ich könnte in Betracht ziehen, dich in einen Zugochsen zu verwandeln," sagt er, "und es ist ziemlich einfach, es sich vorzustellen. Schwierig wird es nur, es tatsächlich zu tun."

"Macht man sich hier über mich lustig?" frage ich und schaue von einem zum anderen.

"Niemals!" antwortet der Händler mit ernster Miene.

Ich sehe ihn stirnrunzelnd an.

Igarashi-San sagt nun:
"Hier das Treppenhaus zu bevölkern ist unhöflich! Kommt mit, in meine bescheidene Bleibe."

Der Magier dreht sich um und geht langsam die Treppe höher. Der Händler folgt ihm und ich gehe hinter den Beiden her. Es geht drei Etagen höher und dann einen dämmerigen Gang entlang. Eine Zimmertür steht weit offen.

Hier bleibt Igarashi-San stehen, wendet sich zu uns um und macht lächelnd nickend eine einladende Geste.

Der Händler geht vor und sagt beim Eintreten die übliche Formel:

"O-jama shimasu -Ich störe jetzt-."

Anschließend schlüpft er aus seinen Schuhen und zieht bereitstehende Pantoffeln an. Der Magier schließt hinter uns die Tür und führt uns zu einem Tisch, an dem wir uns im Seiza -Kniesitz- niederlassen.

Er bringt drei Erfrischungsgetränke an den Tisch und setzt sich zu uns. Nun wendet er sich mir zu und fragt:

"Und was treibst du so? Jonglierst du, oder bist du ein Seiltänzer? Unser Freund Kamaya-San hier war einmal ausgezeichnet darin, sich an einem Seil über Feuer zu schwingen. Einer seiner besten Tricks."

"Ich bin Bauer," antworte ich stolz.

"Das ist aber schade," meint Igarashi-San. "Daran besteht auf der Bühne gerade kein Bedarf."

"Ich bin kein Schauspieler!" stelle ich klar.

"Das war noch nie wichtig, um auf der Bühne Erfolg zu haben," versicherte mir Igarashi-San. "Denk nur an den sagenhaften Morio-kun."

Ich runzele die Stirn. Von Morio-kun halte ich nicht viel.

"Ich halte Morio-kun für einen ausgezeichneten Schauspieler," sagt der Händler Kamaya-San.

"Siehst du!?" meint Igarashi-San.

"Hai -Ja-," antworte ich reserviert.

"Viele Leute finden ihn eindrucksvoll," meint der Händler.

"Das ist der Brunnen von Shikafodo -Rehfurt- auch," antworte ich, "und der kann auch nicht schauspielern."

Der Magier lächelt:
"Also könntest du als Bauer auch Bühnenerfolge erzielen, Aiko-kun."

"Wir kommen mit einer Bitte," schaltet sich der Händler wieder ein. "Es wurde ein Frevel wider die Kami begangen."

"Hast du etwa einen Bunrei verloren?" fragt der Magier nun wieder mich.

Ich schaue zu Boden. Der Händler übernimmt die Erklärung:

"Der Bunrei von Shikafodo wurde von einer Gruppe junger Heißsporne entwendet, die Shikafodo in Schimpf und Schande verlassen mussten. Nun prahlen sie in der Umgebung mit ihrer Tat. Sie sagen, sie würden um den Bunrei herum ein neues Shikafodo gründen."

"Dann streifen sie durch die Gegend auf der Suche nach einem idealen Platz?"

"Das nehme ich auch an. Um uns nicht mit zu vielen Nachfragen nach ihrem derzeitigen Aufenthaltsort verdächtig zu machen, habe ich ihnen ein Schmuckkästchen für den Stein geschenkt. Der Kami soll wenigstens ein würdiges Zuhause haben. Das Kästchen lässt sich anpeilen!"

Igarashi-San, der Magier, lacht.

"Ich hoffe, dass ich dir helfen kann," stellt er fest. "Wir reisen in nächster Zeit eigentlich nicht."

"Ihr könntet in den Dörfern bestimmt noch einige Einnahmen machen, bevor der Winter vorbei ist und das Hanami -Kirschblüten-Fest- deine Einnahmen hochschnellen lässt!"

Igarashi-San verschränkt die Arme vor der Brust.

"Sprich!"

"Es geht um ein Geschäft, das geheim bleiben muss, da es mit Gefahr verbunden ist. Er birgt ein großes Risiko verprügelt zu werden, oder schlimmeres."

"Ich verstehe," antwortet Igarashi-San.

"Möchtest du mehr erfahren?" fragt Kamaya-San, der Händler.

"Sicherlich."

"Würdest du den Bunrei an dich bringen, um ihn an seinen angestammten Platz zurück zu schaffen?"

"Für dich?"

Der Händler schüttelt den Kopf.

"Für Shikafodo, für die Bauern dort, für Akio-kun."

Der Magier schweigt. Dann schüttelt er den Kopf und sagt:

"Du hast mich getäuscht."

"Das tut mir leid," antwortet Kamaya-San.

"Du hast mir gesagt, die Aufgabe sei schwierig, gefährlich," sagt der Magier abfällig.

Ich bin verblüfft.

"Ist dir bekannt, dass sich der Stein in der Hand von Rüpeln befindet?" frage ich.

Igarashi-San bleibt fest:
"Ich werde es nicht tun! Hast du eine so niedrige Meinung von mir?"

"Wie kommst du darauf?" fragt Kamaya-San überrascht.

"Du bittest mich - MICH, so etwas zu tun?"

"Wir hatten gehofft, du würdest es dir überlegen," gebe ich zu.

"Es ist zu einfach!" sagt der Magier und schaut mich, danach den Händler an. "Das ist meiner nicht würdig! Eine Beleidigung meiner Fähigkeiten! Das ist keine Herausforderung!"

"Es ist zu einfach?" wiederhole ich.

Mitten auf meiner Stirn bilden sich zwei senkrechte Falten.

"Würdest du zu einem Meisterchirurg gehen, um dir eine Warze entfernen zu lassen?"

"Mochiron chigaimasu -Nein, natürlich nicht-," muss ich zugeben.

"Oder zu einem Architekten, um eine Tür einsetzen zu lassen?"

Ich schüttele den Kopf. Kamaya-San schaltet sich ein:
"Damit wir uns nicht missverstehen: Du glaubst, diese Aufgabe sei zu einfach?"

"Aber natürlich!" erwidert der Magier. "Hier geht es doch um nichts weiter als um einen einfachen Austausch. Jeder könnte das schaffen!"

"Dann tust du es?"

"Was springt dabei für mich heraus?"

"Du trittst als Magier auf und generierst Einnahmen bei der Landbevölkerung. Du wirst unter Ihnen berühmt und sie werden zu Hanami -Kirschblüten-Fest- deine Bühne hier in der Stadt belagern!"

"Morgen fahre ich los!" versichert der Magier.

Ich lächele glücklich. Der Händler sagt:
"Ich wünsche dir Glück und den Beistand der Kami. Wir bleiben unterwegs in Verbindung. Wenn es soweit ist, sind wir zur Stelle!"

"Der Dank Shikafodos ist dir gewiss!" ergänze ich.

"Danke," sagt Igarashi-San. "Das finde ich rührend."

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