Mittwoch, 23. Juni 2021
Yamato Nadeshiko -90-
Wir fahren seit einer halben Stunde über eine Bundesstraße durch die hügelige Landschaft, vorbei an Wiesen, Feldern und kleinen Waldinseln. Ab und zu führt die Straße an einer Felswand vorbei, die hier und da mittels Stahlnetzen gegen Steinschlag abgesichert ist. Auch jetzt haben wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine graue Steilwand.

Bernadette macht mich auf einen großen Parkplatz aufmerksam, besetzt mit wenigen Fahrzeugen, auf ihrer Seite am Straßenrand. Ich lasse den Wagen ausrollen und nehme die Einfahrt zum Parkplatz, hinter dem sich Bäume zu einem Wald gruppieren. Dort stoppe ich und wir steigen aus. Am Rand des Parkplatzes entlanggehend, kommen wir zu einem Schotterweg an dem ein Hinweisschild uns auf Hagenholt aufmerksam macht.

Dem Weg am Waldrand entlang folgend, erreichen wir eine Ansammlung von strohgedeckten Fachwerkhäusern, die um einen freien Platz herumgruppiert sind. Am gegenüberliegenden Rand des Platzes steht ein Baum und daneben eine Bank, die zum Sitzen einlädt, während am diesseitigen Rand des Platzes eine Reihe junger Kirschbäume stehen. Neben der Bank erkenne ich wieder ein Hinweisschild und davor einen gemauerten Brunnenschacht.

Wir gehen darauf zu, um uns zu informieren.

Das hölzerne Schild neben der Bank zeigt auf einer Seite eine einfache Straßenkarte, in deren Mitte der Ort 'Hagenholt' in das Holz gebrannt ist. Davon ausgehend sind die beiden Nachbarorte markiert, verbunden mit der Bundesstraße, auf der wir eben noch gefahren sind. Die Namen der Orte wurden ebenso in das Holz gebrannt. Als ich um das Schild herum gehe, erkenne ich dort einen Lageplan von Hagenholt.

Bernadette wendet sich um und zeigt auf ein Haus:
"Schau mal, dort müsste der Ortsvorsteher wohnen!"

Ich nicke und schaue mich um. Die meisten Häuser sind annähernd gleich groß. Anhand der Lage der Windmühlen und zweier hallenartig großer Häuser, habe ich schnell die Lage des Hauses des Ortsvorstehers gefunden.

"Okay! Dann komm!" sage ich.

Wir gehen schräg über den Platz auf den Eingang des Hauses zu. Dort orientiere ich mich kurz und nehme die Kette einer kleinen Glocke von einem Nagel. Ich läute und kurz darauf öffnet sich die Tür.

Im Eingang steht eine Japanerin. Das Haar hat sie unter einer weißen Haube versteckt. Sie trägt ein knöchellanges rotes Kleid mit Raffungen und darüber eine weiße Schürze. Darüber hat sie noch einen Ledergürtel auf den Hüften, an dem eine lederne Tasche hängt.

Sie macht einen Knicks und beugt den Kopf leicht vor.

"Guten Tag, die edlen Herrschaften," begrüßt sie uns. "Treten Sie bitte ein. Hatten Sie eine gute Reise? Sie müssen sicher hungrig sein?"

Wir betreten das Haus und die Japanerin schließt die Tür hinter mir. Nun sagt sie:

"Sie dürfen ihre Straßenschuhe gerne gegen die Hausschuhe tauschen!"

Neben dem Eingang, eben noch hinter dem Türblatt verborgen, erblicke ich ein Regal mit Pantoffeln und zwei Paar Straßenschuhen in einer Wanne auf der untersten Ebene. Ich nicke und schaue mir die Pantoffeln an. Ein Paar in meiner Schuhgröße nehme ich nun aus dem Regal, schlüpfe aus meinen Schuhen und ziehe die Pantoffeln an. Bernadette macht es mir nach.

Jetzt meint die Japanerin lächelnd und mit einem Knicks, während sie ihr Kleid ein wenig rafft:

"Kommen Sie bitte mit."

Sie führt uns an einen niedrigen Tisch, an dessen einer Schmalseite ein Armlehnstuhl mit vielen Schnitzereien steht, sowie abwechselnd je ein Bodenkissen und ein Hocker.

"Bitte, setzen Sie sich," sagt sie und weist auf den Tisch, dessen Tischplatte irgendwo zwischen einem Couchtisch und einem Esstisch hoch ist. "Ich sage eben dem Hausherrn Bescheid und hole etwas von der Kochstelle."

Ich setze mich auf einen Hocker und weise Bernadette den Platz neben mir auf einem Bodenkissen zu. Sie kniet sich darauf. Beide schauen wir uns interessiert in diesem Fachwerkbau um.

Die Asiatin geht zu einer Zimmertür in der Stirnwand, öffnet sie, knickst wieder und sagt:

"Besuch für den Herrn."

Danach wendet sie sich um, lächelt uns höflich an beim Vorbeigehen und stoppt vor den Schränken und Regalen an der anderen Stirnseite des Hauses. Davor, zwei bis drei Meter von allen Wänden entfernt befindet sich die Kochstelle des Hauses.

Leider kann ich ihr nicht weiter zuschauen, denn nun tritt ein Mann durch die offene Zimmertür und kommt lächelnd auf uns zu. Aufgrund seiner Kleidung fühle ich mich tatsächlich ins Mittelalter versetzt. Der Mann schiebt den Armlehnstuhl etwas weiter vom Tisch weg, setzt sich uns gegenüber auf einen Hocker und sagt:

"Hallo, guten Tag! Darf ich fragen, wie ich Ihnen helfen kann?"

"Guten Tag," grüße ich zurück. "Ein Herr namens Morishita-San hat uns geraten, uns einmal in Hagenholt umzusehen, da ich mit meiner Freundin zusammenziehen möchte. Können Sie mir da behilflich sein?"

"Darf ich nach ihrem Namen fragen?" erkundigt sich der Ortsvorsteher nun.

"Entschuldigung, mein Name ist René Köllner. Ich bin Gas- und Wasser-Installateur und das ist meine Magd Bernadette Albrecht. Sie sind Herr Schmidt, nicht wahr?"

"Richtig," bestätigt der Mann lächelnd. "Sie möchten also, Gefallen vorausgesetzt, zu uns ziehen und uns ihr Fachwissen zur Verfügung stellen?"

"Ja," bestätige ich. "Ich habe von Morishita-San und seiner Magd Chika-chan von Hagenholt erfahren. Hier befände sich die deutsche Außenstelle der Bunrei no Shima, und da wir diesen Lebensstil leben, wäre es schön, hier unter Gleichgesinnten zu leben und uns tätig einzubringen."

Herr Schmidt nickt bei meinen Ausführungen.

"Morishita-San ist mir bekannt," meint er. "Wie haben Sie sich ihr Einbringen vorgestellt?"

"Nun, einen Gas- und Wasser-Installateur können Sie sicher gebrauchen," sage ich. "Ansonsten bin ich gerne bereit, meine Arbeitskraft anderweitig der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. In dem Fall würde ich gerne auch für eine Wohnung Miete zahlen und mir im Umland einen Arbeitsplatz suchen."

"Ich würde sagen, wir warten bis Herr Vogt zuhause ist. Er arbeitet als Elektromeister und Installateur im Ort und nimmt auch Aufträge aus dem Umland an. Vielleicht kann er einen zweiten Mann in seiner Firma gebrauchen. Ansonsten wäre die Idee, ein Haus zu mieten und im Umland in eine Firma einzutreten, auch interessant. In dem Fall sollte sich ihre Magd mehr in die Gemeinschaft einfügen und nicht nur zuhause leben.
Interessiert sich ihre Magd vielleicht für Tänze?"

Wir werden nun von der Japanerin gestört, die Tee auf den Tisch bringt. Sie kniet sich auf ein Kissen neben Herrn Schmidt und beginnt das Ritual, das ich schon von Bunrei no Shima kenne.

Die Magd bedient ihren Herrn. Dieser gibt die Teetasse an mich weiter und ich gebe sie an Bernadette weiter.
Nun füllt sie eine zweite Tasse mit Tee und überreicht sie ihm. Diese Tasse stelle ich an meinen Platz. Die dritte Tasse, die sie ihm reicht, stellt er vor sie hin. Erst die vierte Tasse, die sie aus der Kanne füllt, stellt er an seinen Platz. Schmidt-San hat dabei beobachtet, wie ich reagiere.

Nun tunkt er zwei Finger seiner rechten Hand in die Tasse und beträufelt damit einen kleinen Stein in der Tischplatte, vor seinem Platz. Dabei spricht er:

"Unsterbliche Natur, schenke unserem Vorhaben viel Glück!"

Ich wiederhole die Aktion. Der Stein ist also der Bunrei -Heimstatt eines Kami- des Ortsvorstehers.

Wir reden noch über dies und das, dann sagt Herr Schmidt:

"Kommen Sie mit, Herr Köllner. Ich führe Sie ein wenig im Ort herum. Schauen Sie sich ruhig genau um! Vielleicht finden Sie unter den leerstehenden Häusern eins, dass Ihnen von der Lage her zusagt. Nehmen Sie ruhig ihre Magd zu dem Rundgang mit."

Wir erheben uns. Herrn Schmidt zur Haustür folgend, sehe ich, dass er seine Pantoffel gegen ein Paar Lederschuhe im ellenlangen Schuhriemen tauscht. Er zieht die Riemen fest an und führt sie danach überkreuz den Unterschenkel hoch, um sie über den Hosenbeinen in Höhe der Waden zu binden. In der Zwischenzeit habe auch wir unsere Schuhe angezogen und wir treten vor das Haus.

Herr Schmidt wendet sich nach rechts und geht nun von Haus zu Haus. Sie gleichen sich tatsächlich wie ein Ei dem anderen. Innen sind die noch freien Häuser teilmöbliert, so dass jeder neue Besitzer sein Haus auf seine Bedürfnisse anpassen kann.

Nach der Runde denke ich, mein Haus gefunden zu haben. Herr Schmidt zieht eine Uhr an einer Kette aus einer Tasche und klappt den Deckel auf.

"Oh," meint er. "Ich denke, wir sollten zum Abendessen in die Taverne gehen."

Er geht zuerst schnellen Schrittes zu seinem Haus zurück, um Ruri-chan aufzufordern mitzukommen. Danach gehen wir zu viert zum höchsten Haus am Ort. Er drückt die Eingangstür auf und hält sie in der Position, damit wir hindurch schlüpfen können. Danach führt er uns zu einer großen Tafel.

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