Sonntag, 13. Juni 2021
Yamato Nadeshiko -85-
--10--
-Der Segeltörn-

Mein ehrenwerter Otou-San -Vater- fragt einige Tage nach der Hochzeit, nachdem wir uns auf Bunrei no Shima eingelebt haben:

"Hast du dir schon Gedanken über eure Hochzeitsreise gemacht? Wo möchtest du mit Chika-chan deine Flitterwochen verbringen?"

"Ich habe mir gedacht, ich warte, bis wieder ein polynesischer Händler mit seinem Vaka hier anlegt, ehrenwerter Vater! Hawaii ist von japanischen Hochzeitsreisenden überlaufen. Aber eine Seereise wäre etwas Außergewöhnliches!"

"Hm, was hältst du von einem Reisekatamaran, der den polynesischen Vakas nachgebildet wurde. Ich habe da so etwas flüstern gehört, dass die Amatsuka Werft Corporation solche Boote auf Kiel gelegt hat, mit moderner Ausstattung."

"Das wäre phänomenal! Hast du deine Fühler schon ausgestreckt, ehrenwerter Otou-San -Vater-?"

Mein Vater lächelt breit. Er meint:
"Es ist aber kein Einhand-Segler! Ich könnte wohl meine Abteilung etwas umbauen und Kompetenzen neu verteilen. Dadurch könnte ich mit deiner ehrenwerten Oku-San -Mutter- daran teilnehmen."

Chika-chan, die uns bedient, fragt nun:
"Darf ich sprechen, Herr?"

Ich nicke ihr aufmunternd zu.

"Du hast René kennengelernt, Herr. Er ist Segler und interessiert sich für unseren Lebensstil. Seine Freundin ist mir sehr sympathisch..." schlägt sie vor.

"Also dann," sage ich, meinen Vater anlächelnd und mich leicht verbeugend. "Ich bin bewegt wegen deiner Fürsorge, verehrter Otou-San -Vater-. Aber ich denke, dieser René ist als Segelkamerad geeigneter!"

Chika-chan ruft diesen René über Satelliten-Telefon an und berichtet ihm von unserem Plan. Er ist sofort Feuer und Flamme. Bernadette ist neugierig und lässt sich ebenfalls schnell überzeugen. Sie beantragen Urlaub bei ihren Arbeitgebern und nun heißt es warten, bis die Beiden eintreffen. In der Zwischenzeit überführen wir solch ein modernes Vaka -Reisekatamaran- von der Werft in Maizuru zu unserer Insel.

*

Mein Name ist René Köllner. Seit in unserer Gruppe eine Japanerin namens Miyahara Chika mitmacht, schwärme ich für sie. Ich bin aber nicht der Einzige. Es ist nur so, dass sie irgendwie unnahbar ist. Man kann mit ihr auf Kumpel-Ebene sehr gut auskommen, aber näher lässt sie keinen von uns Jungs an sich heran. Irgendwann ist mir die Idee gekommen, sie vielleicht damit zu beeindrucken, dass ich ihre Sprache erlerne und die ihr vertrauten Umgangsformen.

Aber da trennt sie sich von unserer Gruppe. Martina, ihre beste Freundin, beginnt wirres Zeug zu faseln und sich für BDSM zu interessieren. Jeder, der Eins und Eins zusammenzählen kann, muss auf die Idee kommen, dass hier ein Zusammenhang besteht.

Nach vielen Monaten nimmt Chika-chan wieder Kontakt zu uns auf. Sie hat sich äußerlich vollkommen verändert. Gleichzeitig ist sie nicht mehr so unnahbar wie früher. Sie lädt unsere Gruppe zu ihrer Hochzeit ein. Ein paar Wochen später sind wir dann in dem japanischen Restaurant, das Chika-chan uns als Hochzeitslocation angegeben hat. Wir haben uns für das Fest 'in Schale geschmissen' und im Vorfeld Eintrittskarten gekauft.

Ich weiß durch meinen Japanisch-Kurs, dass niemand teure Geschenke macht, sondern durch den Kauf der Eintrittskarten an der Finanzierung des Festes mitwirkt. Die beiden Tage sind teilweise zum Taschentuch zücken gewesen. Besonders während der Reden als die Väter, Abteilungsleiter und Freunde ihre Reden gehalten haben und schließlich Chika-chan ihrem Vater für seine Fürsorge in der Vergangenheit gedankt hat.

Den zweiten Tag haben Chika-chan und ihr Mann Morishita Kano für uns reserviert. Wir sollten in unseren alten Gothic-Sachen kommen. Auch Chika-chan hat ihre alten Sachen noch einmal angezogen. Doch in diesen Klamotten hat jetzt eine völlig andere Chica-chan gesteckt, als wir sie damals kennengelernt haben. Irgendwie ist an dem Nachmittag auch keine besondere Stimmung aufgekommen, obwohl unsere Musik im Hintergrund gelaufen ist. So sind Bernadette und ich die Letzten gewesen, die diesen Nachmittag verlassen haben. Nachdem der Letzte aus unserer alten Gruppe gegangen ist, darf Bernadette die Hintergrundmusik aussuchen - und dieser Teil des Nachmittags ist dann noch recht lustig geworden.

Tage später haben wir die Beiden am Düsseldorfer Flughafen verabschiedet und jetzt, eine gute Woche danach ruft Chika-chan an und bietet uns eine Mitsegel-Gelegenheit aus Anlass ihrer Flitterwochen. Ich schließe mich mit Bernadette kurz und sage erfreut zu. Allerdings müssen wir noch einige Wochen warten, bis unsere Urlaubsanträge genehmigt sind und wir fliegen können.

Wir kaufen Flugtickets mit der All Nippon Airways. Zielort ist Kyoto, die alte Kaiserstadt. Leider haben wir keine Zeit für eine geführte Stadtrundfahrt, denn wir müssen gleich zum Hauptbahnhof der Stadt und mit dem Zug nach Maizuru weiterfahren, einer Kleinstadt an der Küste in der Präfektur Kyoto. Dort sollen wir uns mit einem Cab zu einer Adresse an den Stadtrand fahren lassen.

Dort angekommen, sehen wir einen Quadrokopter auf einem Parkplatz stehen.

'Nun geht es wohl mit einem Lufttaxi weiter,' denke ich.

Unser Cab fährt nahe an den Quadrokopter heran. Wir steigen aus. Auch aus dem Fluggerät steigen nun Leute aus. Einen davon erkenne ich als Morishita Kano.

"Irasshaimaseee -Willkommeeeen-," sagt er lächelnd und verbeugt sich leicht.

Anschließend helfen er und der zweite Mann unsere Seesäcke aus dem Kofferraum des Cab zu nehmen und in den Quadrokopter umzupacken. Danach steigen wir dort ein und erhalten jeder einen Helm, den wir aufsetzen und ein Kabel einstöpseln sollen. Nachdem die Hosenträgergurte sitzen und die Kommunikation über die Helmlautsprecher und Mikrofone funktioniert, startet der zweite Mann, der jetzt wohl als Pilot fungiert.

Wir fliegen nur wenige Sekunden bis wir über einem Hafenbecken schweben. Nun geht der Pilot tiefer und versenkt den Quadrokopter millimeterweise in einem Bootskörper. Als es hörbar 'Klick' macht, nachdem sich die Mantelschrauben nicht mehr drehen, öffnen beide das gläserne Cockpit und montieren die Mantelschrauben ab. Sie werden hinter uns in entsprechende Behälter verstaut.

Danach setzt sich der Pilot wieder an seinen Platz und Morishita-San löst die Taue, mit denen der Bootskörper an einem Ponton festgemacht ist. Anschließend manövriert der Pilot das Boot mit langsamer Geschwindigkeit aus dem Hafen heraus. Es geht jetzt mit wachsender Geschwindigkeit auf den Pazifik hinaus, so dass wir in die Sitze gedrückt werden.

Plötzlich zieht der Pilot das Steuer zu sich heran. Sofort zieht das Boot in einem irren Winkel nach oben und gewinnt an Höhe. Das Gleiche habe ich erlebt, als unser Flugzeug gestern in Düsseldorf gestartet ist. Als das Gerät eine bestimmte Höhe erreicht zu haben scheint, kippt er es in eine waagerechte Fluglage zurück. Bernadette, neben mir, macht ein Gesicht als wolle sie sich irgendwohin flüchten, wenn sie denn könnte. Ich lege einen Arm um ihre Schultern und frage:

"Sumimasen -Entschuldigung-, was war das gerade?"

Morishita-San wendet seinen Kopf zu uns nach hinten und antwortet lächelnd:

"Der Tarn -Meisai- ermöglicht es uns, in etwa einer Viertelstunde am Ziel zu sein."

"Tarn...?" frage ich überrascht.

"Hai -Ja-, es ist ein Kombigerät, das auf Radarschirmen kaum zu erkennen ist. Außerdem kann man das Gerät in kleinen Höhlen verstecken... So, als wäre es von Q für den Agenten Ihrer Majestät entwickelt worden."

"Ah, okay," antworte ich, wenig intelligent.

Wenige Minuten später schon lässt der Pilot die Maschine sinken und setzt schließlich auf der Meeresoberfläche auf. Gischt steigt auf. Das Wasser bremst die Geschwindigkeit stark ab. Danach nähern wir uns einer weißen Wand mit vielen dunklen Vierecken im oberen Bereich. Die Wand besitzt in ihrer Mitte an der Wasseroberfläche eine Öffnung.

Vor dieser Öffnung vollführt der Pilot mit dem Tarn eine halbe Pirouette im Wasser, um dann rückwärts 'einzuparken'. Der Hangar schließt sich und Morishita-San öffnet das Cockpit. Er steigt aus und hilft uns beim Verlassen des kuriosen Fluggerätes. Als Letzter steigt der Pilot aus. Danach verabschiedet sich der Pilot und Morishita-San verbeugt sich höflich.

"Darf ich euch bitten, mir zu folgen, Köllner-San und Albrecht-San?" fragt er und setzt sich in Bewegung. Ich schaue auf meine Armbanduhr und sehe, dass wir gerade erst kurz nach sieben Uhr abends haben.

Wir nutzen einen Aufzug, der eine höhere Geschwindigkeit erreicht, als ich von Deutschland gewohnt bin. Allerdings bremst er auch schon weit vor dem Ziel sanft ab. Im 15. Stockwerk verlassen wir die Kabine und Morishita-San führt mich einen Gang entlang. Er öffnet eine Tür und macht eine einladende Handbewegung. Beim Eintreten sage ich:

"O-jama shimasu -Ich störe jetzt-."

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