Freitag, 11. Juni 2021
Yamato Nadeshiko -84-
Darüber ist Abend geworden und ich habe René zu seinem Rad zurückgefahren. Wir sitzen beide noch im Wagen.

"Halt mal still!" fordere ich ihn auf.

Ich beuge mich zu ihm hinüber und drücke ihm einen dicken Schmatz auf die Wange.

"Weil Du ein echt prima Kerl bist," sage ich dazu.

"Danke."

Wir tauschen unsere aktuellen Telefonnummern aus. Ich bin sicher, dass mein Herr nichts dagegen hat. Er kann ja jederzeit hören und sehen, was ich tue.

"Chika-chan, hättest Du was dagegen, wenn ich Dich mal mit Bernadette besuche?"

"Aber nein! Ich würde sie sogar sehr gerne kennenlernen wollen. Allerdings - äh - weißt du, ich denke, du solltest Bernadette irgendwie - 'vorwarnen'. Ich möchte nicht, dass sie genauso überfordert wird, wie beispielsweise Martina."

"Da musst du dir keine Sorgen machen, denke ich. Wenn ich gesagt habe, Bernadette sei etwas spießig, dann bezog sich das eher auf ihre Erziehung. Internat, eigenes Reitpferd, feine Restaurants besuchen und so. Sie ist aber sehr offen und tolerant. Wir waren auch schon zusammen mit dem Zelt in den Alpen. Also, sie macht schon alles mit ? allein aus Neugier. Ich werde mal sehen, wie ich sie ein wenig darauf vorbereite, dass du eine etwas andere Lebensweise hast."

"Das hört sich sympathisch an."

"Das ist sie auch und ich bin echt verliebt in sie."

"Das ist schön."

"Ja. Also, ich geh dann mal und schwing mich auf mein Aluminiumross."

"Gut. Töte einen Drachen für deine Liebste!"

"Mach ich. War echt schön heute. Tschüss."

"Tschüss."

*

Meine Hochzeit ist traumhaft gewesen. Erst Tage später fliegen wir nach Japan zurück. Vorher besucht mich René mit Bernadette alleine.

Am Tag vor dem Abflug sitze ich zur verabredeten Zeit in der Hotellobby. Kurz darauf sehe ich René mit seiner Freundin das Hotel betreten. Er schaut sich um und sieht mich. Ein erkennendes Lächeln huscht über sein Gesicht und er steuert auf die Sitzgruppe zu.

Als Bernadette mich erblickt, klappt ihre Kinnlade herunter. Mit weit aufgerissenen Augen versucht sie, mit René Schritt zu halten. Auf der Feier hat sie mich ja nur in den verschiedenen hochgeschlossenen Kimonos gesehen.

Ich erhebe mich und biete ihr meine Hand zur Begrüßung, wie man das hier in Deutschland eben macht.

"Ich bin Chika Miyahara. Schön, dich kennenzulernen," sage ich.

Sie ist etwa genauso groß ist wie ich, hat kurze, mittelblonde Locken mit rötlichem Einschlag, schöne, große, braune Augen und wirkt mit ihren kleinen Brüsten ein wenig mädchenhaft. Kein Wunder, dass René früher auch mal in mich verknallt gewesen ist - so ist eben 'sein Typ'.

"Hallo Chika-chan," sagt nun auch René.

"Kommt," biete ich ihnen an, "setzt Euch erstmal!"

Wir nehmen in den schweren Ledersesseln Platz. Bernadette scheint sichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, aber als ich meine gestreckten Füße übereinanderlege und meine Beine wie vorgeschrieben seitlich abwinkele, folgen ihre Blicke ganz genau jeder meiner Bewegungen.

Nach einigen Minuten hat sich Bernadette an meinen Anblick gewöhnt und kann ihre Augen von mir losreißen. Nun sieht sie René auf eine Art an, die zu meiner Freude deutlich macht, dass nicht nur er in sie verliebt ist, sondern auch sie in ihn. Eine Frau erkennt das, behaupte ich einfach mal.

Bernadette beginnt, sich wohl zu fühlen. Ich mag sie und das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Trotzdem bin ich überrascht, als sie ohne jede Scheu nachfragt:

"Du würdest alles tun, was dein Freund - dein Mann - von dir verlangt? Ich meine, René hat es mir gesagt. Damit ich nicht 'schockiert' wäre. Manchmal denkt er wohl, ich sei naiv."

"Ja. Würde ich."

"Also, das könnte ich nicht. Wie kannst du deinem Mann so sehr vertrauen? Hast du keine Angst, dass du ausgenutzt wirst?"

"Nein. Aber du vertraust René doch auch, oder?"

"Ja. Sicher. Aber ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Woher soll René denn immer wissen, was für mich gut ist? Ich meine, das weiß ich doch selbst viel besser."

"Bernadette, ich würde nie meine Art zu leben als Vorbild für andere hinstellen. Ich habe für mich entschieden, dass ich so leben will, und wenn ich genau überlege, dann wollte ich das schon, bevor ich meinen - Herrn - überhaupt kennengelernt habe. Mir hat immer etwas gefehlt und inzwischen weiß ich ganz genau, was das war."

"Manchmal denke ich, dass das eigentlich allen Männern gefallen würde. Ich glaube, René auch," meint Bernadette darauf.

René rutscht etwas unbehaglich auf seinem Sessel herum.

"Kann sein," versuche ich, die Situation zu entspannen, indem ich auf mich Bezug nehme und gleichzeitig verallgemeinere, "aber der Preis ist enorm. Wenn ich mich meinem Herrn unterwerfe, weise ich ihm damit die denkbar größte Verantwortung zu. Die wenigsten Männer sind dem gewachsen."

Bernadette scheint zu begreifen.

"Dein - ich kann das nicht sagen - dein - entschuldige - dein 'Herr' - oh Gott - kann das aber und du fühlst dich wohl?"

"Pudelwohl."

"Dann ist es gut - für Dich."

'Bernadette, Bernadette,' denke ich, 'was schlummert da alles hinter deinem hübschen Mädchengesicht?!'

Und René?

Der schweigt und überlässt uns Frauen das Gespräch.
Er macht auch keinen seiner unterhaltsamen Scherze.
Was habe ich da bloß angerichtet?

Der Nachmittag ist viel zu kurz.

Als wir uns verabschieden und die beiden sich schon zur Tür gewendet haben, dreht Bernadette sich noch einmal um und umarmt mich kurz.

"Ich hoffe, wir können den Nachmittag bald mal wiederholen," sage ich zum Abschied. "Allerdings müsstet ihr dann eine Fernreise unternehmen."

"Das wäre schön," antwortet Bernadette.

Vor über einem Jahr habe ich mit Ruri-chan eine große Schwester bekommen. Ich werde das Gefühl nicht mehr los, dass ich bald auch eine kleine Schwester habe.

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