Dienstag, 18. Mai 2021
Yamato Nadeshiko -73-
"So ähnlich hat sich Morishita-San auch ausgedrückt. Er sprach von den Tugenden der Samurai..."

Wieder nickt Tanaka-San. Er erzählt:

"In unserer Schule durchlaufen die Schüler mehrere Stufen. Zuerst müssen sie die Tugenden kennen- und auswendig lernen. In einer späteren Stufe beobachten sie ihre Lehrer im Umgang mit den Mitmenschen und imitieren sie. Sind ihre Lehrer mit ihren Leistungen zufrieden, müssen sie in fremder Umgebung ein Praktikum absolvieren. Anschließend dürfen sie sich Shi -Herr- nennen lassen. Nach vielen Jahren als Shi einer Meido dürfen sie sich schließlich Shujin nennen."

Ich höre Tanaka-San aufmerksam zu. Eine Gedankenpause entsteht. Nun fragt er, ob ich noch irgendeine Frage habe. Ich hebe meine Hand und bewege die gerade Handfläche vor meinem Gesicht in einer winkenden Bewegung nach links und rechts und lächele schüchtern.

"Okay," antwortet er mir. "Ruri-chan wird dich, mit Schmidt-Sans Erlaubnis, zum Auto bringen und dich nach Düsseldorf begleiten. Sage dem Fahrer ruhig deine Adresse, damit du sicher nachhause kommst!"

Schmidt-San nickt und Ruri-chan erhebt sich. Also stehe auch ich auf. Tanaka-San ergänzt noch:

"Morishita-San wird wie seine Kameraden in eine Düsseldorfer Jugendherberge umziehen. Sie werden alle in unterschiedlichen Düsseldorfer Unternehmen mit japanischen Buchou -Geschäftsführern- ein dreimonatiges Praktikum absolvieren. Also wirst du Morishita-San in seiner Freizeit treffen können."

Anschließend gehe ich mit Ruri-chan zum Parkplatz zurück und steige in das Taxi ein. In Düsseldorf lässt mich der Fahrer als Erste aussteigen und fährt danach Ruri-chan zu ihrem Appartement.

*

"Ich glaube, ich bin verliebt."

Wir Goths sitzen wieder zusammen. Ich nippe an meinem Energy-Drink. Martina hat eine Schale mit Früchten vor sich stehen.

"Hey, toll! Wer ist er? Was macht er? Erzähl!"

Es ist nicht so, dass ich mit diesen Fragen nicht hätte rechnen müssen. Trotzdem habe ich mir keine Antworten überlegt.

"Na ja, also... er ist Japaner, wie ich. So wirklich kennen... äh... Nein, ich kenne ihn noch nicht besonders gut."

Martina sieht mich an. Ihre Hand mit einer halben Erdbeere verharrt regungslos vor ihrem Mund.

"Du willst damit sagen, dass du eigentlich überhaupt nichts von ihm weißt? Aber dass du verliebt in ihn bist, das weißt du schon?"

Hätte ich doch bloß nichts gesagt!

"Ja, ich glaube, so kann man das beschreiben."

"Na super! Und? Ist er denn wenigstens auch in Dich verliebt? Du hast doch nicht etwa schon mit ihm geschlafen?"

"Nein," ich komme mir vor wie im Kreuzverhör, "habe ich nicht."

Der zweite Teil ihrer Frage ist leicht zu beantworten, aber der erste Teil? So, wie er mich angesehen hat... Ich glaube nicht, dass mich mein Gefühl trügt, dass er den ganzen Abend nur Augen für mich gehabt hat. Das muss aber nicht so viel bedeuten, wie ich vielleicht hinein interpretiere. Er kann ja auch nur neugierig auf mich gewesen sein.

"Aha. Und wie hast Du ihn überhaupt kennen gelernt?"

"Auf einer Party."

Martina, die zwischenzeitlich weiter gegessen hat, stoppt erneut.

"Ach ja?"

Allmählich werde ich sauer. Entsprechend verändert sich mein Gesichtsausdruck.

"Tut mir leid. Ich mache mir nur Sorgen. Ich dachte, Du wärst nicht der Typ, der sich in wildfremde Leute verliebt," rudert sie zurück.

Zum Glück kommt in diesem Moment Bettina mit einem "Hi!" hereinspaziert und setzt sich zu uns. Ich bin froh, dass Martina im Beisein von Bettina nicht weiter über das Thema redet. Ich muss mir jedoch eingestehen, dass Martina in einem Punkt nicht so sehr daneben liegt: Ich weiß tatsächlich nicht viel Persönliches über diesen jungen Mann.

Ich muss gestehen, dass kein anderer Gedanke je so intensiv, so schlicht und einfach erotisch auf mich gewirkt hatte, wie der, dieses jungen Mannes Nadeshiko zu sein. Was, wenn ich mich irre? Ich werde es nicht herausfinden, wenn ich es nicht ausprobiere. Wenn ich merken sollte, dass das nichts für mich ist - tschüss, Morishita-San! Wenn doch... lieber nicht zu Ende denken. Mit dieser neu gewonnenen Erkenntnis muss ich zunächst einmal umgehen lernen.

Später, wieder bei mir in der Wohnung, rufe ich Ruri-chan an, und bombardiere sie mit meinen Fragen. Sie lacht fröhlich und erklärt:

"Der ehrenwerte Tanaka-Sensei, der Otou-San -Vater- des Tanaka-San, hatte die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, als man ihm berichtet hat, dass man Testbewohner für eine künstliche Insel sucht. Er hat seine Firma verkauft und das Geld zum Großteil in dieses Projekt gesteckt. Als Nachfahre eines alten Samurai-Geschlechts lag ihm das Schicksal seiner Untergebenen am Herzen. Er kümmerte sich persönlich um ihre weitere berufliche Zukunft, oder bot ihnen einen Arbeitsplatz auf der Insel an.
Dort werden die traditionellen Tugenden der Männer und Frauen ernstgenommen und gelebt. Unser Shinto gebietet es uns, der Natur und ihren Teilen - also auch uns - den nötigen Respekt zu erweisen. Jemanden zu seinem Spielzeug, zu einem Objekt zu degradieren, ist streng verboten!
Wenn also die Frau devot agiert, muss der Mann im Gegenzug neben seiner Dominanz auch Respekt zeigen. Das erreicht man, indem man die Jungen im Sinne der Tugenden der Samurai erzieht."

"Das gilt für alle, die an dem Nachmittag dort waren?" frage ich ungläubig.

"Ja," erklärt Ruri-chan, "Hauptkristallisationspunkte sind im Augenblick Hagenholt, das Freilichtmuseum, das du besucht hast, und Bunrei no Shima. Weitere sollen in Zukunft folgen."

"Ich fand das Benehmen der Frauen dort... seltsam. Manches hat mir schon gefallen, zum Teil sogar sehr. Aber ich weiß nicht recht... Wenn ich mir vorstelle, so zu leben wie du... Vielleicht, aber ich weiß nicht."

Ruri-chan lacht herzlich.

"Du klingst wie ich vor vier Jahren. Das macht nichts. Wichtig ist nur, dass du zu dem stehst, was dir gefällt."

Ich grummele etwas Bejahendes ins Telefon. Dann kommt meine wichtigste Frage: "Morishita-San sagte, er sei Sohn des Leiters der Technik auf der Insel und wird irgendwann den Posten seines ehrenwerten Vaters übernehmen. Dann ist er ein 'hohes Tier'?"

"Er ist dann Mitglied des Rates der Insel und an den Entscheidungen des Kanrisha beteiligt. Das wolltest du doch wissen?"

Ja, genau darum geht es mir. Wenn ich Morishita-San meinen Eltern vorstelle, will ich natürlich sicher sein, dass sie mir ihren Segen für die Verbindung geben. Ohne das Wort der Eltern, passiert bei uns Japanern nichts!

Ich verabschiede mich von Ruri-chan und bin eine Weile mit meinen wirren Gedanken alleine. Plötzlich klingelt das Telefon. Eine fremde Nummer! Vorsichtig nehme ich das Gespräch an.

"Konnichiwa -Guten Tag-."

"Osewan, Morishita Kano -Kraft-. Darf ich dich zum Essen einladen, im Sumi, in der Schinkelstraße. Findest du dorthin?"

"Ja, gerne!" sage ich hoch erfreut. "Ich finde dahin. Wann treffen wir uns da?"

"Ist dir 18Uhr recht?"

"Okay. Ich freue mich!"

Die Stunden bis dahin bin ich sehr nervös. Was soll ich tragen? Wieder den dunklen Kimono oder etwas Ziviles, wie Rock, Bluse und Blazer? Kurz bevor ich zum Bus gehen muss, entscheide ich mich für letzteres.

*

Traum? Märchen? Ich weiß nicht recht, wie ich den Abend beschreiben soll. Wo fange ich an?

Als ich eintreffe, ist er schon da. Morishita-San steht wie verloren vor dem Restaurant. Sobald er mich entdeckt hat, zeigt er ein glückliches Lächeln. Bei ihm angekommen, holt er seine Hände hinter dem Rücken hervor. Er hat darin eine einzelne rote Rose versteckt, die er mir nun überreicht. Sie ist wunderschön.

"Manche Dinge und manche Menschen," sagt er prosaisch dazu, "sind so wunderbar, dass man sie besser einzeln betrachtet - nicht in einer Gruppe oder vor einer Ansammlung, die ihrer Schönheit niemals gerecht werden könnte."

Wow! Der junge Mann, nur wenig älter als ich, kann auch romantisch sein. Ich bin hin und weg. Wir gehen hinein. Eine japanische Bedienungskraft hört die Eingangstür und kommt auf uns zu.

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