Freitag, 14. Mai 2021
Yamato Nadeshiko -71-
Meine Magd Ruri-chan hat mir von der Unterhaltung mit Chika-chan berichtet und auch die Hintergründe ihres Rückzuges aus der zivilen Gesellschaft erhellt. Darüber rede ich mit Tanaka-San per Internet. Wir haben hier in Hagenholt leider zurzeit niemand, der altersmäßig zu Chika-chan passt, eine gesellschaftliche Stellung in Aussicht hat, die ihren Eltern als zukünftigem Schwiegersohn angemessen erscheint und der die alten Tugenden hochhält. Vieles muss also zusammenkommen. Auch müssen er und Chika-chan sich menschlich mögen.

Tanaka-San verspricht mir, uns so bald wie möglich mit Moe-chan und einem guten Dutzend junger Männer zu kommen, den Söhnen der Ratsherren, die noch keine eigene Magd haben und anderer Söhne hochgestellter Persönlichkeiten, sogenannter Shujin -Meister-.

Eine Woche vergeht bis ich die Nachricht erhalte, dass die 14-köpfige Reisegruppe im Flugzeug sitzt. Mehr als ein Tag später kommen sie in zwei Großraum-Taxis in Hagenholt an. Ich eile ihnen entgegen und steige in das Taxi zu, in dem Tanaka-San sitzt.

Zum Fahrer sage ich: "Bitten Sie ihren Kollegen, ihnen zu folgen und fahren Sie diese Adresse an, so schnell es ihnen möglich ist!"

Kurz vorher hat Chika-chan einen Notruf an Ruri-chan abgesetzt. Sie werden wieder einmal von dem Schlägertrupp attackiert, der sie schon öfter belästigt hat. Ich wollte eben noch mit Herrn Vogts Lieferwagen und einigen Herren, sowie deren Meidos, aus Hagenholt nach Düsseldorf fahren. Unsere japanischen Freunde kommen mir gerade recht.

Eine Dreiviertel-Stunde später erreichen wir den Park in Düsseldorf. Die Türen der Taxis fliegen auf und die jungen Männer laufen auf die Szenerie dort zu. Chika-chans Goths haben sich lange halten können, sind aber wie so oft schließlich doch unterlegen.

Die Schläger halten die jungen Männer aus der Gothic-Szene am Boden, während einige über zwei junge Frauen hergefallen sind. Andere junge Frauen konnten anscheinend flüchten.

Unsere japanischen Freunde kommen wie der Sturmwind über sie. Die Schläger werden eingekreist und attackiert. Anschließend alarmiere ich im Einvernehmen mit Tanaka-San die Polizei, die die Übeltäter nur noch in Empfang zu nehmen braucht. Aussagen werden notiert. Dann sammeln die jungen Männer aus der Gothic-Szene ihre Musikanlage ein und die Getränke. Die jungen Frauen werden von der Polizei ins nächste Krankenhaus gebracht zur Genital-Untersuchung und Sicherung von Beweismaterial, bevor auch sie nachhause gehen dürfen.

Wir fahren mit den Taxis nach Hagenholt zurück, wo wir unseren Gästen ihre Zimmer zeigen und ein Willkommens-Essen auftischen. In den nächsten Tagen erfährt Ruri-chan, dass Chika-chan flüchten konnte. Während die anderen jungen Frauen per Fahrrad und Straßenbahn nachhause gefahren sind, hat sie in der Nähe ausgeharrt.

Sie hat sich total verängstigt zwischen den Müllcontainern eines nahen Wohnblocks versteckt. Als wir dann die Schläger 'aufgemischt' haben, hat sie wegen der veränderten Geräuschkulisse vorsichtig den Kopf gehoben und mitangesehen, wie unsere japanischen Gäste die Schläger behandelt haben. Nachdem die Polizei den Platz geräumt hat, ist Chika-chan aus ihrem Versteck gekommen und hat sich von einem ihrer Kameraden nachhause bringen lassen.

*

Tage später sitze ich, Miyahara Chika, wieder in Ruri-chans Appartement, angetan mit meinem alten farbenfrohen Kimono und lasse mir von ihr die Haare hochstecken. Ich habe mich dezent geschminkt und finde mich recht ansehnlich.

Ruri-chan hat ein Meido-Outfit angelegt, wie man es in Cosplay-Shops findet. Es ist oberschenkellang, schwarz und hat eine Menge blassrosa Blütenmuster. Die Ärmel sind weit ausgestellt. Dazu trägt sie lange weiße Strümpfe. Um den Hals liegt ihr dünner metallener Reif.

Ihre Hände sind sorgfältig manikürt. Der Nagellack ist tiefrot, genau wie ihr Lippenstift. Ihr schwarzes Haar ist zu einem recht hoch angesetzten Pferdeschwanz gebunden. An den Füßen trägt sie Sandaletten.

Ich zittere vor Aufregung, als der Chauffeur nach kurzer Zeit klingelt. Draußen hält er uns die Fondtüren auf und nickt uns lächelnd zu. Darüber muss ich kichern und Ruri-chan lächelt mich verständnisvoll an. Er nimmt hinter dem Steuer Platz und reicht die Schals nach hinten, die wir selbst anlegen dürfen. Ich will schummeln, aber Ruri-chan hat es irgendwie bemerkt.

"Keine Tricks, bitte!" sagt sie.

Ich finde es prickelnd, mit verbundenen Augen gefahren zu werden. Mein Zeitgefühl lässt mich irgendwie im Stich. Es muss aber eine lange Fahrt sein. Unterwegs spricht mich Ruri-chan auf unser letztes Event an.

"Tut mir leid, übrigens," sagt sie, "dass unsere Männer nach deinem Hilferuf nicht schneller aufgetaucht sind. Du siehst ja selbst, wie lange die Fahrt dauert."

"Das waren Eure Männer?" frage ich verblüfft.

Die Erinnerung an die Geschehnisse vor wenigen Tagen sitzt mir noch ziemlich in den Knochen.

"Hai -Ja-," antwortet Ruri-chan einfach. "Mein Herr will euch für spätere Events eine Halle besorgen, hat er gesagt."

Irgendwann hält der Wagen an. Wir dürfen die Schals abnehmen und befinden uns auf einem großen Parkplatz. Ruri-chan führt mich einen Schotterweg, an einem Waldrand entlang, auf scheinbar uralte strohgedeckte Hütten zu.

Eine der Hütten, die größte, wie mir scheint, ist unser Ziel. Beim Näherkommen öffnet sich die Tür. Eine blonde Frau in einem roten Kleid mit weißer Schürze steht in der Tür, rafft ihr Kleid und vollführt einen Knicks, wobei sie den Kopf leicht neigt.

"Ein herzliches Willkommen der Dame!" sagt sie.

Ich finde, sie trägt ziemlich viel Schmalz auf! Ruri-chan führt mich an ihr vorbei ins Innere des Hauses. Hinter dem Eingangsbereich öffnet sich eine große Halle, die auf einer Seite von einer Fachwerkmauer eingegrenzt ist, in der sich mehrere Türen befinden. Auf der anderen Seite erkenne ich eine Balkenkonstruktion, die schräg in die Höhe führt. In der Halle befinden sich eine Menge kleiner Stehtische, an denen die Gäste stehen. Männer und Frauen tragen traditionelle japanische Kleidung, obwohl nicht alle Gäste japanischer Herkunft sein dürften.

Die Gäste überblickend, sehe ich einige Männer in Papas Alter und solche in etwa in meinem Alter. Frauen in diesen Cosplay-Kostümen, die sie als Meido -Magd- ausweisen, huschen hin und her und achten darauf, dass die Gläser nicht leer werden.

"Tritt ruhig näher," meint Ruri-chan und weckt mich damit aus meiner Betrachtung.

Sie führt mich an einen Stehtisch, an dem ein deutscher und ein japanischer Mann stehen, beide in traditioneller japanischer Kleidung. Drei junge japanische Männer, genauso gekleidet, stehen bei ihnen und nippen gerade an ihren Gläsern.

Ruri-chan verbeugt sich vor dem deutschen Mann und sagt:

"Sumimasen -Entschuldigung-, Okyaku-Sama -mein Herr-, erlaube mir bitte, dir meine Freundin Chika-chan vorzustellen. Chika-chan, das ist mein Herr Harold Schmidt, der Ortsvorsteher von Hagenholt. Und dies," sie deutet auf den etwas jüngeren Japaner neben ihm, "ist der ehrenwerte Tanaka-San, Sohn des Kanrisha -Ortsvorstehers- der Bunrei no Shima in Nihons Gewässern."

Sie verbeugt sich vor dem Jüngeren einen Hauch weniger tief und wendet sich dann den drei jungen Männern am Tisch zu.

"Dies ist Osawa-San, der ehrenwerte Sohn des höchsten Ju-Jutsu-Meisters auf Bunrei no shima."

Einer der jungen Männer neigt lächelnd seinen Kopf.

"Dies ist Morishita-San, der ehrenwerte Sohn des Ingenieurs und Technik-Chefs auf Bunrei no shima."

Der junge Mann daneben neigt nun lächelnd seinen Kopf, während der Andere mich interessiert, aber nicht ungebührlich anschaut.

"Dies ist Suzuki-San, der ehrenwerte Sohn des Sicherheitschefs von Bunrei no shima."

Auch dieser junge Mann erweist mir seinen Respekt. Ruri-chan steht nun da und schaut strikt nach unten.

Ich bin drauf und dran, einfach loszuprusten. Ich kenne das Verhalten dieser Leute nur aus einigen Mangas, die ich früher einmal verschlungen habe. Seit ich in der Gothic-Szene bin, bin ich gerade das Gegenteil dessen gewohnt.

Tanaka-San wendet sich nun mir zu und sieht mir tief in die Augen. Unwillkürlich muss ich den Blick abwenden und schaue ebenfalls zu Boden. Seit diesem Moment habe ich eine Vorstellung davon, was mit 'von Blicken durchbohrt' gemeint ist.

"Sieh' mich an!" befiehlt er mir.

Ich hebe meinen Blick wieder. Er schaut mich unverwandt an. Sein Blick hat etwas Lüsternes, aber es ist nicht die Art von Lüsternheit, die ich wohl kenne. Sie gilt nicht meinem Körper, stattdessen eher meinem Inneren. Es ist, als versucht er mit meinem Kami -Seele- in Verbindung zu treten.

Ich will diesem Blick ausweichen, aber ich kann nicht. Ich fühle mich wie erstarrt, wie festgenagelt. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich bekomme weiche Knie und es erregt mich.

Er beendet diesen Moment, der eine Ewigkeit anzudauern scheint, indem er lächelnd sagt:

"Bitte entschuldigen Sie meine Respektlosigkeit, ehrenwerte Miyahara-San. Ich freue mich sehr, dass Sie uns die Ehre erweisen, heute Abend Gast bei unserer kleinen, zwanglosen Zusammenkunft zu sein. Wählen Sie gerne spontan nach Gefühl aus einem der drei jungen Männer denjenigen aus, der heute Abend ihr Begleiter sein darf."

... comment