Montag, 10. Mai 2021
Yamato Nadeshiko -69-
--8--
-Anständige junge Frau-

Der Postbote bringt einen Brief aus Düsseldorf, adressiert an Frau Harold Schmidt. Ruri-chan kommt mit dem Brief zu mir ins Büro. Ich lese als Absender Miyahara Yui -Verbundenheit-, Hanabiraya Kimonoverleih, Düsseldorf.

'Ob wir den Leuten noch etwas schuldig sind?' frage ich mich in Gedanken, und öffne den Umschlag.

Heraus fällt ein Brief, auf braunes Büttenpapier gemalt. Ja, wirklich gemalt! Der Text besteht aus Hiragana -Silbenschrift- mit dem Pinsel auf das Papier gebracht. Hier hat sich jemand viel Mühe gegeben und scheint sehr traditionsbewusst zu sein. Eine Rechnung, wie ich angenommen habe, finde ich jedoch nicht.

Den Brief übergebe ich Ruri-chan. Sie kann mir den Inhalt des Schreibens zusammenfassen. Nachdem sie ihn durchgelesen hat, erklärt sie mir:

"Miyahara-San ist eine der ehrenwerten Stylistinnen, die mich angekleidet und mir die Haare gemacht haben. Sie wendet sich mit einem persönlichen Problem an mich: Ihre liebe Tochter hat die Schule beendet und sollte eine Ausbildung beginnen. Sie hatte sich in einen Mitschüler verliebt, der bald ein Studium beginnen wird und ist von ihm zurückgewiesen worden.
Die junge Frau, Chika-chan -Weisheit-, hat sich nun zurückgezogen, pflegt sich nicht mehr und ist seit neuestem in der Düsseldorfer Gothic-Szene aktiv. Der Brief ist sozusagen als persönlicher Hilferuf einer besorgten Mutter zu betrachten, die es schmerzt, dass ihre Tochter dem japanischen Frauenideal entsagt hat."

"Warum wendet sie sich damit an uns, statt an einen Familienangehörigen oder einen ihrer früheren Lehrer?" frage ich.

"Dadurch, dass ich einen Deutschen auf traditionelle Art geheiratet habe, fiel ihre Wahl wohl auf mich. Personen aus ihrem früheren Leben gegenüber öffnet sich Chika-chan anscheinend nicht mehr, Okyaku-Sama -mein Herr-."

"Aha," meine ich. "Aber ob wir es schaffen, dass Chika-chan ihre Ausbildung in dem gewählten Beruf beginnt? Wir schauen einmal, ob es eine billige Wohnung am Stadtrand von Düsseldorf gibt. Haben wir eine gefunden, wirst du dort einziehen. Dann bist du näher am Geschehen! Keine Angst, ich werde dich immer wieder besuchen kommen!"

Ruri-chan ist auf die Knie gegangen.

"Und wie soll ich dort aktiv werden, Okayku-Sama -mein Herr-?"

"Du informierst dich über die Aktivitäten in der Szene, besonders der Gruppe, der sich Chika-chan angeschlossen hat. Darüber hältst du mich auf dem Laufenden. Ich entscheide dann, wann und wie du eingreifen sollst!"

*

Wenige Wochen später sitzen wir in Ruri-chans Düsseldorfer Einzimmer-Wohnung. Wir haben der Mutter der jungen Frau einen Brief geschrieben, in dem wir versprechen, uns um Chika-chan zu bemühen. Danach haben wir uns über Events informiert, bei denen man Gothic-Fans treffen kann. Bald haben wir die Gruppe gefunden, bei denen die junge Frau mitmacht.

Nebenbei entdecken wir die jungen Leute immer wieder am Rand eines Platzes, wo sie stundenweise einen Stand betreiben. Dort demonstrieren sie, laut des Plakats, für die Akzeptanz ihrer Szene in der Bevölkerung. Sie wollen in ihrer Nische respektiert werden und nicht als Freiwild gelten.

Am Rand des dreieckigen Platzes, der von zwei Straßen und einer Häuserzeile begrenzt wird, befindet sich ein Eiscafé. Hier sitzen wir anfangs und beobachten die jungen Leute. Anschließend gehen wir durch verschiedene Bekleidungsläden und wählen eine Garderobe für Ruri-chan, die der Garderobe der jungen Leute ähnelt.

Dann soll sich Ruri-chan mit der Gruppe bekanntmachen. Vielleicht schaffen wir es ja, Chika-chan da heraus zu lösen.

Heute ist ein schöner Samstagnachmittag. Die jungen Leute stehen wieder am Rand des Platzes. Ruri-chan schlendert langsam an ihren Stand vorbei. Dann bleibt sie kurz stehen und geht schließlich näher heran, so als ob ihr das Plakat erst jetzt aufgefallen wäre. Chika-chan hat in ihr wohl die Japanerin erkannt und kommt hinter dem Stand hervor. Sie überreicht ihr ein Flugblatt.

"In der modernen Zeit lassen die Leute es anscheinend an Respekt gegenüber ihren Mitmenschen vermissen," sagt Ruri-chan zu ihrem Gegenüber. "Gothic ist eine Kultur der jungen Leute, mit der sie ihren Protest gegenüber den Erwachsenen ausdrücken. Sie hat genauso ihre Existenzberechtigung wie jeder andere individuelle Lebensentwurf!"

"Da sagen Sie etwas Wahres!" springt Chika-chan auf den Zug auf. "Aber auch junge Menschen, die angepasst leben, sind gegen uns. Es ist schon mehrfach vorgefallen, dass Jungs in Jeans und Hoodie unsere Treffen in Parks stören und drauflos prügeln!"

"Habt ihr denn keine Jungs unter euch, die sich denen entgegenstellen und euch beschützen?"

Sie zuckt mit den Schultern.

"Die Anderen sind immer in der Überzahl, und wen sie erwischen, der wird missbraucht oder zusammengeschlagen!" erklärt sie.

"Solch ein Verhalten ist verabscheuungswürdig!" erklärt Ruri-chan.

Nach einer Gedankenpause sagt Ruri-chan:
"Das ist wichtig, dass Sie hier stehen und die Leute darauf aufmerksam machen! Ich würde gerne irgendwie helfen, wenn möglich."

"Sehr gerne!" antwortet Chika-chan und verbeugt sich leicht. "Wenn Sie nachher Zeit haben? Wir treffen uns in meinem Appartement."

Sie nennt mir eine Adresse und ihren Familiennamen, damit ich die richtige Klingel betätige.

"Wann wäre das?" fragt Ruri-chan genauer nach.

Chika-chan schaut auf ihre Uhr und antwortet:
"In zwei Stunden ungefähr."

Ruri-chan weicht aus und sagt:
"Ich muss das erst klären. Ich würde schon gern kommen, wissen Sie?"

Dann geht Ruri-chan in Richtung des Eiscafés davon, setzt sich dort an einen Tisch und holt nach kurzem Suchen ihr Handy aus ihrer Handtasche.

*

Wir haben wieder einmal gefeiert. So ist es schon Mittag, als wir unseren Stand am Rand des kleinen Platzes vor dem Eiscafé aufbauen. Wie üblich laufen die meisten Leute geschäftig an uns vorbei. Sie übersehen uns geflissentlich. In unserer Kleidung machen wir einigen bestimmt auch Angst. Andere halten uns sicher für Flittchen.

Am späten Nachmittag nähert sich uns eine Asiatin. Sie liest unser Plakat. Die Frau trägt einen knielangen schwarzen Kimono mit hellen Blüten. Darunter hat sie schwarze Strümpfe und Schnallenschuhe an, ebenfalls in schwarz. Um den Hals trägt sie einen metallischen Halsreifen und in der Hand hat sie einen Fächer mit metallischen Stäben. Der Fächer zeigt eine Szene im traditionellen Japan an einer Brücke über einen kleinen Fluss. Sie ist vielleicht zehn Jahre älter als ich und dezent geschminkt, wobei die Augenlider und Brauen schwarz hervorgehoben sind.

Ich komme hinter dem Stand hervor, um ihr ein Flugblatt zu überreichen. Wir unterhalten uns kurz über die Problematik, auf die wir aufmerksam machen wollen. Sie pflichtet mir bei und bietet mir ihre Zusammenarbeit an. Obwohl sie altersmäßig eigentlich nicht mehr zu uns passt, zeige ich mich bereit. Wir können jeden Mitstreiter gebrauchen!

Nun zögert die Frau aber und erklärt, dass sie erst jemand um Erlaubnis fragen müsse. Eine merkwürdige Frau! Ich schaue sie erstaunt an. Japanische Frauen können zumeist selbst entscheiden, was sie tun. Es sei denn, sie sind gebunden, natürlich. Die Frau lächelt. Ein wissendes, durchaus selbstsicheres Lächeln. Sie verabschiedet sich höflich auf Japanisch und geht auf das Eiscafé zu.

Meine deutsche Freundin Martina hat mich im Gespräch gesehen und fragt:

"Was war das denn für ?ne Schnecke?"

Ich erzähle ihr also, dass ich möglicherweise eine neue Mitstreiterin gewonnen habe.

"Glaubst du wirklich, dass die kommt?" will Martina wissen. "Eine Goth ist die bestimmt nicht. Emanzipiert sieht sie nicht gerade aus."

"Ich weiß nicht," antworte ich unsicher, "aber ich hoffe mal."

Neue Leute kommen an den Stand. Bald habe ich die Frau vergessen.

Am frühen Abend bauen wir den Stand ab und gehen in mein Appartement. Dort verteile ich die Fritten, die wir unterwegs gekauft haben. Dann gehe ich in die Küche und komme gerade mit zwei Flaschen Cola an den Couchtisch zurück, als es klingelt. Ich stelle die Cola ab und gehe zur Tür.

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