Donnerstag, 6. Mai 2021
Yamato Nadeshiko -67-
hermann-jpmt, 12:27h
"Ich weiß es nicht," meine ich. "Vielleicht halten sich die Leute für unsterblich, weil sie sich als klug einschätzen und die Tiere nicht."
"Manche Brüder in der Natur sind ziemlich schlau," sagt Nanuq und überlegt einen Augenblick lang. "Wenn unsere Brüder über dieses Problem sprächen, würden sie wahrscheinlich sagen, dass sie unsterblich sind und die Menschen nicht, weil sie schließlich besser schwimmen können."
"Das mag sein," antworte ich.
"Wer kann schon den Sinn des Lebens ergründen?"
"Ich weiß es nicht," gebe ich zu. "Vielleicht hat es überhaupt keinen Sinn."
"Das ist interessant," meint Nanuq. "Aber dann wäre die Welt sehr einsam."
"Vielleicht ist sie das auch."
"Nein," sagt Nanuq mit fester Stimme und zieht sein Kamik aus dem Wasser. "Die Welt kann nicht einsam sein, wenn es zwei Menschen gibt, die Taqtu -Freunde- sind."
Ich blicke zu den Sternen auf.
"Du hast recht, Nanuq," sinniere ich. "Wo es Schönheit und Freundschaft gibt, kann man von der Welt nicht mehr verlangen. Wie großartig und bedeutsam ist doch ein solcher Ort! Was für eine andere Daseinsberechtigung könnte er haben?"
"Hilf mir, das Fleisch an Land zu zerren!" sagt Nanuq.
Ich helfe ihm. Andere Jäger kommen uns vom Dorf entgegen und helfen mit. Ich weiß nicht, was für ein Ort die Welt ist, aber manchmal kommt sie mir ganz großartig vor.
*
Natürlich haben die Inuit heutzutage schon Jagdgewehre, aber ihre Philosophie ist immer noch die gleiche seit Jahrtausenden. Sie reden mit den Tieren, die sie jagen. Sie bedanken sich bei ihnen für eine erfolgreiche Jagd. Sie glauben, dass die gesamte sie umgebende Natur einschließlich ihnen selbst beseelt ist. Sie glauben, dass die Seele nach dem Tod den Körper verlässt und dass in der Natur nichts verloren geht. Ergo muss die Seele nach dem Tod irgendeinen Teil der Natur beseelen, der in Kürze geboren wird, aufkeimt, oder anderweitig entsteht.
Im Falle von Pflanzen und Tieren, die dem Menschen als Nahrung oder Heilmittel dienen, muss der Mensch sich das Wohlwollen der Natur sichern. Steine und Erden findet nicht der Mensch, sondern diese suchen sich den Menschen und lassen sich finden.
Die zahlenmäßig größte heute noch existierende animistische Religion ist der Shinto-Glaube - gerade in dem heute so materialistischen Japan. Der Lamaismus Tibets ist eine Verbindung, die der Animismus mit dem Buddhismus eingegangen ist - wie ich finde, zu Beider Nutzen. Der Animismus der Naturvölker rund um den Erdball kann uns viel über unsere Beziehung zur Natur, unser Eingebettetsein in die Natur erzählen, wenn wir nur zuhören wollen. So lässt sich lernen, wie wir unsere Welt an unsere Nachkommen weitergeben können, ohne ihnen eine 'Zinslast' unserer 'Schulden bei der Natur' aufzubürden.
Ich habe Nanuq gebeten, mir die traditionelle Jagd mit traditionellen Jagdwaffen zu zeigen. Es ist ein Unterschied, alles niederzuschießen, was einem vor die Flinte läuft, oder immer nur soviel aus der Natur zu entnehmen, wie sie es verträgt und die Entnahme mit allen Mitgliedern der Gemeinschaft zu teilen.
*
Im Festhaus gibt es dampfendes Fleisch in Mengen. Es wird gelacht und gesungen. Draußen hat es leicht zu schneien begonnen. Im Innern hat Nanuq zu singen begonnen. Dies macht mir große Freude. Der Berg, der sich früher vor ihm aufzurichten schien, ängstigt ihn nicht mehr. Inzwischen weiß er, dass der Berg ihn willkommen heißt.
"Niemand weiß, woher die Lieder kommen," heißt es beim Volk. Jetzt hat Nanuq seine Lieder gefunden. Sie steigen in ihm auf, wie das Aufgehen der Sonne nach langer Nacht, wie das Aufblühen der Tundra im Frühling, übersät mit winzigen weißen und gelben Blüten.
Nanuq singt und Kinalik ist bei ihm. Ringsum weht der Schnee. Am nächsten Tag werden wir erst spät wach. Ich habe die Nacht wieder mit Mary unter den Fellen verbracht. Auf dem Weg zu Nanuqs Hütte habe ich ihr die pelzbesetzte Kapuze auf die Schulter gelegt und ihr ins Gesicht geschaut. Wie schön sie doch ist! Schneeflocken setzen sich in ihrem Haar fest.
"Ich erflehe dein Zeichen, Herr," sagt sie, als ich neben ihr aufwache.
Sie hat mich wohl schon eine ganze Weile beim Schlafen beobachtet.
"Bist du früher nicht einmal sehr reich gewesen?" stelle ich ihr zwinkernd eine rhetorische Frage.
"Ich bin deine Magd!" erinnert sie mich. Tränen stehen in den Augen, die mich anblicken. "Mein ehemaliger Reichtum könnte mir keinen Halsreifen verschaffen und auch kein Zeichen. Hier besitze ich nichts, und ich erhalte soviel!"
"Ja, sobald wir wieder in Hagenholt sind, werde ich mit dir ein Tattoo-Studio aufsuchen," verspreche ich ihr.
"Danke, Herr," antwortet sie und schmiegt sich an mich, sich an die Gefühle der vergangenen Nacht erinnernd.
Plötzlich presst sie mich an sich.
"Oh, Herr!" flüstert sie. "Ich träume seit der Meido-Do davon, von einem Mann wie dir unterworfen zu sein."
"Das sind die Träume einer Magd," sage ich.
"Natürlich."
"Mägde sollten sich davor hüten, ihre Träume auszusprechen," meine ich, "damit ihr Herr sie nicht zu hören bekommt."
"Jede Magd sollte ihre Träume kühn verkünden," widerspricht sie mir.
"Aber ein dominanter Herr könnte sie dabei hören," gebe ich zu Bedenken.
"Wollen wir um ihretwillen hoffen, dass er sie hört!" antwortet sie. "Wofür sollte eine Magd sonst von ihren Träumen schwärmen, wenn nicht für das Ohr eines Herrn?"
"Ich finde euch Frauen rätselhaft," gebe ich zu.
"Die Lösung dieses Rätsels," meint sie, "ist ein starker Mann und sein Halsreifen."
"Worin bin ich stark?" frage ich. "Habe ich Gegner bezwungen? Habe ich dich vor fremden Männern beschützt?"
"Du hast starke Tiere mit archaischen Waffen bezwungen, und du hast damit deine Magd vor dem Verhungern beschützt!"
"Ich glaube, du hast recht. Aber in der Zivilisation, in Hagenholt gelten andere Regeln. Da wird nicht mehr gejagt, um nicht zu verhungern! Da muss man Ideen haben, um damit die Bedürfnisse anderer Leute zu decken. Von deren Geld kann man dann Nahrung kaufen."
"Deshalb liebe ich dich, Herr," sagt Mary.
Ich küsse sie sanft auf die Lippen, die einen Augenblick lang den Kontakt halten. Danach erhebe ich mich. Kinalik hat schon Schnee für die Morgentoilette getaut.
*
Zwei Tage später ankert die 'Mother Earth' wieder in der Bucht. Das große Dinghi wird an einem Ausleger ins Wasser gelassen und kommt ans Ufer.
"Hallo, Herr Franck. Hallo Nanuq. Schön, dass ihr hier seid," begrüßt uns Herr Bauer. Unsere Ausrüstung wird verladen. Bei meinen Trophäen machen die Seeleute große Augen.
Herr Bauer schmunzelt.
Nanuq nähert sich, um uns zu verabschieden. Er zieht mehrere wunderbar geschnitzte Elfenbeinketten aus seinem Lederbeutel, drückt sie mir in die Hand und umschließt meine Hand beidhändig, während er mich offen anschaut.
"Freunde, die ziehen wollen, soll man nicht halten," sagt er. "Du bist jederzeit gerne im Kreis der Menschen -Inuit- willkommen, Illiivat!"
"Ich danke dir, Nanuq! Allzeit gute Jagd!"
"Schau mal!" Nanuq zeigt zum Himmel auf ein tanzendes Polarlicht. "Die Seelen der Tiere tanzen im Himmel!"
Wir steigen in das Dinghi und fahren - ans Ufer winkend - zur 'Mother Earth' zurück. Ich schaue über das Eis des Polarmeeres auf die Sterne. Links von mir, im Osten, ist ein erster, schwacher Lichtschimmer zu sehen, eine Vorahnung der Dämmerung, die den langen arktischen Tag einleitet. Die Nacht ist vorbei.
Nun vergehen noch drei Wochen bis wir in Hamburg einlaufen. Zwischen Schottland und Norwegen fahren wir in die Nordsee hinein und Tage später sind wir nach einer Bahn- und Busfahrt zuhause.
In den folgenden Zusammenkünften haben wir viel zu erzählen. Ich habe auch eine Menge Bilder dazu gemacht. In den nächsten Wochen nutze ich meine Freizeit dazu, daraus eine Dokumentation zu erstellen.
*
"Manche Brüder in der Natur sind ziemlich schlau," sagt Nanuq und überlegt einen Augenblick lang. "Wenn unsere Brüder über dieses Problem sprächen, würden sie wahrscheinlich sagen, dass sie unsterblich sind und die Menschen nicht, weil sie schließlich besser schwimmen können."
"Das mag sein," antworte ich.
"Wer kann schon den Sinn des Lebens ergründen?"
"Ich weiß es nicht," gebe ich zu. "Vielleicht hat es überhaupt keinen Sinn."
"Das ist interessant," meint Nanuq. "Aber dann wäre die Welt sehr einsam."
"Vielleicht ist sie das auch."
"Nein," sagt Nanuq mit fester Stimme und zieht sein Kamik aus dem Wasser. "Die Welt kann nicht einsam sein, wenn es zwei Menschen gibt, die Taqtu -Freunde- sind."
Ich blicke zu den Sternen auf.
"Du hast recht, Nanuq," sinniere ich. "Wo es Schönheit und Freundschaft gibt, kann man von der Welt nicht mehr verlangen. Wie großartig und bedeutsam ist doch ein solcher Ort! Was für eine andere Daseinsberechtigung könnte er haben?"
"Hilf mir, das Fleisch an Land zu zerren!" sagt Nanuq.
Ich helfe ihm. Andere Jäger kommen uns vom Dorf entgegen und helfen mit. Ich weiß nicht, was für ein Ort die Welt ist, aber manchmal kommt sie mir ganz großartig vor.
*
Natürlich haben die Inuit heutzutage schon Jagdgewehre, aber ihre Philosophie ist immer noch die gleiche seit Jahrtausenden. Sie reden mit den Tieren, die sie jagen. Sie bedanken sich bei ihnen für eine erfolgreiche Jagd. Sie glauben, dass die gesamte sie umgebende Natur einschließlich ihnen selbst beseelt ist. Sie glauben, dass die Seele nach dem Tod den Körper verlässt und dass in der Natur nichts verloren geht. Ergo muss die Seele nach dem Tod irgendeinen Teil der Natur beseelen, der in Kürze geboren wird, aufkeimt, oder anderweitig entsteht.
Im Falle von Pflanzen und Tieren, die dem Menschen als Nahrung oder Heilmittel dienen, muss der Mensch sich das Wohlwollen der Natur sichern. Steine und Erden findet nicht der Mensch, sondern diese suchen sich den Menschen und lassen sich finden.
Die zahlenmäßig größte heute noch existierende animistische Religion ist der Shinto-Glaube - gerade in dem heute so materialistischen Japan. Der Lamaismus Tibets ist eine Verbindung, die der Animismus mit dem Buddhismus eingegangen ist - wie ich finde, zu Beider Nutzen. Der Animismus der Naturvölker rund um den Erdball kann uns viel über unsere Beziehung zur Natur, unser Eingebettetsein in die Natur erzählen, wenn wir nur zuhören wollen. So lässt sich lernen, wie wir unsere Welt an unsere Nachkommen weitergeben können, ohne ihnen eine 'Zinslast' unserer 'Schulden bei der Natur' aufzubürden.
Ich habe Nanuq gebeten, mir die traditionelle Jagd mit traditionellen Jagdwaffen zu zeigen. Es ist ein Unterschied, alles niederzuschießen, was einem vor die Flinte läuft, oder immer nur soviel aus der Natur zu entnehmen, wie sie es verträgt und die Entnahme mit allen Mitgliedern der Gemeinschaft zu teilen.
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Im Festhaus gibt es dampfendes Fleisch in Mengen. Es wird gelacht und gesungen. Draußen hat es leicht zu schneien begonnen. Im Innern hat Nanuq zu singen begonnen. Dies macht mir große Freude. Der Berg, der sich früher vor ihm aufzurichten schien, ängstigt ihn nicht mehr. Inzwischen weiß er, dass der Berg ihn willkommen heißt.
"Niemand weiß, woher die Lieder kommen," heißt es beim Volk. Jetzt hat Nanuq seine Lieder gefunden. Sie steigen in ihm auf, wie das Aufgehen der Sonne nach langer Nacht, wie das Aufblühen der Tundra im Frühling, übersät mit winzigen weißen und gelben Blüten.
Nanuq singt und Kinalik ist bei ihm. Ringsum weht der Schnee. Am nächsten Tag werden wir erst spät wach. Ich habe die Nacht wieder mit Mary unter den Fellen verbracht. Auf dem Weg zu Nanuqs Hütte habe ich ihr die pelzbesetzte Kapuze auf die Schulter gelegt und ihr ins Gesicht geschaut. Wie schön sie doch ist! Schneeflocken setzen sich in ihrem Haar fest.
"Ich erflehe dein Zeichen, Herr," sagt sie, als ich neben ihr aufwache.
Sie hat mich wohl schon eine ganze Weile beim Schlafen beobachtet.
"Bist du früher nicht einmal sehr reich gewesen?" stelle ich ihr zwinkernd eine rhetorische Frage.
"Ich bin deine Magd!" erinnert sie mich. Tränen stehen in den Augen, die mich anblicken. "Mein ehemaliger Reichtum könnte mir keinen Halsreifen verschaffen und auch kein Zeichen. Hier besitze ich nichts, und ich erhalte soviel!"
"Ja, sobald wir wieder in Hagenholt sind, werde ich mit dir ein Tattoo-Studio aufsuchen," verspreche ich ihr.
"Danke, Herr," antwortet sie und schmiegt sich an mich, sich an die Gefühle der vergangenen Nacht erinnernd.
Plötzlich presst sie mich an sich.
"Oh, Herr!" flüstert sie. "Ich träume seit der Meido-Do davon, von einem Mann wie dir unterworfen zu sein."
"Das sind die Träume einer Magd," sage ich.
"Natürlich."
"Mägde sollten sich davor hüten, ihre Träume auszusprechen," meine ich, "damit ihr Herr sie nicht zu hören bekommt."
"Jede Magd sollte ihre Träume kühn verkünden," widerspricht sie mir.
"Aber ein dominanter Herr könnte sie dabei hören," gebe ich zu Bedenken.
"Wollen wir um ihretwillen hoffen, dass er sie hört!" antwortet sie. "Wofür sollte eine Magd sonst von ihren Träumen schwärmen, wenn nicht für das Ohr eines Herrn?"
"Ich finde euch Frauen rätselhaft," gebe ich zu.
"Die Lösung dieses Rätsels," meint sie, "ist ein starker Mann und sein Halsreifen."
"Worin bin ich stark?" frage ich. "Habe ich Gegner bezwungen? Habe ich dich vor fremden Männern beschützt?"
"Du hast starke Tiere mit archaischen Waffen bezwungen, und du hast damit deine Magd vor dem Verhungern beschützt!"
"Ich glaube, du hast recht. Aber in der Zivilisation, in Hagenholt gelten andere Regeln. Da wird nicht mehr gejagt, um nicht zu verhungern! Da muss man Ideen haben, um damit die Bedürfnisse anderer Leute zu decken. Von deren Geld kann man dann Nahrung kaufen."
"Deshalb liebe ich dich, Herr," sagt Mary.
Ich küsse sie sanft auf die Lippen, die einen Augenblick lang den Kontakt halten. Danach erhebe ich mich. Kinalik hat schon Schnee für die Morgentoilette getaut.
*
Zwei Tage später ankert die 'Mother Earth' wieder in der Bucht. Das große Dinghi wird an einem Ausleger ins Wasser gelassen und kommt ans Ufer.
"Hallo, Herr Franck. Hallo Nanuq. Schön, dass ihr hier seid," begrüßt uns Herr Bauer. Unsere Ausrüstung wird verladen. Bei meinen Trophäen machen die Seeleute große Augen.
Herr Bauer schmunzelt.
Nanuq nähert sich, um uns zu verabschieden. Er zieht mehrere wunderbar geschnitzte Elfenbeinketten aus seinem Lederbeutel, drückt sie mir in die Hand und umschließt meine Hand beidhändig, während er mich offen anschaut.
"Freunde, die ziehen wollen, soll man nicht halten," sagt er. "Du bist jederzeit gerne im Kreis der Menschen -Inuit- willkommen, Illiivat!"
"Ich danke dir, Nanuq! Allzeit gute Jagd!"
"Schau mal!" Nanuq zeigt zum Himmel auf ein tanzendes Polarlicht. "Die Seelen der Tiere tanzen im Himmel!"
Wir steigen in das Dinghi und fahren - ans Ufer winkend - zur 'Mother Earth' zurück. Ich schaue über das Eis des Polarmeeres auf die Sterne. Links von mir, im Osten, ist ein erster, schwacher Lichtschimmer zu sehen, eine Vorahnung der Dämmerung, die den langen arktischen Tag einleitet. Die Nacht ist vorbei.
Nun vergehen noch drei Wochen bis wir in Hamburg einlaufen. Zwischen Schottland und Norwegen fahren wir in die Nordsee hinein und Tage später sind wir nach einer Bahn- und Busfahrt zuhause.
In den folgenden Zusammenkünften haben wir viel zu erzählen. Ich habe auch eine Menge Bilder dazu gemacht. In den nächsten Wochen nutze ich meine Freizeit dazu, daraus eine Dokumentation zu erstellen.
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