Dienstag, 4. Mai 2021
Yamato Nadeshiko -66-
hermann-jpmt, 12:46h
"Ich glaube, wir haben da einen Wildling. Schau doch, wie scharf er dich beobachtet! Man hat bestimmt schon einmal Jagd auf ihn gemacht."
"Mag sein," sage ich.
Es ist durchaus üblich, dass so ein Walross den Jäger beobachtet und dann bei Annäherung untertaucht. Dabei greift er wohl Objekte an, die sich im Wasser bewegen, zum Beispiel einen Schwimmer, nicht aber ein Boot, das wohl keinen anregenden Geruch verbreitet oder sonst einen Jagdinstinkt auslöst. Dieses Walross jedoch scheint uns nicht nur aufmerksam zu beobachten, in seinem Verhalten scheint sogar etwas Drohendes zu liegen.
"Hallo, Bruder," rufe ich.
"Sei kein Dummkopf!" scheltet mich Nanuq. "Das ist ein sehr gefährliches Tier!"
"Soll ich denn nicht mit ihm reden?" frage ich.
Ich halte die Gelegenheit für gekommen, Nanuq 'einen Tropfen seiner eigenen Medizin zu reichen'.
"Man muss sich vorsehen, mit welchem Bruder der Natur man spricht," erklärt Nanuq. "Es gibt eine Zeit für das Reden und Locken und eine Zeit für das Mundhalten."
"Ich verstehe," antworte ich lächelnd.
"Du kannst ruhig mit ihm reden," fährt Nanuq fort, "aber an deiner Stelle würde ich es lieber nicht tun. Dieser da ist sehr gefährlich."
"Man muss sich den Bruder aussuchen, mit dem man redet, ja?" frage ich.
"Genau."
Ich fische meine Lanze aus dem Wasser und bin in meiner Bewaffnung jetzt wieder komplett.
"Ich brauche etwas für unsere Suppe," rufe ich zu dem Walross. "Kannst du uns da aushelfen? Vielleicht wäre eine Schwester oder ein anderer Bruder so nett?"
"Halte den Mund!" flüstert Nanuq entsetzt.
"Ich dachte, du hättest gesagt, er mag mich."
"Vielleicht tut er nur so," sagt Nanuq. "Wir warten einfach, bis er verschwindet, dann fahren wir ins Dorf zurück."
"Nein," antworte ich bestimmend.
"Wir haben zwei Seelöwen."
"Du hast zwei Seelöwen," betone ich.
"Sei kein Dummkopf, Iliivat!"
"Ich bin überzeugt, er ist ein wirklich netter Bursche."
"Pass auf!" ruft Nanuq erschreckt aus. "Er kommt!"
Ich lasse die Harpune fallen, denn es wäre sehr schwierig gewesen, das Tier damit von vorne zu treffen. Ich nehme die Lanze und stoße die Spitze in das vorgestreckte, zahnbewehrte Maul. Sie dringt tief in den Rachen. Der Angreifer bäumt sich dicht neben dem schwachen Boot über einen Meter hoch aus dem Wasser.
Eine der riesigen Flossen trifft mich, stößt mich zur Seite, wobei ich die Lanze loslassen muss. Er umschwimmt mich, während heißes Blut aus dem Maul in das kalte Wasser strömt. Ich nutze die Zeit, meine Harpune an der Leine aus dem Wasser zu ziehen, denn sie ist mir im Kampf wieder abhandengekommen. Ich befestige die leichte Harpune in der Kerbe des Wurfholzes und ehe das Ungeheuer sich in meine Richtung wendet, lasse ich das Holz nach vorn und unten schnappen und bringe damit das Geschoß auf den Weg.
Der Knochenwiderhaken verschwindet in der Haut des aufgebrachten Tieres, das sofort zu tauchen beginnt. Blasen und Blut steigen an die Oberfläche. Sirrend entrollt sich die Leine aus ihrer Vertiefung und verschwindet im Wasser. Kurze Zeit später taucht der Harpunenschaft an der Wasseroberfläche auf, während die eigentliche Harpunenspitze, an der die Leine festgemacht ist, in der Wunde festsitzt.
Ich steuere die Leine so gut ich kann. Sobald die Leine ganz ausgelassen ist, wird das Kamik mit unter Wasser gezogen werden. Nanuq kommt mir zu Hilfe. Gemeinsam zerren wir an der Leine.
Beide Kamiks neigen sich nach vorn.
"Er versucht zu fliehen," ruft Nanuq und lässt die Leine los.
Mein Kamik wird herumgezogen und dann geht sein Bug nach unten.
"Kapp die Leine!" ruft Nanuq. "Er flieht unter das Eis!"
Ich entdecke weiter vorn eine Eisscholle.
"Leine los!" ruft Nanuq, voller Adrenalin.
Doch ich gebe meine Beute nicht frei. Ich bin entschlossen, das Monstrum nicht freizugeben. Ich halte die Leine um die linke Hand gewickelt und stoße mit der Lanze gegen das Eis. Die Lanze rutscht ab, die Leine gleitet zur Seite und ich werde mitsamt dem Kamik auf das Eis gezerrt. Ich gleite darüber hin, komme davon frei und rutsche seitlich wieder ins Wasser.
"Er flieht aufs Meer hinaus!" ruft Nanuq hinter mir und folgt mir so schnell er paddeln kann.
Dann erschlafft die Leine.
"Er dreht," sagt Nanuq. "Sieh dich vor!"
Nach wenigen Augenblicken sehe ich den Körper des Walrosses an die Oberfläche kommen. Die Entfernung beträgt etwa zehn Meter.
"Er ist nicht tot," meint Nanuq nun.
"Das denke ich auch," gebe ich zurück.
Deutlich ist der Atem zu sehen, der aus seinen Nasenlöchern steigt und sich wie ein Nebel über das kalte Wasser ausbreitet. Das Wasser scheint fettig zu schimmern, denn es hat zu frieren begonnen. Rings um das Tier ist es dunkel von Blut. Wir steuern unsere Kamiks näher heran, um dem Tier den Rest zu geben.
"Vorsicht!" warnt Nanuq. "Er ist nicht tot."
"Aber er hat viel Blut verloren," stelle ich fest.
Wir nähern uns von beiden Seiten dem Tier.
"Er atmet nicht mehr," sage ich nun.
"Er ist aber schon einmal gejagt worden," antwortet Nanuq. "Ich glaube, er wartet darauf, dass wir uns nähern. Glaube ja nicht, dass er uns nicht belauert."
"Wir warten ab?"
"Ja," sagt Nanuq. "Das Walross blutet. Die Zeit ist auf unserer Seite."
Nach einer Weile fährt er fort: "Halte dich bereit. Ich habe gezählt. Gleich muss er atmen."
Aber es passiert nichts. Nanuq berührt den Körper mit seiner Lanze. Dann stößt er zu und dreht die Spitze in der Wunde. Keine Reaktion.
"Du hast ihn gut getroffen!" ruft Nanuq von der anderen Seite des Walrosses. "Er ist tot."
Er beginnt mit Holzpflöcken die Wunden zu verschließen. Er will damit verhindern, dass das Tier noch mehr Blut verliert. Gefrorenes Blut ist nahrhaft.
"Bläst du ihm Luft ins Maul?" frage ich.
"Erst wenn er zu sinken droht," antwortet Nanuq. "Wir fahren nach Hause."
Wir binden das mächtige Tier zwischen den beiden Kamiks fest und paddeln langsam zur Küste zurück.
"Ich habe dir gleich gesagt, dass er ein netter Bursche ist," sage ich dabei.
"Davon war ich eine Weile nicht so überzeugt," meint Nanuq.
"Du hast an ihm gezweifelt," stelle ich fest.
"Das war falsch von mir," räumt Nanuq ein. "Aber er hat sich gut verstellt. Er hat mich eine Zeitlang hinters Licht geführt."
"So sind Robben nun einmal."
"Ja, ziemlich verspielt. - Du solltest ihm noch danken, dass er sich von dir hat harpunieren lassen," fährt er fort. "Nicht jeder Bruder in der Natur wäre dazu bereit gewesen."
"Vielen Dank, kräftiger Bruder," sage ich.
"Gut!" ruft Nanuq. "Das gehört sich einfach so. Walrösser haben auch ihren Stolz."
Wir erreichen die beiden Seelöwen, die wir im Wasser treiben gelassen haben. Nanuq dankt den beiden Tieren, dass sie sich von ihm töten gelassen haben. Dann bindet er sie an seinem Boot fest und wir nehmen Kurs auf die Felsküste.
"Wenn die Robben tot sind, wie sollen sie dann bemerken, dass wir ihnen danken?" frage ich ihn.
"Das ist eine interessante und schwierige Frage," sinniert Nanuq. "Ich weiß eigentlich nicht genau, wie unsere Brüder das machen. Das Volk glaubt aber daran! Wir meinen, dass unsere Brüder gar nicht sterben, sondern nach einer Weile wiedergeboren werden."
"Die Tiere sind unsterblich?" frage ich.
"Ja," sagt Nanuq. "Und wenn so ein Tier zurückkehrt, ist es hoffentlich noch eher bereit, sich wieder harpunieren zu lassen, wenn man es gut behandelt hat."
"Glaubt das Volk auch, dass die Menschen unsterblich sind?"
"Ja," antwortet Nanuq.
"Ich kenne eine Welt, wo die Leute die Menschen für unsterblich halten, nicht aber die Tiere."
"Sie mögen Tiere nicht?"
"Mag sein," sage ich.
Es ist durchaus üblich, dass so ein Walross den Jäger beobachtet und dann bei Annäherung untertaucht. Dabei greift er wohl Objekte an, die sich im Wasser bewegen, zum Beispiel einen Schwimmer, nicht aber ein Boot, das wohl keinen anregenden Geruch verbreitet oder sonst einen Jagdinstinkt auslöst. Dieses Walross jedoch scheint uns nicht nur aufmerksam zu beobachten, in seinem Verhalten scheint sogar etwas Drohendes zu liegen.
"Hallo, Bruder," rufe ich.
"Sei kein Dummkopf!" scheltet mich Nanuq. "Das ist ein sehr gefährliches Tier!"
"Soll ich denn nicht mit ihm reden?" frage ich.
Ich halte die Gelegenheit für gekommen, Nanuq 'einen Tropfen seiner eigenen Medizin zu reichen'.
"Man muss sich vorsehen, mit welchem Bruder der Natur man spricht," erklärt Nanuq. "Es gibt eine Zeit für das Reden und Locken und eine Zeit für das Mundhalten."
"Ich verstehe," antworte ich lächelnd.
"Du kannst ruhig mit ihm reden," fährt Nanuq fort, "aber an deiner Stelle würde ich es lieber nicht tun. Dieser da ist sehr gefährlich."
"Man muss sich den Bruder aussuchen, mit dem man redet, ja?" frage ich.
"Genau."
Ich fische meine Lanze aus dem Wasser und bin in meiner Bewaffnung jetzt wieder komplett.
"Ich brauche etwas für unsere Suppe," rufe ich zu dem Walross. "Kannst du uns da aushelfen? Vielleicht wäre eine Schwester oder ein anderer Bruder so nett?"
"Halte den Mund!" flüstert Nanuq entsetzt.
"Ich dachte, du hättest gesagt, er mag mich."
"Vielleicht tut er nur so," sagt Nanuq. "Wir warten einfach, bis er verschwindet, dann fahren wir ins Dorf zurück."
"Nein," antworte ich bestimmend.
"Wir haben zwei Seelöwen."
"Du hast zwei Seelöwen," betone ich.
"Sei kein Dummkopf, Iliivat!"
"Ich bin überzeugt, er ist ein wirklich netter Bursche."
"Pass auf!" ruft Nanuq erschreckt aus. "Er kommt!"
Ich lasse die Harpune fallen, denn es wäre sehr schwierig gewesen, das Tier damit von vorne zu treffen. Ich nehme die Lanze und stoße die Spitze in das vorgestreckte, zahnbewehrte Maul. Sie dringt tief in den Rachen. Der Angreifer bäumt sich dicht neben dem schwachen Boot über einen Meter hoch aus dem Wasser.
Eine der riesigen Flossen trifft mich, stößt mich zur Seite, wobei ich die Lanze loslassen muss. Er umschwimmt mich, während heißes Blut aus dem Maul in das kalte Wasser strömt. Ich nutze die Zeit, meine Harpune an der Leine aus dem Wasser zu ziehen, denn sie ist mir im Kampf wieder abhandengekommen. Ich befestige die leichte Harpune in der Kerbe des Wurfholzes und ehe das Ungeheuer sich in meine Richtung wendet, lasse ich das Holz nach vorn und unten schnappen und bringe damit das Geschoß auf den Weg.
Der Knochenwiderhaken verschwindet in der Haut des aufgebrachten Tieres, das sofort zu tauchen beginnt. Blasen und Blut steigen an die Oberfläche. Sirrend entrollt sich die Leine aus ihrer Vertiefung und verschwindet im Wasser. Kurze Zeit später taucht der Harpunenschaft an der Wasseroberfläche auf, während die eigentliche Harpunenspitze, an der die Leine festgemacht ist, in der Wunde festsitzt.
Ich steuere die Leine so gut ich kann. Sobald die Leine ganz ausgelassen ist, wird das Kamik mit unter Wasser gezogen werden. Nanuq kommt mir zu Hilfe. Gemeinsam zerren wir an der Leine.
Beide Kamiks neigen sich nach vorn.
"Er versucht zu fliehen," ruft Nanuq und lässt die Leine los.
Mein Kamik wird herumgezogen und dann geht sein Bug nach unten.
"Kapp die Leine!" ruft Nanuq. "Er flieht unter das Eis!"
Ich entdecke weiter vorn eine Eisscholle.
"Leine los!" ruft Nanuq, voller Adrenalin.
Doch ich gebe meine Beute nicht frei. Ich bin entschlossen, das Monstrum nicht freizugeben. Ich halte die Leine um die linke Hand gewickelt und stoße mit der Lanze gegen das Eis. Die Lanze rutscht ab, die Leine gleitet zur Seite und ich werde mitsamt dem Kamik auf das Eis gezerrt. Ich gleite darüber hin, komme davon frei und rutsche seitlich wieder ins Wasser.
"Er flieht aufs Meer hinaus!" ruft Nanuq hinter mir und folgt mir so schnell er paddeln kann.
Dann erschlafft die Leine.
"Er dreht," sagt Nanuq. "Sieh dich vor!"
Nach wenigen Augenblicken sehe ich den Körper des Walrosses an die Oberfläche kommen. Die Entfernung beträgt etwa zehn Meter.
"Er ist nicht tot," meint Nanuq nun.
"Das denke ich auch," gebe ich zurück.
Deutlich ist der Atem zu sehen, der aus seinen Nasenlöchern steigt und sich wie ein Nebel über das kalte Wasser ausbreitet. Das Wasser scheint fettig zu schimmern, denn es hat zu frieren begonnen. Rings um das Tier ist es dunkel von Blut. Wir steuern unsere Kamiks näher heran, um dem Tier den Rest zu geben.
"Vorsicht!" warnt Nanuq. "Er ist nicht tot."
"Aber er hat viel Blut verloren," stelle ich fest.
Wir nähern uns von beiden Seiten dem Tier.
"Er atmet nicht mehr," sage ich nun.
"Er ist aber schon einmal gejagt worden," antwortet Nanuq. "Ich glaube, er wartet darauf, dass wir uns nähern. Glaube ja nicht, dass er uns nicht belauert."
"Wir warten ab?"
"Ja," sagt Nanuq. "Das Walross blutet. Die Zeit ist auf unserer Seite."
Nach einer Weile fährt er fort: "Halte dich bereit. Ich habe gezählt. Gleich muss er atmen."
Aber es passiert nichts. Nanuq berührt den Körper mit seiner Lanze. Dann stößt er zu und dreht die Spitze in der Wunde. Keine Reaktion.
"Du hast ihn gut getroffen!" ruft Nanuq von der anderen Seite des Walrosses. "Er ist tot."
Er beginnt mit Holzpflöcken die Wunden zu verschließen. Er will damit verhindern, dass das Tier noch mehr Blut verliert. Gefrorenes Blut ist nahrhaft.
"Bläst du ihm Luft ins Maul?" frage ich.
"Erst wenn er zu sinken droht," antwortet Nanuq. "Wir fahren nach Hause."
Wir binden das mächtige Tier zwischen den beiden Kamiks fest und paddeln langsam zur Küste zurück.
"Ich habe dir gleich gesagt, dass er ein netter Bursche ist," sage ich dabei.
"Davon war ich eine Weile nicht so überzeugt," meint Nanuq.
"Du hast an ihm gezweifelt," stelle ich fest.
"Das war falsch von mir," räumt Nanuq ein. "Aber er hat sich gut verstellt. Er hat mich eine Zeitlang hinters Licht geführt."
"So sind Robben nun einmal."
"Ja, ziemlich verspielt. - Du solltest ihm noch danken, dass er sich von dir hat harpunieren lassen," fährt er fort. "Nicht jeder Bruder in der Natur wäre dazu bereit gewesen."
"Vielen Dank, kräftiger Bruder," sage ich.
"Gut!" ruft Nanuq. "Das gehört sich einfach so. Walrösser haben auch ihren Stolz."
Wir erreichen die beiden Seelöwen, die wir im Wasser treiben gelassen haben. Nanuq dankt den beiden Tieren, dass sie sich von ihm töten gelassen haben. Dann bindet er sie an seinem Boot fest und wir nehmen Kurs auf die Felsküste.
"Wenn die Robben tot sind, wie sollen sie dann bemerken, dass wir ihnen danken?" frage ich ihn.
"Das ist eine interessante und schwierige Frage," sinniert Nanuq. "Ich weiß eigentlich nicht genau, wie unsere Brüder das machen. Das Volk glaubt aber daran! Wir meinen, dass unsere Brüder gar nicht sterben, sondern nach einer Weile wiedergeboren werden."
"Die Tiere sind unsterblich?" frage ich.
"Ja," sagt Nanuq. "Und wenn so ein Tier zurückkehrt, ist es hoffentlich noch eher bereit, sich wieder harpunieren zu lassen, wenn man es gut behandelt hat."
"Glaubt das Volk auch, dass die Menschen unsterblich sind?"
"Ja," antwortet Nanuq.
"Ich kenne eine Welt, wo die Leute die Menschen für unsterblich halten, nicht aber die Tiere."
"Sie mögen Tiere nicht?"
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