Montag, 26. April 2021
Yamato Nadeshiko -62-
Dann folgt der fröhliche Teil des Festes. Ein Dudelsackspieler tritt auf, der mit seiner Uileann Pipe für eine ausgelassene Stimmung sorgt. Bei den irischen Tänzen schaue ich lieber nur zu, so rasant ist das Tempo, wobei die Hacken in schnellem Rhythmus auf den Tanzboden geschlagen werden. Immer wieder hören wir "Go maire tù -Möget ihr lange leben-!"

Zu vorgerückter Stunde gehen wir zu jedem Gast und bedanken uns mit einem kleinen Geschenk und ein paar herzlichen Worten. Dazu haben wir im Vorfeld handgemachte irische Pralinen liebevoll verpackt.
Bevor das Fest endet kredenzt der Wirt ein Glas Honigwein. Der Met hat hier die Bedeutung, dass die Fruchtbarkeit des Paares gefördert werden soll.

Schließlich fahren wir in unser Cottage zurück und schlafen bis zum Vormittag des folgenden Tages. Nun müssen wir die Festkleidung wieder zurückgeben. Anschließend fahren wir nach Queenstown, das im Irischen 'An Cóbh' heißt. Wir kaufen dort in einem Spezialgeschäft unsere Arktisausrüstung.

Die Stadt liegt an einem der größten Naturhäfen Irlands und besticht durch einige sehr steile Straßen und zahlreiche grellbunt gestrichene Häuser, trotzdem sie im Mittel nur 47 Meter über dem Meeresspiegel liegt. An der Pier im Hafen liegt ein Kutter mit grünem Schiffskörper und naturholz-farbenen Aufbauten. Dorthin führe ich Mary.

Wir klettern über eine Planke an Bord. Alsbald werden wir gesichtet. Ein Mann in blauer Uniform kommt uns entgegen und begrüßt uns herzlich:

"Hello, Mister Franck! Ich bin Mister Bauer, der Kapitän dieses wunderschönen Schiffes. Willkommen an Bord! Darf ich Sie bitten, mir zu folgen!"

Wir schütteln uns die Hände. Der Kapitän führt uns in einen Raum mit mehreren Tischen.

"Bitte setzen Sie sich!" sagt er in leutseligem Ton.

Wir nehmen Platz. An der Wand fährt eine Leinwand herunter. Dann zeigt er uns ein Video, dass die ?Mother Earth? auf See beim Fischen zeigt. Die Männer holen jedoch keine Fische an Bord, sondern Plastik aller Art.

"Oh, so schlimm ist es..." entfährt es mir.

Der Kapitän bestätigt:
"Noch viel schlimmer! Die großen Sachen erwischen wir und bringen sie an Land. Viel gefährlicher ist aber das Mikroplastik ? Sie haben sicher davon gehört?
Doch nun zum eigentlichen Grund unserer Zusammenkunft an Bord: Sie haben vor, eine Tour an Bord mitzumachen?"

"Ja," bestätige ich. "Jedenfalls bis Grönland war vereinbart. ? Und später von dort nach Hamburg zurück."

Da sich Herr Bauer nun erhebt, stehen auch wir auf. Er zeigt uns unsere Kabine und die Sozialräume, die wir hier mit der Mannschaft teilen müssen. Danach lässt er uns allein. Wieder verstauen wir den Inhalt des Koffers im Schrank. Als sich der Boden der Kabine leicht bewegt, sage ich zu Mary:

"Komm, lass uns nach oben gehen! Ich bin neugierig auf die Abfahrt."

Also verlassen wir die Kabine und gehen die Treppe, die die Seeleute 'Niedergang' nennen hinauf in die 'Messe', wie sie den Speiseraum nennen und treten vor die Tür auf das Deck. Männer laufen hin und her. In der einen Tour haben sie ein armdickes Seil zu dritt in der Hand. Sie lassen es nacheinander fallen und laufen zurück, um sich hinter dem letzten Mann wieder einzureihen.

Ein weiterer Mann steht vor einem stählernen Korb und sortiert das Seil in geordneten Schlingen hinein. Wie ich später erfahre, 'schießt' er das 'Tau' auf. Dies passiert gleichzeitig vorne und hinten. Dann kommt eine drei Meter lange Schlaufe, die hier an Bord 'Auge' genannt wird. Jetzt stehen die Männer kurz herum und atmen durch. Der Kutter legt ab und verlässt den Hafen unter Motor. Draußen entfalten sich wie von Geisterhand zwei Segel am Mast und das Tuckern des Motors erstirbt.

*

Es folgen unvergessliche drei Wochen auf dem Atlantik. Mein Herr gibt mir Botenaufträge und lässt sich bei Tisch bedienen. Für die Ausführung der leichten Dienste bedankt er sich jedesmal gewinnend lächelnd. Dazwischen unterhalte ich mich mit den Seeleuten und erfahre vieles, wovon eine 'Landratte' wie ich vorher nichts gewusst hat.

Während wir auf See sind finde ich meinen Herrn zumeist im Steuerhaus. Nachdem er eine Zeitlang vom Kartentisch aus zugeschaut hat, hat er gefragt, ob er auch einmal ans Steuer darf. Unter der Aufsicht des Kapitäns oder des Steuermannes darf er nun auch am 'Haspel' drehen, wie man an Bord das Steuerrad nennt.

Unser erstes Ziel ist Reykjavik auf Island. Dort füllt die Mannschaft ihre Vorräte auf. Zwei Tage später geht es weiter nach Grönland. Mein Herr möchte sich den Nachthimmel und das Nordlicht an Deck ansehen. Da es in den letzten Tagen auf See immer kälter geworden ist, weiht er die in Irland erworbene Arktisausrüstung ein. Bei der Gelegenheit soll ich es ihm gleichtun. So habe ich, obwohl eine Hose einer Magd unwürdig ist, ein solches gefüttertes Kleidungsstück und eine ebenso gefütterte Jacke angezogen. Mein Herr reicht mir dazu noch die gefütterten Stiefel und Handschuhe, obwohl es noch nicht geschneit hat.

Auf dem Weg an Deck, während dem ich mich fühle, wie ein Astronaut auf dem Mond, sagt mein Herr, er möchte an Deck versuchen, sich an die uns umgebende Natur zu gewöhnen und dabei eintauchen in eine, in der westlichen Welt fremde Denkweise der Naturvölker ? wie sie aus den Dokumentationen Tanaka-Sans und Herrn Schmidt herauszulesen sind.

Während wir nebeneinander an Deck sitzen, Händchenhaltend und aneinander gelehnt, bekomme ich allmählich das Gefühl, dass die Zeit rückwärtsläuft. Ob es am Schiff liegt? Dass das Schiff vom Wind getrieben, den Elementen der Natur ausgeliefert ist?

Für den Seemann sind seine Schiffe Lebewesen, haben mir verschiedene Besatzungsmitglieder gesagt. Das mag man als Aberglauben abtun, man kann es anderen Menschen auch nicht erklären und sollte es vielleicht auch nicht. Jedenfalls habe ich in diesem stillen Moment dieses Gefühl, wo ich eins bin mit Wind und Wellen, zum Mond emporschauend. Ich lege meinen Kopf an die Schulter meines Herrn.

Mich beschleicht hier an Deck eine seltsame Anwandlung. Es ist, als wären das Schiff und das Meer und die ganze Welt irgendwie lebendig. Die indigenen Völker auf der ganzen Erde, aber auch die Japaner, die noch an die beseelte Natur glauben, haben zu vielen Dingen eine viel intensivere und persönlichere Beziehung als der gebildete Mensch der westlichen Kultur. Es mag sein, dass wir längst Dinge vergessen haben, die den Japanern und den indigenen Völkern noch bewusst sind.

Der Weg der Animisten ist dem des Menschen aus der westlichen Kultur zumindest nicht unterlegen. Dem Naturmenschen liegt seine Welt am Herzen. Sie ist sein Freund. Er würde sie nicht töten oder ausbeuten.

Irgendwann regt sich mein Herr wieder. Er lächelt mich an und erhebt sich langsam, wobei er mich stützt, damit ich nicht umstürze. Aber ich erhebe mich nun auch, da mein Herr flüstert:

"Komm, wir gehen unter Deck und versuchen zu schlafen!"

Er muss wohl ähnliche Gedanken gewälzt haben, da er sich nun scheut, laut zu reden.

*

Drei Tage liegt die 'Mother Earth' nun schon an der Westküste von Grönland vor Anker. Der Kapitän hat per Funk diese Bucht als Treffpunkt vereinbart. In dieser Zeit hat mich mein Herr informiert, dass er vorhat, eine ähnliche Dokumentation zu verfassen, wie Herr Schmidt und Tanaka-San. Er möchte sich das Leben der Eskimos anschauen. Es müssen jedoch Eskimos sein - oder 'Inuit', wie sie sich in ihrer Sprache nennen-, die der traditionellen Lebensweise noch nicht abgeschworen haben.

In und um Grönlands Hauptstadt Godthab, oder 'Nuuk' in Inuit, leben viele Eskimos, die Sozialhilfeempfänger und Alkoholiker sind - einfach, weil sie von ihrer Kultur entwurzelt sind. Traditionell lebende Inuit gibt es nur noch wenige. Sie leben nomadisch. Daher dauert es so lange, bis unser Kontaktmann uns erreicht.

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