Samstag, 24. April 2021
Yamato Nadeshiko -61-
hermann-jpmt, 11:18h
Der Mensch in der westlich orientierten Zivilisation stellt sich die Welt im Wesentlichen tot ? ohne eigenes Bewusstsein ? vor. Animistisch denkende Menschen sehen sie als durch und durch lebendig an, wie auch die japanische Kultur, aus der Ruri-chan stammt. Der eine gebraucht zur Erklärung eines Organismus das Schlagwort von der blinden Maschine, der andere das des beseelten, das heißt fühlenden, Lebewesens.
Sicher übertrifft die Realität alle Metaphern des Menschen, die nur dünne Strohhalme sind, mit denen wir staunend an den Toren granitener Rätsel zu kratzen versuchen. Dem Animisten jedenfalls liegt seine Welt am Herzen. Sie ist sein Freund. Er würde sie nicht töten, ob nun schleichend über Gifteintrag in die Umwelt oder durch das Zünden apokalyptischer Bomben.
Über diese Gedanken wird es hell. Wir verlassen das Höhlensystem und haben die angekündigte Felsspalte mit dem sanft ansteigenden Geröllfeld erreicht. In gut einem halben Kilometer Länge steigen wir so die letzten fünfzig Meter bis zum Gipfelplateau hinauf. Dabei müssen wir noch eine Spalte überwinden, in der ein Wildwasserbach tief unter uns rauscht. Mit den beiden Speeren, die Primok vor unserem Aufstieg zum Fischen nutze, und unseren Seilen schaffen wir das schließlich auch.
Das Gipfelplateau bietet sich sehr zerklüftet dar. In den Spalten wachsen zumeist fleischfressende Pflanzen, die Insekten vertilgen. Ich gehe fotografierend eine große Stecke über das Plateau und schaue am Rand über weite Teile des Regenwaldes tief unter uns, bis Primok sagt:
"Wir haben Nachmittag, mein Freund. Wir sollten hier unser Lager aufschlagen, essen und schlafen."
Gesagt, getan. In wenigen Minuten haben wir unsere Zelte entfaltet, während Primok mit seinem Blasrohr drei kleine Singvögel erlegt hat, die Meru dann zubereitet. Anschließend lasse ich mich mit meinem Freund noch auf ein Gespräch über seine naturnahe Lebensphilosophie ein, die mir zunehmend vorbildhaft erscheint, im Vergleich zu meiner westlich geprägten.
Am nächsten Tag machen wir uns auf den beschwerlichen Weg nach unten, um schließlich mit Tunas Kanoa zurück zur Siedlung der Pemón zu fahren. Dort organisiert Apok ein Abschiedsfest und Tage später nutzen wir das Kanoa, um näher an Caracas heran zu kommen.
Irgendwann nehme ich mein Handy aus dem Gepäck, schließe es an eine Powerbank an und wähle die Nummer des Taxi-Unternehmens, dessen Fahrer uns vor einigen Wochen hier hinausgefahren hat. Primok gibt dem Mann in der Taxizentrale unseren Standort durch. Danach müssen wir an Ort und Stelle noch einmal übernachten, bis ein klappriger Landrover auf uns zukommt.
-7-
Irisches Blut
Der Ortsvorsteher Herr Schmidt ist wieder zurück in Hagenholt. Während er mit dem Laptop an seiner Dokumentation über die Pemón schreibt, erzählt er bei gemeinsamen Mahlzeiten gerne Anekdoten. Diese lassen mich, Andreas Franck, Überlegungen anstellen über die Beziehung zwischen mir und meiner Meido, Mary O`Brien.
Hier in Deutschland ist es nicht erforderlich zu heiraten, wenn man als Mann und Frau zusammenleben will. Vor dem Gesetz gilt man als Lebensgemeinschaft. In der traditionellen Kultur Japans ist das anders. Nun ist Ruri-chan, Herrn Schmidts Magd, eine Japanerin. Mit der Heirat hat er ihr eine große Freude gemacht.
An dem Innenverhältnis der Beiden zueinander ändert sich dadurch nichts: Die japanische Ehefrau kümmert sich traditionell um das Haus. Sie ist im japanischen Frauenideal, Yamato Nadeshiko -Japanische Prachtnelke-, die Ushiro Madama -die 'Gnädige von hinten'-. Ein Machtgefälle, wie zwischen Herrn und Magd, besteht also unterschwellig immer.
Nun ist meine Magd eine geborene Kanadierin, die außerdem gewohnt gewesen ist, dass passiert, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Dann ist sie von ihrer eigenen Mutter aus niederen Motiven aus dem Weg geräumt worden. Die japanische Mafia hat sie gegen Geld nach Japan entführt. So konnte die Mutter das ganze Erbe ihres verstorbenen Mannes und Marys Vaters beanspruchen.
Was die Yakuza nun in Japan mit Mary gemacht hat, muss man wohl nüchtern als Umerziehung bezeichnen. Ihr wurde das japanische Frauenideal beigebracht, damit sie an einen japanischen Mann gegen Geld vermittelt werden kann - und sie auf ewig 'in der Versenkung' verschwindet.
Tanaka-San hat Mary auf der Internet-Seite dieser Meido-Do -Mägde-Schule- entdeckt und Herrn Schmidt auf sie aufmerksam gemacht. So ist Mary nach Hagenholt gekommen und dort in Herrn Looses Taverne als Darstellerin im Bühnen-Programm untergekommen. Hier habe ich Mary kennengelernt und nun ist sie meine Magd.
Die Situation stellt sich jetzt wohl so dar, dass Mary einen Spagat zwischen der westlichen und der japanischen Kultur macht. Wir mögen uns sehr und Mary will nicht wieder nach Kanada zurück. Rache und Eifersuchtsgefühle gegen ihre Mutter hegt sie nicht. Sie sagt, dass ihre Mutter sicher mit dem widerrechtlich angeeigneten Geld nicht glücklich wird.
Marys Familienname O'Brien deutet auf irische Wurzeln hin. Ihre roten Haare tun ein Übriges. Ich habe sie anfangs einmal gefragt, ob sie irgendwann einmal das Land ihrer Vorväter kennenlernen möchte. Der Gedanke hat ihr sehr gefallen. Also frage ich Herrn Schmidt, sobald ich ihn einmal unter vier Augen antreffe, ob ich meine Schreinerei und Holzbildhauerei nicht einmal für eine Woche schließen und Mary mit einer irischen Hochzeit auf der grünen Insel überraschen kann.
"Herr Franck!" meint Herr Schmidt augenzwinkernd. "Wie wäre es, wenn Sie ihren Betrieb zu einer Zeit, wo sowieso kaum etwas los ist - im Winter -, für einen Monat schließen?"
"Was haben Sie im Sinn?" frage ich überrascht zurück.
"Nun," meint er geheimnisvoll. "Sie fliegen auf die Insel, heiraten, und machen eine Fahrt mit dem segelnden Kutter von Greenpeace als Hochzeitsreise?"
"Hm..." meine ich.
Aber er hat mir da einen Floh ins Ohr gesetzt. Ich frage Mary nach den Namen und Daten ihrer Vorfahren. Im Internet recherchiere ich danach nach dem Auswanderer aus Irland, von dem sie abstammt. Anschließend suche ich diesen Vorfahren auf der grünen Insel, um dessen heutige Nachfahren in Irland zu ermitteln. Dann mache ich mit Mary einen einwöchigen Urlaub auf der Insel, um diese Leute kennenzulernen.
Wir werden freundlich aufgenommen. Die Leute wollen ihrerseits wissen, wer wir sind und wie es Marys Vorfahren in Kanada ergangen ist. Ich präsentiere also meine Recherchen und Mary erzählt von ihren Großeltern, die sie noch persönlich kennengelernt hat und ihren Eltern. Nach dieser Woche werden wir herzlich verabschiedet. Wir versprechen uns gegenseitig, miteinander in Kontakt zu bleiben.
Mit dieser Woche habe ich Mary eine große Freude gemacht. Gerne wäre sie länger geblieben. Ich erkläre ihr lächelnd, dass wir im Winter noch einmal herkommen werden.
*
Als die Temperaturen sinken, kontaktiere ich das für uns zuständige Standesamt und mache den nächstmöglichen Termin fest. An dem Tag fahren wir in Begleitung Herrn Schmidts und seiner Magd Ruri-chan dorthin und heiraten im kleinen Kreis mit einem Essen anschließend in Herrn Looses Taverne.
Zwei Tage später fahren wir mit dem Zug nach Hamburg und fliegen von dort nach Dublin. Dort lassen wir uns zum Bahnhof bringen und weiter geht es in die Gegend, wo Marys entfernte Verwandte wohnen. Das letzte Stück führt uns durch eine hügelige grasbewachsene Landschaft, bis wir das angemietete Cottage erreichen.
Ich trage unseren kleinen Koffer die Außentreppe zum Eingang hoch. Die Eingangstür ist nur angelehnt. Also drücke ich sie auf und halte sie fest, bis Mary die Halle betreten hat. Im hinteren Bereich führen zwei halbrunde Treppen mit schmiedeeisernem Geländer rechts und links ins Obergeschoß hoch. Darunter führt eine gläserne Doppeltür in einen Wohnraum, aus dem uns jetzt eine Gestalt in schwarzem Anzug und Glatze entgegenkommt.
"Good afternoon, Mister and Mistress Franck," begrüßt er uns. "Do you have had a good journey?"
"Yes, thank you," antworte ich.
Der Mann ist inzwischen herangekommen und übernimmt den Koffer. Er führt uns die Treppe hinauf, zeigt uns das Schlafzimmer und lässt uns einen Blick in das luxuriöse Bad werfen. Danach sagt er, dass das Diner bereit sei, und verlässt uns.
Wir schauen als erstes in die Schränke und leeren unseren Koffer. Anschließend gehen wir nach unten, wo im Wohnraum eingedeckt worden ist. Während der Mann - wir sollen ihn 'James' nennen - uns bedient, frage ich ihn:
"Sagen Sie, James: Was trägt man hier zu einer traditionellen Hochzeit und was ist sonst zu beachten, wenn man als Ausländer eine traditionelle irische Hochzeit feiern möchte?"
James erklärt mir nun, wie wir vorgehen müssen, und wo wir die Kleidung mieten können.
*
Es ist Sonntag. James hat einen Oldtimer organisiert, mit dem wir zu einer Kapelle mitten in der grünen Landschaft fahren. Sie ist von behauenem Felsgestein errichtet worden. Der Priester erwartet uns schon. Nacheinander erreichen die Fahrzeuge unserer irischen Bekannten die Stelle. Mary hat einen Traum in weiß mit viel Spitze an. Mich hat man in einen Kilt aus Donegal-Tweet in markantem Karomuster gesteckt, mit Hemd und Jacke. Am ledernen Gürtel hängt eine ebenso lederne Tasche.
Wir steigen aus dem Wagen aus und begrüßen unsere irischen Bekannten, bevor wir auf die offene Doppeltür der romantischen Kapelle zugehen. Von nun an leitet der Priester die Zeremonie.
Im Verlauf wickelt er ein Band um unsere Hände und sagt dabei seinen Spruch. Dieser Brauch heißt hier 'Tying the knot'. Gleich darauf ertönen die Klänge einer Harfe. Ihre Klänge fangen die Zartheit und Romantik des Augenblicks wunderbar ein. Der Priester legt uns ans Herz, das Band zuhause an gut sichtbarer Stelle aufzuhängen, damit wir immer an unsere gegenseitigen Hochzeitsschwüre erinnert werden.
Wir tauschen Ringe, die ein Herz und eine Krone zeigen, gehalten von zwei Händen ? die irischen Symbole für Liebe, Treue und Freundschaft. Beim Anstecken achten wir darauf, dass die Spitze des Herzens auf den Träger zeigt. Das zeigt denen, die mit der Symbolik vertraut sind, dass wir vergeben sind.
"Lasst Liebe und Freundschaft regieren!" hat der Priester beim Ringtausch gesagt.
Nach der Zeremonie wechselt die Gesellschaft in eine festlich geschmückte Gaststätte. Wir werden an die Tische gebeten, damit das Festessen serviert werden kann. Sie sind mit irischen Wildblumen dekoriert, dazwischen immer wieder kleine Glöckchen. Handgefertigte Wachskerzen mit Honigduft brennen an jedem zweiten Platz. Für die musikalische Untermalung sorgen die Harfenistin und ein hinzu gekommener Flötenspieler.
Nach dem Essen erhebt sich der Mann, mit dem wir den engsten Kontakt haben und rezitiert:
"May the wind always be at your back, may the sun shine warm upon your face, the rains fall soft upon your fields and until we meet again, may God hold you in the palm of your hands -Möget ihr den Wind immer im Rücken, die Sonne immer warm im Gesicht, den Regen immer sanft auf euren Feldern und, bis wir uns wiedersehen, eure Hände immer in Gottes Hand haben-."
Sicher übertrifft die Realität alle Metaphern des Menschen, die nur dünne Strohhalme sind, mit denen wir staunend an den Toren granitener Rätsel zu kratzen versuchen. Dem Animisten jedenfalls liegt seine Welt am Herzen. Sie ist sein Freund. Er würde sie nicht töten, ob nun schleichend über Gifteintrag in die Umwelt oder durch das Zünden apokalyptischer Bomben.
Über diese Gedanken wird es hell. Wir verlassen das Höhlensystem und haben die angekündigte Felsspalte mit dem sanft ansteigenden Geröllfeld erreicht. In gut einem halben Kilometer Länge steigen wir so die letzten fünfzig Meter bis zum Gipfelplateau hinauf. Dabei müssen wir noch eine Spalte überwinden, in der ein Wildwasserbach tief unter uns rauscht. Mit den beiden Speeren, die Primok vor unserem Aufstieg zum Fischen nutze, und unseren Seilen schaffen wir das schließlich auch.
Das Gipfelplateau bietet sich sehr zerklüftet dar. In den Spalten wachsen zumeist fleischfressende Pflanzen, die Insekten vertilgen. Ich gehe fotografierend eine große Stecke über das Plateau und schaue am Rand über weite Teile des Regenwaldes tief unter uns, bis Primok sagt:
"Wir haben Nachmittag, mein Freund. Wir sollten hier unser Lager aufschlagen, essen und schlafen."
Gesagt, getan. In wenigen Minuten haben wir unsere Zelte entfaltet, während Primok mit seinem Blasrohr drei kleine Singvögel erlegt hat, die Meru dann zubereitet. Anschließend lasse ich mich mit meinem Freund noch auf ein Gespräch über seine naturnahe Lebensphilosophie ein, die mir zunehmend vorbildhaft erscheint, im Vergleich zu meiner westlich geprägten.
Am nächsten Tag machen wir uns auf den beschwerlichen Weg nach unten, um schließlich mit Tunas Kanoa zurück zur Siedlung der Pemón zu fahren. Dort organisiert Apok ein Abschiedsfest und Tage später nutzen wir das Kanoa, um näher an Caracas heran zu kommen.
Irgendwann nehme ich mein Handy aus dem Gepäck, schließe es an eine Powerbank an und wähle die Nummer des Taxi-Unternehmens, dessen Fahrer uns vor einigen Wochen hier hinausgefahren hat. Primok gibt dem Mann in der Taxizentrale unseren Standort durch. Danach müssen wir an Ort und Stelle noch einmal übernachten, bis ein klappriger Landrover auf uns zukommt.
-7-
Irisches Blut
Der Ortsvorsteher Herr Schmidt ist wieder zurück in Hagenholt. Während er mit dem Laptop an seiner Dokumentation über die Pemón schreibt, erzählt er bei gemeinsamen Mahlzeiten gerne Anekdoten. Diese lassen mich, Andreas Franck, Überlegungen anstellen über die Beziehung zwischen mir und meiner Meido, Mary O`Brien.
Hier in Deutschland ist es nicht erforderlich zu heiraten, wenn man als Mann und Frau zusammenleben will. Vor dem Gesetz gilt man als Lebensgemeinschaft. In der traditionellen Kultur Japans ist das anders. Nun ist Ruri-chan, Herrn Schmidts Magd, eine Japanerin. Mit der Heirat hat er ihr eine große Freude gemacht.
An dem Innenverhältnis der Beiden zueinander ändert sich dadurch nichts: Die japanische Ehefrau kümmert sich traditionell um das Haus. Sie ist im japanischen Frauenideal, Yamato Nadeshiko -Japanische Prachtnelke-, die Ushiro Madama -die 'Gnädige von hinten'-. Ein Machtgefälle, wie zwischen Herrn und Magd, besteht also unterschwellig immer.
Nun ist meine Magd eine geborene Kanadierin, die außerdem gewohnt gewesen ist, dass passiert, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Dann ist sie von ihrer eigenen Mutter aus niederen Motiven aus dem Weg geräumt worden. Die japanische Mafia hat sie gegen Geld nach Japan entführt. So konnte die Mutter das ganze Erbe ihres verstorbenen Mannes und Marys Vaters beanspruchen.
Was die Yakuza nun in Japan mit Mary gemacht hat, muss man wohl nüchtern als Umerziehung bezeichnen. Ihr wurde das japanische Frauenideal beigebracht, damit sie an einen japanischen Mann gegen Geld vermittelt werden kann - und sie auf ewig 'in der Versenkung' verschwindet.
Tanaka-San hat Mary auf der Internet-Seite dieser Meido-Do -Mägde-Schule- entdeckt und Herrn Schmidt auf sie aufmerksam gemacht. So ist Mary nach Hagenholt gekommen und dort in Herrn Looses Taverne als Darstellerin im Bühnen-Programm untergekommen. Hier habe ich Mary kennengelernt und nun ist sie meine Magd.
Die Situation stellt sich jetzt wohl so dar, dass Mary einen Spagat zwischen der westlichen und der japanischen Kultur macht. Wir mögen uns sehr und Mary will nicht wieder nach Kanada zurück. Rache und Eifersuchtsgefühle gegen ihre Mutter hegt sie nicht. Sie sagt, dass ihre Mutter sicher mit dem widerrechtlich angeeigneten Geld nicht glücklich wird.
Marys Familienname O'Brien deutet auf irische Wurzeln hin. Ihre roten Haare tun ein Übriges. Ich habe sie anfangs einmal gefragt, ob sie irgendwann einmal das Land ihrer Vorväter kennenlernen möchte. Der Gedanke hat ihr sehr gefallen. Also frage ich Herrn Schmidt, sobald ich ihn einmal unter vier Augen antreffe, ob ich meine Schreinerei und Holzbildhauerei nicht einmal für eine Woche schließen und Mary mit einer irischen Hochzeit auf der grünen Insel überraschen kann.
"Herr Franck!" meint Herr Schmidt augenzwinkernd. "Wie wäre es, wenn Sie ihren Betrieb zu einer Zeit, wo sowieso kaum etwas los ist - im Winter -, für einen Monat schließen?"
"Was haben Sie im Sinn?" frage ich überrascht zurück.
"Nun," meint er geheimnisvoll. "Sie fliegen auf die Insel, heiraten, und machen eine Fahrt mit dem segelnden Kutter von Greenpeace als Hochzeitsreise?"
"Hm..." meine ich.
Aber er hat mir da einen Floh ins Ohr gesetzt. Ich frage Mary nach den Namen und Daten ihrer Vorfahren. Im Internet recherchiere ich danach nach dem Auswanderer aus Irland, von dem sie abstammt. Anschließend suche ich diesen Vorfahren auf der grünen Insel, um dessen heutige Nachfahren in Irland zu ermitteln. Dann mache ich mit Mary einen einwöchigen Urlaub auf der Insel, um diese Leute kennenzulernen.
Wir werden freundlich aufgenommen. Die Leute wollen ihrerseits wissen, wer wir sind und wie es Marys Vorfahren in Kanada ergangen ist. Ich präsentiere also meine Recherchen und Mary erzählt von ihren Großeltern, die sie noch persönlich kennengelernt hat und ihren Eltern. Nach dieser Woche werden wir herzlich verabschiedet. Wir versprechen uns gegenseitig, miteinander in Kontakt zu bleiben.
Mit dieser Woche habe ich Mary eine große Freude gemacht. Gerne wäre sie länger geblieben. Ich erkläre ihr lächelnd, dass wir im Winter noch einmal herkommen werden.
*
Als die Temperaturen sinken, kontaktiere ich das für uns zuständige Standesamt und mache den nächstmöglichen Termin fest. An dem Tag fahren wir in Begleitung Herrn Schmidts und seiner Magd Ruri-chan dorthin und heiraten im kleinen Kreis mit einem Essen anschließend in Herrn Looses Taverne.
Zwei Tage später fahren wir mit dem Zug nach Hamburg und fliegen von dort nach Dublin. Dort lassen wir uns zum Bahnhof bringen und weiter geht es in die Gegend, wo Marys entfernte Verwandte wohnen. Das letzte Stück führt uns durch eine hügelige grasbewachsene Landschaft, bis wir das angemietete Cottage erreichen.
Ich trage unseren kleinen Koffer die Außentreppe zum Eingang hoch. Die Eingangstür ist nur angelehnt. Also drücke ich sie auf und halte sie fest, bis Mary die Halle betreten hat. Im hinteren Bereich führen zwei halbrunde Treppen mit schmiedeeisernem Geländer rechts und links ins Obergeschoß hoch. Darunter führt eine gläserne Doppeltür in einen Wohnraum, aus dem uns jetzt eine Gestalt in schwarzem Anzug und Glatze entgegenkommt.
"Good afternoon, Mister and Mistress Franck," begrüßt er uns. "Do you have had a good journey?"
"Yes, thank you," antworte ich.
Der Mann ist inzwischen herangekommen und übernimmt den Koffer. Er führt uns die Treppe hinauf, zeigt uns das Schlafzimmer und lässt uns einen Blick in das luxuriöse Bad werfen. Danach sagt er, dass das Diner bereit sei, und verlässt uns.
Wir schauen als erstes in die Schränke und leeren unseren Koffer. Anschließend gehen wir nach unten, wo im Wohnraum eingedeckt worden ist. Während der Mann - wir sollen ihn 'James' nennen - uns bedient, frage ich ihn:
"Sagen Sie, James: Was trägt man hier zu einer traditionellen Hochzeit und was ist sonst zu beachten, wenn man als Ausländer eine traditionelle irische Hochzeit feiern möchte?"
James erklärt mir nun, wie wir vorgehen müssen, und wo wir die Kleidung mieten können.
*
Es ist Sonntag. James hat einen Oldtimer organisiert, mit dem wir zu einer Kapelle mitten in der grünen Landschaft fahren. Sie ist von behauenem Felsgestein errichtet worden. Der Priester erwartet uns schon. Nacheinander erreichen die Fahrzeuge unserer irischen Bekannten die Stelle. Mary hat einen Traum in weiß mit viel Spitze an. Mich hat man in einen Kilt aus Donegal-Tweet in markantem Karomuster gesteckt, mit Hemd und Jacke. Am ledernen Gürtel hängt eine ebenso lederne Tasche.
Wir steigen aus dem Wagen aus und begrüßen unsere irischen Bekannten, bevor wir auf die offene Doppeltür der romantischen Kapelle zugehen. Von nun an leitet der Priester die Zeremonie.
Im Verlauf wickelt er ein Band um unsere Hände und sagt dabei seinen Spruch. Dieser Brauch heißt hier 'Tying the knot'. Gleich darauf ertönen die Klänge einer Harfe. Ihre Klänge fangen die Zartheit und Romantik des Augenblicks wunderbar ein. Der Priester legt uns ans Herz, das Band zuhause an gut sichtbarer Stelle aufzuhängen, damit wir immer an unsere gegenseitigen Hochzeitsschwüre erinnert werden.
Wir tauschen Ringe, die ein Herz und eine Krone zeigen, gehalten von zwei Händen ? die irischen Symbole für Liebe, Treue und Freundschaft. Beim Anstecken achten wir darauf, dass die Spitze des Herzens auf den Träger zeigt. Das zeigt denen, die mit der Symbolik vertraut sind, dass wir vergeben sind.
"Lasst Liebe und Freundschaft regieren!" hat der Priester beim Ringtausch gesagt.
Nach der Zeremonie wechselt die Gesellschaft in eine festlich geschmückte Gaststätte. Wir werden an die Tische gebeten, damit das Festessen serviert werden kann. Sie sind mit irischen Wildblumen dekoriert, dazwischen immer wieder kleine Glöckchen. Handgefertigte Wachskerzen mit Honigduft brennen an jedem zweiten Platz. Für die musikalische Untermalung sorgen die Harfenistin und ein hinzu gekommener Flötenspieler.
Nach dem Essen erhebt sich der Mann, mit dem wir den engsten Kontakt haben und rezitiert:
"May the wind always be at your back, may the sun shine warm upon your face, the rains fall soft upon your fields and until we meet again, may God hold you in the palm of your hands -Möget ihr den Wind immer im Rücken, die Sonne immer warm im Gesicht, den Regen immer sanft auf euren Feldern und, bis wir uns wiedersehen, eure Hände immer in Gottes Hand haben-."
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