Samstag, 19. Februar 2022
Cuiraraill -52-
Immer wieder gelingt es dem Samurai, meine Deckung zu durchstoßen. Wenn er mich dann trifft, ruft er stets:

"Du bist tot!"

Das ärgert mich. So beginne ich zuhause mit kurzen Übungen vor dem Spiegel. Nach ein paar Wochen gelingt es mir tatsächlich, seine Parade zu durchbrechen und das Bambusschwert gegen seine Brust zu stoßen. Akiyama-San wirft seine Übungswaffe zu Boden und reißt mich lachend an seine Brust.

"Ich bin tot!" ruft er dabei laut aus.

Er klatscht mir auf die Schulter, dass ich weich in den Knien werde, stolz wie ein Vater, der seinem Sohn das Schachspielen beigebracht hat und jetzt zum ersten Mal geschlagen wird.

Nun verlegt sich der Schwerpunkt meines Trainings mehr auf den Kodex der Samurai, die ich in Form von Haikus vorgesprochen bekomme. Diese Kurzgedichte, die die emotionale Ebene im Menschen ansprechen, wenn er diese zu öffnen versteht, wirken wie Merksätze. So brennt sich mit der Zeit ein Verhalten bei mir ein, dass sich vom rationalen, gewinnorientierten Verhalten der Menschen, die ich früher gekannt habe, stark unterscheidet.

*

Nun habe ich vor einem halben Jahr eine junge Frau in einer Gruppe Studentinnen gefunden, die hier von einer Japanerin lernen, Hostess und Bodyguard zu sein. Die Gruppe stammt aus Nordindien und hat in Nepal schon Hauswirtschaft studiert.

Wir sind uns auf Anhieb sympathisch gewesen. Darum habe ich sie gefragt, ob sie eins meiner Gästezimmer beziehen möchte, statt in der Brú -Herberge- zu wohnen, und bei Runa, der Wench von Curadh Murchardh, nebenbei die Verwaltung einer Arztpraxis zu erlernen.

Seit kurzem haben wir auch einen Ceannasaithe an fhaire -Chef der Wache- im Ort. Er patrouilliert die meiste Zeit im Ort und hält Augen und Ohren auf. Wenn etwas passiert sein sollte, ruft er die Gesellen der Handwerker hinzu, die dann mit ihm zusammen als Bürgerwehr Feuer bekämpfen oder anderes. Auch dieser Mann hat sich in eine der jungen Frauen 'verguckt', die sich selbst 'Kamlahari' nennen. Der Zufall will es, dass seine Freundin die ältere Schwester von meiner ist.

Ich will Tashima an einem Sonntag eine Freude machen und frage sie nach dem Frühstück, dass sie mir bereitet hat:

"Sollen wir heute zum Mittagessen Curadh Bran und Dekyi besuchen?"

"Ja!" ruft Tashima aus.

Ihre Augen strahlen. Dann beugt sie sich vor mir tief herunter und sagt:

"Danke, mein Curadh!"

Ich fasse nach ihren Schultern und hebe sie sanft wieder an, um ihr dann einen Kuss zu geben, den sie leidenschaftlich erwidert. Nach dem Frühstück räumt sie wie selbstverständlich den Tisch ab. Zu mir sagt sie:

"Mein Curadh, bis du der Meinung, dass ich eine Hilfe im Haushalt brauche? Bist du mit meiner Arbeit nicht zufrieden?"

Ich habe das Besteck gesammelt und wollte es ihr in die Küche hinterhertragen. Nun schaue ich 'dumm aus der Wäsche'.

"Nein," beeile ich mich, ihr zu versichern. "Ich bin absolut zufrieden mit deiner Arbeit. Ich wollte dir durch meine Hilfe nur meine Wertschätzung und Respekt zum Ausdruck bringen."

Sie streckt sich und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

"Mein Curadh, ich liebe dich dafür! Aber das würde das Verhältnis der Magd zu ihrem Herrn untergraben und angleichen. Widme du dich ruhig dem Studium der Natur und was sie uns zur Heilung bereithält. Ich kümmere mich um das Weitere!"

Also ziehe ich mich nach einem weiteren Kuss in mein Arbeitszimmer zurück und hole das Pflanzenbuch hervor, um gesammelte Pflanzen zu bestimmen. Eine halbe Stunde vor dem Mittagessen schaut Tashima zu mir herein, macht einen Curtsey und fragt mich, was sie anziehen soll.

"Was könnte Dekyi tragen, wenn wir die Beiden besuchen?" frage ich zurück. "Belasse es ruhig bei deiner Maid-Kleidung. Auf Festen ist das etwas anderes."

"Okay, mein Curadh," bestätigt sie lächelnd.

Kurz darauf wollen wir losgehen.

"Eine Wetterjacke wäre trotzdem nicht schlecht," meine ich, nachdem ich die Haustür geöffnet habe und gehe zurück, um ihr und mir ein Parka-ähnliches Kleidungsstück vom Haken zu nehmen.

Eine Viertelstunde später sind wir schnellen Schrittes bei leichtem Nieselregen am Teach von Curadh Bran angekommen. Ich klingele und kurz darauf öffnet uns Dekyi die Tür, um sogleich einen Curtsey zu vollführen.

"Guten Tag, einen wunderschönen Sonntag, Curadh Aidan," begrüßt sie uns. "Ist etwas vorgefallen, das der Ceannasaithe an fhaire -Chef der Wache- wissen muss?"

"Aber nein, Dekyi," entgegne ich lächelnd. "Wir wollten euch spontan einmal besuchen, um gemeinsam Mittag zu essen."

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