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Donnerstag, 17. Februar 2022
Cuiraraill -51-
hermann-jpmt, 12:07h
"In einem japanischen Gedicht," sagt Akiyama-San einmal, "wird eine besondere Situation oder Ereignis abgebildet. Gegenstand eines solchen Gedichtes ist die uns umgebende Natur. Es werden Momente oder Gefühle dargestellt."
"Hm," mache ich. "Wieder einmal der Naturbezug!"
"Ein Beispiel: Das Frosch-Haiku," sagt er.
"URALTER TEICH
Ein Frosch springt hinein
Plop."
Ich runzele die Stirn. Das ist alles? Akiyama-San erkennt meine Reaktion und lächelt mild.
"Gedichte lesen oder hören ist das Eine," sagt er. "Gedichte verstehen ist das Andere. Dazu muss man die rationale Ebene des Verstandes verlassen und auf die emotionale Ebene umschalten!
Mit der Umgebungsbeschreibung 'Uralter Teich' assoziiert man gerne 'Ruhe, Gleichförmigkeit'. Dann kommt Bewegung ins Bild 'Ein Frosch springt hinein', und schließlich wird das dabei entstehende Geräusch nachgeahmt 'Plop'."
"Solch ein Dreizeiler beschreibt EINE besondere Situation oder Ereignis - mehr nicht," schaltet sich Curadh Murchardh lächelnd ein. "Entsprechungen gibt es in Europa auch. Wenn auch mehr auf der rationalen Ebene. Ein Mensch, der seine Gefühle vernachlässigt, wird aber zunehmend arm!"
"Hm," mache ich wiederholt.
"Etwas Heimatliches, das dir bestimmt die emotionale Ebene öffnet," sagt Curadh Murchardh darauf, und rezitiert:
"Der Regen und der Wind
Wieder und wieder:
Irland."
Ich nicke. Ja, das löst heimatliche Gefühle aus und macht dabei keine unnötigen Worte.
"Akiyama-San ist extra nach Cuiraraill gekommen, um den Männern hier den Domestic Discipline Lifestyle mit Wort und Schwert nahe zu bringen?" frage ich, nun lächelnd.
"Nicht nur!" meint Curadh Murchardh lächelnd. "Solche Reisen sollten beiden Seiten einen Gewinn bringen. Akiyama-San lernt die europäische Lebensart kennen und wird später in Japan Produkte, speziell für den europäischen Markt, entwickeln."
"Ah, okay," meine ich. "Sie sind aber sicher nicht zum Smalltalk mit Akiyama-San zu mir gekommen. Sie haben einen Plan!"
Curadh Murchardh grinst.
"Aber sicher habe ich einen Plan. Wenn du Interesse am Training mit unserem Gast hast, dann komm jeden zweiten Nachmittag zu uns. Notfälle werden zu mir umgeleitet. Normale Arztbesuche kannst du auf die Vormittage und die restlichen Nachmittage legen."
"Okay," antworte ich. "Ich versuche es."
*
Während seines Aufenthaltes in Irland wohnt der Nachfahre der alten Samurai, Akiyama-San im Gästezimmer bei Curadh Murchardh. Also gehe ich nach dem Mittagessen zu ihm ins Zentrum von Cuiraraill.
Nach der Begrüßung setzen wir uns zuerst zum Tee, von Runa serviert. Nun macht Runa, Curadh Murchardhs Wench, aus dem Teetrinken eine kleine Zeremonie mit festgelegten Bewegungen. Akiyama-San beobachtet sie dabei genau.
Plötzlich sagt er in die Stille hinein:
"Wolken am Hügel -
Der Hund des Schäfers treibt sie
Höher und höher."
Es dauert etwas bis ich begreife, dass der Samurai wieder ein Haiku von sich gegeben hat, und mit den Wolken die Schafe am fernen Hügel gemeint sind.
Ich überlege und versuche mich mit folgendem Haiku:
"Der Curadh kümmert sich,
die Wench erblüht unter ihrem Herrn
in Zuneigung und Liebe."
"Hey," ruft der Samurai aus, und lacht über das ganze Gesicht. "Unser Schüler macht sich!"
Nach dem Tee zeigt mir Akiyama-San zwei Bambusstäbe, die die Länge der japanischen Langschwerter haben. Sie stecken in Übungshalftern, und der Schwertmeister erklärt mir, wie ich mir damit die Übungswaffe auf den Rücken schnalle. Danach bietet er mir einen Spaziergang über die Felder von Cuiraraill an. Etwas befremdet sage ich zu.
Wir verlassen Curadh Murchards Haus und wenden unsere Schritte auf einem Feldweg hinaus aus dem Zentrum. Draußen rezitiert Akiyama-San:
"Brennende Zweige...
Das Gesicht wieder einmal
Fühlt den Sommer."
'Ah,' denke ich, 'er meint die Wärme des Feuers und vergleicht es mit der Wärme der Sonne.'
Plötzlich nehme ich eine schnelle Bewegung neben mir wahr und ducke mich reflexartig. Wie von selbst fliegt mir mein Übungsschwert aus Bambus in die Hand. Damit pariere ich seinen erneuten Schlag.
Jetzt kommt mir zugute, dass ich während des Studiums dem Fechtclub der Universität angehört habe. So bringe ich gewisse Grundkenntnisse mit, aber das Führen eines Shinai -Übungsschwert aus Bambus- ist doch etwas anderes.
"Hm," mache ich. "Wieder einmal der Naturbezug!"
"Ein Beispiel: Das Frosch-Haiku," sagt er.
"URALTER TEICH
Ein Frosch springt hinein
Plop."
Ich runzele die Stirn. Das ist alles? Akiyama-San erkennt meine Reaktion und lächelt mild.
"Gedichte lesen oder hören ist das Eine," sagt er. "Gedichte verstehen ist das Andere. Dazu muss man die rationale Ebene des Verstandes verlassen und auf die emotionale Ebene umschalten!
Mit der Umgebungsbeschreibung 'Uralter Teich' assoziiert man gerne 'Ruhe, Gleichförmigkeit'. Dann kommt Bewegung ins Bild 'Ein Frosch springt hinein', und schließlich wird das dabei entstehende Geräusch nachgeahmt 'Plop'."
"Solch ein Dreizeiler beschreibt EINE besondere Situation oder Ereignis - mehr nicht," schaltet sich Curadh Murchardh lächelnd ein. "Entsprechungen gibt es in Europa auch. Wenn auch mehr auf der rationalen Ebene. Ein Mensch, der seine Gefühle vernachlässigt, wird aber zunehmend arm!"
"Hm," mache ich wiederholt.
"Etwas Heimatliches, das dir bestimmt die emotionale Ebene öffnet," sagt Curadh Murchardh darauf, und rezitiert:
"Der Regen und der Wind
Wieder und wieder:
Irland."
Ich nicke. Ja, das löst heimatliche Gefühle aus und macht dabei keine unnötigen Worte.
"Akiyama-San ist extra nach Cuiraraill gekommen, um den Männern hier den Domestic Discipline Lifestyle mit Wort und Schwert nahe zu bringen?" frage ich, nun lächelnd.
"Nicht nur!" meint Curadh Murchardh lächelnd. "Solche Reisen sollten beiden Seiten einen Gewinn bringen. Akiyama-San lernt die europäische Lebensart kennen und wird später in Japan Produkte, speziell für den europäischen Markt, entwickeln."
"Ah, okay," meine ich. "Sie sind aber sicher nicht zum Smalltalk mit Akiyama-San zu mir gekommen. Sie haben einen Plan!"
Curadh Murchardh grinst.
"Aber sicher habe ich einen Plan. Wenn du Interesse am Training mit unserem Gast hast, dann komm jeden zweiten Nachmittag zu uns. Notfälle werden zu mir umgeleitet. Normale Arztbesuche kannst du auf die Vormittage und die restlichen Nachmittage legen."
"Okay," antworte ich. "Ich versuche es."
*
Während seines Aufenthaltes in Irland wohnt der Nachfahre der alten Samurai, Akiyama-San im Gästezimmer bei Curadh Murchardh. Also gehe ich nach dem Mittagessen zu ihm ins Zentrum von Cuiraraill.
Nach der Begrüßung setzen wir uns zuerst zum Tee, von Runa serviert. Nun macht Runa, Curadh Murchardhs Wench, aus dem Teetrinken eine kleine Zeremonie mit festgelegten Bewegungen. Akiyama-San beobachtet sie dabei genau.
Plötzlich sagt er in die Stille hinein:
"Wolken am Hügel -
Der Hund des Schäfers treibt sie
Höher und höher."
Es dauert etwas bis ich begreife, dass der Samurai wieder ein Haiku von sich gegeben hat, und mit den Wolken die Schafe am fernen Hügel gemeint sind.
Ich überlege und versuche mich mit folgendem Haiku:
"Der Curadh kümmert sich,
die Wench erblüht unter ihrem Herrn
in Zuneigung und Liebe."
"Hey," ruft der Samurai aus, und lacht über das ganze Gesicht. "Unser Schüler macht sich!"
Nach dem Tee zeigt mir Akiyama-San zwei Bambusstäbe, die die Länge der japanischen Langschwerter haben. Sie stecken in Übungshalftern, und der Schwertmeister erklärt mir, wie ich mir damit die Übungswaffe auf den Rücken schnalle. Danach bietet er mir einen Spaziergang über die Felder von Cuiraraill an. Etwas befremdet sage ich zu.
Wir verlassen Curadh Murchards Haus und wenden unsere Schritte auf einem Feldweg hinaus aus dem Zentrum. Draußen rezitiert Akiyama-San:
"Brennende Zweige...
Das Gesicht wieder einmal
Fühlt den Sommer."
'Ah,' denke ich, 'er meint die Wärme des Feuers und vergleicht es mit der Wärme der Sonne.'
Plötzlich nehme ich eine schnelle Bewegung neben mir wahr und ducke mich reflexartig. Wie von selbst fliegt mir mein Übungsschwert aus Bambus in die Hand. Damit pariere ich seinen erneuten Schlag.
Jetzt kommt mir zugute, dass ich während des Studiums dem Fechtclub der Universität angehört habe. So bringe ich gewisse Grundkenntnisse mit, aber das Führen eines Shinai -Übungsschwert aus Bambus- ist doch etwas anderes.
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