Montag, 7. Februar 2022
Cuiraraill -46-
"Und Sie sind so ein Herr?" frage ich ihn direkt.

Aidan lächelt.

"Das zu werden, braucht seine Zeit," gibt er ehrlich zu. "Da ist dieser andere Japaner im Ort, Akiyama-San. Er ist ein Nachfahre der Samurai und lehrt uns die Tugenden. Ich gehöre auch noch zu seinen Schülern."

"Und was besagen diese Tugenden, Aidan, Sir?"

"Es ist eine ganze Liste. Sie unterteilen sich zum besseren Verständnis in Tugenden und Untugenden, also was man tun und was man besser lassen soll im Umgang mit den Menschen.
Im Einzelnen wären das die Beständigkeit und ihre Antitugend, die Unbeständigkeit. Dann die Ehre und ihr Gegenstück die Schande. Es folgen das Maßhalten und ihr gegenüber die Maßlosigkeit. Anschließend die Zucht und die Unzucht. Nun folgen die Demut und der Verrat. Danach die Höflichkeit und die Rüpelhaftigkeit, sowie die Milde und der Geiz oder Egoismus. Jetzt die Treue und die Untreue. Dann die Arbeitsamkeit und die Trägheit. Nun das Selbstbewusstsein und das Klagen. Danach die Mannhaftigkeit und die Zaghaftigkeit. Schließlich die Schönheit des Herzens und die Lasterhaftigkeit als ihr Gegenstück. Es folgt der Verstand und die Torheit."

"Oh," mache ich. "Das ist aber eine ganze Menge!"

"Das ist richtig," antwortet mein Führer. "Die Schule ist quasi das Leben, das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Durch die Einhaltung der Tugenden erwirbt man inneren Reichtum. Dieser ist die Grundlage für gesellschaftliches Ansehen."

"Und Sie haben das alles inzwischen verinnerlicht, Aidan, Sir?" frage ich, ihn mit großen Augen anschauend.

Ich bin innerlich beeindruckt. Aidan lächelt und erwidert:

"Akiyama-San unterrichtet uns in den Tugenden, lässt uns mit einer alten Waffe üben, lehrt uns eine Selbstverteidigungstechnik und zum geistigen Ausgleich japanische Poesie. In seiner Schule durchlaufen wir mehrere Stufen. Zuerst müssen wir die Tugenden kennen- und auswendig lernen, hat er anfangs gesagt.
In der nächsten Stufe sollen wir ihn im Umgang mit den Mitmenschen, also im Alltag, beobachten und imitieren. Ist er mit unseren Leistungen zufrieden, müssen wir in fremder Umgebung ein Praktikum absolvieren.
Anschließend dürfen wir uns Shi -Herr- nennen lassen. Nach vielen Jahren als Shi einer Meido dürfen wir uns schließlich Shujin nennen. Das ist wohl so, wie die verschiedenen Gürtelgrade beim Karate."

Ich habe aufmerksam zugehört. Jetzt entsteht eine Pause, in der jeder seinen Gedanken nachhängt. Nach einer Weile durchbricht Aidan die Stille.

"Meine Interessen liegen bei den Menschen und der Natur," sagt er. "Deshalb habe ich Medizin studiert und lerne nun nebenbei durch Curadh Murchardh viel über die Heilkräuter und andere Heilmethoden. Aber ich bin auch an fremden Kulturen interessiert, deren Tänze und Alltagsgebräuche. Darf ich Sie nach Ihren Interessen fragen?"

Ich überlege. Noch nie habe ich sinnfrei spielen dürfen. Seit frühester Kindheit habe ich meinen Eltern im Haus und auf dem Feld geholfen. Später dann, im Haus meiner Herrschaft habe ich die Arbeit machen müssen, die sonst niemand machen wollte. Die Botengänge sind da noch die besten Tätigkeiten gewesen. Erst als ich in Lon-Wa-Lha lesen gelernt habe, habe ich den Wert von Büchern erkannt. Mit was fülle ich meine Freizeit gerne? Eigentlich gibt es da nichts, denn wenn man von früh bis spät beschäftigt ist, schläft man abends schnell ein.

Ich sehe seinen erwartungsvollen Blick und sage deshalb:

"Aidan, Sir! Ich bin sehr an guten Gesprächen interessiert. Seit ich in Lon-Wa-Lha lesen lernen durfte, auch an guten Büchern. Daneben interessieren mich die Natur und die Menschen. Darum drehen sich zumeist auch die Handlungen in den Büchern."

"Okay," meint er lächelnd, erhebt sich und hilft mir aufzustehen, indem er mir die Hand reicht. "Wenn Sie mögen, sehen wir uns gerne regelmäßig in unserer Freizeit und ich fahre mit Ihnen in die nächste Stadt. Dort gibt es Theater, Museen und Ausstellungen. So etwas fehlt leider noch in Cuiraraill."

"Ja, gerne," antworte ich und schaue ihn lächelnd an.

Anschließend gehen wir zur Herberge zurück und er erkundigt sich, wo unsere Gruppe inzwischen geblieben ist. Dann gibt er mich dort ab und verabschiedet sich mit einer leichten Verbeugung und Handschlag. Ich orientiere mich kurz, wo Dekyi sitzt und setze mich dann neben sie, um dem Unterricht zu folgen.

*

Ein Jahr ist vorüber, seit die Kamlahari zu uns gekommen sind. Ihre Ausbildung ist soweit zu Ende, dass nun der praktische Teil ansteht. Die jungen Frauen haben sich in Cuiraraill verteilt. Jede hat einen Arbeitsplatz gefunden, viele auch einen jungen Herrn.
Wir haben auch einen Sicherheitsmitarbeiter gewinnen können. Er heißt Bran -Kleie- und hat sein Haus hinter meinem, so dass wir in wenigen Minuten einander treffen können, wenn es nötig ist.

Ich habe im Comhairle -Rat- die Bildung einer Bürgerwehr angeregt. Curadh Bran, der Ceannasaithe an fhaire -Chef der Wache- kann im Bedarfsfall die jungen Männer von Cuiraraill mobilisieren, um gegen Feuer und andere Gefahren vorzugehen. Ansonsten patrouilliert er durch den Ort und unterhält sich mit den Menschen, um frühzeitig zu wissen, wo es 'brennt'.

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