Montag, 24. Januar 2022
Cuiraraill -39-
Manchmal bröckelt ein Stein, an dem ich mich hochziehen will, so dass ich schnell einen anderen Halt suchen muss. Ich bin noch nicht ganz oben, da sehe ich hinter einem weg gebrochenen Stein ein Muster im Fels, das wie eine Versteinerung ausschaut.

'Das ist es!' denke ich mir.

Mit dem Pickel schlage ich das handtellergroße Fossil frei und stecke es in meinen Beutel am Gürtel. Oben angekommen, nehme ich einen Schluck Wasser und spritze etwas davon auf die Felswand, die ich gerade erklommen habe. Ich beschaue mir mein Fundstück und entscheide, dass es mein Norbu werden soll. Ich übernachte an meinem Platz und mache mich am darauffolgenden Tag an einen weniger gefährlichen Abstieg, indem ich die Felswand meide. In einem dreitägigen Marsch komme ich wieder in Lon-Wa-Lha an und werde freudig von Vater und Mutter begrüßt.

Den Neubau meines Hauses hat mein Vater schon vor Monaten begonnen. Der Norbu schließt nun die Gründung meines Haushaltes ab. Mein Vater gibt mir eine Kamlahari an meine Seite, die sich um den Haushalt kümmern soll, so wie Nima im Haushalt meiner Eltern.

*

Während unseres geführten Spaziergangs durch Lon-Wa-Lha nehmen wir eine Menge fremder Eindrücke auf. Pelmo, die Kamlahari, ist unsere Führerin. Wir schlendern langsam über den großen Platz im Zentrum und anschließend über die Wege in Richtung des Ortsausganges. Die Menschen, denen wir unterwegs begegnen, schauen uns neugierig an.

Ein weitläufiges Bauwerk, an dem wir am Ortsrand vorbeikommen, sei so etwas wie ein Karawan-Serail, erklärt Pelma. Yak-Karawanen holen Waren von einer tiefergelegenen Ansiedlung, durch die eine befestigte Straße führt und wohin Lastwagen fahren können.

"Unsere Waren werden dorthin gebracht und dort auf LKW umgeladen," erklärt sie uns.

Dann treten wir zwischen den letzten Häusern von Lon-Wa-Lha hervor. Die Kamlahari führt uns zu einem kleinen Wasserlauf, an dem Haus an Haus mit Wasserrädern, die der Bach in Bewegung hält, wie an einer Perlenschnur aufgereiht ist. Dieses Arrangement erinnert mich an Cuiraraill. Deshalb frage ich Pelmo:

"Dort leben und arbeiten die Handwerker Lon-Wa-Lhas?"

Die Kamlahari hebt ihre gefalteten Hände an ihr Kinn und lächelt mich an.

"Genauso ist es, mein Lopon," bestätigt sie mir. "Da gibt es Schmiede, Wollspinner, Färber, Weber, Schneider, Schreiner, Metzger, Müller, Bäcker..."

"Das Industriegebiet Lon-Wa-Lhas," meint Alainn lächelnd und schaut mich dabei augenzwinkernd an.

Ein großes gemauertes Becken mit flach abfallendem Ufer weckt meine Aufmerksamkeit. Dorthin gehen Frauen aus dem Ort mit Krügen in der Hand. Sie halten sie unter Wasser und wuchten sie sich danach auf die Schulter. Anschließend tragen sie ihre Last in den Ort. Das muss eine schweißtreibende Arbeit sein! Ich nehme mir vor, mit dem Wandii den Bau eines Wasserturmes zu besprechen und dann alle Häuser des Ortes mit einem Rohrleitungsnetz zu verbinden.

Bald haben wir alles gesehen und machen uns auf den Rückweg. Da ich meine Idee sofort an den Mann bringen will, lasse ich uns von Pelmo zum Haus des Wandii bringen.

"Seid gesegnet, die Herren," begrüßt uns Nima -Sonne-.

"Sei gegrüßt, Nima," gebe ich den Gruß zurück. "Ist der Wandii zu sprechen?"

"Es tut mir leid, er hat zu tun!" antwortet sie. "Was darf ich ihm ausrichten?"

"Mir sind bei unserem Rundgang durch Lon-Wa-Lha zwei Ideen gekommen. Darüber würde ich gerne mit dem Wandii sprechen," erkläre ich.

"Darf ich Sie bitten, sich erst einmal zu setzen," meint sie und weist in die Namka -Halle- hinein. "Ich bereite schonmal Tee für Sie alle. Dann gehe ich zum Wangpoo Lobsang Gonpo. Wäre Ihnen damit fürs Erste geholfen?"

Ich nicke lächelnd und wir lassen uns am Tisch nieder, die beiden Piloten unseres Duaithníocht -Tarn-, ich, Iarla Eamon Chiarraí, meine Wench Alainn und unsere Führerin Pelmo.

Nima serviert uns Tee und Gebäck und Pelmo hilft ihr dabei. Danach verlässt uns Nima für einige Minuten, um schließlich dem Sohn des Wandii die Eingangstüre aufzuhalten. Dieser kommt lächelnd auf uns zu. Wir erheben uns und begrüßen ihn höflich. Er setzt sich zu uns und schaut mich fragend an.

"Nima sprach davon, dass Ihnen während des Rundgangs durch Lon-Wa-Lha zwei Ideen gekommen sind, die Sie meinem ehrenwerten Vater gerne vortragen möchten. Kann ich sie ihm vielleicht übermitteln, wenn er Zeit hat?"

"Ja, gerne," antworte ich.

Ich habe in den vergangenen Minuten schnell eine Skizze zu Papier gebracht und schiebe sie ihm nun über den Tisch. Dabei erkläre ich:

"Wir haben gesehen, wie Frauen zum Bach gekommen sind, um Wasser zu schöpfen und mit vollen Krügen auf den Schultern wieder in den Ort zurückgegangen sind. Wir haben in Cuiraraill dafür einen sogenannten Wasserturm. Dort hinein pumpen wir Wasser aus dem Bach am Rand unseres Ortes. Auch aus Grundwasserbohrungen stammt das Wasser, um Dürren auszugleichen. Wenn Sie einen Wasserturm errichten würden und von dort Leitungen in jedes Haus von Lon-Wa-Lha legen könnten, hätten sie fließendes Wasser mit immer gleichem Druck in den Häusern und ihre Kamlahari bräuchten nicht mehr so viel schleppen!"

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