Samstag, 22. Januar 2022
Cuiraraill -38-
In der Versammlungshalle jeder Stadt liegt auf einem Sockel der Norbu der Stadt, als Identifikationspunkt. Ebenso besitzt jedes Haus einen eigenen Norbu, der die Mitglieder des Haushalts einander verpflichtet und die Verbindung zu den Göttern unserer Ahnen symbolisiert. Der Verlust eines Norbu bedeutet großes Unglück. Norbu bedeutet 'wertvoller Stein, Juwel, der dem Besitzer Glück bringt'.

In der westlichen Welt hatte ich eine völlig andere Denkweise kennen, aber nicht schätzen gelernt. Dort ist die Stadt bloßer Lebens- und Arbeitsplatz, der benutzt - ja, man muss sagen: verbraucht wird. Als ob nach den jetzt lebenden Bewohnern keiner mehr kommt, dem die Stadt ebenfalls Lebensraum bieten soll. Ein übergeordneter Ehrbegriff ist dort unbekannt, so dass die westlichen Naturschützer einen schweren Stand haben, gegen Profitgier und Ausbeutungsinteressen anzugehen.

Nach der Willkommensfeier am Morgen danach erwache ich auf der Schlafmatte in der Ecke meines Zimmers. Mir ist kalt und ich habe fürchterliche Kopfschmerzen. Ich stemme mich vorsichtig hoch, stehe auf und stolpere zur Waschschüssel auf dem Tisch. Was gestern am fortgeschrittenen Abend noch vorgefallen ist, weiß ich nicht mehr so recht. Nachdem ich mich fertig gemacht habe, bewegt sich am Vormittag eine kleine Prozession vom Haus meines Vaters zu der Halle des Rates.

Die Sitzplätze der angesehensten Männer von Lon-Wa-Lha - Ich kann auch die Gruppe aus Cuiraraill darunter erkennen - sind in der Halle u-förmig aufgestellt worden. An der freien Stirnwand steht der Stuhl meines Vaters, des Wandii. In der Mitte der Freifläche steht der Sockel mit dem Norbu unserer Stadt. Es ist ein Marmorblock mit goldenen Linien, die eine Szene aus der Sagenwelt der Naturgötter unserer Ahnen darstellen.

Nachdem alle mit gekreuzten Beinen auf ihren Kissen in der Sitte unseres Volkes Platz genommen haben, treten zwei Mönche vor, entzünden vor dem Norbu Räucherwerk und sagen laut:

"Geleg Shita Gön Norgye Lobsang Gonpo -Segensvolle Erdgöttin, beschütze Lobsang Gonpo, den Mehrer der Schätze-."

Damit ist die Zeremonie eröffnet und gleichzeitig der Grund des Zusammentreffens genannt. Als nächstes ergreift mein Vater das Wort:

"Lobsang Gonpo, mein geliebter Sohn ist von seiner Ausbildungsreise erfolgreich zurückgekehrt. Er wird mir bei der Verwaltung der Stadt zur Seite stehen und sich später der Wahl zum neuen Wandii stellen. Wenn einer der anwesenden Wangpoo -hohe Herren- Einwände hat, so möge er sie jetzt äußern! Ansonsten möge er für immer schweigen!"

Nach einer kurzen Pause, in der mein Vater in die Runde blickt, wendet er sich mir zu:

"Tritt vor, Lobsang Gonpo!"

Ich trete näher an den Stuhl meines Vaters. Er erhebt sich.

"Welcher ist dein Norbu?" fragt er nun mit erwartungsvollem Gesicht.

"Mein Norbu ist der Norbu Lon-Wa-Lhas," antworte ich laut.

"Und dieser Stadt verpfändest du dein Leben und deine Ehre?" fragt mein Vater weiter.

"Ja," bestätige ich einfach.

Mein Vater legt mir über den Tisch hinweg feierlich seine Hände auf meine Schultern und sagt:

"Dann erkläre ich dich hiermit in meiner Eigenschaft als Wandii dieser Stadt in Gegenwart des Rates zum Wangpoo."

Dabei lächelt er mich an.

Rundum erheben sich die Männer und klatschen Beifall. Kamlahari treten nun herbei und reichen Schalen mit vergorenem Beerensaft herum und Fladenbrot. Eine Stunde später löst sich die Versammlung langsam auf und zwei Stunden nach der Zeremonie sind auch wir wieder im Hause meines Vaters. Die Reisegruppe aus Cuiraraill begleitet uns dorthin, um Handelsgespräche mit dem Wandii zu führen.

Meine nächste Aufgabe ist es nun, eine mehrtägige einsame Bergwanderung zu unternehmen und mir dabei über die allumfassende erhabene Natur meditierend einen eigenen Norbu zu suchen. Mit einer entsprechenden Ausrüstung ausgestattet, breche ich nach dem Mittagessen auf. Dazu habe ich mir ein Gestell auf den Rücken geschnallt, auf dem meine Ausrüstung festgebunden ist.

Dann entferne ich mich von meiner Stadt und wandere in das ausgedehnte Gebirgstal hinein, an dessen Rand Lon-Wa-Lha liegt. Am Abend mache ich mir Feuer und breite meine Schlaffelle aus. In der Nacht sehe ich meine Lea im Traum. Infolgedessen habe ich einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen sehe ich nach einigen Stunden Wanderung linker Hand die Reste einer Gerölllawine, beginne ich darin vorsichtig nach einem besonderen Stein zu suchen. Ein Adler zieht über mir seine Kreise. Hin und wieder huscht ein Nagetier in einiger Entfernung vorbei.

Wieder kommt mir Lea in den Sinn. Sie ist eine Kommilitonin, die im nächsten Jahr ihren Abschluss macht. Ich habe mich unsterblich in sie verliebt, so wie vor meiner Zeit mein Vater sich während seines Studiums in Deutschland sich in meine Mutter Leonie verliebt hat. Von Sehnsucht erfüllt packe ich meine Sachen zusammen und wandere weiter. Im Moment kann ich mich nicht auf meine Aufgabe konzentrieren. Gegen Mittag erklettere ich eine Felswand. Dabei muss ich mich konzentrieren, um nicht abzustürzen. Lea tritt vorübergehend in den Hintergrund.

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