Samstag, 1. Januar 2022
Cuiraraill -28-
Inzwischen haben sich die Männer miteinander bekannt gemacht und reden über den gemeinsamen Freund Master Schmidt. Ich werde wieder unter Deck geschickt, um ein Abendessen für alle Leute zu bereiten.

*

Vieles über Prabal Jagan habe ich ja schon in Master Schmidts Buch gelesen. Aber Lesen ist das Eine, es von einer involvierten Person erzählt bekommen, ist das Andere. Master Naresh berichtet mir:

"Biologen aus Japan, von der Insel Bunrei no Shima, sind vor Jahren nach Peru geflogen, um sich mit den Uru-Indios zu unterhalten. Sie leben im und um den höchstgelegenen See der Welt und kultivieren das Totora-Schilf. Es dient ihnen als Baumaterial für schwimmende Inseln, Häuser und Möbel. Auch nutzen sie das Mark der Stengel als Nahrungsmittel.
Die Japaner sind ja auf der Suche nach Möglichkeiten, dem Klimawandel zu trotzen. Also haben sie das Schilf auf ihrer Insel angebaut und daraus eine Schilfart gezüchtet, die mit den veränderten Lebensbedingungen wie der Meereshöhe zurechtkommt. Sie fragten bei meinem Vater an, ob sie hier einen großflächigen Feldversuch starten dürfen.
Als das Schilf hoch genug gewachsen war, kamen sie mit Vertretern aus dem Volk der Uru und fragten bei uns an, wer gerne zuschauen und mitmachen möchte. So lehrten uns die Uru den Umgang mit dem Schilf. Sie zeigten uns den Bau von schwimmenden Inseln und von Behausungen darauf. Sie fertigten dicke Schilfbündel, die sie 'Pferdchen' nannten, weil man darauf rittlings sitzen muss, um sich paddelnd oder stakend fortzubewegen.
Die Frauen der Uru zeigten unseren Frauen die Zubereitung des Marks aus den Schilfhalmen als Nahrungsmittel."

"Ah," meint mein Curadh. "Dann haben sich sicher immer mehr Interessenten gefunden und so ist dann Prabal Jagan, das schwimmende Dorf entstanden."

"Ja," antwortet Master Naresh. "Wir alle wissen, dass der Meeresspiegel durch den weltweiten Klimawandel stetig steigt. Bedenken Sie jedoch, eine künstliche Insel, wie die Bunrei no Shima, könnte sich hier niemand leisten! Auch eine Gemeinschaft aus 200 Familien nicht. Aber das Leben auf den Schilfinseln macht uns auf einfache Weise unabhängig vom Wasserstand."

Mein Curadh nickt. Er fragt weiter:
"Dann sind die Peruaner irgendwann wieder in ihre Heimat zurückgegangen..."

"Richtig, das hatte seelische und körperliche Gründe: Das Heimweh und die Infektionskrankheiten hier, gegen die sie nicht immun sind. Aber die Japaner waren nicht untätig. Sie haben aus den Blättern des Schilfes nach der Technik der alten Ägypter eine Art Papyrus hergestellt, um uns eine Möglichkeit aufzuzeigen, mit dem Produkt in der Welt Geld zu verdienen. Damit können wir auch Geräte und Werkzeuge kaufen. Und das Papyrus hat uns auf den Namen 'Pepa' für das Schilf gebracht. Pepa ist eine Verniedlichung des bengalischen Begriffs Pepa'irasa. Dieser Name steht für 'Papyrus', das wir auch als Papirusu kennen."

Wieder nickt mein Curadh und meint:
"Das ist interessant! Wir sind ja hier, um Absatzmärkte für unsere Produkte zu erschließen. Daneben möchten wir auch sehen, was andere Gemeinschaften unserer Community für den Absatzmarkt herstellen. Vielleicht ergeben sich daraus rege Geschäftsbeziehungen auf Augenhöhe!"

"Das wäre sehr zu wünschen," antwortet Master Naresh.

"Darf ich Sie und ihre Leute einladen, bei uns an Bord zu übernachten? Ich denke mal, dass Sie erst Morgen im Hellen nach Prabal Jagan zurückfahren möchten."

"Ja, danke. Das Angebot nehmen wir gerne an," meint Master Naresh lächelnd.

Am Morgen des darauffolgenden Tages zeige ich dem Ortsvorsteher von Prabal Jagan was wir von unseren Schafen an Fleisch, Leder und Wolle mitgebracht haben. Wir beladen unser Beiboot mit allem was Master Naresh interessiert. Einer der Bangla Deshis bleibt als Übersetzer auf der Nef zurück. Mit ihm bleiben drei Männer unserer Besatzung auf dem Schiff. Die anderen Männer unserer Besatzung lösen das Beiboot vom Schiff. Der Mast wird aufgestellt und das Segel entfaltet. Wir folgen dem Schilfboot unserer neuen Freunde durch die Wasserläufe des Deltas nach Prabal Jagan.

Spät nachmittags sind wir am Ziel. Kurz vorher mussten wir das Segel bergen und haben versucht, uns mittels Stakhölzern fortzubewegen, sind dann aber doch stecken geblieben. Hier braucht es entweder die ?Pferdchen? oder besonders flache Boote. Der Curadh lässt zwei Mann auf dem Beiboot zurück, die in unserer Abwesenheit die Fahrrinne verbreitern sollen, indem sie das Schilf schneiden. Er wechselt mit mir und den restlichen drei Männern auf das Schilfboot des Ortsvorstehers über, mit dem wir endlich die schwimmenden Schilfinseln von Prabal Jagan erreichen.

Auch Master Naresh erweist sich als guter Gastgeber und organisiert ein Essen mit dem der Tag ausklingt. Fremdländische Musik und Tanz bieten Zerstreuung. Nach einer erholsamen Nacht und einem guten Frühstück führt uns Master Naresh herum und zeigt uns die Produkte, die seine Leute aus dem Schilf herstellen.

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