Montag, 20. Dezember 2021
Cuiraraill -22-
"Wir wollen gehen Schlafen," meint mein Curadh nun.

Im Ankleidezimmer nimmt mein Curadh ein Hauch von Nichts von einer Kleiderstange.

"Dies wirst du im Bett tragen!" bestimmt er.

Ich mache große Augen und beginne nun, das Nachtgewand anzuziehen. Eoghan ist derweil schon ins Schlafzimmer zurückgekehrt. Als ich mich auf nackten Füßen dem Himmelbett nähere, liegt er schon drinnen. Er sieht mich kommen und hält mir den Vorhang auf.
Bald darauf wandern seine Finger zärtlich über meinen Körper.

*

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen gehen wir zu einem Teach -Haus- auf der anderen Seite des Platzes mit der großen Steinskulptur. Curadh Chiarraí betätigt die Klingel und kurz darauf öffnet uns Runa, die Magd des Heilers. Sie macht vor Eamon den Hofknicks und lässt uns ein. Nachdem die Haustür geschlossen ist, kommt uns Curadh Murchardh entgegen bevor wir die Seonrai beo -Wohnhalle- betreten, um uns zu begrüßen.

Der Leigheas -Heiler- hat wartend in seinem Sessel neben dem offenen Kamin gesessen, in dem ein kleines Feuer brennt. Beide Curadhi wollen eine Wanderung in die Umgebung machen. Ihnen geht es darum, bei einer meditativen Wanderung Clocha bhaile -Heimsteine- für ihre Häuser und für Cuiraraill zu finden. Den Heimstein für Cuiraraill wollen sie dann teilen. Der größte Brocken soll ein Steinmetz in den Lebensbaum -Crann na beatha- kunstvoll integrieren. Den kleineren Teil wird in den Boden des großen Versammlungsraumes -seomrai cruinniú- darunter eingelassen. Die Heimsteine für die beiden Häuser werden einen Ehrenplatz in den Seomrai beo bekommen.

In der Zeit, in der beide Curadhi -Herren- unterwegs sind, soll ich zusammen mit Runa -zauberhaft- verbringen. Sie wird mir helfen, mich im hier gelebten DD-Lebenstil zurechtzufinden.

So habe ich schon in Hagenholt erlebt, dass um einen Stein in der Tischplatte, um den die Herren gesessen haben, sehr viel Aufhebens gemacht wird. Runa erklärt mir nun auf meine Frage hin:

"Die Curadhi machen Spaziergänge in der Umgebung von Cuiraraill, während sie über die Natur nachdenken - sie meditieren. Irgendwann fällt ihnen dabei sicher ein Stein auf, der eine Besonderheit in seiner Umgebung aufweist...
Man sagt, nicht der Mensch findet einen Stein, sondern der Stein sucht sich seinen Menschen. Die Natur hat dabei 'ihre Finger im Spiel'. Der Clocha bhaile ist unser Bindeglied zur Natur und Mittelpunkt verschiedener Zeremonien."

"Richtig. Ich habe schon einige Zeremonien miterlebt und Mary, eine kanadisch-irische Magd in Deutschland hat darüber gesprochen," antworte ich und denke über Runas Erklärung nach.

Sie nickt und fährt fort:
"Wir schwören in Gegenwart des Clocha bhaile von Cuiraraill unserer Stadt unsere Treue. Wir ehren unsere Stadt, indem wir sie für die nachfolgende Generation erhalten. Wir halten unserer Familie die Treue, indem wir dem Wort des Vaters folgen. Wir ehren den Gastgeber, wenn wir ein fremdes Haus betreten, indem wir in Frieden kommen. Der Clocha bhaile nimmt eine herausragende Stellung in unserem Leben ein aus Respekt vor der uns umgebenden Natur."

"Was eigentlich die Aufgabe der Naturschutzorganisationen sein soll, ist damit tief in unserem Lebensinhalt verwurzelt?"

"Ja, wir sehen es als falsch an, alles den Anderen zu überlassen. Jeder Einzelne kann etwas tun! Wir beuten die natürlichen Ressourcen nicht aus Profitgier oder Ignoranz aus - 'Nach mir die Sintflut' -, sondern wir verstehen es so, dass die Erde uns geborgt wurde. Und Geliehenes, das du irgendwann zurückgeben musst, wirst du doch pfleglich behandeln?!"

"Hm, ja, da hast du recht..."

Nach einigen schweigsamen Minuten, in denen wir unserer Beschäftigung im Teach -Haus- nachgehen, beginnt Runa erneut:

"Selbst der ärmste Mann ist in seinem Haus, in der Nähe seines Clocha bhaile, der Alleinherrscher, der Mittler zwischen der Natur und den Menschen. Dem zu Folge gehorcht die Frau respektvoll jeder Anordnung ihres Mannes, jede Wench -Magd- den Anordnungen ihres Curadh."

"Das habe ich auch in Hagenholt schon erleben dürfen," sage ich nachdenklich und nicke lächelnd.

Curadh Murchadhs Haus ist innen genauso aufgeteilt, wie das Haus meines Curadh. Nur, dass der Vorraum größer ist. Neben den Sitzgelegenheiten gibt es hier noch ein Schreibpult mit einem Laptop. Eine seitliche Tür führt in die Othar Charr -Arztpraxis-. Der Boden besteht aus Marmor, der mir gar nicht kalt vorkommt. Wieder liegen einige Kissen herum, auf denen Mägde knien dürfen, und niedrige Hocker als Sitzgelegenheiten für die Herren.

Neugierig frage ich Runa danach. Sie sagt:

"Nach unserer Philosophie hat ein Stuhl eine besondere Bedeutung. Er ist in privaten Haushalten eher selten zu finden und ist gewöhnlich für besondere Gäste reserviert, etwa dem Méara -Ortsvorsteher- und den Comhairli -Ratsherren-. Sie sitzen darauf höher und können die anderen Anwesenden überblicken. Normalerweise sitzen die Curadhi auf den Hockern und damit in Bodennähe. Sie wollen 'bodenständig' bleiben."

*

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