Mittwoch, 8. Dezember 2021
Cuiraraill -16-
Je länger Mary redet, desto größer werden meine Augen, und desto mehr flattert mein Herz. Ich bin gar nicht mehr so sicher, ob ich den Anforderungen überhaupt gewachsen bin. Sie sieht es und nimmt mich in den Arm:

"Lass dich von der langen Liste nicht verunsichern. Das Meiste geschieht automatisch zwischen Mann und Frau oder Seine Lordschaft wird dir dabei helfen! Anderes bringe ich dir an den Wochenenden gerne bei und der Herr mimt dann den Statisten, an dem wir dein Können erproben. Alles halb so wild!"

Ich atme einmal tief durch und frage nun:
"Wenn die Frau in all diese Rollen schlüpft für den Herrn, was muss dann der Herr beachten in der Interaktion mit der Frau?"

"Ja," nickt Mary, "Der Mann ist ein seltsames Wesen! Er bemüht sich um eine Frau. Gleichzeitig aber will er viele verschiedene Frauen. Da muss die Frau es verstehen, ihm in vielen Rollen gegenüberzutreten.
Wenn der Mann nun wie ein Pascha auf dem Sofa sitzt und es sich dabei gutgehen lässt, sitzt er bald alleine da! Niemand umsorgt ihn mehr, denn ein Macho will frau nicht haben. Auch sie will Respekt und Achtung als Person erfahren. Sie will Liebe fühlen. Hier hat die japanische Kultur den Ehrenkodex der Samurai hervorgebracht. Den japanischen Ritterstand gibt es zwar nicht mehr, aber deren Tugenden werden immer noch gelebt.
Übrigens: Wenn du noch auf der Suche nach einem Mann wärst, wären diese Tugenden die Auswahlkriterien für dich, um den Mister Right vom Puke -Kotzbrocken- zu unterscheiden!"

Interessiert schaue ich Mary an.

"Was sind denn das für Tugenden?" frage ich sie.

"Der Ehrenkodex ist sehr komplex," antwortet sie mir. "Menschen, die damit aufgewachsen sind, haben ihn verinnerlicht. Andere machen im Alltag mal den einen oder anderen Fehler. Das ist nicht schlimm. Mache Seine Lordschaft ruhig leise auf einen Faux pas aufmerksam, wenn du einen bemerkst. Wenn du das höflich vorträgst, macht dir keiner einen Vorwurf daraus. Es darf nur nicht von Fremden bemerkt werden!
Der Kodex ist unterteilt in gute und schlechte Tugenden. Sie werden einander gegenübergestellt, um bildhaft zu wirken. Es beginnt mit der Beständigkeit. Ihr Pendant ist die Unbeständigkeit. Als nächstes Paar kommt die Ehre und ihr Gegenteil, die Schande. Dann das Maßhalten und die Maßlosigkeit. Danach kommen die Zucht und die Unzucht. Sie bedeuten Selbstbeherrschung oder ungezogenes Verhalten. Danach Demut und ihr Pendant, der Verrat. Nun die Höflichkeit und die Rüpelhaftigkeit als Gegenstück. Als nächste Tugend folgen die Milde und ihr Pendant, der Geiz. Nun folgen die Treue und ihre Umkehrung die Untreue. Danach die Arbeitssamkeit gegenüber der Trägheit und das Selbstbewusstsein gegenüber dem Zustand des Klagens und der verletzten Ehre.
Anschließend folgt die Mannhaftigkeit gegenüber der Zaghaftigkeit, und die innere Schönheit des Menschen gegenüber der unfairen Handlungsweise. Auch die Rationalität, der Verstand, gegenüber der Dummheit. Zum Schluss wird der innere Reichtum genannt. Er ist die Grundlage für gesellschaftliches Ansehen. Erreicht wird er durch die Einhaltung der Tugenden in der Liste."

"Pfuh," mache ich. "Das ist eine ganze Menge, was einen echten Herrn ausmacht!"

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