Dienstag, 23. November 2021
Cuiraraill -10-
Am Samstag, zwei Wochen nachdem mich Eamon in meiner Heimatstadt besucht hat, nehme ich in aller Frühe ein Taxi zum Bahnhof. Nach vier Stunden Fahrt stehe ich auf einem kleinen Bahnsteig. Ein Mann kommt auf mich zu. Ich erkenne Eamon in seiner typischen Bekleidung. Dagegen trage ich ein Business-Outfit, bestehend aus Rock und Bluse, mit einem Blouson darüber. Vorsorglich habe ich das Outfit einer irischen Maid, dass ich beim ersten Treffen mit Eamon getragen habe in meiner Reisetasche dabei.

Wir begrüßen uns freundlich. Dann führt er mich neben dem kleinen Bahnhofsgebäude auf die Straße und wendet sich nach links. Vorbei an einem Fahrradständer erreichen wir sein Cabrio auf dem kleinen Parkplatz. Eamon verstaut meine Tasche unter einer Klappe hinter den Sitzen und hält mir wieder die Beifahrertür auf. Während ich mich setze und die Tür schließe, geht er nach vorne, um den Motor über eine Kurbel zu starten.

Danach öffnet er die Fahrertür und setzt sich neben mich. Er nimmt seine Mütze ab und klemmt sie sich zwischen die Beine. Nach diesen Vorbereitungen bugsiert er das Gefährt auf die Straße und bald darauf haben wir den Ort hinter uns gelassen. Draußen wechseln Felder und Wiesen mit Wäldern ab in hügeligem Gelände.

Dann führt die Straße an einer höherwerdenen Felswand auf einer Straßenseite entlang, die stellenweise von einem Stahlnetz gegen Steinschlag gesichert ist. Auf der anderen Straßenseite haben wir weiterhin Wiesen, Felder und kleine Wäldchen. Eamon hält auf einem Parkplatz am Rand eines Wäldchens. Wir steigen aus. Er kümmert sich um meinen Koffer und deckt das Cabrio danach mit einer Plane ab. Anschließend führt er mich über einen Schotterweg am Waldrand entlang vom Parkplatz weg. Vor mir kann ich eine alte Windmühle über den Baumwipfeln erkennen.

Bald sehe ich eine Reihe Fachwerkhäuser vor mir auftauchen. Wir gehen zwischen zwei Häusern hindurch und ich sehe, dass die Häuser einen Dorfplatz umschließen. Hier innerhalb des Carrés aus sich gleichenden Häusern hat man eine Baumreihe gepflanzt mit noch grünen Früchten. Zwei doppelstöckige Häuser und ein großer Baum mit einer Sitzbank und einem Brunnen befinden sich außerdem im Inneren des Carrés.

Eamon führt mich zu einem Haus mit schräg ansteigendem Dachfirst. Das habe ich so noch nie gesehen. Er betätigt eine Klingel und kurz darauf wird die Tür von einer Frau geöffnet, die ähnlich angezogen ist wie ich. Sie vollführt einen Hofknicks und verbeugt sich lächelnd.

"Willkommen, Ihre Lordschaft," sagt sie und macht den Eingang frei.

Wir betreten das Haus. Im Foyer fragt die Frau:
"Darf ich nun das vorbereitete Gästezimmer zeigen?"

"Ja," bestätigt mein Begleiter. "Und nachher ein landestypisches Gericht. Die Dame wird von der Reise hungrig sein."

Die Interaktion der Beiden lässt mir beinahe ein "Oh!" entfahren. Da Eamon mich anschaut, nicke ich schnell.

Anschließend nimmt die Frau ein Schlüsselbund und sagt nach einem weiteren Knicks an einer Tür jemand Anderem Bescheid. Sie verlässt mit uns das Haus und führt uns zu dem zweiten doppelstöckigen Haus. Dort zeigt sie mir mein Zimmer für die folgende Nacht und übergibt mir das Schlüsselbund.

"Womit kann ich Ihnen sonst noch dienen?" fragt sie, wieder mit gesenktem Blick.

"Du kannst zurückziehen dich, Gabi," bestimmt Eamon. "Wir gleich kommen zu Tisch!"

Gabi knickst noch einmal und entfernt sich. Eamon meint:

"Schon vorgehen ich werde. Du sicher kommst klar alleine."

Ich nicke stumm und stehe wie angewurzelt vor der offenen Tür des Gästezimmers bis Eamon die Treppe hinab, meinen Blicken entschwunden ist. Dann schüttele ich den Kopf, als müsste ich Schleier vor den Augen vertreiben um klarer denken zu können.

Das Gästezimmer betretend fällt mir wieder ein, was mich gerade so verstört hat. So haben die Hotel-Bediensteten in einem alten Schwarz-Weiß-Film reagiert, den ich vor Ewigkeiten einmal gesehen habe. Darüber habe ich damals breit geschmunzelt. Ich verstaue schnell meine wenigen Sachen und gehe anschließend in den Schankraum im Nebengebäude zurück. Eamon sitzt an einem Tisch mit dem Rücken zur Wand. Dorthin führen mich meine Schritte und ich setze mich zu ihm.

Bald darauf bringt Gabi ein Tablett mit zwei Gläsern und einem Tonkrug. Sie stellt es auf dem Tisch ab, knickst und dreht wieder um in Richtung Küche. Eamon füllt die Gläser zur Hälfte mit einer gelblichen Flüssigkeit, die beim Ausgießen leicht aufschäumt. Er hebt sein Glas an und schaut mir in die Augen. Also mache ich dasselbe.

"Willkommen in Hagenholt, ich sage noch einmal," meint er mit einem Zwinkern. "Das ist Apfelwein, oder 'Viez', wie man sagt hier."

Ich nippe an dem leicht säuerlichen Getränk, und spüre ein Prickeln auf der Zunge.

Inzwischen ist Gabi mit zwei tiefen Tellern zurück. Sie stellt sie ebenfalls vor uns ab, verteilt das Besteck und knickst noch einmal.

"Guten Appetit, der Herr, die Dame!" wünscht sie, bevor sie wieder in der Küche verschwindet.

Ich kann das Gericht vor mir nicht recht zuordnen. Es scheint deftig zu sein. Eine dünne Scheibe Schweinebauch und eine dunkle Soße kann ich erkennen. Dazu gibt es Erbsen und Kartoffelpürree, der ebenfalls dunkler aussieht als ich ihn kenne.

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