Mittwoch, 22. September 2021
Yamato Nadeshiko -131-
Eine weitere bedeutungsvolle Pause folgt.

"Jetzt spreche ich die Höflichkeit an. Dieser Begriff bezeichnet das Verhalten bei jeder Begegnung mit einem Mitmenschen und bedeutet gesitteter Umgang untereinander. Besondere Ehrerbietung genießen Ältere und freie Frauen. Der Herr ist eher zurückhaltend. Das Gegenstück ist die Rüpelhaftigkeit. Das bedeutet unkontrolliertes Benehmen, Fresssucht, Ausschweifungen aller Art.
Als nächste Tugend folgt die Milde. Damit sind Großzügigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe gemeint. Ein Herr gibt freigiebig an in Not Geratene, was er geben kann. Die vielleicht schwierigste Gratwanderung hier liegt darin, dass er sich erstens nicht mit dem Armen gemein macht, sondern edle Distanz wahrt und zugleich zweitens nicht herablassend oder herrisch auftritt. Freundlicher Gleichmut, die in der Ausübung der Mildtätigkeit das eigene Selbstverständnis verwirklicht, ist der Grundton seiner barmherzigen Handlungen. Dagegen steht Geiz oder Egoismus. Er bezeichnet den Hang zum Raffen und Horten, um ganz alleine über den zusammen getragenen Reichtum zu verfügen. In der Folge lässt Geiz den Charakter allein dastehen! Der Herr erfährt selbst keine Unterstützung mehr.
Dann kommt die Treue. Sie beschreibt Loyalität und auch das Einhalten von Versprechungen und Hilfsverpflichtungen gegenseitiger Art oder gegenüber der übergeordneten Instanz. Der Herr ist sich in erster Linie selbst treu, steht treu zu seinen Überzeugungen, um so auch treu anderen gegenüber zu sein. Die Umkehrung ist die Untreue. Sie ist ein mieses Übel, denn dazu zählen auch Eifersucht, Missgunst und Neid, die allesamt das menschliche Zusammenleben gefährden. Man sollte sich stets aufeinander ?blind? verlassen können."

Tanaka-San holt einmal kurz Atem und schaut sein Gegenüber an. Dieser nickt wieder höflich.

"Nun kommt die Arbeitsamkeit," redet er anschließend weiter. "Sie beinhaltet die ständige Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, zur Weiterbildung und Verbesserung der Qualifikationen. Dagegen steht die Trägheit, Faulheit, Unfähigkeit - fehlende Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und tätiger Mitarbeit.
Dann komme ich zum Guten Mut. Er beschreibt das Selbstbewusstsein, den Stolz auf seine persönliche Tüchtigkeit, die Liebe zum Leben. Dagegen wirkt die Trauer oder Depression, ein Zustand des Klagens, sowie das Zeigen schlechter Befindlichkeiten, aber auch der Zustand der verletzten Ehre. Die Trauer um einen verstorbenen Menschen ist damit nicht gemeint!
Jetzt folgt die Mannhaftigkeit. Sie beschreibt Tüchtigkeit und Kühnheit, wenn es sein muss unter Einsatz des eigenen Lebens. Der Herr hat natürlich Respekt vor Gefahren und verachtet die Angst. Ihr entgegen steht die Zaghaftigkeit, Feigheit im Leben und vor dem Leben, aber auch Angst vor materiellem Verlust, Angst vor Verletzung, Angst generell.
Ihr folgt die Schönheit. Gemeint ist damit ausschließlich die innere Schönheit des Herzens. Sie wird durch ein ehrliches Lächeln zum Ausdruck gebracht. Ein Herr ist authentisch. Er handelt, wie er redet und denkt. Die Umkehrung ist die Hässlichkeit. Sie bedeutet analog eine meist anfangs unsichtbare Verunstaltung als Zeichen von Lasterhaftigkeit, daraus resultierender unfairer Handlungsweise, sowie Ausdruck von Falschheit durch Missachtung der Menschlichkeit."

Wieder macht er eine Pause, bevor er weiterredet.

"Dann komme ich zum Verstand. Er bezieht sich auch auf die Kontrolle von Emotionen, was nicht immer leichtfällt. Dagegen wirkt die Torheit, Dummheit. Sie ist der Feind aller anderen Tugenden. Sie bedeutet Verlust der Selbstkontrolle, aber auch mangelnde Reife.
Nun folgt der Reichtum. Gemeint ist innerer Reichtum und Wohlstand. Er ist die Grundlage für gesellschaftliches Ansehen. Er wird durch die Einhaltung der vorgenannten Tugenden erreicht."

"Das ist eine Menge," antwortet Takahashi-San nun. "Mein ehrenwerter Sofu-San -Großvater- war, glaube ich, nie so ausführlich gewesen. Dennoch muss ich zugeben, diese Tugenden haben etwas faszinierendes!"

"Und sie regeln das Zusammenleben mit den Mitmenschen, besonders mit ihrer Partnerin!" schließt Tanaka-San ab. "Wir haben eine Schule hier, der ehrenwerte Osawa-San leitet sie, die sich darauf spezialisiert hat, diese Tugenden allen Inselbewohnern näherzubringen. Wenn Sie möchten, mache ich Sie gerne mit Osawa-San bekannt. In dieser Zeit kann sich Tanaka-San mit ihrer Schwester beschäftigen. Ich bin mir sicher, die beiden Frauen finden schon einen Zeitvertreib."

Tanaka-San zwinkert bei den letzten Worten und die beiden Damen lächeln. Anschließend verabschieden sich die Herrschaften und auch ich gehe zu meinem Appartement zurück. Auf einem der Sideboards liegt ein Faltplan als Orientierung auf der Insel. Ich nehme ihn auf und mache einen Spaziergang und Schaufensterbummel über die Bunrei no Shima -Insel der beseelten Steine-.

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