Montag, 6. September 2021
Yamato Nadeshiko -124-
"Ohayo gozaimasu -Guten Morgen-, verehrte Amatsuka Kameko," sagt er und weist auf den Hocker an seiner Seite.

Die Herrin lächelt und lässt sich an der rechten Seite des Gastgebers nieder, während ich ihr folge und mich stehend hinter sie platziere. Die Gastgeberin, in einem dunklen Kimono, übersät mit vielen rosa Kirschblüten und einem breiten rosa Obi -Gürtelband-, geht nun auf der anderen Seite des Gastgebers in den Seiza -Kniesitz- und schaut lächelnd zu mir auf.

"Anata no namae wa nanidesu ka -Wie heißt du-?" fragt sie mich.

Ich verbeuge mich tief und antworte:
"Dozo yoroshiku onegaishimasu. Youki Momoi to moshimasu. Ich bitte um Ihre Freundlichkeit. Mein Name ist Youki Momoi."

"Kochira koso yoroshiku onegaishimasu. Anata no aijin no tonari ni suwatte, kudasai! -Ganz meinerseits. Setz dich neben deine Herrin, bitte!" fordert sie mich nun auf.

Ich mache große Augen und streife den Gastgeber mit einem Blick. Doch dieser macht ein unbeteiligtes Gesicht. Meine Gesprächspartnerin nickt mir aufmunternd zu, da ich zögere. Die junge Herrin zeigt nun auf den Platz neben sich. Also raffe ich mein Kleid ein wenig und gehe nun ebenfalls in den Seiza, um mich gleich darauf neben dem Tisch in Richtung der Gastgeberin zu verbeugen bis meine Stirn fast den Boden berührt.

Sie lächelt mich an und sagt:
"Komm hoch, Momoi-chan, und achte genau darauf, was ich jetzt mache!"

Ich setze mich wieder aufrecht und folge mit den Augen jeder ihrer Bewegungen.

Tanaka-San nimmt nun eine der vier übereinanderstehenden Schalen und füllt sie mit einem Porzellan-Löffel aus der Schüssel mit Reis. Dann nimmt sie ein Ei aus der Schüssel daneben, schlägt es auf und lässt den Inhalt über den Reis laufen. Sie gibt die Schüssel an den Hausherrn weiter, der sie an die junge Herrin weiterreicht.

Inzwischen ist die Hausherrin schon mit der nächsten Schüssel beschäftigt, die der Herr nun über den Tisch an mich weiterreicht. Ich nehme sie ihm aus der Hand und verbeuge mich mit einem:

"Domo arigato! -Vielen Dank!"

Die Hausherrin füllt gerade eine dritte Schale und übergibt auch sie dem Herrn. Dieser stellt die Schale nun vor die Ushiro kara yuga -'Gnädige von hinten' (Hausfrau)-. Erst die vierte Schale behält er bei sich. Das Gleiche geschieht nun mit einer kleineren Schale, in die die Gastgeberin eingelegtes Gemüse aus Gurken, Auberginen, Pflaumen und Rettich gibt.

Zum Schluss füllt sie grünen Tee aus einer Kanne in Teeschalen, die den gleichen Weg um den Tisch gehen. Nun hebt der Hausherr Tanaka-San seine Teeschale, tunkt zwei Fingerspitzen in den Tee und lässt den Tee auf einen Stein in der Tischplatte tropfen. Dazu sagt er:

"Fumetsu no shizen, watashitachi no gesuto ni shiawasena mirai o ataeru! -Unsterbliche Natur, schenke unseren Gästen eine glückliche Zukunft!-"

Anschließend schaut er in die Runde und sagt:
"Itadakimasu! -Guten Appetit!-"

Wir nehmen unsere Hashi -Stäbchen- aus einer länglichen Schale in der Mitte des Tisches, wo auch verschiedene Fläschchen mit Gewürzen in einem Ständer stehen, und beginnen mit dem Frühstück. Für mich ist es ungewohnt, gemeinsam mit der Herrschaft essen zu dürfen. Mittendrin äußert sich die junge Herrin neben mir.

"Oishii -Lecker-!" sagt sie lächelnd.

Ich nicke auffällig dazu.

Der Hausherr sagt beiläufig:
"Ehrenwerte Amatsuka-San, Ihre verehrten Oya-San -Eltern- haben uns in aller Frühe schon verlassen, um ihre Kreuzfahrt fortzusetzen. Sie haben entschieden, dass der kleinen Schwester meiner lieben Tsuma -Ehefrau- eine Auszeit in traditioneller Umgebung guttun würde. Wir werden heute Vormittag einen Rundgang über die Insel unternehmen und euch einige Highlights zeigen. Das Mittagessen werden wir in einem Baraetishiata einnehmen und dabei einer Vorstellung beiwohnen."

Die junge Herrin schaut ihre ältere Schwester an und nickt dann mit dem Kopf.

"Ich bin bereit," sagt sie.

Nach dem Frühstück helfe ich der Hausherrin beim Aufheben der Frühstückstafel und Einräumen des Geschirrs in die Spülmaschine. Ich sehe, dass die Gastgeberin die Speisereste in Kunststoffbehälter gibt und in den Kühlschrank stellt. Da ich nicht unhöflich sein will, frage ich nicht, warum hier einiges ganz anders gehandhabt wird, als im Haushalt der Herrschaft an Land.

Danach begleite ich die junge Herrin bei der Sightseeing-Tour. Tanaka-San führt uns von der 'Blauen Grotte' auf der untersten Ebene über die Agrikulturen und Parks. Er zeigt uns auch verschiedene Sportclubs. Gegen Mittag führt er uns in das angekündigte Baraetishiata -Varieté-Theater-. Er schiebt zwei Tische aneinander, so dass wir zur Viert nebeneinander Platz finden. Dort setzt er sich außen hin und seine Tsuma -Ehefrau- platziert er an seiner rechten Seite. Die junge Herrin setzt sich dann an die Seite ihrer älteren Schwester und schließlich darf auch ich wieder neben meiner Herrin Platz nehmen.

Die junge Frau in der Meido-Kleidung, die uns am Eingang willkommen geheißen hat, kommt nun, um die Bestellung aufzunehmen. Der Herr bestellt, nachdem er die junge Herrin gefragt hat, viermal das gleiche Menü aus der Karte.

Wenige Minuten danach ertönt ein Gong und vor uns wird ein Vorhang geöffnet. Zwei Schülerinnen und zwei Schüler in Schuluniformen werden gezeigt, wie sie einander Respekt zollen, die jüngeren die älteren Schüler grüßen; der 'normale Alltag' also. Eine Schülerin betritt eine zu den Zuschauern offene Wohnung, wo sie der Mutter zur Hand geht und ihr von ihren Gefühlen zu einem jungen Mann erzählt.

Plötzlich drängen auf der anderen Seite der Bühne die drei Jugendlichen in moderner westlicher Kleidung auf die Bühne. Sie kommen wohl von einer Party und sind in entsprechend aufgekratzter Stimmung. Die Jungen greifen dem Mädchen an den Hintern und lassen anzügliche Macho-Sprüche los. Auf der anderen Seite der Bühne verlässt das Mädchen die elterliche Wohnung mit einer Einkaufstüte in der Hand. Sie sieht die Gruppe und tut zuerst erschrocken und verängstigt.

Dann aber verändert sich ihre Miene in Ärger. Sie hat einen der beiden Schüler erkannt und es entwickelt sich ein Streitgespräch mit viel Mimik, in dessen Verlauf man mitbekommt, dass die beiden wohl befreundet sind. Das Mädchen ist nicht mit dem Verhalten ihres Freundes einverstanden. Der Streit eskaliert immer mehr. Der junge Mann zeigt sich als großer Macho, um sich gegenüber seinem Freund zu profilieren, während die junge Frau immer mehr in die Defensive gedrängt wird. Schließlich gehen die Streithähne zu den gegenüberliegenden Seiten von der Bühne.

Kurz darauf kommt die Schülerin mit einer gefüllten Einkaufstüte wieder auf die Bühne, betritt die elterliche Wohnung und klagt ihrer Mutter ihr Leid. Sie versucht ihre Tochter zu trösten. Der junge Mann sei es nicht wert, weiterhin ihr Freund zu sein. Sie antwortet darauf: Kein Mann sei es fortan wert, ihr Freund zu sein. Sie schluchzt und damit fällt erstmal der Vorhang wieder.

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