Mittwoch, 11. August 2021
Yamato Nadeshiko -113-
Das Wort bedeutet zwar 'Magd', aber sie ist nach meinem Verständnis keine niedere Dienerin, sondern eine Betreuerin, Unterhalterin und Beschützerin desjenigen, dem sie dient. Derjenige muss sie mit Respekt behandeln, sonst darf sie sich aus dem Dienst zurückziehen. Das bedeutet natürlich auch, dass ich den Männern aus meiner Belegschaft ins Gewissen rede, dass machohaftes Verhalten von mir sanktioniert wird.

Schließlich finde ich eine Investmentgesellschaft mit Interesse für meine Firma, die mir genügend Geld gibt, den Prototyp der Inseln zu kaufen und mit allem auszustatten, was zum Leben von über 600 Menschen benötigt wird. Einen großen Rest Finanzmittel lege ich auf ein Konto, um davon Ideen bezahlen zu können, von denen die Amatsuka Werft Corporation nicht unbedingt etwas zu wissen braucht.

Als ich dann davon erfahre, dass man in Europa damit beginnt, Passagiere mit Quadrokoptern vom Flughafen zu ihren Hotels zu bringen, kaufe ich einen solchen Shuttle und beauftrage ein Entwicklungsbüro, mir ein Kombigerät zu konzipieren, in dem vorne solch ein Quadrokopter steckt. Dieser soll die Passagierkabine des Kombigerätes darstellen und als Hubschrauber selbständig agieren können. Ist der Quadrokopter mit seinem Unterbau gekoppelt, soll er als Speedboot fahren können und mit einem Strahltriebwerk und ausklappbaren Flügeln soll das Gerät auch fliegen können. Gleichzeitig kann die Passagierkabine als Rettungskapsel dienen, falls es wider Erwarten zu einem Unglück kommen sollte.

Zuerst wird eine Machbarkeitsstudie entwickelt und durchgerechnet. Danach baut das Entwicklerbüro ein Modell, um seine Flugfähigkeit zu testen. Dabei bemerkt man, dass die Mantelschrauben abziehbar konzipiert werden müssen. Für die Antriebe müssen hinter der Kabine Staumöglichkeiten geschaffen werden. Dann wird ein erster Prototyp gebaut und ausgeliefert. Wir testen ihn im Alltagsbetrieb und geben die Testergebnisse an das Entwicklungsbüro genauso weiter wie wir die Beurteilungen aller technischen Details der Insel an die Amatsuka Werft Corporation weitergeben.

Was mich schon etwas traurig macht, ist dass die Investmentgesellschaft die ehemalige Tanaka Automotive Group in ihre Bestandteile zerschlägt und diese einzeln weiterverkauft. Aber so ist das nun einmal im Kapitalismus: Man will an einem Deal maximal verdienen. Wenn nun die Summe der Einzelteile mehr einbringt, als die Firma als Ganzes, dann kann man ihr ihr Handeln nicht verübeln.

Das Organigramm der Insel soll mehr einem Gemeinwesen, wie einem Dorf ähneln, als einer Firma.
Also rufe ich die Abteilungsleiter zusammen und frage sie, ob wir diese Zusammenkunft nicht künftig als 'Rat' bezeichnen sollen. Sie dürfen sich dann Ratsherren nennen.

Der Vorschlag findet eine Mehrheit. Danach sage ich:
"So wir nun allesamt Ratsherren sind, die gemeinsam über die Geschicke der Insel beraten und entscheiden, sollten wir Einen unter uns als Bürgermeister oder Ortsvorsteher wählen, der die Beschlüsse des Rates umsetzen muss. Ich denke, jeder von euch schreibt den Namen des Mannes, den er für geeignet hält, auf einen Zettel, faltet ihn und legt ihn auf den Tisch in unserer Mitte."

So geschieht es dann. Ich rufe einen jungen Mann hinzu, der die Namen laut vorliest und stapelt. Schließlich werden die Stapel gezählt und die Männer, deren Namen die beiden größten Stapel bilden, müssen in einen zweiten Wahlgang. Das Ergebnis ist nun, dass meine bisherigen Abteilungsleiter mich mit der Leitung der Insel betrauen. Dieser Vertrauensbeweis macht mich stolz.

"Wir müssen zukunftsfähig sein," sage ich anschließend. "Wir haben Familien mit Kindern auf der Insel. Für sie müssen wir Schulen einrichten. Ich schlage vor, dass das Lernziel der Jungen der Verhaltenskodex der Samurai sein, während das Lernziel der Mädchen die Yamato Nadeshiko werden soll. Was das im Einzelnen bedeutet, werden wir noch ausarbeiten. Des Weiteren orientieren wir uns an den Schulen auf dem japanischen Festland."

"Was ist aber mit den Erwachsenen? Sollte man ihnen nicht auch Lehrgänge anbieten?" fragt einer der Ratsherren zurück.

Ich nicke.

"Sind unter uns Ratsherren, die sich mit historischen Waffen auskennen, eine Selbstverteidigungstechnik beherrschen und die Tugenden der Samurai gleichzeitig vermitteln können? Jemand, der also den Beruf des Waffenmeisters ausüben und eine Waffenschule leiten möchte?"

Es melden sich drei Herren. Ich schaue Osawa-San an. Seine Position lässt sich am leichtesten durch Umorganisation auflösen, so dass er frei wird für die neue Tätigkeit. Er ist einverstanden und die Anderen in der Runde sprechen ihm Mut zu.

"Okay, das wäre die Waffenschule. Osawa-San, Sie werden sich die besten aus ihrem ersten Lehrgang aussuchen und mit deren Vorgesetzten eine Freistellung aushandeln. Eine Schule braucht ein Lehrerkollegium!"

Osawa-San nickt und bestätigt: "Hai! Hai!"

"Dann wäre da die Schule für Meidos," leite ich zum nächsten Thema der Sitzung über. "Eine Meido ist grob übersetzt eine Yamato Nadeshiko. Sie ist Hausfrau, Geisha und Samurai in einer Person. Auf diesen drei Säulen soll die Ausbildung unserer Frauen ruhen. Wer von Ihnen traut sich die Leitung einer solchen Schule zu?"

Nachdem ich mehrmals in die Runde geschaut und jeden Einzelnen aufmunternd angelächelt habe, meldet sich schließlich doch noch einer der Herren.

"Keine falsche Scheu!" sage ich. "Wie in der Waffenschule gilt auch hier: Eine Schule braucht ein Lehrerkollegium. Dem stehen Sie vor und tragen die Verantwortung. Aus den Besten Ihrer ersten Lehrgangsteilnehmer wählen Sie sich die Kandidatinnen dafür aus und fragen deren Männer, ob sie einverstanden sind... Übrigens: den Bereich Tanz, Musik, Konversation, also die 'Geisha' deckt Tanaka-San gerne ab. Sie wird Sie auch beraten, wer von den ersten Lehrgangsteilnehmerinnen als Mitglied Ihres Lehrerkollegiums geeignet wäre!"

Ein Raunen geht um den Tisch. Wir haben seit kurzem in jedem der drei Hochhäuser ein Varieté-Theater. Tanaka Hiko tritt dort in ihrer Freizeit gerne auf. Ihr und den Gästen machen die Vorstellungen großen Spaß.

In einer anderen Ratssitzung rege ich an, dass jeder Haushalt auf der Insel einen Bunrei beherbergen soll. Da wir uns dem Naturschutz verschrieben haben, wäre ein Verbindungselement zur Natur ganz hilfreich, ist mein Gedanke dahinter. Nacheinander besuchen wir den Fushimi Inari Taisha-Schrein in Kyoto, einen der größten Schreine des Landes und bitten den obersten Schreinpriester, gegen die Spende einer größeren Summe Yen, Steine vom Gelände des Schreins in einer mitternächtlichen Shintozeremonie magisch aufzuladen. Er bittet also den Kami des Schreins sich aufzusplitten und auch diese Steine als Wohnsitz zu nehmen.

Anschließend dürfen wir die Steine mit auf die Insel nehmen, um sie auf die Haushalte zu verteilen. Als Platz bietet sich der Esstisch an, um den sich die Familie mehrmals täglich versammelt. Beispielgebend lege ich einen Stein in eine Schale auf den Block im Ratssaal, um den wir uns zu den Sitzungen versammeln.

Infolge nenne ich die Insel Bunrei no Shima -Insel der beseelten Steine-. Der Bunrei ist unser Bindeglied zur Natur und den Kami, und Mittelpunkt verschiedener Zeremonien. So schwören wir in Gegenwart des Bunreis der Insel unserer Gemeinschaft die Treue. Wir ehren unsere Insel, indem wir sie für die nachfolgende Generation erhalten. Wir halten unserer Familie die Treue, indem wir dem Wort des Vaters folgen. Wir ehren den Gastgeber, wenn wir ein fremdes Heim betreten, indem wir in Frieden kommen. Der Bunrei in Form eines Steins nimmt eine herausragende Stellung in unserem Leben ein, aus Respekt vor der uns umgebenden Natur.

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