Montag, 9. August 2021
Yamato Nadeshiko -112-
"Bestimmt sind nicht alle Männer so!" gebe ich zu bedenken.

Sie zeichnet da ein ganz anderes Bild von 'Männlichkeit' als man es hier in Japan gewohnt ist. Das ist auch interessant zu wissen, wenn man mit Europa Geschäfte macht.

"Das stimmt natürlich!" relativiert sie. "Aber der Großteil, denen ich dort begegnet bin, sind geknechtet von Weltanschauungen, Propaganda und den Frauen. Ihre Ketten sind unsichtbar und so tun sie, als gäbe es sie nicht. Aber sie müssen trotzdem ihr Gewicht spüren. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Ihre Ketten dort sind ihre Abhängigkeit von der Gunst der Frauen, die sie ihnen gewähren oder auch nicht."

Hm, eine Geisha kennt sich auf diesem Gebiet aus! Von der Gunst der Frauen abhängige Männer, das ist qualitativ noch einmal anders.

"Statt, dass die Frauen um den Schutz durch die Männer buhlen, dürfen die Männer dort sich glücklich schätzen, wenn eine Frau ihnen die Gunst erweist, sie schützen zu dürfen. Oder es kommt sogar zu einer Umkehrung: Die Frau nimmt sich einen Mann, der ihr dann dient. Der europäische Mann hat die Bezeichnung 'Mann', die er im Munde führt, längst nicht mehr verdient! Ich verachte sie!" führt sie ihre Beschreibung weiter aus.

"Das sind harte Worte, Machiko," sage ich daher.

"Das ist der Eindruck, den ich in Europa gewonnen habe, und den sollte ich Ihnen schildern, ehrenwerter Shachou-Sama. Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist in Europa?" fragt sie mich.

Ich denke nach. Da hat es in Gesellschaftspolitik einmal einen Aufsatz gegeben. Also versuche ich eine Antwort auf ihre Frage:

"Es kam vor etwa fünfzig Jahren zu einem friedlichen Aufstand. Feministinnen propagierten Frauenrechte mit dem Ziel der Gleichberechtigung..."

"Mit dem vorgetäuschten Ziel der Gleichberechtigung, ehrenwerter Shachou-Sama!" gibt sie mir ihre Meinung preis. "Über die Erziehung wurden aus Jungen, die Männer werden sollten, Männlein. Bald besetzen die Frauen in Europa alle Schaltstellen der wirtschaftlichen und politischen Macht. Ist das erstrebenswert? Die Menschen werden zu Räderwerken in einer großen Maschinerie, die sich nivellierte Gesellschaft nennt. Diese Maschinerie ist zu ihrem Selbstzweck programmiert, nicht mit der Absicht, dass sie ihren menschlichen 'Bestandteilen' dient. Die Menschen werden gegen ihre Instinkte erzogen, damit sie der Maschinerie dienen..."

Ich nicke. Ihre Beobachtung kann mir bei Verhandlungen mit Europäern sicher einmal hilfreich sein.

*

Dann ist Machikos Zeit in Europa zu Ende. Als sie wieder in ihr Gästezimmer in meiner Villa zurückkehren will, lade ich sie nach dem Essen, das wie immer vom Dienstpersonal aufgetragen worden ist, zu einem Spaziergang im Park ein.

Dort sage ich, nachdem wir ein Stück stumm nebeneinander her gegangen sind:

"Kimi no sensu ga suki da -Mir gefällt dein guter Geschmack-."

Wir Japaner sprechen Gefühle zumeist indirekt aus. So auch hier.

Machiko wendet sich mir lächelnd zu, schaut mich an und antwortet:

"Anata to issho ni iru to ochitsuku na -Ich fühle mich bei dir geborgen."

Nun fühle ich mich stark genug, wohl wissend, dass Machiko ihr Künstlername ist, sie nach ihrem echten Namen zu fragen. Diese Aktion kommt in Japan einem Heiratsantrag gleich.

"Anata no namae wa nanidesu ka -Wie heißt du-?"

Wir sind etwas weitergegangen. Nun wendet sie sich wieder zu mir um und sagt mit weicher Stimme:

"Watanabe Hiko to moshimasu -Ich heiße Watanabe Hiko-."

"Watashi no namae wa Tanaka Daisuke desu -Mein Name ist Tanaka Daisuke-," antworte ich ihr darauf.

Anschließend nähert sie sich mir, berührt mich mit ihrer Hand an meiner Schulter und unsere Lippen berühren sich. Währenddessen umfasse ich mit meiner Hand ihren Hinterkopf. Danach gehen wir zur Villa zurück, wobei ich ihre Hand halte. Dort angekommen, beauftrage ich das erste Dienstmädchen, das ich sehe, nach der Otetsdai -Haushälterin- zu sehen und sie zu mir in den kleinen Salon zu schicken. Wir gehen auf dem geraden Weg dorthin.

Wenige Minuten später trifft die Haushälterin bei uns ein. Ich eröffne ihr, dass in Kürze in der Villa wieder eine große Veranstaltung stattfinden soll. Sie soll die Vorräte auffüllen lassen und sich bei der Organisation des Festes mit Machiko kurzschließen. Ab jetzt wäre sie die Ushiro kara yuga ?'Gnädige von hinten' (Hausfrau)-.

Unter vielen Verbeugungen lässt uns die Haushälterin nun rückwärtsgehend allein.

"Du lässt mir freie Hand?" fragt sie mit erstauntem Gesichtsausdruck.

Ich nicke und sage: "Hai, Watanabe-San -Ja, Watanabe-San-."

Sie umarmt mich, glücklich lächelnd. Bald darauf feiern wir unsere Shinto kekkonshiki -Shinto-Hochzeit-.

*

Mein Ansprechpartner für Geschäfte mit der Amatsuka Werft Corporation in Maizuru, etwa zwei Stunden von Kyoto entfernt, berichtet mir eines Tages, dass die Werft die Komponenten einer künstlichen Insel zusammengesetzt hat. Sie haben Erde und Pflanzen spärlich über die Insel verteilt und suchen nun eine Testbevölkerung.

Stellt sich heraus, dass die Insel nutzbar ist, soll sie den Menschen auf Fitschi und anderen Inselstaaten im Pazifik die Möglichkeit geben weiterhin in ihrer Heimat zu wohnen, statt emigrieren zu müssen, wenn der Wasserspiegel wegen des Klimawandels steigt. Berichten wir der Werft von Mängeln der Insel, kann die Werft diese vor der Auslieferung an die betroffenen Menschen beheben.

Hier sehe ich eine Chance, an einer technologischen Entwicklung mitzuwirken, die den Menschen des Pazifikraumes zugutekommt. Ich bespreche mich kurz mit Tanaka Hiko und melde bei dem Shachou -CEO/Geschäftsführer- der Werft Amatsuka-Sama mein Interesse an. Auch Amatsuka-Sama entstammt einem alten Samurai-Geschlecht.

Die folgenden Wochen sind mit Vertragsverhandlungen ausgefüllt. Gleichzeitig versuche ich einen Käufer für die Tanaka Automotive Group zu finden und spreche mit meinen Mitarbeitern über die Umwälzungen, die auf sie zukommen. Ich biete ihnen Hilfe bei Bewerbungen an, falls sie in anderen Firmen aussichtsreiche Arbeitsplätze entdecken. Andere Mitarbeiter werden auf meine Kosten umgeschult, um Arbeitsplätze an Bord der künstlichen Insel belegen zu können. Sekretärinnen und meinem Hauspersonal, das ich nun nicht mehr benötige, biete ich eine Schulung zur Meido an.

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