Donnerstag, 5. August 2021
Yamato Nadeshiko -110-
Nun bin ich schon einige Monate auf der Universität. Hier herrscht eine völlig andere Atmosphäre als ich sie aus Japan gewohnt bin. Ich versuche, mich in meine Bücher zu vergraben und die geforderten Referate und Abhandlungen zu schreiben. Einer Eingebung spontan folgend habe ich mich bei einem chinesischen Kommilitonen gemeldet.

Er bietet einen Kurs zur Selbstverteidigung an. Dies, denke ich, ist der optimale Ausgleich zu dem theoretischen Studium mit der sitzenden Tätigkeit. Sein Spezialgebiet ist zwar das Kungfu und damit eine chinesische Kampfsportart, aber das ist für mich unwesentlich.

Neben mir besucht nur noch eine weitere Frau diesen Selbstverteidigungs-Kurs, neben zwölf Männern. Allesamt sind es Europäer. Sie gehen mich im Training hart an, aber ich weiß mich zu behaupten.

Nach einigen Wochen fragt einer der männlichen Kommilitonen, ob wir uns nicht einmal zum gegenseitigen Kennenlernen privat treffen könnten. Er bietet an, drei Tische in einem Bowling-Center für eine Stunde zu mieten. Kurze Zeit später sammelt er Geld von jedem von uns ein, um den Abend zu finanzieren.

An dem Termin gehe ich zu der Location und schaue mich darin um. Bald habe ich die drei Tische mit meinen Kommilitonen gefunden. Zehn aus unserer Kungfu-Gruppe sind anwesend, einige davon mit ihren Partnern. Einer erklärt mir, dass ich am Tresen Bowling-Schuhe leihen muss und will sich erheben, um mit mir dorthin zu gehen.

"Du weißt doch gar nicht, welche Schuhe für Frauen besser geeignet sind!" fährt ihm das weibliche Mitglied unserer Gruppe über den Mund.

Der junge Mann zieht eine enttäuschte Miene und setzt sich wieder, während sich die Sprecherin erhebt und mich zum Tresen führt. Unterwegs sagt sie zu mir:

"Lass dir von den Männern nur nichts vormachen, Hiko!"

"Vormachen... Wie meinst du das, Sabine?"

"Sie geben vor, etwas zu sein oder zu können, um Bewunderung zu erlangen. Im Grunde sind sie aber soo klein..."

Sie hält Daumen und Zeigefinger in kurzem Abstand zueinander, um ihren Satz zu untermalen. Inzwischen haben wir die Ausgabe der Bowlingschuhe erreicht. Sabine fragt, welche Größe ich habe. Ich sage unsicher:

"In meiner Heimat ist es JPN24. Ich weiß nicht, ob das hier die gleiche Größe ist."

"24? Ich glaube nicht," antwortet sie und schaut auf meine Füße. Dann sagt sie zu dem Mann hinter dem Tresen: "Gib uns mal 39."

Ich probiere die Schuhe an und mache zwei Schritte. Dann schüttele ich den Kopf.

"Doch ein wenig zu groß," meine ich und schlüpfe aus den Schuhen.

"Dann gib uns mal die 38!" weist sie den Mann an.

Ich probiere dieses Paar und nicke.

"Diese passen," sage ich.

"Okay," meint der Mann. Sabine sagt dazu:

"Siehst du! Wäre einer der Jungs mitgekommen, wäre das Problem nicht so schnell gelöst, wie übrigens alle anderen Probleme auch! Wir Frauen müssen unser Leben schon selbst in die Hand nehmen."

"Hm," mache ich. "Aber wie läuft dann bei euch die Paarbildung ab? Also bei uns ist das so: Wenn Zwei sich kennenlernen schaut Frau, ob der Mann einen guten Charakter hat, ob er sie beschützen und Verantwortung übernehmen kann. Dann freundet man sich an und stellt ihn irgendwann den Eltern vor. Wenn der Mann aber den Macho herauskehrt und bloß auf Sex aus ist, nimmt die Frau schnell Abstand von ihm."

"Das ist viel zu langwierig, Hiko. Die Frau nimmt hier in Europa die Zügel selbst in die Hand und lenkt den Mann, auf den sie es abgesehen hat. Männer sind doch so einfach gestrickt!"

Wir haben inzwischen unsere Gruppe wieder erreicht und lassen die Kugeln rollen. Die Stunde ist viel zu schnell vorbei. Die Schuhe geben wir wieder ab und verabschieden uns voneinander. Sabine fragt mich, ob ich zwei Tage später am Nachmittag Zeit hätte zum 'Schwofen bei ihr in der Bude'.

Sie hat mich mit ihren Ansichten neugierig gemacht und so sage ich zu.

Pünktlich stehe ich vor dem Haus, in dem sie wohnt und drücke die Klingel. Es knackt und mit leicht verzerrter Stimme höre ich ein "Halloo?"

"Ich bin es, Watanabe Hiko!" sage ich und eine Sekunde später summt der Türöffner.

Also drücke ich gegen die Haustüre und gehe hinein. Ich stehe in einem Treppenhaus. Von oben höre ich sie rufen:

"Hier bin ich, Hiko! Zweite Etage!"

Nun steige ich die Treppe hinauf. Oben empfängt mich Sabine an der Wohnungstür und umarmt mich. Ich lasse diese Nähe über mich ergehen. Das ist in Europa also eine 'herzliche Begrüßung'. Danach bittet sie mich herein.

Drinnen läuft uns als erstes ein junger Mann neugierig über den Weg. Sabine kommentiert das:

"Das ist Herbert, mein Freund. Er ist Verkäufer in einem Autohaus. So bekomme ich bei Problemen mit der 'Schüssel' Mitarbeiterrabatt. Herby kann ganz gut kochen. Sag Hiko 'Guten Tag', Herby!"

"Hi, Hiko!" sagt der Mann brav und verschwindet in der Küche, aus der es schon verführerisch riecht.

Sabine führt mich an den Couchtisch und stellt ein Glas Cola vor mich. Sie selbst füllt sich ebenfalls ein Glas. Wir haben noch nicht viel miteinander reden können, bis Herbert hinzukommt und erklärt:

"Das Essen ist fertig!"

Wir nehmen unsere Gläser und Sabine führt mich an den Esstisch in der Küche. Es stehen schon einige Schüsseln und drei Teller darauf. Herbert hat auf jeden Teller eine Portion Reis gegeben und stellt nun auch für sich ein Glas Cola dazu, bevor er sich setzt. Anschließend reicht er eine Platte mit in Streifen geschnittenem, paniertem Hähnchen herum. Nachdem sich jeder etwas genommen hat, reicht er die Schüssel mit Gemüse und Pilzen in süßsaurer Soße herum. Dann beginnen wir mit essen. Ich nehme die bereitliegende Gabel dafür und schaue Sabine an.

"So wie ich das letztens verstanden habe," beginnt sie, "sind eure Männer ganz anders..."

"Japan ist ein fernes Land," versuche ich mich in Diplomatie.

"Das stimmt wohl," meint sie, "will aber nichts heißen. Schau mal, ich habe mir Herby so hingebogen. Wir kommen wunderbar miteinander klar. Das solltest du bei einem Mann auch tun!"

Ich lächele höflich und wedele mit der erhobenen Hand.

"Jeder so, wie er es mag, Sabine. Ich bin auch liiert. So sagt man hier doch, glaube ich. Ich mag meinen Freund so wie er ist. Für ihn sind Verpflichtungen und Verantwortung etwas ganz Normales. Probleme im Alltag sind für ihn eine Herausforderung. Ganz besonders aber achtet und wertschätzt er mich als Person. Ich vertraue ihm völlig."

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